Kultur als höheres politisches Bewußtsein.

Antonio Gramsci, Sozialismus und Kultur, in: 'Il Grido del Popolo', 29.1.1916; SG S.22-26.

Text entnommen aus: Antonio Gramsci, Gedanken zur Kultur, mit Nachwort hg. von G. Zamis u. a., übersetzt von Marie-Louise Döring u. a., Köln 1987, S. 7 - 11.


 

... Vor einiger Zeit kam uns ein Artikel vor Augen, in dem Enrico Leone in der ihm allzuoft eigenen verwickelten und nebulösen Form mit Blick auf das Proletariat einige Gemeinplätze über Kultur und geistiges Leben wiederholte, wobei er ihnen die Praxis, das historische Geschehen gegenüberstellte, durch die sich die Klasse mit eigenen Händen ihre Zukunft bereitet. Wir halten es für nützlich, auf das bereits früher vom "Grido" behandelte Argument zurückzukommen, das insbesondere in der "Avanguardia" der Jugend, in der Polemik zwischen Bordiga aus Neapel und unserem Tasca, eine strengere theoretische Behandlung erfuhr.

Wir wollen zwei Textstellen zitieren. Die eine, von einem deutschen Romantiker, Novalis (er lebte von 1772 bis 1801), lautet wie folgt: "Die höchste Aufgabe der Bildung ist, sich seines transcendentalen Selbst zu bemächtigen, das Ich seines Ichs zugleich zu seyn. Umso weniger befremdlich ist der Mangel an vollständigem Sinn und Verständnis für Andere. Ohne vollendetes Selbstverständnis wird man nie andere wahrhaft verstehen lernen."

Die andere, die wir zusammenfassend wiedergeben, ist von G. B. Vico. Vico gibt (im "Ersten Korollar zur dichterischen Sprechweise der frühen Völker" in der "Neuen Wissenschaft") eine politische Deutung des berühmten Ausspruchs von Solon, den sich dann Sokrates als Philosophie zu eigen machte: "Erkenne dich selbst." Vico behauptet, Solon habe mit diesem Ausspruch die Plebejer, die sich selbst für tierischer Herkunft und die Adligen für göttlicher Herkunft hielten, dazu ermahnen wollen, über sich selbst nachzudenken, um zu erkennen, daß sie von gleicher menschlicher Natur wie die Adligen wären und folglich eine Gleichstellung in den Bürgerrechten mit ihnen verlangen sollten. Und in diesem Bewußtsein menschlicher Gleichheit von Plebejern und Adligen sieht er alsdann die Grundlage und die geschichtliche Ursache für die Entstehung demokratischer Republiken in der Antike.

Wir haben die beiden Texte nicht aufs Geratewohl nebeneinandergesetzt. In ihnen scheinen uns die Grenzen und Grundsätze, auf die sich ein rechtes Verständnis des Kulturbegriffs auch mit Bezug auf den Sozialismus gründen muß, wenn nicht ausführlich ausgedrückt und definiert, so doch skizziert zu sein.

Wir müssen es uns abgewöhnen und damit aufhören, Kultur als enzyklopädisches Wissen aufzufassen, wobei der Mensch nur als ein Gefäß betrachtet wird, das gefüllt und befrachtet werden muß mit empirischen Daten, rohen und zusammenhanglosen Fakten, die er in seinem Hirn wie in den Spalten eines Nachschlagewerkes in eine Ordnung zu bringen habe, um dann bei jeder Gelegenheit auf die von der Außenwelt kommenden Reize antworten zu können. Diese Art Kultur ist wahrhaft schädlich, besonders für das Proletariat. Sie ist nur dazu nütze, Wirrköpfe hervorzubringen, Leute, die sich der übrigen Menschheit überlegen glauben, weil sie in ihrem Gedächtnis eine bestimmte Menge von Daten aufgehäuft haben, die sie bei jeder Gelegenheit abspulen, um damit gleichsam eine Schranke zwischen sich und den anderen zu errichten. Sie ist dazu nütze, jenen von Romain Rolland bis aufs Blutgegeißelten kränklich-farblosen Intellektualismus hervorzubringen, der eine Riesenschar von Angebern und Phantasten gezeugt hat, die für das gesellschaftliche Leben verderblicher sind als Tuberkeln oder Syphilisbazillen für die Schönheit und Gesundheit des Körpers. Das Studentlein, das ein wenig Latein und Geschichte kann, der Winkeladvokat, dem es gelungen ist, der Unlust und Nachlässigkeit seiner Professoren einen Lappen von Diplom abzulocken, sie mögen glauben, anders und selbst dem besten Facharbeiter überlegen zu sein, der im Leben eine bestimmte und unerläßliche Aufgabe versieht und in seiner Tätigkeit hundertmal mehr taugt als sie in der ihren. Aber das ist nicht Kultur, das ist Schulmeisterei, das ist nicht Intelligenz, sondern Intellekt, und dagegen erhebt sich aus gutem Grunde Widerspruch.

Kultur ist etwas ganz anderes. Sie ist Organisation, Disziplin des eigenen inneren Ich, sie ist Besitzergreifen von der eigenen Persönlichkeit, sie ist Gewinnen eines höheren Bewußtseins, durch das man den eigenen historischen Wert, die eigene Funktion im Leben, die eigenen Rechte und Pflichten zu begreifen vermag. Doch all das kann sich nicht in spontaner Entwicklung, durch unabhängig vom eigenen Willen ablaufende Aktionen und Reaktionen vollziehen, wie es in der pflanzlichen und tierischen Natur geschieht, wo jedes Einzelne unbewußt, aufgrund zwangsläufiger Gesetzmäßigkeit der Dinge sich der Auswahl stellt und die eigenen Organe spezifisch ausbildet. Der Mensch ist vor allem Geist, das heißt historische Schöpfung, und nicht Natur. Anders ließe sich nicht erklären, weshalb der Sozialismus noch nicht verwirklicht worden ist, da es doch zu allen Zeiten Ausgebeutete und Ausbeuter, Schöpfer von Reichtümern und deren egoistische Konsumenten gegeben hat. Nur Stufe um Stufe, Schicht um Schicht hat die Menschheit das Bewußtsein des eigenen Wertes erlangt und sich das Recht erobert, unabhängig von den Vorstellungen und Rechten von Minderheiten zu leben, die historisch früher auf den Plan traten. Und dieses Bewußtsein hat sich nicht unter dem grausamen Stachel physiologischer Notwendigkeiten herausgebildet, sondern durch kluges Nachdenken erst einiger weniger und dann einer ganzen Klasse über die Ursachen bestimmter Tatsachen und über die besten Mittel, sie aus einem Anlaß zur Unterwerfung in ein Zeichen der sozialen Empörung und des sozialen Neuaufbaus zu verwandeln. Das heißt, jeder Revolution ging eine intensive kritische Arbeit der geistigen Durchdringung, der Ausstrahlung von Ideen auf Menschengruppierungen voraus, welche, zuerst widerstrebend, nur darauf bedacht waren, für den Tag und die Stunde das eigene ökonomische und politische Problem für sich selbst, ohne solidarische Verbindung mit anderen in gleicher Lage, zu lösen. Das jüngste Beispiel, das uns am nächsten liegt und sich deshalb am wenigsten von dem unseren unterscheidet, ist die Französische Revolution. Die ihr vorangegangene Kulturepoche, Aufklärung genannt, von den leichtfertigen Kritikern der theoretischen Vernunft so sehr geschmäht, war keineswegs oder zumindest nicht zur Gänze jenes Herumgeflatter oberflächlicher enzyklopädischer Köpfe, die über alles und alle mit gleicher Gelassenheit plauderten und sich erst für Menschen ihrer Zeit hielten, wenn sie die Große Enzyklopädie von d'Alembert und Diderot gelesen hatten, sie war nicht nur eine Erscheinung schulmeisterlichen, dürren Intellektualismus, gleich dem, den wir vor Augen haben und der sich am stärksten in den Volkshochschulen unterster Kategorie entfaltet. Sie war selbst eine großartige Revolution, die sich, wie De Sanctis treffend in der "Geschichte der italienischen Literatur" feststellt, in ganz Europa als ein einheitliches Bewußtsein herausgebildet hatte, als eine bürgerlich-geistige Internationale, die in jedem ihrer Teile empfindlich auf gemeinsames Leid und Unglück reagierte und die beste Vorbereitung war für den danach in Frankreich ausbrechenden blutigen Aufstand.

In Italien, in Frankreich, in Deutschland wurde um die gleichen Dinge, die gleichen Institutionen, die gleichen Prinzipien gestritten. Jedes neue Stück von Voltaire, jedes neue Pamphlet war wie der Funke, der von Staat zu Staat, von Gebiet zu Gebiet durch die bereits gespannten Drähte lief und überall und gleichzeitig auf dieselben Befürworter und dieselben Widersacher stieß. Die Bajonette von Napoleons Armeen fanden den Weg bereits geebnet durch ein unsichtbares Heer von Büchern und Broschüren, die seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts von Paris in die Welt ausgeschwärmt waren und Menschen und Institutionen auf die notwendige Erneuerung vorbereitet hatten. Später, als die Ereignisse in Frankreich das Bewußtsein allerorts gestärkt hatten, genügte ein Volksaufstand in Paris, um ebensolche Unruhen in Mailand, Wien und kleineren Städten auszulösen. All das erscheint den Leichtfertigen als natürlich und spontan, und dabei wäre es unbegreiflich ohne Kenntnis der kulturellen Faktoren, die dazu beitrugen, jene Stimmungen der Bereitschaft zum Ausbruch für eine gemeinsam empfundene Sache zu erzeugen.

Die gleiche Erscheinung wiederholt sich heute im Hinblick auf den Sozialismus. Durch die Kritik an der kapitalistischen Gesellschaftsordnung hat sich das einheitliche Bewußtsein des Proletariats herausgebildet oder ist in Herausbildung begriffen, und Kritik bedeutet Kukur und nicht spontane, naturgemäße Evolution. Kritik bedeutet eben jenes Selbstbewußtsein, das Novalis der Kultur als Ziel zuwies. Ein Ich, das sich den anderen gegenüberstellt, seine Besonderheit entwickelt und, nachdem es sich ein Ziel gesetzt hat, die Tatsachen und Geschehnisse nicht nur an und für sich beurteilt, sondern auch als vorwärtstreibende oder hemmende Faktoren. Sich selbst erkennen heißt, es sein, was man ist, Herr seiner selbst sein, sich unterscheiden, aus dem Chaos herauskommen, ein Element der Ordnung sein, aber der eigenen Ordnung und der eigenen Bindung an ein Ideal. Und das kann man nicht erreichen, wenn man nicht auch die anderen kennt, ihre Geschichte, die Abfolge von Anstrengungen, die sie unternahmen, um zu sein, was sie sind, um die Gesellschaftsordnung zu schaffen, die sie schufen und die wir durch die unsrige ersetzen wollen. Es heißt, einen Begriff davon zu haben, was die Natur und ihre Gesetzmäßigkeiten sind, um die Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, die den Geist regieren; all das zu erlernen, ohne den Endzweck aus dem Auge zu verlieren, nämlich sich selbst besser durch die anderen und die anderen besser durch sich selbst zu erkennen.

Wenn es zutrifft, daß die Weltgeschichte eine Kette von Mühen ist, die der Mensch auf sich genommen hat, um sich von Privilegien, Vorurteilen und Götzenanbeterei frei zu machen, so bleibt unverständlich, weshalb das Proletariat, das dieser Kette ein weiteres Glied anfügen will, nicht wissen sollte, wer ihm dabei voranging, und wie und warum, und welchen Nutzen es aus diesem Wissen ziehen könnte. ...


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


LV Gizewski SS 1998