Die Gleichsetzung von 'Menschlichkeit' und 'Naturrecht' mit dem 'Allgemeinen Willen'.

Denis Diderot, Enzyklopädie (1751 - 1784), Stichworte 'Menschlichkeit und 'Naturrecht'.

Text entnommen aus: Denis Diderot, Enzyklopädie. Philosophische und politische Texte aus der 'Encyclopédie', Übersetzung und Vorwort von Ralph-Rainer Wuthenow, München 1969, S. 334 - 340.


 

Menschlichkeit (MoraI).

Menschlichkeit ist ein Gefühl des Wohlwollens für alle Menschen, das nur in einer großen und empfindsamen Seele aufflammt. Diese edle und erhabene Begeisterung kümmert sich um die Leiden der anderen und um das Bedürfnis, sie zu lindern; sie möchte die ganze Welt durcheilen, um die Sklaverei, den Aberglauben, das Laster und das Unglück abzuschaffen.

Sie verbirgt uns die Schwächen unserer Mitmenschen oder verhindert uns, diese Schwächen zu fühlen, macht uns aber unerbittlich gegenüber Verbrechen. Sie entreißt dem Schurken die Waffe, die dem guten Menschen zum Verhängnis werden könnte. Sie verleitet uns nicht, uns der besonderen Pflichten zu entledigen, sondern macht uns - im Gegenteil - zu besseren Freunden, besseren Gatten, besseren Staatsbürgern. Es macht ihr Freude, die Wohltätigkeit auf alle Wesen auszudehnen, die die Natur neben uns gestellt hat. Ich habe diese Tugend, eine Quelle so vieler anderer Tugenden, zwar in vielen Köpfen bemerkt, aber nur in wenigen Herzen.

Naturrecht (Moral).

Der Gebrauch dieses Wortes ist so weit verbreitet, daß es wohl kaum jemand gibt, der in seinem Inneren nicht davon überzeugt wäre, daß ihm die Sache aufs genaueste bekannt sei. Dieses innere Gefühl hat der Philosoph gemeinsam mit dem Menschen, der noch nie tief nachgedacht hat: allerdings mit dem einzigen Unterschied, daß auf die Frage, was das Recht sei, der letztere sie an das Gericht seines Gewissens verweist und stumm bleibt, weil ihm sowohl Ideen als auch Ausdrücke fehlen. Der andere aber wird erst dann zum Schweigen und zu tieferen Überlegungen gebracht, wenn er einen circulus vitiosus durchlaufen hat, der ihn zu seinem Ausgangspunkt zurückführt oder ihn auf irgendeine andere Frage bringt, die noch schwerer zu lösen ist als die Frage, die er durch seine Definition erledigt zu haben glaubte.

Wird der Philosoph befragt, so sagt er: "Das Recht ist die Grundlage oder der erste Grund der Gerechtigkeit." Was aber ist Gerechtigkeit? "Das ist die Verpflichtung, jedem das zu geben, was ihm zusteht." Was aber steht dem einen eher zu als dem anderen in einem Zustand, in dem alles allen gehört und vielleicht die klare Idee einer Verpflichtung noch nicht besteht? Und was würde den anderen derjenige schuldig sein, der ihnen alles erlauben und nichts von ihnen verlangen würde? Da beginnt der Philosoph zu ahnen, daß unter allen Moralbegriffen das Naturrecht einer jener Begriffe ist, die am wichtigsten und am schwierigsten zu bestimmen sind. Darum würden wir glauben, in diesem Artikel viel vollbracht zu haben, wenn es uns gelungen wäre, einige jener Prinzipien klar darzulegen, mit deren Hilfe die Haupteinwände zu beseitigen sind, die man gegen den Begriff des Naturrechts zu erheben pflegt. Zu diesem Zweck ist es notwendig, noch einmal von vorn anzufangen und nichts vorzubringen, das nicht evident ist oder wenigstens nicht jene Evidenz aufweist, die in moralischen Fragen möglich ist und jeden vernünftigen Menschen befriedigt.

1. Wenn der Mensch nicht frei ist oder wenn seine momentanen Entscheidungen oder auch seine Schwankungen von irgend etwas Materiellem außerhalb seiner Seele abhängen, dann ist doch evident, daß seine Wahl keine bloße Handlung einer unkörperlichen Substanz und einer einfachen Fähigkeit dieser Substanz ist. Es gibt dann weder Gutes noch Böses, das vernünftig begründet ist, obwohl es Gutes und Böses geben könnte, das animalisch wäre; es gibt dann weder moralisch Gutes noch moralisch Böses, weder Gerechtes noch Ungerechtes, weder Pflicht noch Recht. Daraus ersieht man - beiläufig gesagt -, wie wichtig es ist, nicht nur die Realität der Freiwilligkeit festzustellen, sondern auch die Realität der Freiheit, die man nur allzu häufig mit der Freiwilligkeit verwechselt.

2. Wir fristen ein armseliges, genügsames, unruhiges Dasein. Wir haben Leidenschaften und Bedürfnisse. Wir wollen glücklich sein; doch in jedem Augenblick fühlt sich der ungerechte und leidenschaftliche Mensch geneigt, dem anderen etwas anzutun, obwohl er wünscht, daß man es ihm selbst nicht antue. Das ist ein Urteil, das er im Grunde seiner Seele fällt und dem er sich nicht entziehen kann. Er sieht seine Schlechtigkeit ein und muß sie sich gestehen oder jedem ebensoviel Macht zuerkennen, wie er selbst sich anmaßt.

3. Aber welche Vorwürfe können wir dem Menschen machen, der von so heftigen Leidenschaften gequält wird, daß ihm sogar das Leben zur Last fällt, wenn er sie nicht befriedigt, und der den anderen seine Existenz preisgibt, um das Recht zu erwerben, über ihre Existenz zu verfügen? Was sollen wir ihm antworten, wenn er furchtlos sagt: "Ich fühle, daß ich inmitten der menschlichen Gattung Entsetzen und Unruhe verbreite; aber ich muß entweder unglücklich sein oder die anderen unglücklich machen, und niemand ist mir teurer, als ich selbst mir bin. Man werfe mir diese abscheuliche Vorliebe nicht vor; sie ist nicht freiwillig. Das ist die Stimme der Natur, die in mir am stärksten spricht, wenn sie zu meinen Gunsten spricht. Aber macht sie sich nicht ebenso heftig in meinem Herzen vernehmbar? Menschen, ich berufe mich auf euch! Wer von euch wurde kurz vor dem Tode nicht sein Leben auf Kosten des größten Teils der Menschheit loskaufen, wenn er der Straflosigkeit und der Gebeimhaltung gewiß wäre? Aber", wird er fortfahren, "ich bin gerechtigkeitsliebend und aufrichtig.Wenn mein Glück verlangt, daß ich mich aller Existenzen entledige, die mir lästig sind, so darf irgend jemand sich auch meiner Existenz entledigen, wenn sie ihm lästig ist. Die Vernunft will es und ich stimme ihr zu. Ich bin nicht so ungerecht, von einem anderen ein Opfer zu fordern, das ich ihm nicht bringen will.

4. Ich bemerke zunächst etwas, das der Gute und der Böse wie mir scheint, anerkennen: nämlich daß man in allem vernünftig denken muß, weil der Mensch nicht nur ein Tier, sondem darüber hinaus ein vernünftig denkendes Tier ist; weil es folglich bei der Frage, um die es geht, Mittel zum Entdecken der Wahrheit gibt; weil derjenige, der sich weigert, die Wahrheit zu suchen, auf die Eigenschaft des Menschseins verzichtet und von den übrigen Mitgliedern seiner Gattung als wildes Tier behandelt werden muß; und weil jeder, der sich nicht der Wahrheit fügt, sobald sie entdeckt ist, unvernünftig oder böse, moralisch böse ist.

5. Was werden wir also unserem leidenschaftlichenVernünftler antworten, bevor wir ihn zum Schweigen bringen? Da seine ganze Rede darauf hinausläuft, festzustellen, ob er er Recht über die Existenz der anderen erwirbt, wenn er ihnen seine Existenz preisgibt; denn er will nicht nur glücklich sein, er will auch gerechtigkeitsliebend sein und durch seine Gerechtigkeitsliebe ausschließen, daß man ihn als"böse" bezeichnen könnte. Sonst müßten wir ihn ja zum Schweigen bringen, ohne ihm zu antworten. Wir werden ihn also darauf aufmerksam machen, daß er sogar in dem Fall, in dem ihm das, was er preisgibt, so vollständig gehören würde, daß er nach Belieben darüber verfügen könnte, und in dem die Bedingung, die er den anderen stellt, für sie besonders vorteilhaft wäre, keine rechtmäßige Autorität hätte, um sie zur Annahme dieser Bedingung zu zwingen. Wer zu ihm sagt: "Ich will leben" - so werden wir fortfahren -, habe ebenso recht wie derjenige, der sagt: "Ich will sterben." Der letztere habe nur ein Leben und wolle sich dadurch, daß er es preisgebe, zum Herrn über zahllose Leben machen. Sein Tausch wäre auch dann nicht billig, wenn es auf der ganzen Erdoberfläche nur ihn und einen anderen bösen Menschen gäbe. Es sei absurd, anderen das aufzuzwingen, was man selbst wolle; es sei ungewiß, ob die Gefahr, in die er seinen Nächsten bringe, ebenso groß sei wie die Gefahr, der er sich gern aussetzen wolle. Was er selbst dem Zufall preisgebe, brauche kein angemessener Gegenwert für das zu sein, was ich unter seinem Zwang dem Zufall preisgeben soll. Die Frage des Naturrechts sei viel komplizierter, als sie ihm erscheine. Er mache sich zum Richter und zum Angeklagte und sein Gericht könne in dieser Angelegenheit nicht zuständig sein.

6. Wenn wir aber dem Individuum das Recht absprechen, über die Natur des Gerechten und des Ungerechten zu entscheiden, wohin werden wir dann diese große Frage bringen? Vor die Menschheit! Nur ihr steht es zu, sie zu entscheiden, weil das Wohl aller die einzige Leidenschaft ist, die sie hat. Der besondere Wille ist verdächtig; er kann gut oder böse sein, doch der allgemeine Wille ist immer gut; er hat nie getäuscht und wird nie täuschen. Wenn die Tiere zu einer Gattung gehörten, die unserer Gattung ungefähr gleicht; wenn es ein zuverlässiges Verständigungsmittel zwischen ihnen und uns gäbe; wenn sie uns ihre Gefühle und Gedanken ganz klar mitteilen und unsere Gefühle und Gedanken ebenso klar erkennen könnten; kurz, wenn sie in einer allgemeinen Versammlung abstimmen könnten, so müßten wir sie hinzuziehen, und dann würde die Sache des Naturrechts nicht mehr vor der Menschheit verhandelt werden, sondern vor der Tierheit. Aber die Tiere sind von uns durch unwandelbare und ewige Schranken getrennt, und es handelt sich hier doch um eine nur der menschlichen Gattung eigentümliche Ordnung von Kenntnissen und Ideen, die von der Würde der Menschheit ausgehen und ihre Würde ausmachen.

7. An den allgemeinen Willen muß sich das Individuum wenden, um zu erfahren, inwieweit es Mensch, Staatsbürger, Untertan, Vater, Sohn sein soll, und wann es ihm geziemt, zu leben oder zu sterben. Dem allgemeinen Willen obliegt es, die Grenzen aller Pflichten festzulegen. Sie besitzen das unantastbare Naturrecht auf alles, was Ihnen nicht von der ganzen Gattung streitig gemacht wird. Diese wird Sie über die Natur ihrer Gedanken und Ihrer Wünsche aufklären. Alles, was Sie planen, alles, was Sie ausdenken, wird gut, groß, hervorragend, erhaben sein, wenn es von allgemeinem und gemeinsamem Interesse ist. Es gibt keine für Ihre Gattung wesentliche Eigenschaft außer derjenigen, die Sie von allen Wesen ihresgleichen zu ihrem Glück und zum Glück dieser Wesen fordern. Diese Übereinstimmung zwischen Ihnen und allen anderen sowie zwischen allen anderen und Ihnen wird Sie immer kennzeichnen, sowohl wenn Sie Ihre Gattung verlassen, als wenn Sie in ihr bleiben. Verlieren Sie das niemals aus den Augen, sonst werden Sie sehen, wie die Begriffe der Güte, der Gerechtigkeit, der Menschlichkeit und der Tugend in Ihrem Verstand schwanken. Sagen Sie sich oft: Ich bin Mensch und habe keine anderen wirklich unveräußerlichen Naturrechte als die der Menschheit.

8. "Wo aber", werden Sie fragen, "ist der Hort dieses allgemeinen Willens? Wo könnte ich ihn befragen?" - In den Prinzipien des geschriebenen Rechtes aller gesitteten Nationen, in den gesellschaftlichen Handlungen der wilden und barbarischen Völker, in den stillschweigenden Übereinkünften der Feinde der Menschheit, ja sogar in der Empörung und dem Rachegefühl, jenen zwei Leidenschaften, welche die Natur auch in die Tiere gelegt zu haben scheint, um das Fehlen der gesellschaftlichen Gesetze und der öffentlichen Vergeltung auszugleichen.

9. Wenn Sie also über alles Gesagte gründlich nachdenken, so werden Sie von dem folgenden überzeugt sein: (1.) Der Mensch, der nur seinem besonderen Willen gehorcht, ist der Feind der Menschheit. (2.) Der allgemeine Wille ist in jedem Individuum ein reiner Verstandesakt, weil der Verstand, während die Leidenschaften schweigen, darüber nachdenkt, was der Mensch von einem Wesen seinesgleichen fordern darf und was dieses Wesen seinerseits von ihm fordern kann. (3.) Diese Berücksichtigung des allgemeinen Willens der Gattung und des gemeinsamen Wunsches ist die Richtschnur für das Verhalten eines einzelnen gegenüber einem einzelnen in derselben Gesellschaft, eines einzelnen gegenüber der Gesellschaft, deren Mitglied er ist, und der Gesellschaft, der er angehört, gegenüber anderen Gesellschaften. (4.) Die Unterwerfung unter den allgemeinen Willen ist das Band aller Gesellschaften, ohne daß davon die Gesellschaften auszunehmen wären, die durch Verbrechen entstanden sind. Ach, die Tugend ist so schön, daß sogar Räuber ihr Bild im Hintergrund ihrer Höhlen verehren! (5.) Die Gesetze müssen für alle, nicht aber für einen gemacht sein; sonst würde dieses vereinzelte Wesen jenem leidenschaftlichen Vernünftler gleichen, den wir [... ] zum Schweigen gebracht haben. (6.) Da von den zwei Willen - dem allgemeinen und dem besonderen - der allgemeine Wille niemals irrt, so ist es nicht schwer einzusehen, welchem Willen - zum Glück der Menschheit - die gesetzgebende Gewalt gehören sollte und welche Verehrung man jenen erhabenen Sterblichen schuldig ist, deren besonderer Wille die Autorität und die Unfehlbarkeit des allgemeinen Willens vereint. (7.) Wenn man annähme, daß der Begriff der Gattungen einem ewigen Wechsel unterworfen sei, so würde sich das Wesen des Naturrechts doch nicht ändern, da es sich immer auf den allgemeinen Willen und den gemeinsamen Wunsch der ganzen Gattung beziehen würde. (8.) Die Billigkeit verhält sich zur Gerechtigkeit wie die Ursache zu ihrer Wirkung, oder die Gerechtigkeit kann nichts anderes sein als die erklärte Billigkeit. (9.) Kurz, alle diese Konsequenzen sind evident für denjenigen, der vernünftig denkt, und wer nicht vernünftig denken will, verzichtet darauf, Mensch zu sein, und muß deshalb als entartetes Wesen behandelt werden.


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


LV Gizewski SS 1998