Kap. 1: Zur historischen Bedeutung und zum Begriff einer zukunftszugewandten menschlichen Intelligenz.


I. Zum Konzept einer althistorischen Lehrveranstaltung über die historischen Bedeutung und die Formen einer zukunftszugewandten menschlichen Intelligenz.

- Die Bedeutung des Themas für das Verständnis der (vorderorientalisch-mediterranen) Altertumsgeschichte und der von ihr ausgehenden Wirkungsgeschichte.

- Das für historische Erklärungen von Belang grundsätzlich wichtige Phänomen der 'Entscheidung in unsicherer Situation'.

- Die historische Entscheidung als Wahl zwischen belangvollen Alternativen.

- Die Entscheidung nicht nur zwischen gegenwärtig sich stellenden, sondern auch zwischen künftig bevorstehenden Alternativen.

- Unvermeidliche gegenwärtige Entscheidungszwänge.

- Die Unterschiedlichkeit der Entscheidungsverfahren:

Los- oder Würfelverfahren.

Orakel-Verfahren.

Wahrscheinlichkeitsberechnende ('rationale') Abwägungsverfahren.

- Das 'Risiko' als Möglichkeit des Mißlingens der erhofften Folgen einer Entscheidung

II Typische Formen und Funktionen von Prognose und Prophezeiung in der Altertumsgeschichte.

A.Prognose und Planung zu Produktions- und Handelszwecken.

B. Strategische und taktische Planung militärischer Sicherungsanlagen und beweglicher Operationen

C. Prognose und Planung in innenpolitisch-rhetorischen und -medialen Kämpfen.

D. Religiöse Vorausschau der Zukunft.

E. Unheils-, Straf- und Gerichtsprophezeiungen für Gegner und Rechtsbrecher.

F. Heilsprophezeiungen für göttlich 'auserwählte' Völker und loyale Anhänger von Parteien und Rechtglaubenslehren.

III. Prognose und Prophezeiung am Beispiel einer berühmten Seherin der mythischen griechischen Frühzeit.
Das Lied 'Troja'. Von Wladmir Wissotzki (1938 - 1980)
Das Lied spricht eine in Inhalt und Form unzweideutige, von dem politisch couragierten Sänger an die damals (1977) noch bestehende Sowjetunion gerichtete Warnung aus, aus politisch-orthodoxer Beschränktheit sich nicht realistisch mit den Zeichen ihres Verfalls und damit der Zukunft des ganzen Landes zu beschäftigen. Generell kann es verstanden werden als ein Appell an die Menschen, sich bei einem eigenständigen Nachdenken oder gefühlsmäßigen Nachsinnen über die Zukunft nicht von irgendwelchen unsinnigen allgemeinen Gewohnheiten, Bequemlichkeiten oder gar Dummheiten, vor allem aber nicht von irgendwelchen obrigkeitlich verordneten Rechtglaubensvorstellungen abbringen zu lassen - im allgemeinen und im eigenen Interesse und wegen der eigenen geistigen Freiheit.

Übersetzung des Liedtextes ins Deutsche.
Troja, seit langem schon belagert
blieb dennoch eine uneinnehmbare Festung.
Aber die Trojaner glaubten der Kassandra nicht,
sonst bestünde Troja noch heute.
Ohne Unterlaß schrie die törichte Junggfrau: "Ich sehe Troja in Trümmern vor mir ."
Aber zu allen Zeiten hat man die Wahrsager verbrannt
so wie überhaupt die Zeugen.
Und in der Nacht, als aus dem Inneren des Troja-Pferdes
der gefügelte Tod, wie es sich gehört,
auf die bekloppte und verstandlose Menge hinabstieg,
da schrie jemand:"Das ist das Werk der Hexe."
Ohne Unterlaß schrie die törichte Junggfrau: "Ich sehe Troja in Trümmern vor mir ."
Aber zu allen Zeiten hat man die Wahrsager verbrannt
so wie überhaupt die Zeugen.
Aber in jener Nacht damals, in diesem Tod und Untergang,
als sich alle Voraussagen mit Wucht erfüllten,
hatte die Menge den gesuchten Moment gefunden,
sich wie gewohnt zu rächen.
Ohne Unterlaß schrie die törichte Junggfrau: "Ich sehe Troja in Trümmern vor mir ."
Aber zu allen Zeiten hat man die Wahrsager verbrannt
so wie überhaupt die Zeugen.
Das Ende ist einfach, obwohl
unerwartet und recht traurig.
Ein Grieche fand Kassandra, beschlief sie
und bediente sich ihrer, als ob sie nicht Kassandra wäre,
sondern einfach so, als unersättlicher Sieger.
Ohne Unterlaß schrie die törichte Junggfrau: "Ich sehe Troja in Trümmern vor mir ."
Aber zu allen Zeiten hat man die Wahrsager verbrannt
so wie überhaupt die Zeugen.

III. Militärische Folgenkalkulation und Planung am Beispiel eines Ereignisses aus dem Gallischen Kriege.

Übung 1.

1. Was stellt Ihres Erachtens die unten zugängliche Planskizze dar?

2. Welcher Zeit ist das abgebildete Geschen geschichtlich zuzuordnen?

3. Wer sind und was planen die dort auftretenden Parteien?

4. Wozu wird das abgebildete Geschehen Ihrer Einschätzung nach geführt haben? Wie hätte sich eine andere entwicklung erreichen lassen?

5. Wieso war es Ihres Erachtens nötig, zu einer Entscheidung zu kommen und diese nicht zu vertagen?


IV. Zum Sinn religiöser Prophezeiung am Beispiel einer 'Eingeweideschau' als kultischen Brauchs bei denKimbern.

Übung 2.

1. Welcher Zeit entstammt und auf welche Zeit bezieht sich der unten zitierte Text nach Ihrer Einschätzung? In welcher Sprache war er geschrieben? Wie ist er uns zur Kenntnis gelangt?

2. Woher könnte der Autor seine Kenntnisse haben?

3. Was wird geschildert? Worin besteht oder besteht Ihres Erachtens nicht Sinn und Zweck der geschilderten Handlungen?

4. Was an den geschilderten Handlungen erscheint unserer Zeit anstößig und warum?

5. Wie stand der antike Autor Ihres Erachtens zu dieser Frage?


"Von den Kimbern erzählt man folgende Sitte: Ihre Heerzüge begleiteten auch die Frauen, und mit diesen folgten weissagende Priesterinnen: grauhaarige, in weiße, feinleinene, mit Fibeln und ehernen Gürteln versehene Gewänder gekleidete, barfüßige Frauen. Wenn Gefangene gemacht waren, gingen sie diesen mit gezücktem Schwert durch das Heerlager entgegen, bekränzten sie und führten sie zu einem bronzenen, etwa zwanzig Amphoren [1 Amphore = 3 - 4 l] aufnehmenden Opferkessel. Hier gab es eine kleine Treppe, die eine von ihnen bestieg, um, über den Kessel gelehnt, jedem emporgehobenen Gefangenen die Gurgel zu durchschneiden. Aus der Weise, wie das Blut in den Kessel floß, erschlossen sie dann Weissagungen. Andere von ihnen schnitten den Leib der Gefangenen auf und beschauten das Eingeweide, um danach den Ihrigen den Sieg zu verkünden. Während des Kampfgeschehens aber schlugen sie auf gespannte Häute ein, die über die Geflechte der Wagen gespannt waren, so daß ein schreckenerregender Lärm entstand."

Zu Literatur, Medien und Quellen.

Alle Zitate aus Quelleneditionen, Literatur, Karten-, Bild- und Tonwerken erfolgen ausschlielich zum Zwecke des wissenschaftlichen Gebrauchs in Forschung und Lehre. Die einzelnen Titel sind im Literatur-, Medien- und Quellenverzeichnis aufgeführt. C. G.


Bearbeitungsstand: 9. Mai 2012.

Autor des WWW-Skripts: Christian Gizewski, Prof. Dr., TU Berlin, Fakultät I, Alte Geschichte, FG Geschichte, Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP:christian.gizewski@.tu-berlin.de