Lösung zu Übung 1.

Aufgaben:

1. Identifizieren Sie, wenn möglich, den nachfolgend in deutscher Übersetzung wiedergegebenen Text nach Ausgangssprache, Autor und Werk.

2. Klären Sie die politische Ausgangslage auf, in der sich der Redner befindet.

3. Welches grundsätzliche Anliegen und welche praktisch-politischen Ziele sind in der Rede zu erkennen oder begründeterweise zu vermuten?

4. Welcher sprachlichen und nichtsprachlichen Gestaltungsmittel und Hintergrundsbezüge bedient sich der Redner?


Die Bearbeitung und Beantwortung der gestellten Aufgaben, die Gegenstand der Vorlesung war oder sein sollte, kann an dieser Stelle nur in knapper Form stattfinden. Auf die Literatur-, Medien- und Quellenhinweise dieses Kapitels und des Allgemeinen Vereichnisses zu diesem Skript sei deshalb ausdrücklich hingewiesen.

Zu 1.:
Der Text stammt aus Thukydides (ca. 460 - 400 v. Chr.) 'Peloponnesischem Krieg' (Buch 2, Kap. 34 - 47; die sog. 'Rede vom Kranze'). Er ist in dem attischen Dialekt der altgriechischen Sprache des 5. Jhts. v. Chr. geschrieben, der zu seiner Zeit nur einer von mehreren griechischen Dialekten war und noch nicht die später im Hellenismus dominierende Form einer griechischen Allgemeinsprache ('koine') angenommen hatte. Thukydides, aus dem altadligen attischen Geschlecht der Philaiden stammend, vermögend, in der Weise seiner Zeit rhetorisch und sophistisch gebildet, war ein Zeitgenosse des Perikles und hat den peloponnesischen Krieg (431 - 404 v. Chr.) aus eigener Anschauung, teilweise auch in verantwortlicher Kommandoposition auf athenischer Seite, miterlebt.Als Stratege im thrakischen Amphipolis, wo seine Familie Einfluß und wirtschaftliche Interessen (Nutzung der dortigen Goldminen) hatte, unterlag er dort i. J. 424 v. Chr. teilweise dem spartanischen Expeditionsheer unter Brasidas und wurde wegen seiner militärischen Erfolglosigkeit in Athen verdächtigt, sich aus privaten Interessen mit Brasidas arrangiert zu haben. Aus diesem Grunde wurde er i. J. 423 aus Athen verbannt. Bis zum Ende des pelponnensischen Kriegs blieb er Athen fern und unternahm zahlreiche Reisen in Griechenlland, auf denen er, nun aus neutraler Position, wenn auch weiterhin mit dem Geschick seiner Heimatsstadt verbunden, die Ereignisse des Krieges beobachtete und ggf. selbst mit den Berichten und Gerüchten über sie kritisch vergleichen konnte. Aus dieser Beobachterposition ist sein - nach dem Einleitungssatze später 'der Krieg der Peloponnesier und Atheren' oder kurz 'der peloponnesische Krieg' genanntes - schriftstellerisch-historisches Werk entstanden, das seit dem Altertum als paradigmatisches Beispiel für 'sachlich-leidenschaftslose', 'unparteiische' Geschichtsschreibung der Staats- und Kriegsereignisse (griech. 'pragmata'; daher der Terminus 'pragmatische Geschichtsschreibung) gilt.
In den ersten Jahren des peloponnesischen Krieges - vor seiner Verbannung - dürfte Thukydides öfters in Athen anwesend gewesen sein und sich auch mit seinem Strategenkollegen Perikles ausgetauscht haben. Es ist daher davon auszugehen, daß er mit dessen Gedanken, Plänen und wichtigeren Reden aus unmittelbarem Kontakt vertraut war. Selbst wenn wir in der wiedergegebenen Rede des Perikles eine historisch-rhetorische Gestaltung durch Thukydides und nicht ein wortgetreues Dokument vor uns haben, so ist daher dennoch davon auszugehen,
a) daß die Kergedanken der wirklich gehaltenen perikleischen Rede 'vom Kranze' darin im wesentlichen enthalten sind,
b) daß der Aufbau der Rede und auch Wortwahl und'Tropen' (Redefiguren) in wichtigen Zügen dem Original entsprechen und
c) daß generell in ihr ein rhetorisches Muster Anwendung findet, das unter den konkret gegebenen politischen Umständen und Absichten des Redners kunstgerecht bestimmten praktischen Notwendigkeiten fast zwingend entsprach und kaum anders denkbar sein dürfte.
Zu 2.:
Von athenischer Seite wurde der Krieg gegen Sparta und seine Verbündeten insoweit als 'Defensivkrieg' geführt, als es nach dem Konzept des Perikles (Thuk. 2, 11 ff., 83 ff.) darum ging, die dem ständig wachsenden athenischen Einfluß in der Ägäis und auf dem Festland entgegentretende Eingrenzungspolitik Spartas nicht hinzunehmen. Die spartanische Seite betrachtetet den Krieg andrerseits als Mittel zur Herstellung 'alter Ordnung und Freiheiten' auf der Peloponnes und in der sonstigen griechischen Welt. Perikles hat nach Thukydides Bericht deutlich erkannt, daß die Spartaner zwar in der Lage sein würden, mit ihrer überlegenen Landmacht den Athenern in Attika erhebliche Schäden und Menschenverluste zuzufügen, nicht aber die bewehrte Stadt Athen einzunehmen und auch nicht einen Überseekrieg mit Flottenexpeditionen gegen die athenische Flottenmacht auf Dauer erfolgreich durchzuführen. Durch bewegliche, aber harte Gegenschläge Athens mit seiner Flotte gegen Sparta und seine Verbündeten sollten vielmehr nach diesem Konzept der gegnerischen Seite Offensiven erschwert und der Kriegführungswille auf Dauer gebrochen werden. Tatsächlich waren die Kriegshandlungen auf beiden Seiten schon im ersten Kriegsjahr von Schonungslosigkeit und Abschreckungswillen geprägt. Das spartanische Expeditionsheer plünderte und verwüstete im Sommer 431 und danach jedes Jahr bis zum Abschluß des sog. 'faulen Friedens' i. J. 421 das ländliche Attika. Athen seinerseits besetzte schon im Jahre 431 das ihm feindliche Aigina,vertrieb dessen Bevölkerung und siedelte statt ihrer dort eigene Kolonisten an. Oder es tötete zur Abschreckung die bei einem Überfall auf Plataiai in seine Hände gefallenen thebanischen Kriegsgefangenen. Eine erste größere athenische Flottenexpedition führte ferner zur Plünderung Megaras und anderer mit Sparta verbündeter peloponnesischer Orte. Derartige Kriegshandlungen führten also auf beiden Seiten zu ständigen, zwar nicht katastrophal wirkenden, aber doch merklichen Verlusten und auch zu empfindlichen Einschränkungen des Lebens, auf attischer Seite:etwa insoweit, als die ländliche Bevölkerung Attikas zur Zeit der regelmäßigen sommerlichen Angriffe Spartas ihre nicht transportable Habe dem Feind überlassen und sich im Bereich der ummauerten Stadt provisorisch und mit dem Risiko des Seuchenausbruchs (Pest d. J. 430/429) mit der städtischen zusammendrängen mußte. Die ersten athenischen Gefallenen waren also nur ein kleiner Vorgeschmack auf die weiteren Opfer eines voraussehbar nicht kurzen und von beiden Seiten unerbittlich um die Behauptung ihrer Machtstellung geführten Krieges.
Zu 3.:
Eine Trauerrede für die ersten Opfer des Krieges zu halten, war daher für den damals noch lebenden Perikles (gest. i. J. 429 an der Pest) , den zu seiner Zeit ersten Mann der atttischen Demokratie, eine nicht nur menschliche, sondern auch und vor allem eine politische Aufgabe. Sie mußte darauf ausgerichtet sein, den Sinn der athenischen Kriegführung auch angesichts persönlicher Kriegsopfer allgemein und zwingend einsichtig zu machen und die von solchen Opfern im allgemeinen ausgehenden privaten Kosten-Nutzen-Erwägungen und Demoralisierungstendenzen bei betroffenen Bürgern nicht zu einer allgemeinen Stimmung und oder gar zu einer Tendenz der Kriegsverdrossenheit werden zu lassen.
Zu 4.:
Die Redesituation ist davon bestimmt, daß die ganze athenische Bevölkerung anwesend oder doch vertreten sein dürfte. Das eindrucksvolle alteingeführte Bestattungszeremoniell vor der Stadt und die Anwesenheit und Rede des (informell) ersten Mannes des Staates sind weitere bestimmende Momente. Sie machen die Rede des Perikles fast von selbst zu einer widerspruchslos geäußerten Bekundung des allgemeinen politischen Willens, und zwar vor einer von Opfer und Leid getroffenem und insoweit nur für einen völlig glaubhaft erscheinendem Zuspruch offenen Zuhörerschaft. Die vom Redner vermittelte Botschaft muß bei einer solchen Angelegenheit wirklich angenommen worden sein, oder sie erreichte weder ihr menschliches noch auch ihr politisches Ziel, sondern u. U. das gerade Gegenteil. Kam sie aber an, so war sie doppelt wirksam.
Bei der 'Stoffauswahl'sind zwei Grundentscheidungen getroffen worden, nämlich
a) in den Mittelpunkt des Zuspruchs eine 'große Idee', einen' glaubhaften Wert' und eine zwingende Notwendigkeit des gemeinsamen Handelns zu stellen, aus denen sich die Opfer jetzt und in Zukunft erklären und rechtfertigen
b) die Ausführungen des persönlichen Trostes im Verhältnis zu diesen 'vorrangigen Größen' zu formulieren und nicht eigengewichtig werden zu lassen; d. h. auch, sie relativ gering im Umfang zu halten und sie sachlich auf wenige glaubhafte - an keiner Stelle etwa zynisch wirkende Tröstungen - zu reduzieren.
In der Disposition der Rede haben die hier vorhandenen Elemente Prooimion (Einleitung), Prothesis (Ausführung der tragenden Gedanken), Pistosis (Fundierung des Votrags durch Beweismittel), Elenchos (Abwehr widerstreitender Gedanken und Argumente) und Epilog (Schlußbemerkungen und -folgerungen) eine klare, auf die genannten Ziele bezogene Funktion. Neben einer 'captatio benevolentiae' (Bemerkungen, die das Wohlwollen der Zuhörer gewinnen sollen) enthält bereits das Prooimion das Leitmotiv der Rede 'Nicht klagen, sondern für das Vaterland handeln'. Die Prothesis ist fast ausschließlich der Darstellung der Größe Athens und der Unvermeidlichkeit des Kriegs mit einem Feinde, der diese Größe beseitigen will, gewidmet. Pistosis und Elenchos folgen in manchmal einer Kriegmentalität entspingender, aber offensichtlich wirksamer Weise dieser Linie. Ganz am Schluß der Prothesis ergibt sich der Trost an die Hinterbliebenen gewissermaßen als Nebenfolge einer gefaßten und opferbereiten Vaterlandliebe, die in Ehre und Größe wichtigere Werte sieht als in individuellem Leben und privatem Glück. Zwar fehlt es nicht an persönlichem Zuspruch. Dieser äußert sich aber in einer fast harten Kürze; es mag andrerseits sein, daß er angesichts der Unabänderlichkeit des Verlusts deshalb um so glaubwürdiger ist ("um schließlich auch ... der Frauen zu gedenken, so kann ich, was zu sagen ist, in einem kurzen Zuspruch zusammenfassen..: es wird für sie eine gewaltige Leistung sein, auf normale Weise weiterzuleben"). Die materielle Sorge des Staates für die hinterbliebenen Waisen wird in kürzester Form im Epilog zur Sprache gebracht, der andrerseits mit dem Gedanken endet: "Trauert angemessen, aber dann macht weiter".
Die Wortwahl, zu deren genauerer Beurteilung der griechische Text heranzuziehen ist, steht ganz unter den Stilpostulaten der Dezenz (situationsangemessener Anstand) und der Brevitas (nüchterne, aber im Hintergrund leidenschaftliche Kürze). 'Kosmos'('Redeschmuck', etwa in Gestalt eleganter oder wohlklingender Worte) wäre bei einer solchen Gelegenheit völlig deplaziert gewesen. Unter den angemessenen Redefiguren befinden sich vor allem antithetische, ja paradox wirkende Formulierungen wie die im Mittelpunkt der Rede stehende folgende: "indem sie so das Sichwehren und die Hinnahme der Gefahr für schöner hielten als eine Rettung im Sichentziehen, haben sie sich schimpflichem Gerede entzogen. Und sie haben sich in ihrer Tat unter Einsatz ihres Lebens bewährt: in einem kurzen Augenblick [scil. des Todes] haben sie die Höhe ihres Geschicks erreicht und sind aus einem Leben nicht der Furcht, sondern des Ruhmes geschieden". Ein weiteres wichtiges Mittel ist die Synkrisis (Vergleich) von Athen und Sparta, von Heimatstaat und Feindmacht, von 'urbaner, weltoffener Kultur' und 'zwanghafter und einfältiger Beharrung im Vergangenen ' u. a. Aspekten eher stereotyper Selbst- und Feindeinschätzung, wie sie in Kriegszeiten besonders scharf hervorzutreten pflegt.
Mit diesem Inhalt, Aufbau und Stil hat die thukydideische Rede des Perikles in der Tradition aus der Antike einen Vorbildcharakter als klassische Kriegstotenrede erhalten, auch und gerade in republikanischen und demokratischen Systemen, und bis in unser Jahrhundert hinein bewahrt.

 

LV Gizewski SS 1999

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)