Die Zuarbeit zur Politik mit den Mitteln hoher Kunst.

P. Vergilius Maro, Ecloga I: Tityrus

Lateinischer Text und deutsche Übersetzung aus: Vergil, Hirtengedichte. Lateinisch-deutsch. Herausgegeben, übertragen, eingeleitet und erläutert von Heinrich Naumann, München um 1970.


 

 

 

Meliboeus:

Tityre, tu patulae recubans sub tegmine fagi

silvestrem tenui musam meditaris avena:

nos patriae fines et dulcia linquimus arva.

nos patriam fugimus: tu, Tityre, lentus in umbra

formosam resonare doces Amaryllida silvas.

Tityrus:

0 Meliboee, deus nobis haec otia fecit.

namque erit ille mihi semper deus, illius aram

saepe tener nostris ab ovilibus imbuet agnus.

ille meas errare boves, ut cernis, et ipsum

ludere quae vellem calamo permisit agresti.

Meliboeus:

Non equidem invideo, miror magis: undique totis

usque adeo turbatur agris. en ipse capellas

protinus aeger ago: hanc etiam vix, Tityre, duco.

hic inter densas corylos modo namque gemellos

spem gregis, a, silice in nuda conixa reliquit.

saepe malum hoc nobis, Si mens non laeva fuisset,

de caelo tactas memini praedicere quercus.

sed tamen iste deus qui sit da, Tityre, nobis.

Tityrus:

Urbem quam dicunt Romam, Meliboee, putavi

stultus ego huic nostrae similem, quo saepe solemus

pastores ovium teneros depellere fetus.

sic canibus catulos similes, sic matribus haedos

noram, sic parvis componere magna solebam.

verum haec tantum alias inter caput extulit urbes,

quantum lenta solent inter viburna cupressi.

Meliboeus:

Et quae tanta fuit Romam tibi causa videndi?

Tityrus:

Libertas, quae sera tamen respexit inertem,

candidior postquam tondenti barba cadebat,

respexit tamen et longo post tempore venit,

postquam nos Amaryllis habet, Galatea reliquit.

namque, fatebor enim, dum mc Galatea tenebat,

nec spes libertatis erat nec cura peculi.

quamvis multa meis exiret victima saeptis,

pinguis et ingratae premeretur caseus urbi,

non umquam gravis acre domum mihi dextra rcdibat.

Meliboeus:

Mirabar quid maesta deos, Amarylli, vocares;

cui pendere sua patereris in arbore poma:

Tityrus hinc aberat. ipsae te, Tityre, pinus,

ipsi te fontes, ipsa haec arbusta vocabant.

Tityrus:

Quid facerem? neque servitio me exire licebat

nec tam praesentis alibi cognoscere divos.

hic illum vidi iuvenem, Meliboee, quotannis

bis senos cui nostra dies altaria fumant.

hic mihi responsum primus dedit ille petenti:

pascite ut ante boves, pueri: submittite tauros.

Meliboeus:

Fortunate senex! ergo tua rura manebunt,

et tibi magna satis, quamvis lapis omnia nudus

limosoque palus obducat pascua iunco.

non insueta gravis temptabunt pabula fetas,

nec mala vicini pecoris contagia laedent.

fortunate senex! hic inter flumina nota

et fontis sacros frigus captabis opacum.

hinc tibi, quac semper, vicino ab limite saepes

Hyblaeis apibus florem depasta salicti

saepe levi somnum suadebit inire susurro.

hinc alta sub rupe canet frondator ad auras:

nec tamen interea raucae tua cura palumbes

nec gemere aeria cessabit turtur ah ulmo.

Tityrus:

Ante leves ergo pascentur in aequore cervi

et freta destituent nudos in litore pisces,

ante pererratis amborum finibus exul

aut Ararim Parthus bibet aut Germania Tigrim,

quam nostro illius labatur pectore voltus.

Meliboeus:

At nos hinc alii sitientis ibimus Afros,

pars Scythiam et rapidum cretae veniemus Oaxen

et penitus toto divisos orbe Britannos.

en umquam patrios longo post tempore finis

pauperis et tuguri congestum caespite culmen

post aliquot mea regna videns mirabor aristas?

impius haec tam culta novalia miles habebit,

barbarus has segetes. en quo discordia civis

produxit miseros! his nos consevimus agros!

insere nunc, Meliboee, piros; pone ordine vites.

ite, meae - felix quondam pecus - ite, capellae!

non ego vos posthac viridi proiectus in antro

dumosa pendere procul de rupe videbo;

carmina nulla canam; non me pascente, capellae,

florentem cytisum et sauces carpetis amaras.

Tityrus:

Hic tamen hanc mecum poteras requiescere noctem

fronde super viridi: sunt nobis mitia poma,

castaneae molles et pressi copia lactis.

et iam summa procul villarum culmina fumant

maioresque cadunt altis de montibus umbrae.

Meliboeus:

Du liegst, Tityrus, hier unterm Dach der schattenden Buche

Und ersinnst dir zum Spiel der zarten Flöte ein Waldlied:

Wir verlassen das Land, die liebgewordenen Felder,

Wir sind Heimatvertriebne: Du, Tityrus, ruhst hier im Schatten

Und lehrst von Amaryllis dein Lied nachtönen die Wälder.

Tityrus:

0 Meliboeus, ein Gott hat mir diesen Frieden geschaffen.

Denn mir wird er immer ein Gott sein, und seinem Altar

Wird oft netzen mit Blut ein Lämmlein aus meiner Herde.

Er gab mir, wie du siehst, daß meine Rinder hier weiden,

Gab, daß ich spiele mein Lied, wie ich mag, auf ländlicher Flöte.

Meliboeus:

Nicht bin ich neidisch darum. Ich wundre mich nur: Überall doch

Herrscht ja Vertreibung. Ich selbst, ich treibe in Trauer die Ziegen

Vorwärts, und diese hier, die ziehe ich kaum noch am Halsband.

Eben hat sie im Haselgebüsch mir Zicklein geworfen,

Aber ich ließ sie auf nacktem Gestein, die Hoffnung der Herde.

- Ach, wie waren wir blind! Wie oft hat kommendes Unheil

Angekündigt der Schlag, der vom Himmel die Eichen getroffen!

- Aber wer ist dein Gott? Das mußt du mir, Tityrus, sagen.

Tityrus:

Jene Stadt, die Rom man heißt, ich glaubte sie immer

Ähnlich der unsern, ich Tor, wohin wir Hirten gewohnt sind

Zum Verkauf, Meliboeus, die Frucht unsrer Herde zu treiben.

So sah ich ähnlich dem Hund das Hündchen, der Mutter das Lämmchen,

So war ich immer gewohnt, zu vergleichen dem Kleinen das Große.

Sie aber hebt ihr Haupt so hoch über andere Städte,

Wie über niedres Gestrüpp ihr Haupt erhebt die Zypresse.

Meliboeus:

Und was war es, das dich so trieb, dies Rom zu besuchen?

Tityrus:

S' war meine Freiheit, die, wenn auch spät, dem Trägen zuteil ward,

Da mir schon beim Scheren der Bart ergrauend herabsank.

Dennoch ward sie zuteil mir noch nach langem Verzuge,

Seit mein Herz Amaryllis besitzt, Galatea verlassen.

Denn ich gesteh' es, solang mich Galatea gefesselt,

Kam es mir nicht in den Sinn, an Freiheit zu denken und Spargut,

Wenn aus der Herde auch oft ein Opfertier zum Verkauf ging,

Käse auch, für die Stadt gepreßt, die so wenig dafür zahlt:

Niemals kam mir die Hand gefüllt mit Münzen nach Hause.

Meliboeus:

Und ich wunderte mich, warum du so traurig die Göttcr

Riefst, Amaryllis, für wen du die Äpfcl ließt an den Ästen:

Tityrus war ja verreist! Nach Tityrus riefen die Fichten,

Rief die Quelle, ja rief sogar das niedere Strauchwerk.

Tityrus:

Konnte ich anders denn? Nicht konnt' ich erkaufen die Freiheit

Anderen Ortes und nicht gegenwärtig die Himmlischen schauen.

Hier sah ich ihn, Meliboeus, den Jüngling, dem nun im Jahr mir

An zwölf Tagen raucht von Dankesopfern der Altar.

Hier gab mir jener das Wort von sich aus, als ich ihn ansprach:

Hütet die Rinder, zieht auf wie immer, ihr Hirten, die Stiere!

Meliboeus:

Glücklicher Alter! So bleibt dein Land in deinem Besitz nun.

Dir ist es Reichtum genug, obwohl es nacktcs Gestein nur

Und der Sumpf dir das Gras durchwächst mit schlammigen Binsen.

Nicht macht Futter, das nicht sie gewohnt, dir krank deine Herde,

Nicbt bedroht sie von fremdem Vieh gefährliche Seuche.

Glücklicher Alter! Am Fluß, an dem du als Kind schon gesessen,

Am altheiligen Quell suchst du zur Ruhe dir Schatten.

Wie du's von Kind auf gewobnt, lädt dich die Hecke am Grenzrain,

Wo die hybläische Biene sich nährt von den Weidenblüten,

Oft mit leisem Gesumm, den freundlichen Schlummer zu suchen.

Hier ertönt von dem Fels des Pflückers Lied durch die Lüfte,

Nimmer endet für dich das vertraute Gurren des Täubrichs

Und von der Ulme herab der Holztaube klagendes Rufen.

Tityrus:

Eher weidet der flücbtige Hirsch in den Tiefen des Meeres,

Eher läßt das Meer am Strand verdorren die Fische,

Eher trinkt der Parther vom Rhein, der Germane vom Tigris,

Tauschend die Heimatflur miteinander als arme Vertriebne,

Ehe sich seine Gestalt verliert aus meinem Gcdächtnis.

Meliboeus:

Aber wir andern ziehen hinaus zu den dürstenden Afrern,

Ja, zu den Skythen ein Teil und zu dem kreidigen Oxus,

Zu den Britannern sogar am äußersten Ende der Erde.

- Werde ich je das Land, das mein gewesen, besuchen,

Von meiner ärmlichen Hütte das Dach, das mit Rasen gedeckte,

Wiedersehen, mein Reich, und mich wundern, wie dürftig die Ähren?

Was ich aus Ödland fruchtbar gemacht, ein ruchloser Kriegsknecht

Hat's jetzt; was wir gesät, ein Barbar. Dahin brachte die Zwietracht

Uns unselige Bürger. Für sie bebauten das Feld wir!

- Pfropfe woanders jetzt, Meliboeus, den Birnbaum, die Reben!

Zieht, meine Ziegen, davon, ihr einst eine glückhafte Herde!

Nie mehr seh' ich euch hier, gelagert in grünender Grotte,

Wie ihr am waldigen Fels hoch oben knabbert das Buschwerk.

Niemals tönt hier wieder mein Lied. Nie wieder, ihr Ziegen,

Rupft ihr in meiner Hut hier Klee und bittere Weide.

Tityrus:

Aber du könntest doch wohl noch die eine Nacht bei mir ausruhn

Auf einer Streu von Laub. Ich habe schon reife Äpfel,

Süße Kastanien auch und an Käselaiben die Fülle.

Siehe, schon steigt der Rauch von fern aus den Dächern des Dorfes,

Länger fallen bereits von den hohen Bergen die Schatten.


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


LV Gizewski SS 1998