Vergangenheit und Zukunft einer großen Nation.

Aus: Charles de Gaulle, Mémoires d'espoir.

Text entnommen aus: Charles de Gaulle, Mémoires d'espoir, Übersetzung von H. Kusherer, Wien 1971, S. 1 f.


 

... Frankreich kommt aus der Tiefe der Zeiten. Es lebt. Die Jahrhunderte rufen nach ihm. Doch stets wahrt es seine Eigenart. Seine Grenzen mögen sich verschieben, - die Landschaft, das Klima, die Flüsse und Meere, die es auf immer prägen, ändern sich, nicht. Die Völker, die es bewohnen, werden zwar im Lauf der Geschichte von den vielfältigsten Prüfungen heimgesucht, aber die Natur der Dinge, von der Politik genutzt, knetet sie unablässig zu einer einzigen Nation. Sie hat zahlreiche Generationen umfaßt. Sie umschließt deren mehrere heute. Sie wird noch viele gebären. Doch die Geographie des Landes, das ihr gehört, der Genius der Rassen, aus denen sie sich zusammerssetzt, die Nachbarschaft, die sie umgibt, verleihen ihr eine Beständigkeit, die die Franzosen jeder Epoche ihren Vätern verbindet und ihren Nachkommen verpflichtet. Soll sie nicht zerbrechen, dann muß diese aus Menschen geformte Einheit auf diesem Territorium und inmitten dieser Welt eine Vergangenheit, eine Gegenwart und eine Zukunft wahren, die nicht voneinander zu trennen sind. Darum sind dem Staat als Treuhänder Frankreichs dessen Erbe von gestern, dessen Belange von heute und dessen Hoffnungen von morgen gleichermaßen anvertraut.

Eine Lebensnotwendigkeit, deren Erkenntnis sich, wenn das Volk in Gefahr ist, früher oder später der Gesamtheit aufzwingt! Folglich geht die Legitimität einer Regierungsgewalt davon aus, ob sie das Gefühl weckt und besitzt, die Einheit und den Fortbestand der Nation zu verkörpern, wenn das Vaterland in Not gerät. In Frankreich war es stets ein Krieg, der den Merowingern, den Karolingern, den Kapetingern, den beiden Bonaparte und der Dritten Republik diese höchste Autoritat übertrug und nahm. Die, mit der ich im Tal der Katastrophe betraut wurde und die in unserer Geschichte zu empfangen an mir die Reihe war, ist zunächst von jenen Franzosen erkannt worden, die den Kampf nicht aufgaben, mit den fortschreitenden Ereignissen dann von der gesamten Bevölkerung, und schließlich, nach vielen Zusammenstößen und langem Widerwillen, von allen Regierungen der Welt. Dem war es zu verdanken, daß ich das Land in seine Rettung führen konnte.

Es entstieg dem Abgrund als ein unahhängiger und siegreicher Staat im Vollbesitz seines Gebietes und Imperiums, der gemeinsam mit Rußland, Amerika und England die Kapitulation des Deutschen Reiches empfing, an ihrer Seite die Übergabe Japans zu Urkund nahm, zum Ausgleich für die erlittenen Schäden über die Wirtschaft der Saar verfligte und Zwangslieferungen von Ruhrkohle erhielt und der mit den anderen vier Großen in den Rang eines Mitbegründeis der Organisation der Vereinten Nationen und vetoberechtigten Mitglieds ihres Sicherheitsrates gelangte. ...


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


LV Gizewski SS 1998