Auszüge aus Xenophons Schrift 'Poroi' (um 356 v. Chr.).  

Immer schon habe ich die Auffassung vertreten, daß die Verhältnisse in den Staaten so sind wie die Qualität ihrer Führer. Nun aber sagten einige von denen, die in Athen an der Spitze stehen, daß sie das Recht nicht schlechter als sonst irgendein Mensch kennen; aber sie behaupteten auch, sie wären durch die Armut der Menge gezwungen, sich gegenüber den verbündeten Städten in größerem Maße ungerecht zu verhalten. Deswegen unternahm ich es, eine Untersuchung darüber anzustellen, ob es in irgendeiner Weise möglich ist, daß die Bürger ihren Unterhalt aus der eigenen Stadt gewinnen, woher man ihn ja auch am gerechtesten nimmt. Denn wenn das geschehen könnte, dürfte nach meiner Auffassung zugleich ihrer Armut und dem Mißtrauen von seiten der Griechen abgeholfen sein. 2. Als ich nun untersuchte, was ich mir vorgenommen hatte, wurde mir sofort klar, daß unser Land die natürlichen Voraussetzungen besitzt, um die größten Einkünfte zu ermöglichen. Damit aber eingesehen wird, daß zunächst diese meine Behauptung der Wahrheit entspricht, will ich die natürliche Beschaftenheit Attikas beschreiben: 3. Daß die Jahreszeiten hier sehr mild sind, bezeugt allein das, was hier wächst. Was an anderen Orten nicht einmal aufgehen könnte, trägt hier Früchte. Und wie die Erde, so bringt auch das Meer, das das Land umgibt, überaus reichlich alles hervor. Aber auch das, was die Götter in den Jahreszeiten an Gutem gewähren, auch dies alles beginnt hier zuerst und endet zuletzt. 4. Diesen überragenden Vorzug besitzt dies Land aber nicht nur in dem, was im Laufe eines Jahres blüht und vergeht, sondern es verfügt auch über Güter von immerbleibendem Wert. Von Natur gibt es in diesem Land nämlich im Überfluß Stein, aus dem die schönsten Tempel und Altäre erbaut und den Göttern die prunkvollsten Standbilder angefertigt werden; er ist bei vielen Griechen wie Barbaren begehrt. 5. Es gibt aber auch Land, das zwar keine Frucht trägt, wenn man dort aussät, das aber, wenn man in ihm gräbt, um ein Vielfaches mehr Leute ernährt, als wenn es Getreide trüge. Es ist nämlich sichtbar durch göttliche Fügung silberhaltig. Zu keiner der vielen Städte wenigstens, die uns auf dem Lande oder übers Meer nahe benachbart sind, reicht auch nur eine kleine Silberader. 6. Nicht ohne Grund könnte man aber meinen, unsere Stadt liege im Mittelpunkt Griechenlands und der gesamten bewohnten Erde. Denn je weiter man von ihr entfernt ist, um so widriger sind Kälte und Hitze, die man antrifft. Und alle, die von einem Ende Griechenlands zum anderen gelangen wollen, müssen zu Wasser oder zu Land an Athen wie am Mittelpunkt eines Kreisels vorbeikommen. 7. Und obwohl es nicht von Wasser umgeben ist, importiert es doch wie eine Insel aus allen Himmelsrichtungen alles, was es braucht, und exportiert, was es will; es grenzt nämlich an zwei Seiten ans Meer. Auch auf dem Landwege erhält es viele Waren, denn es liegt auf dem Festland. 8. Außerdem bereiten den meisten Städten benachbarte Nichtgriechen Unannehmlichkeiten. In der Nachbarschaft Griechenlands liegen dagegen Städte, die auch selbst sehr weit von den Nichtgriechen entfernt sind.

3. 1. Daß unsere Stadt auch für den Handel die meisten Annehmlichkeiten aufweist und die größten Gewinne ermöglicht, will ich jetzt darlegen. Erstens bietet sie den Schiffen zweifellos die schönsten und sichersten Liegeplätze, wo man nach dem Einlaufen unbesorgt um Sturm ruhig liegen kann. 2. Außerdem sind die Kaufleute in den meisten Städten gezwungen, Rückfracht zu laden, denn diese haben eine Währung, die anderswo nicht akzeptiert wird. In Athen steht zwar auch zur Rückfracht das meiste von dem, was immer Menschen brauchen, zur Verfügung, aber wenn die Händler keine Rückfracht laden wollen, so führen sie, wenn sie Silbergeld mitnehmen, ebenfalls eine gute Ware aus. Denn wo immer sie es ausgeben, überall bekommen sie dafür mehr als den ursprünglichenWert. 3. Wenn man ferner der Handelsbehörde einen Preis aussetzte (für den Beamten), der die Streitfälle am gerechtesten und schnellsten entscheidet, damit jemand, der abreisen will, nicht daran gehindert würde, dann dürften auch aufgrund dieser Maßnahme Kaufleute in beträchtlich größerer Zahl und bereitwilliger hier Handel treiben. 4. Es wäre ferner gut und ehrenvoll, Kaufleute und Reeder auch durch Ehrensitze im Theater auszuzeichnen und manchmal diejenigen zu einem Ehrenmahl einzuladen, von denen man glaubt, daß sie durch besonders gute Schiffe und Waren der Stadt Nutzen bringen. Denn die so Geehrten dürften nicht nur um des Gewinnes, sondern auch um der Ehrung willen wie zu Freunden herbeieilen. 5. Soviel ist klar: Je mehr Menschen sich hier niederlassen und hierherkommen, desto mehr Waren dürften auch eingeführt und ausgeführt, gekauft und verkauft und desto mehr Mieten und Steuern eingenommen werden. 6. Für solche Steigerungen der Einkünfte bedarf es keiner finanziellen Vorleistungen, sondern nur Volksbeschlüsse zum Wohl der betroffenen Menschen und fördernder Maßnahmen.

4. 17. Wenn nun meine Vorschläge ausgeführt werden, dann ist daran nur das neuartig, daß nach dem Vorbild der Privatleute, die sich aus dem Erwerb von Sklaven auf ewige Zeit fließende Einkünfte verschafft haben, jetzt die Stadt sich (so viele) eigene Sklaven erwirbt, bis auf jeden Athener drei Sklaven kämen. 18. Ob wir aber realisierbare Vorschläge machen, das soll, wer will, beurteilen, indem er jedes Argument einzeln prüft. Es ist doch klar, daß der Staat den Preis für die Sklaven besser aufbringen könnte als die Privatleute. In der Tat ist es für den Rat leicht, öffentlich bekanntzumachen, daß jeder, der will, Sklaven einführen soll, und diese dann zu kaufen. 19. Wenn sie aber gekauft sind, aus welchem Grunde sollte da jemand Sklaven weniger gern vom Staat als von Privatleuten mieten, wenn er sie unter denselben Bedingungen haben kann? Man pachtet ja auch heilige Haine, Heiligtümer, Häuser und Steuern von der Stadt. 20. Damit aber die (Zahl der) gemieteten Sklaven unverändert erhalten bleibt, hat der Staat die Möglichkeit, so wie bei den Steuerpächtern als Sicherheit von den Mietern der Sklaven Bürgen zu nehmen. Und Betrug ist für einen Steuerpächter ja leichter als für jemanden, der Sklaven mietet. 21. Denn wie sollte jemand auch nur entdecken können, daß Geld, das dem Staat gehört, beiseite geschafft wurde, da Geld in Privatbesitz doch genauso aussieht wie jenes (in Staatsbesitz). Wie könnte aber einer Sklaven unterschlagen, da diese doch mit dem Staatssiegel gezeichnet sind und demjenigen Strafe droht, der Sklaven verkauft oder ausführt? Soweit ist es nun offensichtlich der Stadt möglich, Sklaven zu kaufen und zu bewahren. 22. Wenn sich dagegen jemand darüber Kopfzerbrechen macht, wie sich, wenn es eine große Zahl von Arbeitskräften gibt, auch viele Mieter finden sollen, so soll er beruhigt sein und bedenken, daß viele von denen, die schon in den Bergwerken als Unternehmer tätig sind, die staatseigenen Sklaven noch hinzumieten werden, denn die Vorräte (an auszubeutendem Silber) sind noch groß. Es gibt aber sowohl viele gerade unter denen, die in den Bergwerken alt geworden sind, als auch viele andere, Athener und Fremde, die körperlich wohl weder arbeiten wollen noch können, die aber, indem sie ihren Kopf einsetzen, sich gerne ihren Lebensunterhalt verdienen dürften. 23. Wenn nun zuerst eine Zahl von 1200 Sklaven zusammengebracht wird, dann ist zu erwarten, daß sich in fünf oder sechs Jahren allein aus den Einnahmen, die sie erbringen, ihre Zahl auf nicht weniger als 6000 erhöht. Wenn nun jeder aus dieser Zahl täglich einen Obolos Reingewinn erbringt, dann beläuft sich die Einnahme auf 60 Talente im Jahr. 24. Wenn davon 20 Talente zum Kauf weiterer Sklaven verwendet werden, kann die Stadt die übrigen 40 Talente schon für andere jeweils notwendige Aufgaben verwenden. Wenn die Zahl (von Sklaven) 10000 erreicht ist, wird die Einnahme 100 Talente betragen. 25. Daß (die Stadt) ein Vielfaches davon einnehmen wird, das könnte man mir bestätigen, falls noch einige derer leben, die sich daran erinnern, was für eine Summe die Sklavensteuer vor den Ereignissen von Dekeleia erbrachte. Dafür gibt es aber auch noch jene Bestätigung: Obwohl unzählige Menschen die ganze Zeit hindurch in den Bergwerken gearbeitet haben, unterscheiden sich diese jetzt in nichts von dem Zustand, von dem unsere Vorfahren berichten. 26. Auch alle augenblicklichen Erfahrungen bestätigen, daß dort wohl niemals die Zahl der Sklaven den Bedarf für die Arbeiten in den Bergwerken übersteigen wird. Denn die Grabenden stoßen weder in den Schächten noch in den Stollen auf ein Ende. 27. Und darüber hinaus ist die Anlage neuer Gruben heute nicht weniger möglich als früher. Keiner könnte jetzt auch nur mit gesichertem Wissen sagen, ob in den Gebieten, wo schon früher Gruben angelegt sind, mehr Erz vorhanden ist als dort, wo es noch keine Gruben gibt. 28. Warum also, so könnte jemand fragen, eröffnen nicht auch jetzt viele Leute neue Gruben - so wie früher? Weil einmal die Bergwerksunternehmer jetzt ärmer sind, denn erst neuerdings richten sie wieder Gruben ein. Und außerdem geht der, der eine neue Grube eröffnet, ein großes Risiko ein. 29. Denn wer eine lohnende Ausbeutung findet, wird reich; wer aber nichts findet, der verliert alles, was er investierte. So zeigen unsere Zeitgenossen überhaupt keine Bereitschaft, dieses Risiko einzugehen. 30. Ich glaube jedoch, daß ich euch auch dazu einen Vorschlag machen kann, wie man mit dem geringsten Risiko neue Gruben eröffnen könnte. Bekanntlich sind die Athener in zehn Phylen eingeteilt. Wenn aber die Stadt jeder Phyle eine gleiche Anzahl von Sklaven zur Verfügung stellte und die Phylen, indem sie Erfolg und Mißerfolg teilen, neue Gruben eröffneten, dann dürfte, wenn nur eine von ihnen fündig würde, sie das zum Nutzen aller zutage fördern. 31. Wenn aber nur zwei, drei, vier oder die Hälfte fündig werden sollten, dann sind diese Gruben offensichtlich noch rentabler. Daß aber alle einen Mißerfolg haben, paßt zu keiner der bisherigen Erfahrungen. 32. Es besteht aber die Möglichkeit, daß sich auch Privatleute auf diese Weise zusammentun, Erfolg und Mißerfolg teilen und so mit geringerer Gefahr das Wagnis eingehen. Ihr braucht aber nicht zu befürchten, daß entweder der Staat, der sich so betätigt, die Privatleute schädigt oder diese den Staat. Nein, wie Bundesgenossen sich gegenseitig desto mehr stärken, in je größerer Zahl sie sich vereinigen, so auch in den Silberbergwerken: Je mehr Leute dort arbeiten, desto mehr Schätze werden sie finden und fördern. 33. Damit habe ich nun dargelegt, wie nach meiner Auffassung die Stadt wirtschaftlich organisiert werden müßte, damitfür alle Athener aus öffentlichen Mitteln ausreichend Unterhalt gewährt werden könnte. 34. Vielleicht aber rechnen sich manche Leute aus, daß man für alle diese Unternehmungen einen sehr großen Grundstock an Finanzmitteln benotigen werde, und glauben nicht, daß jemals genügend Geld aufgebracht werden könnte; aber auch bei diesen Bedenken sollen sie nicht den Mut verlieren. 35. Es ist nämlich nicht so, daß diese Maßnahmen entweder alle auf einmal durchgeführt werden müssen oder sonst nutzlos sind; sondern in welcher Anzahl auch immer Häuser oder Schiffe gebaut oder Sklaven gekauft werden, sofort wird dies von Nutzen sein. 36. Vielmehr ist es auch in folgender Hinsicht vorteilhafter, daß dieses Stück für Stück, als daß alles in einem Zuge ausgeführt wird; denn wenn wir alles auf einmal bauen sollten, dann dürften die Kosten höher und die Qualität schlechter sein, als wenn wir dieses Ziel Schritt für Schritt erreichen wollten. Wenn wir aber die volle Zahl der Sklaven (auf einmal) zu erwerben suchten, wären wir gezwungen, weniger gute und zu einem höheren Preis zu kaufen. 37. Wenn wir aber dies entsprechend unseren Möglichkeiten durchführten, dann könnten wir an dem, was richtig erkannt wurde, auch in Zukunft festhalten. Wenn aber irgend etwas sich als Mißerfolg erwiese, könnten wir die Hände davon lassen. 38. Hinzu kommt, daß wir die gesamten (erforderlichen Mittel) beschaffen müßten, wenn wir alle Maßnahmen auf einmal durchführen wollten. Wenn aber wohl ein Teil verwirklicht, anderes zurückgestellt würde, so würden die zunächst zur Verfügung stehenden Einkünfte zur Beschaffung der noch erforderlichen Mittel mit beitragen. 39. Auch die Befürchtung, die wahrscheinlich bei allen am größten ist, nämlich daß die Bergwerke überfüllt würden, wenn die Stadt zu viele Sklaven kaufte, auch diese Sorge dürften wir los sein, wenn wir nicht mehr Sklaven einsetzten, als die Bergwerke selber im Jahr erfordern. 40. Nach meiner Ansicht ist es daher auch am besten, so zu verfahren, wie es am leichtesten ist. Wenn ihr aber wegen der im jetzigen Krieg erhobenen Sondersteuern (Eisphorai) meint, daß ihr überhaupt nichts aufbringen könntet, so führt doch die Staatsverwaltung im kommenden Jahr mit dem gleichen Betrag, den die Abgaben vor dem Frieden erbrachten. Was sie aber durch den Frieden, durch unsere Förderungsmaßnahmen für die Metöken und Kaufleute, durch die Steigerung von Importen und Exporten als Ergebnis des verstärkten Zustroms von Menschen sowie durch die Erweiterung der Hafenanlagen und Marktplätze zusätzlich erbringen, das nehmt und legt es so an, daß daraus möglichst große Einnahmen entstehen. 41. Wenn aber einige befürchten, dieser Ausbau (der Bergwerke) könnte nutzlos werden, wenn ein Krieg ausbrechen sollte, so mögen sie folgendes bedenken.. wenn diese Maßnahmen durchgeführt werden, wird der Krieg für die Angreifer viel furchtbarer als für die Stadt. 42. Denn was von allem, das wir besitzen, kann an Nutzen für die Kriegführung Menschen übertreffen? Denn sie (die Sklaven in den Bergwerken) reichen aus, um auf Geheiß des Staates viele Schiffe zu bemannen, viele könnten auch als Fußtruppe dem Feind gefährlich werden, wenn man sie belohnt. 43. Ich rechne aber damit, daß man auch im Kriegsfalle die Silberbergwerke nicht aufzugeben braucht. Denn es gibt im Bergbaugebiet eine Festungsmauer an dem nach Süden hin (offenen) Meer bei Anaphlystos als auch eine an dem nach Norden (sich öffnenden) Meer bei Thorikos. Diese sind etwa 60 Stadien voneinander entfernt. 44. Wenn nun auch in der Mitte zwischen diesen beiden an der höchsten Stelle von Besa eine dritte Festung angelegt würde, dann würden die Bergwerke von allen diesen Mauern her zusammengefaßt, und jeder könnte sich auf kurzem Wege in Sicherheit bringen, wenn er das Nahen eines Feindes bemerkt. 45. Selbst wenn die Feinde in größerer ZahI kämen, würden sie sicher, falls sie Getreide, Wein oder Vieh außerhalb (der Festungen) vorfänden, diese Dinge rauben; wenn sie aber silberhaltige Erde in ihre Gewalt brächten, wie hätten sie zu ihrer Verwendung mehr als einen Haufen Steine? 46. Wie sollten überhaupt auch jemals Feinde bis zu den Bergwerken vordringen? Denn die nächste Stadt, nämlich Megara, ist viel weiter als 500 Stadien von den Silbergruben entfernt und die zweitnächste, Theben, viel weiter als 600 Stadien. 47. Falls sie nun von dorther zu den Bergwerken marschieren, dann werden sie an Athen vorbeiziehen müssen. Und falls sie nur wenige sind, ist zu erwarten, daß sie von Reiterei und Grenztruppen vernichtet werden. Aber mit einer großen Streitmacht anzurücken und dabei ihr eigenes Gebiet ungeschützt zurückzulassen ist riskant. Denn das Stadtgebiet Athens ist dann ihren Heimatstädten viel näher als sie selber, wenn sie sich bei den Silberbergwerken aufhalten. 48. Aber auch wenn sie kämen, wie könnten sie ohne Lebensmittel dort bleiben? Aber mit einem Teil (des Heeres) auf Proviantsuche zu gehen, gefährdet die Suchenden und das Ziel, um dessentwillen sie kämpfen; wenn aber immer alle auf Proviantsuche wären, dann dürften sie eher eingeschlossen sein als selbst einschließen. 49. Es wäre nun keineswegs nur die Miete von den Sklaven, die der Stadt den Unterhalt vergrößerte, sondern als Folge der Konzentration vieler Menschen im Bergwerksbetrieb gäbe es sicher durch den Markt auch in diesem Gebiet, durch die staatseigenen Gebäude bei den Silberbergwerken, die Schmelzöfen und alles andere auch viele Einnahmen. 50. Denn bestimmt dürfte (diese Ansiedlung) bei einem solchen Ausbau auch selber eine volkreiche Stadt werden. Und die Grundstücke dürften dort für ihre Besitzer nicht weniger wertvoll sein als für die, die am Rande der Stadt etwas besitzen. 51. Wenn meine Vorschläge in die Tat umgesetzt werden, so wäre, wie ich behaupte, die Stadt nicht nur an Geldmitteln reicher, sondern dürfte auch besser gehorchen und disziplinierter und kriegstüchtiger sein. Denn diejenigen, denen gymnastische Übungen aufgetragen sind, dürften sich diesen viel eifriger widmen, wenn sie in den Gymnasien reichlicher Lebensunterhalt bekämen, als sie von Gymnasiarchen für den FakkelTauf erhielten. Die, die als Besatzungen der Grenzfestungen, als Leichtbewaffnete oder Grenzpatrouillen eingeteilt sind, dürften dieses a{les lieber tun, wenn hei jeder dieser Tätigkeiten der Unterhalt entrichter würde.

5. 1. Wenn es aber als unbestritten gilt, daß Frieden herrschen muß, wenn alle Einkünfte aus der Stadt einkommen sollen, ist es da nicht angebracht, auch Beamte zur Aufrechterhaltung des Friedens einzusetzen? Denn wenn wir uns ein solches Amt geben, so dürfte dies unsere Stadt für alle Menschen viel beliebter und einladender, um dorthin zu kommen, machen. 2. Wenn aber einige der Ansicht sind, die Stadt werde weniger mächtig, weniger ruhmreich und in Griechenland weniger geachtet sein, wenn sie fortwährend Frieden hält, dann hegen sie meiner Auffassung nach falsche Vorstellungen. Denn ohne Zweifel gelten die Städte als die glücklichsten, die am längsten in Frieden leben; unter allen Städten hat aber Athen die besten natürlichen Voraussetzungen, um sich im Frieden günstig zu entwickeln. 3. Denn wer, angefangen mit den Reedern und Kaufleuten, ist nicht auf die Stadt angewiesen, wenn sie nur Frieden hält? Etwa nicht diejenigen, die viel Getreide, viel oder süßen Wein anzubieten haben? Und wie steht es mit denen, die über viel Öl und viel Vieh verfügen, und mit denen, die mit Verstand und Geld sich Gewinne zu verschaffen verstehen? 4. Und weiterhin mit den Handwerkern, Sophisten, Philosophen; mit Dichtern, den (ausübenden Künstlern), die deren Werke interpretieren, und denen, die sehens- und hörenswerte sakrale und profane Darbietungen gerne miterleben? Aber auch die, die schnell viele Dinge verkaufen oder kaufen wollen, wo könnten sie es besser als in Athen?
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11. Falls aber jemand meinen sollte, daß für Finanzen ein Krieg der Stadt mehr einbringe als Friede, so weiß ich nicht, wie man das besser beurteilen könnte, als wenn man genau betrachtet, welchen Ausgang die früheren Ereignisse für die Stadt genommen haben. 12. Man wird nämlich feststellen, daß früher in Friedenszeiten sehr viel Geld in die Stadt floß, im Krieg dies alles aber verbraucht wurde. Ferner wird man bei genauer Betrachtung erkennen, daß auch jetzt durch den Krieg viele Einnahmen ausblieben und die eingegangenen für viele Zwecke mit unterschiedlichster Bestimmung ausgegeben wurden, seit aber auf dem Meer Friede hergestellt ist, auch die Einkünfte gestiegen sind und es den Bürgern freisteht, sie nach Belieben zu verwenden. 13. Sollte mich aber jemand fragen: ,,Behauptest du etwa auch, man solle selbst dann, wenn jemand unserer Stadt Unrecht zufügt, Frieden halten?", so würde ich das verneinen; ich behaupte vielmehr, daß wir solche viel schneller bestrafen könnten, wenn wir nicht angefangen haben würden, von uns aus jemand Unrecht zuzufügen; dann hätten sie (unsere Gegner) nämlich keine Bundesgenossen.


Bearbeitungsstand: 7. Mai 2012.

Autor des WWW-Skripts: Christian Gizewski, Prof. Dr., TU Berlin, Fakultät I, Alte Geschichte, FG Geschichte, Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP:christian.gizewski@.tu-berlin.de