Kap. 2 - Einleitung II:

Übersicht über Rahmenbedingungen, Techniken, Medien und Fundi öffentlicher Argumentation in Griechenland und Rom. 

 INHALT

1. Allgemeine kulturelle Rahmenbedingungen im Hintergrund der antiken Entwicklung öffentlicher Argumentation.

2. 'Öffentlichkeit' in der griechisch-römischen Antike und die Anwendungsbereiche öffentlicher 'Argumentation'.

3. Techniken öffentlicher Argumentation in der Antike.

a) Techniken öffentlicher Rede (Rhetorik).

b) Techniken des geschriebenen Wortes (Publizistik, Gesetzessprache, Literatur).

c) Techniken öffentlicher Argumentation mit den Ausdrucksmitteln des Zeremonien- und des Theaterwesens.

d) Techniken öffentlicher Argumentation mit den Ausdrucksmitteln der Baukunst und der Bildenden Kunst.

e) Techniken öffentlicher Argumentation mit den Ausdrucksmitteln der Musik.

4. Medien (Institutionen) der öffentlichen Argumentation.

5. Verschiedenartige Fundi öffentlichkeitswirksamer Ideen, Topoi, Bilder, Klänge und Informationen in ihrem Bezug zur allgemeinkulturellen Entwicklung.

a) Religion und Mythologie.

b) Rechtliche und politische Wert- und Ideenwelt.

c) Philosophie und Logik.

d) Historisches, geographisches und ethnographisches Wissen.

e) Alltags-, Zeit- und Weltwisssen aller Art, vor allem in seiner topischen Form (Sprichwörter, Lebensweisheiten, Gerüchte, Vorurteile).

f) Bilder-Fundi.

g) Musikalische Fundi.

6. Literatur, Medien, Quellen.

 1. Allgemeine kulturelle Rahmenbedingungen im Hintergrund der antiken Entwicklung öffentlicher Argumentation.

Es ist im vorliegenden Themenzusammenhang nicht möglich und auch nicht beabsichtigt,- sei es auch nur überblicksweise - auf die vielen Aspekte der allgemeinkulturellen Entwicklung der Sprache, Schrift und Literatur, der Bildenden und der Baukunst, der Musikkunst und -theorie, des Theater- und Zeremonienwesen einzugehen. Es können hier nur einige kurze Bemerkungen dazu gemacht werden.

a) Die 'öffentliche Argumentation' als historisches Phänomen setzt einmal eine in einem bestimmten 'öffentlichen Raum' verbreitete Sprechsprache voraus, in der eine öffentliche Meinungsbeeinflussung vor sich gehen kann.

b) Die Entwicklung der Techniken öffentlicher Meinungsbeeinflussung setzen - im Vorbereitungsstadium oder im Publikationsstadium - in vielen Aspekten den Einsatz der Schrift voraus oder machen sie doch im Interesse einer erheblichen Wirksamkeitssteigerung sinnvoll (Beispiele: die 'inventio' und das Memorieren bei der Redevorbereitung, die literarische Publizistik, die Fertigung von Skizzen und die Notierung von Konzepten bei der Bauplanung, musikalische Notierungen, 'Szenarien' und Rollentexte für Theateraufführungen usw.). Die differenzierte kulturelle Entwicklung der griechischen und ihr folgend der römischen Antike in all diesen Bereichen zu hohen geisteskulturellen Leistungen im Rahmen besonderer Traditionen, Schulen und Gattungen ist eine in starkem Maße schriftkulturell basierte.

 Ein Beispiel schriftkultureller Flankierung antiker Musik: die Notierung des 'Seikilos-Liedes':
 

c) Die für die öffentliche Meinungsbeeinflussung genutzten Techniken setzen zumindest teilweise hochartifizielle, besonders kunstgerechte Darstellungsmittel mit hohem 'Prestigewert' ein, um damit besonders wirksam zu handeln oder auch politisch-repräsentativ zu beeindrucken. Das läßt sich für die griechische und römische Antike besonders deutlich etwa in der politisch motivierten Prosa und Poesie, in der Bildenden Kunst und in der Archititektur zeigen.

2. 'Öffentlichkeit' in der griechisch-römischen Antike und die Anwendungsbereiche öffentlicher 'Argumentation'.

Im Griechischen und Lateinischen bedeuten die Worte 'politikos' bzw. 'publicus' ungefähr das, was wir im Deutschen heute unter 'öffentlich' verstehen. Dabei geht es um die 'Angelegenheiten des Gemeinwesens', das 'allgemeine Wohl' oder die 'Interessen der Gesamtheit' eines 'Volkes', das vor allem durch Institutionen der Willensbildung und Entscheidung in Fragen gemeinsamer Interessenbehauptung, i. w. S. obrigkeitlichen oder amtlichen Handelns und rechtlicher Ordnung zu einer Einheit verbunden ist. Im Griechischen und Lateinischen haben demgegenüber konträre Bedeutungen die Worte 'idios' und 'privatus', die ungefähr dem heutigen deutschen Wort 'privat' entsprechen. Sie beziehen sich auf verschiedenartige, in gewissem Umfang 'autonom' gebildeter Meinungen und getroffener Entscheidungen, etwa in einer 'häuslichen', in einer weiteren 'verwandtschaftlichen' und in einer 'privatgeschäftlichen' Sphäre (wie z. B. bei einem rechtswirksam erstellten Testament oder bei einem unter Privatleuten abgeschlossenen Vertrag). Zur 'öffentlichen Sphäre' gehören in der Antike die staatlichen Einrichtungen, in denen etwa über Krieg und Frieden, die Steuererhebung und -verwendung, über Recht, Ordnung und Sicherheit beraten und beschlossen wird, die Gerichte, aber auch die Örtlichkeiten und Gelegenheiten, bei denen über den 'privaten Bereich' hinaus Meinungsäußerungen und Willensbekundungen in öffentlichen Angelegenheiten stattfinden: zum Beispiel im Reden auf dem 'Marktplatz', in den 'Synagogen' und 'Kirchen', aber auch bei der 'Publizierung' von Schriften.

Beratung und Beschlußfassung in öffentlichen Angelegenheiten erfordern unter den dazu Berechtigten die 'Argumentation'. Argumentation ist das wirksame Vorbringen von Informationen und Motiven, die Bezugnahme auf gemeinsame Werte und Gefühle, gemeinsame Traditionen und Erlebnisse, gemeinsames Wissen und allgemeine Einsichten zu dem Zweck, ein bestimmtes Anliegen im öffentlichen Bereich zu vertreten und durchzusetzen. Je mehr die breite Bürgerschaft eines antiken Gemeinwesens - und nicht, wie zumeist, nur ein kleinerer Teil tonangebender Bevölkerung - in die Beratung und Beschlußfassung über 'öffentliche Angelegenheiten', in die Gerichtstätigkeit und in die rechtlichen Möglichkeiten 'freier Meinungsbildung' (griechisch: 'parrhesia') einbezogen ist, um so mehr bedarf es der öffentlichen Argumentation. In der klassischen griechischen Polis, insbesondere in Athen, und in Rom gibt es - im Laufe ihrer Geschichte zeitweilig, in gewissem und auch unterschiedlichem Maße - eine relativ ausgeprägte Notwendigkeit öffentlichen Argumentierens, mit der in direktem Zusammenhang die Entwicklung der praktisch-politischen Bedeutung rhetorischer Fähigkeiten und die theoretische Entwicklung der 'Redekunst' (Rhetorik) steht. Parallel dazu entwickeln sich, wie in Kap. 1 angesprochen, die Techniken der Nutzung anderer öffentliche Ausdrucksformen. 

3. Techniken öffentlicher Argumentation in der Antike.

Wie oben dargelegt, ist selbst ein nur kurzer historischer Überblick über die gesamte Entwicklung in der griechischen und römischen Geschichte hier nicht möglich. Es können nur exemplarisch einige Aspekte der Entwicklung für die einzelnen Techniken öffentlicher Argumentation hervorgehoben werden.

a) Techniken öffentlicher Rede (Rhetorik).

Die rhetorische Technik wurde bereits in Kap. 1 (Übung 1, Rede des Perikles) exemplarisch angesprochen. Daß sie kulturell adaptiert werden kann, von dem sprachlichen System (Griechisch bzw. Lateinisch) abhängt, in dem Redner agieren, und dann eine allmähliche, über Generationen gehende Entwicklung, auch im Sinne einer Optimierung für ihre öffentlichen Zwecke durchläuft, geht darüber hinaus anschaulich aus einer Textpassage über die römische Rhetorik in der 'Institutio oratoria' ('Unterweisung in der Redekunst') des dem 1. Jht. n. Chr. angehörenden prominenten römischen Rhetorik-Lehrers Quintilian hervor. Quintilian erörtert dies im wesentlichen durch einen Vergleich zwischen Demosthenes und Cicero, den beiden im griechischen und im römischen Sprachraum hochangesehenen öffentlichen Rednern. Er geht aber auch auf die Wirksamkeitsgrade des Redens verschiedener anderer römischer Redner und ihre Ursachen ein. Deutlich wird das stets zentrale Wirkungsziel der öffentlichen Rede: der in einer konkreten Redesituation 'unwiderlegliche' ('vis') Überzeugungsschein ('auctoritas'). Die verschiedenen Wege zu einem Ziel (z. B. Knappheit -oder Ausführlichkeit der Darlegungen, konfrontativer oder ausführlich begründender Vortrag, Sachlichkeit oder Einsatz von Witz, Ironie und Gefühl usw.) werden angesprochen; ebenso die begabungsbedingten und errworbenen Stärken und Schwächen der Rednerpersönlichkeit: als Vorteile Gedanken- und Einfallsreichtum (ingenium), Geschick und Sorgfalt der Vorbereitung der Argumente und Wortwahl (diligentia), ein gedanklich und sprachlich beeindruckender, ggf. glanzvoller und eleganter Vortrag (nitor, iucunditas, urbanitas), als Nachteile etwa eine übermäßige Selbstkritik, die den persönlichen Redeimpetus sich nicht entfalten läßt, oder eine künstlich wirkender, zu stark ausgearbeiteter Sprachgebrauch (z. B. bei der Anwendung von Metaphern). - Die hier für die Rhetorik gemachten Ausführungen können prinzipiell auf alle anderen Techniken öffentlichen Ausdrucks in Rom übertragen werden: sie sind stark durch die griechische Kultur beeinflußt, machen aber auch eine eigene 'römische' Entwicklung unter den jeweiligen Rahmenbedingungen 'römischer Öffentlichkeit' z. Zt. der Republik und der Kaiserherrschaft durch und haben ein durchweg hohes, von den jeweiligen mitwirkenden Künstlern oder Technikern des öffentlichen Ausdrucks mitbestimmtes artifizielles Niveau, das ihre Wirksamkeit zu sichern pflegt.

Zur Veranschaulichung: die Beschreibung der Qualitäten römischer Redner im Vergleich durch Quintilian.
 

b) Techniken des geschriebenen Wortes (Gesetzestexte, hohe Literatur, Gebrauchspublzistik).

Die argumentatorische Beeinflussung der Öffentlichkeit mit schriftlichen Mitteln tritt in vielen Gattungen des Schriftausdrucks hervor. Einige von ihnen lassen sich etwa als 'Gesetzes-, Anordnungs- und Vertragstexte', als 'hohe Literatur' (i. S. eines ästhetisch differenzierten Kunstbegriffs) oder als 'politische Gebrauchspublizistik' zusammenfassen. Diese Einteilung ist weder systematisch noch erschöpfend; sie soll nur den Blick auf einige Bereiche der Schrifttätigkeit lenken, in denen eine argumentatorische Beeinflussung einer Öffentlichkeit besonders ausgeprägt ist..

Im Typus des schriftlichen Gesetzes tritt das paradigmatisch hervor: es will in unmißverständlicher und beeindruckender Weise eine Verhaltensregel vorschreiben und dabei den Adressaten gegenüber einschränkungslos gelten und sich durchsetzen. Es setzt in gewissem Umfang eine schon vorhandene Loyalität bei den Adressaten voraus. Andrerseits muß es diese aber besonders dann neu sichern, wenn ein Gesetzeswille auf konträre Interessen triftt, die dazu neigen ihn zu ignorieren, ihm auszuweichen oder gar ihm entgegenzuhandeln. Das Gesetz muß daher vor allem dann eindrucksvoll in seiner Publikationsform, unerbittlich in seinem Geltungswillen und in seinen Motiven - im Sinne des rhetorischen Persuasionsscheins - überzeugend sein. Ein Beispiel von unübersehbar vielen dafür sei hier (zu 1) das zu Beginn des. 4. Jhts. n. Chr. entstandene 'Preisedikt Diokletians', dessen Pärambel in einem Auszug wiedergegeben wird. Es stellt einen aus Sicht des Kaisers untolerablen Mißbrauchszustand des Preiswuchers fest und begründet gegen diesen ein Vorgehen mit aller Härte. Der Eindruck bei der Lektüre ist noch heute überzeugend - allerdings nur i. S. des rhetorischen Überzeugungsscheins; denn eine historische Analyse ergibt, daß - neben berechtigten Gründen, die das Gesetz gehabt haben mag, in seiner Formulierung jedenfalls auch eine ('volkswirtschaftlich') verkürzende Begründung, insbesondere eine Personalisierung und Moralisierung der Ursachen, und generell ein 'Pathos der obrigkeitlichen, gerechten Strenge' festzustellen ist. Das sind Argumentationsmittel, die auch in der öffentlichen Rede gern eingesetzt werden, unabhängig davon, ob das sachliche Recht auf ihrer Seite steht oder nicht. - Die römische Gesetzessprache macht - auch mit ihren 'rhetorischen' Aspekten - eine mehrhundertjährige, in den Quellen teilweise sehr gut belegte Entwicklung durch. In den einzelnen Epochen wird eine große Bedeutung der jeweiligen schriftlichen Rechtssetzung, -feststellung und -argumentation in ihrer Wirkung auf ihre Öffentlichkeit erkennbar.

Daß sich 'hohe Literatur' als ästhetisch-künstlerisch perfektionierte Form des Schriftausdrucks mit i. w. S. politischen Interessen und Zielen verbinden, daß sich ihre Autoren herrschaftlichen Zwecken unterwerfen oder aus eigener Überzeugung politische Ziele vertreten können, steht zwar - auch schon in der Antike - mit dem Prinzip 'freier' Geistigkeit ('artes liberales') gelegentlich in unlösbarem Widerspruch, kommt aber nichtsdestoweniger ständig vor und ist sogar im Interesse politischer Botschaften unerläßlich, sofern diese nach einem künstlerisch perfekten, d. h. auch hochwirksamen öffentlichen Ausdruck streben. Zufällig gewähltes Beispiel dafür sei der Schlußteil der zur Zeit des Augustus entstandenen Dichtung 'Metamorphosen' Ovids, in der mythologische und historische Beispiele einer 'Verwandlung' von Menschen mit hoher Kunst und hohem dichterischem Anspruch gestaltet werden. Im Schlußpassus des Werks, der hier (zu 2) zitiert wird, nimmt Ovid für den ermordeten Caesar Partei, dessen Vergöttlichung er ins Bild faßt, und bekennt sich damit nicht nur zur Idee eines römischen Kaisertums, wie es Augustus in der Nachfolge Caesars gegründet hat. Vielmehr bekennt er sich auch zu Augustus persönlichen, eine Divinisierung voraussagenden Herrscherqualitäten - und seiner zeitweilig moralisch recht skrupellosen und insoweit auch nach antiken Maßstäben dem Gedanken einer 'Divinisierung' entgegenstehenden- Machtpolitik. Er gibt damit eine Art Loyalitätsbekenntnis zum Kaiser ab - nichts Ungewöhnliches in den gesellschaftlichen und geistigen Umständen seiner und anderer Epochen. Er verfolgt mit diesem Bekenntnis darüberhinaus einen praktischen Zweck. Im Jahre 8 n. Chr. von Augustus angeblich wegen dessen Zorn über das Werk 'Ars amatoria' nach Tomi am Schwarzen Meer verbannt, läßt er nach seiner Abreise das Werk 'Metamorphosen' in Rom veröffentlichen, um die Sympathie des Kaisers wiederzugewinnen. - Auf das Typische , d. h. auch das Übliche und Häufige, in der Verbindung von Dichtung und politischem Ausdrucksakt ist dabei ausdrücklich hinzuweisen.

Aus der politischen Gebrauchspublizistik - von Briefen, Denkschriften, Abhandlungen, Protokollen, Inschriften u. v. a. - sei hier (zu 3) als Beispiel eine polemische Schrift Senecas (d. J.) mit einem Passus zitiert. Diese Schrift hat auch künstlerisch-literarische Qualitäten; doch steht ihr politischer Gebrauchszweck wohl im Vordergrund ihrer Verwendung: sie dürfte in Hof- und Senatorenkreisen kursiert sein. Nach dem Tode des - dem nicht belegten Gerücht nach vergifteten - Kaisers Claudius tritt Seneca, dessen Stellung am Hofe zu dieser Zeit unumstritten einflußreich ist, dem Gedanken einer 'Divinisierung' dieses Kaisers in einer Spottschrift entgegen, in der er die Untugenden und Unfähigkeiten dieses Kaisers brandmarkt. Insbesondere wird dessen Verantwortung für verschiedene Mordaktionen hervorgehoben - möglicherweise als implizite Rechtfertigung einer Beseitigung des Claudius selbst in einer Hofintrige. Diese Schrift - im Zusammenwirken mit der Ablehnung, die gegen Claudius auch anderwärts in Hofkreisen besteht - dürfte ein Grund dafür gewesen sein, daß zu Ehren des Claudius z. Zt. seines Nachfolgers Nero kaum Handlungen des Kaiserkults vorgenommen werden. Hier zeigt sich exemplarisch, welche Wirkungen solche Schriften entfalten können. Es wird ferner deutlich, daß auch in der Antike polemische Schriften ein wirksames Gegenmittel gegen politisch-panegyrische oder gar -divinisierende Überhöhungstraditionen für bestehende Herrschaftsverhältnisse sind, wenn diese aus veränderten Interessenlagen heraus nicht mehr akzeptiert werden; im Nebenaspekt wir dabei auch eine begrenzte Glaubhaftigkeit antiker politischer Divinisierungskonzepte deutlich.

Beispiel schriftlicher öffentlicher Argumentation

1) in der Präambel eines den freien Handel belastenden kaiserlichen Preisedikts: Edictum Diocletiani,

2) in einem Stück politisch-panegyrischer Dichtung: Apotheose Caesars,

3) in einem Stück politisch-polemischer Publizistik: Apocolocyntosis.

 

c) Techniken öffentlicher Argumentation mit den Ausdrucksmitteln des Zeremonien- und des Theaterwesens.

An der Vielfalt und der Entwicklung der öffentlichen Zeremonien der Antike, seien sie nun mehr politischer, militärischer oder religiöser Art, und anderer öffentlicher Veranstaltungen wie denen des Theaterwesens, bleibt nur ihr 'dramtischer' Ausdruckscharakter das abstrakt Gemeinsame. In ihm verbindnen sich verschiedene Ausdrucksformen - Rede, Bildausdruck, Musik, Gestik - miteinander jeweils zu einer gesteigerten Wirkung und erzeugen besonders wirksame Ausdrucksakte. Als Beispiele aus dem römischen Bereich seien hier die Begräbniszeremonie für Angehörige der Aristokratie nach der Darstellung des Polybios und der 'Triumph' siegreicher Feldherren, wie er in einem Triumphbogen - hier dem 'Titus-Bogen' in Rom 'Rest' baulich überliefert ist, angeführt. Die Schilderung der Begräbniszeremonie durch Polybios hebt ihre Wirksamkeit im Rahmen der ständigen Selbstbestätigung eines aristokratischen Selbstverständnisses ausdrücklich hervor. Die Anlage und die Details des Titusbogens machen den Zusammenhang zwischen Triumphalzeremonie und politisch-historischem Selbstverständnis des römischen Staates deutlich: in der gemeinschaftlichen Erinnerung an die Staatsgeschichte, die sich aus 'Monumenten' dieser und anderer Art zusammensetzt und im vorliegenden Fall etwa das Verhältnis Roms zu Iudaea auch in einer längeren Perspektive festlegt. Die Lage des Titus-Bogens im zentralen Foren- , Tempel- und Palastkomplex Roms, am östlichen Ende Via sacra, macht seine beabsichtigte Wirkung deutlich.

 Beispiele öffentlicher Zermonien:

1) die Bestattung römischer Nobiles im 2. Jht. v. Chr. nach dem Bericht des Polybios,

2) der römische Triumph. Abbildungen vom Titus-Bogen in Rom: Titus-Bogen 1, 2 und 3. Seine Lage im städtischen Zentrum: Kaiserforen in Rom.

Abb. und Karte zu 2 entnommen aus: Filippo Coarelli, Rom. Ein archäologischer Führer, übersetzt von Agnes Allroggen-Bedel, Freiburg, Basel, Wien, 1980; S. 68; Großer Atlas zur Weltgeschichte, hg. von H. E. Stier u. a., München 1990, S. 22 (Neuauflage: Braunschweig 1997 - Sept)., mit Genehmigung der Westermann Schulbuchverlag GmbH, Braunschweig, S. 33.

 

d) Techniken öffentlicher Argumentation mit den Ausdrucksmitteln der Baukunst und der Bildenden Kunst.

Die bereits in Kap. 1 (Übung 2 - 'Nike von Samothrake') exemplarisch angesprochene bildliche Ausdrucksform, die mit Mitteln der Bildenden Kunst und der Architektur arbeitet, tritt mit der Funktion öffentlicher Argumentation typischerweise etwa in Monumenten, in Tempeln und öffentlichen Gebäuden der Antike hervor; doch ist diese Aufzählung weder systematisch noch vollständig. Die hier präsentierten Textpassagen aus der um 180 n. Chr. entstandenen 'Reisebeschreibung' ('Perihegesis') Griechenlands des Pausanias sind in exemplarischer Absicht aus der Fülle der antiken bau- und kunstgeschichtlichen Quellen herausgegriffenen. Sie sollen verdeutlichen, wie in sakralen und profanen Plastiken und Bauwerken Athens und Delphis politische Botschaften in verdichteter Form an zentralen Stellen des öffentlichen Raumes - auf der Akropolis, auf einer athenischen Agora oder im heiligen Bezirk Delphis - zum Ausdruck kommen. Besonders deutlich wird dabei auch die Verbindung politischer, historischer, mythologischer und religiöser Bildideen. Diese wurde auch für die spätere römische und die abendländische Tradition in vielen Zügen prägend.

Beispiele politischer Aussagen durch sakrale und profane Bauwerke und Bilder in Athen und Delphi nach dem Bericht des Pausanias (2. Jht. n. Chr.).

Plan Athens und Delphis im 5. Jht. v. Chr..

Karten zu 2 entnommen aus: Großer Atlas zur Weltgeschichte, hg. von H. E. Stier u. a., München 1990, S. 22 (Neuauflage: Braunschweig 1997 - Sept)., mit Genehmigung der Westermann Schulbuchverlag GmbH, Braunschweig, S. 12 und 17.

 

e) Techniken öffentlicher Argumentation mit den Ausdrucksmitteln der Musik.

Die bereits in Kap. 2 (Übung 2 - 'Hymne an Nemesis') exemplarisch angesprochene musikalische Ausdrucksform für die Übermittlung politischer Botschaften hat in der Antike sicherlich in großem Umfang Anwendung gefunden. Allerdings ist die Zahl der notiert überlieferten Musikbeispiele aus der Antike relativ gering, und diejenigen, in denen auch ein politisches Motiv angenommen werden kann, sehr selten. Siehe dazu auch: Skizze zur antiken Musik. Um so wichtiger sind für unsere Einschätzung dieser Seite die in größerer Zahl vorhandenen 'musiktheoretischen' Textquellen der Antike, die u. a. gelegentlich auch eine öffentliche Wirkung der Musik beschreiben und sich darüber äußern, wie man diese Wirkung gezielt einsetzen kann. Ein solcher Text ist die im folgenden zitierte Passage aus Platons 'Politeia', die zwischen 387 und 347 v. Chr. - eine genauere Datierung ist nicht möglich - entstanden sind; d. h. aber immerhin: in einer Zeit in der die klassische Größe Athens vorbei, viele politische Probleme an der Tagesordnung, Athen aber noch eine unabhängige Polis ist. Das Nachdenken des platonischen Dialogs gilt an dieser Stelle den ethischen Implikationen und Wirkungen musikalischen Ausdrucks und seiner Nützlichkeit für die Belange eines vernünftig geordneten Staatswesens (als sog. 'musikalische Ethos-Lehre'), das anstelle des real existierenden, imperfekten immerhin gedacht werden kann. Die Ausführungen über dem Gemeinwesen zuträgliche bzw. dekadent-verweichlichende Tonleitern und Metren stellen - unabhängig davon, ob sie übertrieben oder gar kenntnisarm sind - eine interessante Form der Kulturkritik an öffentlich dargebotener, zumeist neuverbreiteter Musik dar, wie wir sie auch in anderen Epochen und gegenüber anderen neuernden Ausdrucksformen im öffentlichen Raum finden. Daß in der Antike eine Theorie wie die von Platon entwickelte 'musikalische Ethos-Lehre' nicht unwidersprochen blieb, zeigt jedoch der sog. 'Hibeh-Papyrus', ein kurzes Textfragment eines unbekannten Autors, das dem 3. Jht. v. Chr. zugeschrieben wird und die Auffassung, Tonleitern und Metren könnten etwas mit Ethos zu tun haben, als absurd verwirft; dazu eingehender: W. D. Anderson, Ethos and Education in Greek Music, wie Lit.-Hinweise unten zu zu P. 6, S. 147 ff. Es wäre andrerseits der Sache nicht ganz angemessen, Platons Kritik etwa nur aus einem 'starren Traditionalismus' zu erklären und nicht auch in ihrem möglichen Aussagekern richtig verstehen zu wollen..Sie richtet sich möglicherweise auch gegen 'neue emotionale Formen' ihrer Zeit, die - wie ähnliche Phänomene anderer Epochen - mit 'neuen Formen' des 'Zeitgeistes' oder der politischen Ideologie einhergehen, aber eine sprachliche Auseinandersetzung mit konträren (z. B.'traditionellen') Positionen öffentlichen Bewußtseins im öffentlichen Raum aus verschiedenen denkbaren Gründen meiden oder taktisch umgehen. Die Antipathien des platonischen Dialogs könnten sich etwa gegen den 'Lebensstil' des von Platon an anderer Stelle als 'dekadent' kritisierten 'demokratischen Menschen' richten (vgl.(rep. 8. 560 a - 561 d).

 Philosophisches Nachdenken über die öffentlichen Wirkungen der Musik in der 'Politeia' Platons.
 

4. Medien (Institutionen) der öffentlichen Argumentation.

Die Institutionen, denen es in der Antike vor allem zukommt oder zufällt, auf die Bildung der öffentlichen Meinung Einfluß zu nehmen, sind einerseits staatliche Einrichtungen wie die politischen Beschlußorgane, die Gerichte und die Ämter oder Amtskollegien, z. B. griechischer Poleis oder der römischen Republik, aber auch Höfe und Herrscherhäuser, wie in den Monarchien des griechischen und römischen Bereichs. Daneben gibt es die organisatorischen Bildungen verschiedener Art des gesellschaftlichen Lebens, die über die Privat- und Privatverkehrssphäre hinaus handelnd als ständische Verbindungen, gesellschaftliche Zirkel, Schulen oder Korporationen verschiedener Art indirekt an der Erörterung und Vorbereitung der Beschlußfassung der staatlichen Organe teilnehmen. Sie wirken vielfältig auf sie ein, und aus ihnen kommen notwendigerweise die Exponenten für die länger- oder kürzerfristigen Parteibildungen dort. Politische Vereine oder Parteien im neuzeitlichen, nämlich dauerhaften und verfassungsnahen Sinne kennt die Antike allerdings nicht und ebensowenig privat- oder öffentlichrechtliche Einrichtungen zur dauernden und systematischen Öffentlichkeitsbeeinflussung ('Information' und 'Meinunsgbildung') wie die verschiedenen heutigen öffentlich- oder privatrechtlich organisierten Instanzen des Presse-, Film-, Rundfunk- und Fernsehwesens. Eine wichtigere Rolle in diesem Zusammenhang spielen in der Antike demgegenüber jedoch Persönlichkeiten, die in die öffentliche Diskussion eingreifen oder sonst in ihr Beachtung finden: prominente Politiker - besonders die der Rhetorik mächtigen - und andere, etwa aufgrund ihres Reichtums, ihrer Herkunft oder ihrer Verdienste angesehene und einflußreiche Personen, und nicht zuletzt diejenigen, die als Autoren mit schriftlichen Publikationen an die Öffentlichkeit treten (wie Dichter, Dramaturgen, Historiker, Juristen oder christlichen Theologen); auch Künstler der Bildenden Kunst (wie z. B. Phidias in Athen), Architekten, Schauspieler und Musiker können zeitweilig oder auf längere Sicht eine solche Position einnehmen.

5. Verschiedenartige Fundi öffentlichkeitswirksamer Ideen, Topoi, Bilder, Klänge und Informationen in ihrem Bezug zur allgemeinkulturellen Entwicklung.

Wie schon in Kap. 1 angesprochen, spielt in der öffentlichen Argumentation auch der Antike typischerweise nur ein kleiner Teil dessen eine argumentative Rolle, was sich dem menschlichen Bewußtsein erschließt und worüber es zu sprechen vermag. Die öffentliche Argumentation greift auf quantitativ relativ begrenzte 'Fundi' bekannter und als allgemeinverständlich und wirksam bewährter Argumentationsinhalte zurück und sieht sich zumeist nur aus Gründen der Mode oder der taktischen Überraschung zu einem Abweichen von bewährten Mustern veranlaßt. Ihre Inhalte haben allerorten, wo zweckmäßig, eher einen 'stereotypen' oder 'schlagwortartig' verkürzenden Charakter. Aus diesem Grunde eignen sich auch die Mittel bildlichen oder musikalischen Ausdrucks in besonderem Maße zur Übertragung oder Unterstützung politische Botschaften, die sich an einen weiten Adressatenkreis wenden oder bei denen ein differenzierter sprachlicher Ausdruck nicht nur unnötig, sondern dem zu erreichenden Zweck sogar unangemessen erscheint.

a) Religion und Mythologie.

Aus der Fülle und veränderlichen Vielfalt antiker Religionsvorstellungen und -praktiken sind im Rahmen der öffentlichen Argumentation in antiken Gemeinwesen naturgemäß besonders diejenigen von Bedeutung, die die Geschichte und das Selbstverständnis, das gottgewollte Schicksal und die Verdienste eines Gemeinwesens oder eines Herrscherhauses betrreffen: die Mythologie der Götter, die einer Stadt oder einem Herrschergeschlecht nahestehen, die Heroen-und Gründungslegenden, an die religiöse Selbstbilder der Gemeinwesen und Herrscherhäuser anknüpfen. Von Wichtigkeit ist auch die mythologische Allegorisierung politischer Werte oder Ideen (z. B. der Ideen von 'Nike' und 'Tyche'). Diese Elemente politischer Religion und Mythologie bleiben zwar in aller Regel in den Rahmen der allgemeinen religiösen Vorstellungen und Praktiken eingebunden, treten aber bei Bedarf zu Zeiten ggf. deutlich hervor (Beispiel: die nur gelegentlich, dann aber deutlich politischen Themen der griechisch-attischen Tragödien; das zwar begrenzt, aber gelegentlich sehr deutlich hervortretende Element politischer Mythologie im städtbaulichen Bild und in der plastischen Kunst antiker Städte wie Rom oder Athen).

b) Rechtliche und politische Wert- und Ideenwelt.

Die rechtliche Ordnung eines antiken Gemeinwesens mit allen ihren für das öffentliche Leben wichtigen Elementen, etwa eines 'Verfassungs'-, eines Gerichtsverfahrens-, eines Strafrechts, eines Status- und Privatverkehrsrechts, ist in der öffentlichen Argumentation seines Bereichs allgegenwärtig. Das gleiche gilt für seine tragenden politischen Werte (z. B. von 'politeia', 'isonomia' oder 'eleutheria' in Athen) und seine geschichtlichen Traditionen und Erinnerungen, wie sie etwa in Mahnmalen (z. B. im Denkmal für die in der Schlacht an den Thermopylen d. J. 480 v. Chr. Gefallenen) und repräsentativen Bauwerken (z. B. in Triumphbögen oder Kaiserstatuen Roms )vielfach in Erscheinung treten.

c) Philosophie und Logik.

Auf dem weitem Felde philosophischen Denkens schon der Antike sind für die öffentliche Argumentation nur einige Bereiche von besonderer, weil praktischer Bedeutung:

die 'Topik', d. h. das Wissen über die Regeln kunstgerecht schlußfolgernden Argumentierens mit 'Wahrscheinlichkeitsaussagen', als welche sich ja die Mehrheit der öffentlich verwendeten Argumente bei näherem Zusehen erweist ('Entyhymeme' im Sinne der aristotelischen 'Topik'-Lehre);

die 'Sophismatik',d. h. das Wissen über die Verwendung und taktische Widerlegung gedanklich und sprachlich täuschender Argumentationsfolgen, als welche sich eine Vielzahl, vielleicht sogar die Mehrzahl öffentlich benutzter Argumentslinien ganz oder teilweise zu erweisen pflegt, wenn sie analysiert werden); dieses Wissen steht in einem inneren Zusammenhang mit den 'erfolgsorientierten' Formen der 'Rhetorik' (Beispiele für beides: die 'Rhetorik' und die 'Widerlegung der Sophismen' des Aristoteles; siehe dazu auch: Antike Sophismenlehre und Polisöffentlichkeit);

die 'praktische' Philosophie in der seit Aristoteles üblichen antiken Einteilung in 'politische' (Beispiele: Platons 'Politeia', Aristoteles 'Res publica'), 'ökonomische' und 'ethische' (letztere etwa mit ihren Aussagen über 'Kardinaltugenden' eines Politikers).

d) Historisches, geographisches und ethnographisches Wissen

Von den Theoretikern antiker Rhetorik, so etwa von Aristoteles (Rhetorik, 1365 b - 1366 a), Isokrates (Schrift 'Kata ton sophiston') , Cicero (De oratore 1, 45 - 54) und Quintilian (Institutio oratoria 1, 18), wird die Notwendigkeit größerer, ja umfassender 'Bildung' des Rhetors hervorgehoben, sowohl was sein Wissen auf Sachgebieten des politisch-öffentliuchen Lebens als auch was seine grundsätzlichen ethischen Einstellungen und Haltungen betrifft. Dies meint ungefähr der Begriff 'egkyklios paideia', auch wenn das vom Rhetor für einen kurz- und vor allem für einen langfristigen Erfolg benötigte Wissen über einen Kanon 'rein theoretischen Wissens' im Sinne antiker Philosophie weit hinausgeht. Auch Theoretiker der Baukunst, die ja in starkem Maße mit öffentlichen Gebäuden zu tun hat, so etwa Vitruv (De architectura 1 - 11, [1. Buch, 1. Kap. - Über die Ausbildung des Baumeisters]), sprechen die Notwendigkeit eines solchen Wissens aus. Andrerseits kann ein solches Wissen schon in der Antike nicht mehr sein als ein 'Generalisten-Wissen'i. S. des heutigen Begriffs, was schon Platon (im Dialog 'Gorgias') als 'Dilettantismus', ja letztlich als 'Nichtwissen' einstuft. Im Zentrum des für öffentliche Argumentation benötigten allgemeinen Bildungswissens dürften in der Antike - wie heute - genauere politische, historische, geographische und ethnographische Kenntnisse (Aristoteles, Rhetorik, w. o.) - und vor allem ihre ständige Aktualisierung - stehen, weil unrichtige politische Annahmen auf diesem Gebiet am schnellsten negative praktische Folgen zu haben pflegen

e) Alltags-, Zeit- und Weltwisssen aller Art, vor allem in seiner topischen Form (Sprichwörter, Lebensweisheiten, Gerüchte, Vorurteile).

Andrerseits muß sich die öffentliche Argumentation in besonderer Weise in den Mentalitäten und traditionellen Denkformen, in den aktuellen Stimmungen und Gerüchtbildungen der von ihr angesprochenen Öffentlichkeit auskennen - dazu gehören insbesondere auch weit verbreitete, bewegende und damit öffentlichkeitswirksame Simplifizierungen, Urteilsverzerrungen und Fehleinschätzungen - um sie ggf. für Motivations-, aber auch für Desorientierungszwecke zu nutzen. Daß gerade dies von außerordentlicher Bedeutung für den zumindest kurzfristigen (im negativen Sinne 'demagogischen') Erfolg öffentlicher Argumentationsstrategien zu sein pflegt, ist zwar schon in der Antike eine Binsenweisheit, pflegt aber in konkreten Situationen von den Akteuren immer wieder argumentativ gekonnt überspielt und von den Adressaten ebenso regelmäßig übersehen zu werden. Ein Grund dafür dürfte darin liegen, daß die öffentliche Meinung generell in starkem Maße den in ihr angelegten tonangebenden Vorurteilen und Kollektivwünschen zu folgen pflegt. Aus der heutigen Gegenwart kann man die Theorie und Praxis 'Werbung' zur Veranschaulichung dieser Wirkung heranziehen: als historisch 'jüngere Schwester' der politischen Demagogie macht sie die Dynamik 'unbewußter' Wünsche und die Bereitschaft, Täuschungen, die ihnen entgegenkommen, hinzunehmen, zur systematisch reflektierten Grundlage ihrer 'Werbe-Strategien'. Daß das Thema einer Täuschung der Allgemeinheit durch 'Schein' ('doxa') auch der Antike theoretisch bewußt ist, zeigt mit aller Deutlichkeit das von Sokrates entwickelte Prinzip der 'Paradoxie', d. h. einer systematisch gegen vorurteilshafte und scheinhafte Vorstellungen in der Allgemeinheit - seien sie noch so selbstverständlich und durch Sanktionen abgesichert - agierenden wissenschaftlich-dialektischen Erkenntnis.

f) Bilder-Fundi.

Die öffentliche Argumentation mit den Ausdrucksformen der Bildenden Kunst und der Architektur greift in der Regel - auch hier gibt es natürlich eine ständige Veränderung - auf einen Schatz bewährter Bildmetaphern und realitätsabbildender Motive zurück, in denen sich die zuvor angesprochenen Ideen und Werte, topischen Annahmen und Kenntnisse, einschließlich ihrer öffentlichkeitswirksamen Vorurteile und Simplifizierungen, symboliseren oder widerspiegeln. Zu diesem Fundus gehören z. B. immer wiederholte Bildmotive, wie die von Göttern, Heroen oder berühmten Persönlichkeiten. Eine Bildmetaphorik politischer Werte, Leistungen und Verdienste bedient sich immer wieder ähnlicher Bildmotive (z. B. der in Kap. 1 erörterten Darstellung der 'Nike'/'Victoria'). Auch Landschaften, Völker, Städte, Staaten, Dynastien, Ämter oder Militäreinheiten, ja sogar historische Ereignisse werden immer wieder in ähnlichen Bildideen weniger real abgebildet als metaphorisiert. Es versteht sich, daß solche Darstellungen fast notwendig - auch wegen der Natur der gewählten Ausdrucksform - etwas Stereotypes, d. h. die tatsächlichen Verhältnisse nicht ausreichend differenziert Beschreibendes an sich haben - und damit ggf. vorhandenen Täuschungszwecken öffentlicher Argumentation genau entsprechen.

.g) Musikalische Fundi.

Die geringe und lückenhafte Überlieferung antiker Musiknotationen macht zusammenfassende Aussagen über Fundi antiker Musikmotive, die für Zweckepolitisch- öffentlicher Argumentation eingesetzt werden, fast unmöglich. Doch mag etwa die Mehrfachüberlieferung bestimmter Notationen (wie z. B. des in Kap. 1 präsentierten 'Hymnos auf Nemesis') darauf hindeuten, daß bestimmte musikalische Weisen, deren öffentlich-argumentative Verwendung wahrscheinlich ist, in diesem Rahmen mit zu Zeiten verbreitet waren und Verwendung fanden. Darauf deuten auch einige im - öffentlichen - Gottesdienst offenbar weit verbreitete kirchenliturgische Musiknotationen der Spätantike hin. Schließt man von der an Musik so reichen Gegenwart, in der sich andrerseits etwa das Fernsehen für bestimmte Zwecke der politischen 'Information' und 'Kommentierung' immer wieder aus einem begrenzten Schatz probater Musikkmotive bedient, auf die Antike,d. h. gewissermaßen a maiore ad minus, so dürfte es sich bei dem öffentlichen Musikgebrauch in der Antike nicht prinzipiell anders verhalten haben. 

6. Literatur, Medien, Quellen.

Hinweis auch auf das Allgemeine Literatur-, Medien- und Quellenverzeichnis (ALMQ).

LITERATUR.

Alexander Demandt, Der Idealstaat. Die politischen Theorien der Antike, Köln 1993.

Karl Vorländer, Geschichte der Philosophie. Mit Quellentexten, Bd. 1: Altertum, Hamburg 1990.

R. von Ranke-Graves, Griechische Mythologie. Quellen und Deutung, 2 Bde., Hamburg 1974.

H. Hunger, Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Mit Hinweisen auf das Fortwirken antiker Stoffe und Motive in der bildenden Kunst, Literatur und Musik des Abendlandes bis zur Gegenwart, Hamburg 1974.

Josef Martin, Antike Rhetorik, Technik und Methode, München 1974.

George Kennedy, The Art of Persuasion in Grece, New Jersey 1963.

George Kennedy, The Art of Thetoric in the Roman Wolrd, New Jersey 1972.

George Kennedy, Greek Rhetoric under Christian Emperors, New Jersey 1983.

Hermann Schlüter, Grundkurs der Rhetorik, München 1974 10.

H. D. Blume, Einführung in das antike Theaterwesen, Darmstadt 1978.

Karl Schefold, Klassisches Griechenland, Reihe 'Kunst der Welt. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen', (1965) Baden-Baden 1980 2.

Heinz Kähler, Rom und sei Imperium, Reihe 'Kunst der Welt. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen', (1962) Baden-Baden 1979 3 .

Filippo Coarelli, Rom. Ein archäologischer Führer, übersetzt von Agnes Allroggen-Bedel, Freiburg, Basel, Wien, 1980.

Gerhard Nestler, Geschichte der Musik. Die großen Zeiträume der Musik von den Anfängen bis zur elektronischen Musik, Gütersloh 1997 5 (S. 13 - 63 betr. die antiken Epochen).

Warren D. Anderson, Ethos and Education in Greek Music. The Evidence of Poetry and Philosophhy, Cambridge Mass. 1966.

H. Albert, Die Lehre vom Ethos in der griechischen Musik (1899), ND Wiesbaden 1968.

Herbert Bruhn, Rolf Oerter, Hekmut Roesing, Musikpsychologie. Ein Handbuch, Hamburg 1997 3.

 

MEDIEN.

H. E. Stier u. a. (Hg.), Großer Atlas zur Weltgeschichte, Westermann-Schulbuch-Verlag Braunschweig 1990 (Sonderausgabe des Orbis-Verlags; eine Neuauflage ist 1998 erschienen), S. 12, 17 und 33.

Werner Müller, Gunther Vogel, dtv-Atlas zur Baukunst. Tafeln und Texte. Bd. 1.: Allgemeiner Teil. Baugeschichte von Mesopotamien bis Byzanz; Bd. 2: Baugeschichte von der Romanik bis zur Gegenwart, München 1983 3 .

Ulrich Michels, Gunther Vogel, dtv-Atlas zur Musik, Tafeln und Texte. Bd. 1: Systematischer Teil; Historischer Teil: Von den Anfängen bis zur Renaissance; Bd. 2: Historischer Teil: Vom Barock bis zur Gegenwart, München 1981 6 .

 

QUELLEN.

Pausanias, Perihegesis B. 1. 3, 1 f. und 24, 5 - 7 sowie B. 10. 11, 5 - 12, 1. Deutsche Übersetzung aus, Pausanias, Beschreibung Griechenlands, 2 Bde., übersetzt und herausgegeben von Ernst Meyer, München 1972, Bd. 1, S. 59 und 78 , Bd. 2, S. 494 f.

Edictum Diocletiani, praefatio 13 - 17. Lat. Text aus: Siegrfried Lauffer, Diokletians Preisedikt, Berlin 1971, S. 90 ff. Übersetzung: C. Gizewski.

Platon, Politeia 398 b - 400 b. Deutsche Übersetzung nach: Platon, Der Staat (Politeia). Eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Karl Vretskam, Stuttgart 1958, S. 169 - 174.

Polybios, Historien, Sechstes Buch, 52, 11 - 54, 3. Deutsche Übersetzung entnommen aus: Polybios, Historien. Auswahl, Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Karl Friedrich Eisen, Stuttgart 1990, S. 63 f.

Quintilian, Institutio oratoria, B. 10, 105 - 121. Lat. Text und dt. Übersetzung nach: Quintilian, Institutio oratoria X. Lehrbuch der Redekunst, 10. Buch. Lateinisch- Deutsch. Übersetzt, kommentiert und mit einer Einleitung herausgegeben von Franz Loretto, Stuttgart 1974, S. 57 und 65.

Seneca, Apocolocymthosis sive ludus de morte Claudii Neronis. Die Verkürbissung des Kaisers Claudius oder Satire auf den Tod des Claudius Nero. Übersetzt und herausgegeben von Anton Bauer, Stuttgart 1981, S. 30 - 33.

Publius Ovidius Naso, Metamorphoses - Verwandlungen, Übersetzung und Einführung von Hermann Breitenbach, München 1982, S. 148 - 151.


 

LV Christian Gizewski Gizewski SS 1999