Eine säkulare als eine religiöse Revolution.

Auszug aus: Alexis de Tocqueville, Der alte Staat und die Revolution (1856, 1. Buch, Kap. 3).

Text entnommen aus: Alexis de Tocqueville, Der alte Staat und die Revolution, übersetzt von Theodor Oelckers und Rüdiger Volhard, mit einem Nachwort und Anmerkungen versehen von Jakob P. Mayer, Mümchen 1978, S. 22 - 26.


 

DRITTES KAPITEL

Die Französische Revolution war eine politische Revolution, die in der Art religiöser Revolutionen verlief.

Alle bürgerlichen und politischen Revolutionen haben ein Vaterland gehabt und sich auf dieses beschränkt. Die Französische Revolution hat kein bestimmtes Gebiet gehabt; mehr noch, sie hatte zur Folge, daß gewissermaßen alle alten Grenzen von der Karte verschwanden. Man hat gesehen, wie sie die Menschen verband oder trennte, und zwar den Gesetzen, den Traditionen, dem Charakter, der Sprache zum Trotz, indem sie bisweilen Landsleute zu Feinden und Fremde zu Brüdern machte; oder vielmehr sie hat über alle besonderen Nationalitäten ein gemeinsames geistiges Vaterland gegründet, dessen Bürger die Menschen aus allen Nationen werden konnten.

Man durchblättere die Annalen der Geschichte und man wird keine einzige Revolution finden, die diesen Charakter gehabt hätte; man wird ihn nur in gewissen religiösen Revolutionen wiederfinden. Also sind es religiöse Revolutionen, mit denen man die Französische Revolution vergleichen muß, wenn man sich mit Hilfe der Analogie verständlich machen will.

Schiller bemerkt mit Recht in seiner Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, daß in Folge der großen Reformation des 16. Jahrhunderts Völker, die sich kaum gekannt hatten, einander genähert und durch neue Sympathien eng verbunden wurden. Man sah damals in der Tat Franzosen gegen Franzosen kämpfen, während Engländer ihnen zu Hilfe kamen; an den Nordgestaden der Ostsee geborene Männer drangen bis ins Herz von Deutschland, um Deutsche zu beschützen, von denen sie bis dahin kaum hatten reden hören. Alle Kriege mit dem Auslande hatten etwas mit Bürgerkriegen Verwandtes; in allen Bürgerkriegen erschienen Ausländer. Die alten Interessen jeder Nation wurden über neuen Interessen vergessen; die Fragen des Länderbesitzes machten Prinzipienfragen Platz. Zum höchsten Staunen und zum großen Schmerz aller Politiker jener Zeit fanden sich alle Regeln der Diplomatie durcheinander geraten und verworren. Ganz das nämliche geschah in Europa nach dem Jahre 1789.

Die Französische Revolution ist also eine politische, die in der Art einer religiösen Revolution zu Werke gegangen ist und gewissermaßen das Aussehen einer solchen angenommen hat. Man bemerke, durch welche besonderen und charakteristischen Züge sie dieser letzteren vollends ähnlich wird: sie breitet sich nicht nur wie sie in der Ferne aus, sondern bricht sich auch ebenso Bahn durch Predigt und Propaganda. Eine politische Revolution, die Bekehrungseifer einflößt und die man mit demselben Feuereifer den Fremden predigt, womit man sie daheim bewerkstelligte: welch ein neues Schauspiel! Unter all den unbekannten Dingen, welche die Französische Revolution der Welt gezeigt hat, ist dies sicherlich das neueste. Doch wollen wir hierbei nicht stehenbleiben; wir wollen etwas weiter vorzudringen und zu entdecken suchen, ob diese Ähnlichkeit in den Wirkungen nicht vielleicht auf einer verborgenen Ähnlichkeit in den Ursachen beruht.

Religionen sind ihrem Wesen nach gewohnt, den Menschen nur als solchen zu betrachten, ohne zu berücksichtigen, inwiefern die Gesetze, Gebräuche und Traditionen eines Landes das Allgemeinmenschliche in besonderer Weise modifiziert haben mögen. Ihre Hauptaufgabe ist es, die allgemeinen Beziehungen des Menschen zu Gott, die allgemeinen Rechte und Pflichten der Menschen untereinander, ohne Rücksicht auf die Form der Gesellschaften, zu ordnen. Die Verhaltensregeln, die sie vorschreiben, beziehen sich weniger auf den Menschen eines Landes oder einer Zeit als auf den Sohn, den Vater, den Diener, den Herrn, den Nächsten. Indem sie so die menschliche Natur selbst zu ihrer Grundlage nehmen, können sie gleichmäßig von allen Menschen angenommen und überall angewendet werden. Daher kommt es, daß die religiösen Revolutionen oft einen so weiten Schauplatz gehabt und sich selten, wie die politischen Revolutionen, auf das Gebiet eines einzigen Volkes oder doch einer einzigen Rasse beschränkt haben. Und bei noch näherer Betrachtung dieses Gegenstandes wird man finden, daß die Religionen sich trotz der Verschiedenheit der Gesetze, des Klimas und der Menschen um so mehr ausgebreitet haben, je mehr sie den angedeuteten abstrakten und allgemeinen Charakter hatten.

Die heidnischen Religionen des Altertums, die sämtlich mehr oder weniger mit der politischen Verfassung oder der Gesellschaftsordnung eines jeden Volkes verknüpft waren und selbst in ihren Dogmen eine gewisse nationale und oft munizipale Physiognomie bewahrten, sind gewöhnlich innerhalb der Grenzen eines Gebietes geblieben, aus dem man sie nicht leicht heraustreten sah. Sie ließen bisweilen Unduldsamkeit und Verfolgung aufkommen; aber die Bekehrungswut war ihnen beinahe gänzlich unbekannt. Daher gab es auch in unserem Abendland vor der Einführung des Christentums keine großen religiösen Revolutionen. Das Christentum schritt leicht über alle Schranken hinweg, welche die heidnischen Religionen aufgehalten hatten, und eroberte in kurzer Zeit einen großen Teil des Menschengeschlechts. Man wird es mir nicht als Mangel an Ehrfurcht vor dieser heiligen Religion auslegen, wenn ich sage, daß sie ihren Sieg zum Teil dem Umstand verdankte, daß sie sich mehr als irgendeine andere von allem freigemacht hatte, was einem Volk, einer Regierungsform, einer Gesellschaftsordnung, einem Zeitalter oder einer Menschenrasse besonders eigentümlich sein konnte.

Die Französische Revolution ist hinsichtlich dieser Welt genauso verfahren, wie die religiösen Revolutionen im Blick auf das Jenseits; sie hat den Bürger in einer abstrakten Weise betrachtet, indem sie von besonderen gesellschaftlichen Bedingungen ganz absah, ebenso wie die Religionen den Menschen im allgemeinen, ohne Rücksicht auf Vaterland und Zeitalter, betrachten. Sie hat nicht allein untersucht, was das besondere Recht des französischen Bürgers sei, sondern was in politischen Dingen die allgemeinen Pflichten und Rechte der Menschen seien.

Indem sie so stets auf das zurückging, was hinsichtlich der Gesellschaftsordnung und der Regierung am wenigsten eigenartig und sozusagen am natürlichsten war, konnte sie sich allen verständlich machen und gleichzeitig an hundert Orten Nachahmung finden.

Da sie den Anschein erweckte, die Wiedergeburt des Menschengeschlechts noch mehr als die Reform Frankreichs zu erstreben, hat sie eine Leidenschaft entzündet, wie sie bis dahin die heftigsten politischen Revolutionen niemals zu erzeugen vermocht hatten. Sie hat den Bekehrungsdrang eingeflößt und die Propaganda entstehen lassen. Dadurch hat sie denn auch jenen Anschein einer religiösen Revolution zu gewinnen vermocht, der die Zeitgenossen so sehr in Schrecken gesetzt hat; oder vielmehr sie ist selbst eine Art neuer Religion geworden, allerdings eine unvollkommene Religion, ohne Gott, ohne Kultus und ohne künftiges Leben, die aber trotzdem, gleich dem Islam, die ganze Erde mit ihren Soldaten, ihren Aposteln und ihren Märtyrern überschwemmt hat.

Übrigens darf man nicht glauben, daß das von ihr angewendete Verfahren ganz ohne ältere Vorbilder und daß alle Ideen, die sie aufgestellt hat, völlig neu gewesen wären. In allen Jahrhunderten bis ins Mittelalter hinein gab es Agitatoren, die sich, um besondere Gebräuche zu beseitigen, auf die allgemeinen menschlichen Gesetze beriefen und es unternahmen, der Verfassung ihres Vaterlandes die natürlichen Rechte der Menschheit entgegenzustellen. Aber alle diese Versuche sind gescheitert: der gleiche Feuerbrand, der Europa im 18. Jahrhundert in Flammen gesetzt hat, ist im fünfzehnten leicht gelöscht worden. Sollen derartige Lehren Revolutionen erzeugen, so müssen allerdings gewisse Veränderungen, die in den Zuständen, den Gebräuchen und Sitten bereits eingetreten sind, den menschlichen Geist darauf vorbereitet haben, damit er für sie empfänglich ist.

Es gibt Zeiten, in denen die Menschen so verschieden voneinander sind, daß der Gedanke eines einzigen, für alle gleichmäßig geltenden Gesetzes beinahe ganz unfaßbar für sie ist. Zu anderen Zeiten hingegen genügt es, ihnen von weitem und undeutlich das Bild eines solchen Gesetzes zu zeigen, daß sie es sofort erkennen und ihm entgegeneilen.

Das Außergewöhnliche ist nicht, daß die Französische Revolution die Mittel angewendet hat, womit man sie zu Werke gehen sah, und daß sie auf die Ideen gekommen ist, die sie verkündet hat; neu ist vielmehr der Umstand, daß so viele Völker auf den Punkt gelangt waren, wo solche Mittel erfolgreich angewendet werden und solche Grundsätze leicht Annahme finden konnten.


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


LV Gizewski SS 1998