Vorwort.  

'MODERNE POLITISCHE IDEENWELT UND ANTIKE TRADITION. Eine systematische Übersicht über Wege und Formen der Fortwirkung antiker Vorbilder in der neueren politischen Geschichte' ist ein WWW-Skript zur Lehrveranstaltung Gizewski an der TU Berlin im SS 1998 (Antike, Volk und Staat. Typen gebildeten politischen Bewußtseins seit dem 18. Jahrhundert bei einigen seiner Vor- und Nachdenker).

Die Grundidee dieses Skripts ist die folgende: dort, wo - in christlich-antik geprägten, einer europäischen Kulturzone zuzurechnenden Teilen der Welt - eine besondere Bindungs- und Überzeugungskraft neuzeitlicher politischer Moral- und Ideensysteme erkennbar ist, pflegen in ihnen an zentraler Stelle Rekombinationen antiker Ausgangsmuster wirksam zu sein. Sicherlich erklärt nicht allein dies die jeweils aktuelle politische Bewegungskraft eines modernen politischen Ideenkomplexes. Aber ohne eine solche in Kernelementen weit - so weit wie nach der Überlieferung und dem Rückgriffszweck irgend möglich - zurückreichende Traditionsbindung ist sie unwahrscheinlich. Ein wichtiger Grund dafür dürfte in einer - bei allen wissenschaftlichen Erkenntnismöglichkeiten - prinzipiellen Unüberschaubarkeit und Unbewertbarkeit gesellschaftlicher Strukturen und historischer Prozesse nicht nur für Historiker und Gesellschaftswissenschaftler, sondern vor allem auch für den politisch-praktischen Sachverstand und für ein politisches Jedermannsbewußtsein liegen. Wohl nur über eine in wesentlichen Punkten fundamentale Traditionsbindung kann in prinzipiell unüberschaubaren Strukturen und Situationen ausreichend Sicherheitsgefühl und Argumentationskraft für kollektive politische Entscheidungen und Anforderungen von großer Reichweite gefunden werden - ungeachtet der unter Umständen großen Irrtümer und Aporien , ungeachtet auch der moralischen Zweischneidigkeit, die in bewegenden politischen Ideen im Laufe ihres praktischen Vollzuges deutlich zu werden pflegen.

Mit dieser Ausgangsannahme stellt sich das Skript ein wenig auch gegen die gegenläufige Annahme, die Wirkungsgeschichte der Antike habe bis zur Gegenwart hin deshalb immer mehr an Bedeutung verloren, weil eine humanistische Form der Bewußtseinsprägung in der Bildung und in der öffentlichen Diskussion im Laufe des letzten Jahrhunderts immer mehr an Gewicht eingebüßt habe. Auch wenn das zutrifft, so hieße es doch, auf wesentliche Momente der Erklärung neuzeitlicher und auch gegenwärtiger politischer Bewußtseinsformen, Mentalitäten und Ideologien zu verzichten, wollte man die methodisch nachweisbare Fortwirkung antiker Vorbilder oder - neutraler gesprochen - Muster dabei nicht berücksichtigen. Diese Fortwirkung erklärt sicherlich nicht alles am historischen Geschehen, inbesondere nicht seine eher bewußtseinsunabhängigen Struktur- und Prozeßaspekte, wohl aber im Bereich der Entwicklung der Formen kollektiven Bewußtseins weit mehr, als ein 'modernes', Traditionen 'abbrechendes' Selbstverständnis unserer Zeit von ihrer weltgeschichtlichen Einmaligkeit und Neuigkeit glauben möchte. Sie trägt ferner dazu bei, zu starken Akzentsetzungen und Blickwinkelverengungen, die sich aus politischen Selbstbehauptungsansprüchen, Legitimationsinteressen und Konflikten der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit auch für Begriffsbildungen und Bewertungen in der neuzeitbezogenen Geschichtswissenschaft zu ergeben pflegen, durch eine historisch längere Perspektive, durch bewußte methodische Relativierung und durch systematisch angelegtes Vergleichen - auch politisch 'antagonistischer' Bewußtseinsformen - entgegenzuwirken.

Hierin liegt eine eigene Aufgabe der Alten Geschichte innerhalb der Gesamtdisziplin der Allgemeinen und insbesondere der Politischen Geschichte.

Der methodische Nachweis ist nicht immer leicht, die Fortwirkung eines antiken Musters - neben den vielen anderen, mit denen es im Laufe der geschichtlichen Entwicklung immer wieder einmal neu kombiniert wird - nicht immer augenfällig. Methodisch schwierig, aber dennoch nötig, möglich und manchmal sogar - etwa für einige sich bewußt antitraditionell-modern verstehende politische Ideologien - zentral ist vor allem der Nachweis einer eher kollektiv-unbewußten oder mentalen Fortwirkung alter traditioneller Muster. Aus diesem Grunde bedarf es einmal einiger grundsätzlicher begrifflicher Klärungen, was die Wirkungsweise von Traditionen und Rezeptionen betrifft, zum anderen einer immer wieder auf wesentliche Aspekte der Wirkungsgeschichte konzentrierten vergleichenden Übersicht über ihre Wege und Ergebnisse in den neuzeitlichen und schließlich modernen Formen politischen Denkens und Kommunizierens.

Die Form eines WWW-Skripts ist eine prinzipiell 'weltoffene' und diskussionsbereite Form der wissenschaftlichen Veröffentlichung. Sie bietet einmal - in der Hoffnung auf redlichen Zitier-Gebrauch durch den Benutzer - jedermann ein ausgearbeitetes - aber auch weiterhin zu bearbeitendes und ggf. zu verbesserndes - Gedankenmaterial zur Unterrichtung und ggf. Weiterbearbeitung an. Sie ist zum andern dazu da, in gewissem vernünftigen Umfang Gedankenaustausch oder Diskussion zu ermöglichen - auch über das 'Netz', sofern dies gewünscht wird.

Christian Gizewski, im Juli 1998.


 

LV Gizewski SS 1998

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)