Wirtschaftsdemokratische Reform.

Karl Theodor Schuon, Ein demokratisch gesteuertes Marktsystem.

Text entnommen aus: Karl Theodor Schuon (Hg.), Politische Theorie des Deomkratischen Sozialismus. Eine Einführung in die Grundlagen einer normativ-kritischen Theorie demokratischer Institutionen, unter Mitarbeit des Hg. und vieler weiterer Autoren, Marburg 1986, S. 242 - 244. Leichte Adaptation der Anmerkungen.


  

... Kolonialisierung der Lebenswelt durch das Vordringen des Marktsystems ist ein in der Geschichte sozialer Bewegungen, vor allem auch der Arbeiterbewegung, schon früh erkanntes Phänomen der Dehumanisierung. Die Gegenrezepte reichen von der totalen Abschaffung des Marktes bis hin zu differenzierten Modellen indirekter Marktsteuerung. Die totale Ersetzung des Marktes durch den Plan erzeugt allerdings zwei große Probleme:

a. Keine optimale wirtschaftliche Leistung, d.h. bestimmte Bedürfnisse werden nicht oder nicht ausreichend befriedigt, obwohl der Stand der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung dies zuläßt.

b. Die Stelle des Marktsystems nimmt ein Bürokratiesystem ein, dessen kolonialisierende Wirkung eher noch stärker ist, als die des Marktsystems, das immerhin im Idealfall eine Art von "Konsumentendemokratie" garantiert.

Eine sinnvolle Entkolonialisierung setzt deshalb eine Kombination von Markt und Plan voraus, die als demokratisch gesteuertes Marktsystem bezeichnet werden könnte, d.h. geplante wirtschaftliche Leistung muß demokratische Alternativenauswahl kennen und mit marktgesteuerter wirtschaftlicher Leistung wirksam kombiniert sein. Nur die Marktbeziehung garantiert bei ökonomisch begrenzter Bedürfnisdeckung als Ausdruck einer relativen Güterknappheit (nämlich auf Grund der prinzipiell unbegrenzten Entwicklungsmöglichkeit der Bedürfnisse) einen optimalen Leistungseffekt bei möglichst minimalem Aufwand an Arbeit und Produktionsmitteln, sofern es sich um die Befriedigung von individuellem Bedarf handelt. Kollektiver Bedarf, d.h Güter und Dienstleistungen, deren Produktion zwar im Interesse des einzelnen Verbrauchers erfolgt, für die der einzelne jedoch keine direkte Nachfrage entfaltet (man kann schlecht ein Stück einer Straße individuell nachfragen), wird dagegen durch demokratisch geplante Wirtschaftsleistung gedeckt werden müssen. Zudem bedarf der Markt einer zentralen Rahmensetzung, die gesamtgesellschaftliche Folgeprobleme bloß marktgesteuerter Leistung zu minimieren versucht (soziale Ungerechtigkeit, Umweltschäden, Gesundheitsschäden u.ä.), sowie einer indirekten Konjunktursteuerung durch fiskal- und geldpolitische Maßnahmen.

Die Notwendigkeit eines Teilbereiches Markt ergibt sich aus der relativen Güterknappheit in Kombination mit fortgeschrittener gesellschaftlicher Arbeitsteilung: "Die Menschen, in betrieblichen Produktionskooperationen zusammengefaßt, sind bereit, für andere Verbraucher ständig eine Arbeitsleistung zu vollbringen, wenn sie dadurch alle jene Produkte, Dienste und Bedarfsobjekte erhalten können, die sie für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse benötigen und die das Resultat einer zumindest äquivalenten Arbeitsleistung der anderen sind. Dabei kommt es nicht darauf an, nur eine bestimmte Menge an Arbeit zu leisten, sondern diese Menge muß den anderen Menschen einen optimalen Nutzen, bei einem möglichst minimalen Aufwand an Arbeit und Produktionsmitteln bringen. In der Gesellschaft kann jedoch weder die Nutzwertleistung noch die potentielle Aufwandsminimierung zentral gemessen und erfaßt werden. Ebenso wenig kann zentral die Nutzwertentfaltung, der technische Fortschritt und die potentiell wachsende relative Arbeits-, Material- und Energieersparnis bei der hochentwickelten Arbeitsteilung gesichert werden. Diese gesellschaftlichen Erfordernisse in den einzelnen Produktionskooperationen kann auf der heutigen Stufe der Arbeitsentwicklung nur der Marktmechanismus durchsetzen" (Ota Sik, Humane Wirtschaftsdemokratie, Hamburg 1979, S. 618). Dieser besteht darin, daß

1. die Preise sich parametrisch am Markt aus dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage bilden,

2. ein Wettbewerb zwischen den Produzenten sowie zwischen den Konsumenten existiert, der sie zur Ausnutzung der potentiellen Effektivitäts- und Nutzwertentwicklung sowie zur Bildung von Konkurrenzpreisen drängt, und

3. die Einkommen der über die Produktionsentwicklung entscheidenden Menschen von den Markt resultaten abhängen.

Aus der Gerechtigkeitstheorie von Rawls ergab sich bereits, daß (marktinduzierte) Einkom mensungleichheiten nur auf dem Sockel eines garantierten Mindesteinkommens als gerecht akzeptabel sind; insoweit muß das Marktsystem auf jeden Fall beschränkt sein (dazu: T. Schmid, Befreiung von falscher Arbeit, Berlin 1984; John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt 1979, S. 310 ff., R. Dahrendorf, in 'Die ZEIT' v. 17. 1. 81 - 'Für jede Bürger ein garantiertes Einkommen'). Ob vielleicht auch eine Dezentralisierung der Produktion verbunden mit einer Regionalisierung von Märkten zur Abmilderung von "Systemstruktuten" führen könnte, ist eine noch offene, aber in der Diskussion befindliche Frage. Darüber hinaus hängt das genaue Verhältnis von Plan und Markt, von kollektivem und individuellem Bedarf wesentlich von Erkenntnissen einer Wirtschaftstheorie ab, die die Grenzen einer Politischen Theorie erheblich überschreitet. Was die letztere allerdings leisten kann, ist die Begründung und der Entwurf einer partizipativ-pluralistiscben Struktur ökonomischer Institutionen - seien es solche eines auf Grund öffentlicher Entscheidungen und Vorgaben planenden Teilsystems, seien es solche, deren Planungen durch das Teilsystem Markt bestimmt sind. Im Folgenden sollen drei Partizipationsmodelle von Wirtschaftsdemokratie vorgestellt werden, die heute in der Diskussion sind und die alle drei als Grundlage für eine partizipative Reform der ökonomischen Institutionen verwendet werden könnten, aber auf Grund unterschiedlicher wirtschaftstheoretischer Vorentscheidungen wiederum sehr unterschiedlich ausfallen. Gemeinsam ist ihnen allen die Kritik an einem bloß "partnerschaftlichen Unternehmensmodell" des Marktsystems, das davon ausgeht, daß der Markt eine "Führungsleistung" in Einzelunternehmen verlange, die sich von einer "demokratischen Führungstechnik" grundsätzlich unterscheide: "Der demokratische Staat ist primär nicht auf Leistungsoptimierung ausgerichtet. Das demokratische Ordnungssystem soll vielmehr die Grundlinien der Politik nach dem Willen der Mehrheit der Wähler ausrichten und dabei zwangsläufig auch Minderheitsinteressen berücksichtigen. Die Abhängigkeit vom Politikverständnis der Wähler hat zur Folge, daß eher auf Mißstände reagiert als vorausschauend gehandelt wird. Eine nach diesen Grundsätzen ausgerichtete Unternehmenstrategie würde ein Unternehmen in kurzer Zeit scheitern lassen". Die "unternehmerische Führungstechnik" bestehe dagegen in der klaren Vorgabe qualifizierter Entscheidungen und der partnerschaftlichen Einbeziehung der einzelnen Mitarbeiter bei der Ausführung. Modelle einer Wirtschaftsdemokratie haben sich damit gegen den Vorwurf zu rechtfertigen, sie zögen eine Leistungsminderung nach sich, die gesamtgesellschaftlich nicht gewollt sei und einer Marktorientierung diametral entgegenlaufe.


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


LV Gizewski SS 1998