Lösung zu Übung 2.

Aufgaben:

Analysieren Sie ausgehend von Ihrem jetzigen Wissenstand, aber unter Berücksichtigung der Aspekte des in Kap. 2 entwickelten Schemas *) vergleichend

a) die folgenden Beispiele antiker und moderner Bildsprache,

b) die folgenden Beispiele antiker und moderner Motivationsmusik

exakt und konzentriert daraufhin, wie Bild- bzw. Musikimotive, Aufbau, Ausdrucks- und Stilmittel etc. für die Vermittlung politischer Ideen und politisch pragmatischer Intentionen eingesetzt werden.

*) SCHEMA

    1. Die Art des semantischen Systemzusammenhangs.

2. Die Einheiten und syntaktischen Ordnungen des Ausdrucks.

3. Die Ideen- und Motivreservoire (entsprechend den Fundi der rhetorischen 'inventio').

4. Die Aufbau- und Kompositionsmuster (entsprechend den Ordnunsgelementen der rhetorischen 'dispositio').

5. Die besonderen Zeichen und Muster wirksamen Ausdrucks (entsprechend den 'Tropen' und 'Stilqualitäten' der rhetorischen 'elocutio').

6. Die Methoden des Rollenlernens und der Diskussionssimulation (entsprechend den Arbeitsschritten der rhetorischen 'memoria').

7. Die Methoden des Vortrags, der Publikation, des Zeigens, der Aufstellung, Aufführung und Darbietung (entsprechend den Vorgehensweisen beim rhetorischen 'actus').

 

Die Berbeitung und Beantwortung der gestellten Aufgaben, die Gegenstand der Vorlesung war oder sein sollte, kann an dieser Stelle nur in knapper Form stattfinden. Auf die Literatur-, Medien- und Quellenhinweise dieses Kapitels und des Allgemeinen Vereichnisses zu diesem Skript sei deshalb ausdrücklich hingewiesen.

Die dargestellten muskalischen und bildlichen Beispiele, nämlich

sind zu Vergleichszwecken jeweils der Antike und der Gegenwart entnommen.Sie vermitteln alle zumindest teilweise politische Botschaften. Für diese bedarf es nicht unbedingt der Sprache, auch wenn in dem Marschlied aus der früheren DDR und in den zusammengefaßten Titelseiten der Broschüren über 'Existenzgründung' durch Hochschulabsolventen zusätzlicher Sprachtext vorhanden ist. Es ist in diesen Fällen sinnvoll, einerseits sprech- und schrifsprachliche, andrerseits nicht-verbale Ausdrucksform des konkreten Ausdrucksakts separat zu untersuchen, da sie, wie im Haupttext dieses Kapitels erwähnt, unterschiedliche, u. U. sogar objektiv widersprüchliche Wirkungen haben können und womöglich sollen.

Was die nicht-verbalen Ausdrucksformen betrifft, so bedienen sich in Antike und heutiger Gegenwart musikalischer und bildlicher Ausdruck zwar, wie im Haupttext erörtert, ganz unterschiedlicher semantischer Einheiten, synatktischer Ordnungen und Gestaltungsmittel. Doch steht an ihrem Anfang nitwendigerweise stets die Überlegung, was genau als Botschaft mit nicht verbalen Ausdrucksmitteln formuliert und übermittelt werden soll.

Aus der archäologisch untersuchten Aufstellung der 'Nike von Samothrake' als Brunnenfigur auf einem Schiffsbug inmitten des städtischen Ortes Samothrake, der wie die ganze Insel seit Philipps Eroberung (359 v. Chr.) zum makedonischen Reich gehörte, läßt sich schließen, daß sie über die allgemeine Funktion einer Verschönerung des Stadtbildes und einer urban-kulturellen Erhebung des allgemeinen Lebensgefühls hinaus auch an das makedonische Herrscherhaus erinnern sollte, das ja, über See kommend, von der Insel Besitz ergriffen und sie dem athenischen Machtbereich entzogen hatte. Im 2. Jht. v. Chr. stand das makedonische Herrscherhaus allerdings in heftigen Konflikten mit Rom, die seinen politischen Einfluß zunehmend einengten und schließlich beseitigten. Die künstlerische Personifikation des Sieges ('nike', lat. 'victoria') an dieser Stelle dürfte daher nicht etwa umpolitisch zu verstehen sein (Nike-Statuen wurden gelegentlich auch zur Erinnerung an Siege bei sportlichen, dramatischen o. a. Agonen aufgestellt), sondern dürfte - wie viele andere antike Nike- (Victoria-) Figuren auch - eine politische Botschaft enthalten haben, die in Sprache gefaßt, etwa so lauten sollte: "Diese schöne Brunnenanlage eurer Stadt mitsamt dem sie speisenden Aquaedukt wurde vom kulturvollen, zur Herrschaft bei euch berufenen und immer siegreichen makedonischen Herrscherhaus gestiftet (gefördert, ermöglicht, bzw. sie ist ihm gewidmet)." Es ist also die Absicht der Loyalitätsstiftung und zugleich der kulturellen Begründung eines Herrschaftsanspruchs gegenüber konkurrierenden anderen anzunehmen.

Die aus einem aktuellen buchhändlerischen Werbeprospekt entnommenen Titelseiten von Broschüren zum Thema 'Existenzgründung durch Hochschulabsolventen' ist auch auf dem Hintergrund der seit Jahren prekären Lage beim Berufseinstieg für heutige Jungakademiker zu sehen, deren Arbeitslosigkeit in den nächsten Jahren noch erheblich wachsen wird (vgl. ggf. die statistischen Schätzungen in BLK, Beschäftigungsperspektiven, 1995 2 , Tab. 1 und Tab. 2; dazu auch den Text C 4). Ein arbeitsmarktpolitisches Gegenmittel, das von politischer Seite dagegen oft und oft ausschließlich propagiert wird, ist die 'Gründung selbstständiger Existenzen' bzw. 'Unternehmen'. Sieht man einmal ganz davon, ob dieser Weg für den in Frage kommenden Personenkreis im Hinblick auf mentale Anlagen und Vorbildung stets oder auch nur überwiegend persönlich sinnvoll ist, so bleibt doch die wirtschaftsstatistisch deutlich zu belegende Feststellung, daß die größte Zahl von Geschäfts- bzw. Unternehmensliquidationen und -konkursen bei Ersteinsteigern in das Geschäftsleben mit schwacher Kapitalausstattung und fehlender wirtschaftlich-beruflicher Erfahrung vorzukommen pflegt. Der bisher hohe Stand unternehmerischen Mißlingens bei dieser statistischen Gruppe derselbständig Geschäftstätigen wird sich nach Schätzungen in den nächsten Jahren noch erhöhen (vgl. ggf. den Text Risiken ader Unternehmensgruendung durch Wissenschaftler mit dortigen oder ähnlichen, aktuelleren Quellenangaben). Auch wenn hier nicht ausgeschlossen werden soll, daß die Gründung einer (wirtschaftlich) 'selbständigen' 'Existenz' gelingen und sogar erfolgreich werden kann, so bedeutetet das Gesagte doch, daß mit ihr ein erhebliches und ggf. zu großen Schäden führendes Rsisko verbunden zu sein pflegt, für die die 'Gründer' regelmäßig persönlich einzustehen haben. Es ist deshalb mehr als angebracht für jeden, der sich mit entsprechenden Absichten trägt, auf diesem Gebiet nicht spontan-optimistisch, sondern ausgesprochen vorsichtig zu agieren. Dem entgegen wirken Werbeaktionen jedenfalls insoweit, als sie ungerechtfertigten Optimismus verbreiten - und sei es auch nur gefühlsmäßig und bildlich, wo sorgfätiges Abwägen das erste Gebot ist. Bei den in den abgebildeten Titelseiten enthaltenen Motiven handelt es sich aber ausschließlich um nicht-verbale 'Stimmungsmacher', die - möglicherweise im Gegensatz zu dem geschriebenen Text, aber eben mit eigener, erheblicher psychologischer Wirkung - optimistische Fehleinschätzungen bei dem angesprochenen Leserkreis fördern können. Die in Sprache übersetzte Botschaft der Bildmotive und Symbole lautet etwa:"Ein junger, gut ausgebildeter Mensch, der nur seinem natürlichen Wagemut naachgibt und sich mit ungebremster Energie einsetzt, kommt notwendigerweise und relativ leicht zu Geld, beruflichem Erfolg, sozialer Sicherheit und innerer Befriedigung, was seinen Beruf betrifft." Es versteht sich, daß das oft keineswegs so ist. Es handelt sich also insoweit um einetypische nicht-verbale Täuschung, wie sie Werbemaßnahmen oft eigen ist.

Die in byzantinischen Quellen des Mittelalters überlieferte 'Hymne auf Nemesis'muß im Zusammenhang mit dem traditionsreichen, bei vielen kirchlichen, politischen oder militärischen Anslässen hervortretenden byzantinischen Zeremoniell gesehen werden, wie es etwa von dem byzantinischen Kaiser Konstantinos VII. Porphyrogenntos (913 - 915) in seinem Werk 'De caerimoniis aulae' (J. P. Migne (Hg.), Patrologia, Serie Graeca, Bd. 112, bearb. und komm. von J. J. Reiski, Paris 1897) beschrieben wurde. Der Hymnus dürfte, wegen der Erwähnung der 'Nemesis', d. h. wegen seinesdeutlich nicht-christlichen Gehalts, der nicht- und damit wohl auch der vorchristlichen öffentlichen Musiktradtiion im östlichen Teil des römischen Reiches zuzuschreiben sein. Er könnte etwa bei Anlässen Verwendung gefunden haben, wie sie in 'De caeremoniis aulae', Buch 2, Kap. 20 (Observanda, quando triumphus de hostibus devictis agitur in circo) beschrieben sind. Die nicht-verbal formulierte Boschaft könnte bei solchen Gelegenheiten gewesen sein, mit sardonischer Heiterkeit und Ruhe die Gewißheit der die jeweils gemeinten Feinden für ihr Unrecht treffenden Vergeltung auszudrücken und dies den anwesenden Hörern zum Zwecke der Stärkung ihrer Moral und Loyalität einzuprägen.

Die politische Botschaft des im Zusammenhang mit dem 'Mauerbau' d. J. 1961 entstandenen Marschliedes einer damals 'prominenten' militärischen Einheit im Miltärgefüge des damaligen DDR-Staates geht auch aus dem gesungenen Text hervor: der 'Mauerbau' wird als eine zutiefst nationale, fortschrittliche und humanistische Tat bekannt; die ihn durchführenden und schützenden bewaffneten Kräfte der DDR sind in ihrem Tun von den edelsten Motiven getragen und handeln ohne allen Zweifel menschlich, richtig und zukunftsweisend. Es ist zwar fraglich, ob sich dies alles ohne den Text aus der bloßen musikalischen Gestaltung eindeutig ergeben könnte. Aber auch die bloße musikalische Gestaltung hat zu ihrer Zeit einige relativ bestimmte Eindrücke und Annahmen beim Zuhörer erzeugt und tut dies noch heute. Sprachunabhängig entsteht durch sie jedenfalls der Eindruck von etwa energisch Vertretenen, höchst Bedeutsamen und als wichtig zu Bekennenden, dazu noch 'menschlich Motivierten und Ausgeführten', an dessen Richtigkeit und Erfolg kein Zweifel bestehen kann. Diese Bedeutungselemente, die der gesprochene Text nicht in solcher Emotionalität ausdrücken kann, sind also der eigenständigeBeitrag der musikalischen Formulierung zur übermittelten Botschaft. Er ist mindestens ebenso wichtig, ja noch wichtiger als die Wortbotschaft.

Die Analyse der Disposition und der für die jeweilige Ausdrucksform spezifischen Gestaltungsmittel kann hier nicht ausgeführt werden, sondern muß sich auf wenige Hinweise beschränken.

Die besonders kunstvolle Gestaltung der 'Nike von Samothrake' macht ihren schönen, überirdischen und in der 'fliegenden Leichtfüßigkeit' der Gestalt mitreißenden Charakter deutlich, der sich wie von selbst der hinter der Gestalt stehenden politischen Idee mitteilt, obwohl er allerdings mit dieser so gut wie gar nichts zun tun hat. Es zeigt sich hier die schon in der Antike nicht selten benutzte Technik der ästhetischen Täuschung der Rezipienten nicht-verbaler politischer Botschaften.

Die Titelbilder der Broschüren aus dem o. g. Katalog verdeutlichen diese Technik für unsere Gegenwart. Obwohl es sich hier nur um einfache, plakative Gebrauchskunst handelt, ist doch die Wirkung der Bildmotive wohlkalkulert in ihrer optimistischen Übertreibung, wie sie in Erfolgssymbolen, in glücklichen, gesunden und jungen Geischtern, in dynamisch-kraftvollen, ja -übertriebenen Bewegungen zum Ausdruck kommt. Die persönliche Übereinstimmung des Angesprochenen mit den dargestellten Personen, d. h. hier vor allem die Bereitschaft zur Selbsttäuschung, wird so auf werbetypische Weise erleichtert. Es gibt dabei nicht den geringsten formalen oder farblichen Hinweis auf Schwierigkeiten und mögliche Enttäuschungen bzw. auf die Notwendigkeit vorsichtig- sachlichen Abwägens. Würde man die bildliche Botschaft in Sprache fassen, so würde dieses Fehlen von Einschränkungen vermutlich schnell auffallen. Es zeigt sich, daß der nicht-verbalen Mitteilungsform solche Einschränkungen nicht abverlangt zu werden pflegen; das begründet ihre relativ große und nicht zu unterschätzende Täuschungskapazität.

Soweit die auf einer handschriftlichen Musiknotation beruhende musikalische Rekonstruktion durch Gregorio Paniagua (Nr. 8 der CD 'Musique de la Grèce antique. Atrium Musicae de Madrid. Dir. Gregorio Panagua, Hersteller: harmonia mundi s.a., Mas de Vert, 13200 Arles 1979, Nr. HMA 1901015) als im Kern zutreffend anzusehen ist - was bei antiken Notationsüberlieferungen vielen Unsicherheiten unterliegt -, ist die tragende Melodie als 'dorisch' im antiken Sinne des Begriffs einzuordnen. Sie macht in ihrer Wiedergabe durch ein dudelsackartiges Blasinstrument einen fast heiteren Eindruck. In ihrem gleichmäßigen, ein Ausgangsthema variierenden Fluß wirkt sie aber auffallend ruhig. Mit der Pauken-Begleitung kommt ferner ein düsteres Motiv unbeirrbaren Fortschreitens hinzu, dessen Rhythmus von fern dem eines heutigen Marsches nahekommt; es ist nur etwas langsamer und wirkt darüber hinaus wegen der in gleichförmigem Takt geschlagenen tiefen Töne unheimlich. Dieses Formelement unheimlicher Schwere kontrastiert mit der melodischen Heiterkeit des geblasenen Motivs und macht sie zu einer unglaubhaften, hinter der andere Gefühle stehen: eben die der Rache ('Nemesis') mit ihrer ggf. untergründig haßvollen, 'sardonisch' lächelnden Heiterkeit, die auf ihre Zeit der Abrechnung wartet. In einen entsprechenden öffentlichen Aktionszusammenhang gestellt, vermag eine solche Musik, so unscharf ihre Aussage für sich genommen ist, erheblich verstärkende emotionale Wirkungen zu erzielen.

Die Wirkung des Marschliedes aus dem früheren DDR-Bereich beruht musikalisch vor allem auf seinem schnellen Marschrhythmus, der wohl dem vergleichsweise schnellen Marschtempo der früheren sowjetisch-russichen Armee entspricht, ferner auf dem konsequenten Dur-Gebrauch der Melodie. Ein Walzer in Moll würde als melodischer Untergrund für den Sprachtext gewiß nicht in Frage kommen. Die optimistisch-energische vorgetragene Melodie verstäkt hingegen , wenn vielleicht auch schon zu ihrer Zeit etwas übertrieben und einseitig wirkend, den Eindruck des schnell und in die richtige Richtung Fortschreitenden. Von Bedeutung ist ferner der strophische, also iterative Aufbau des Marschliedes, dessen strophische Abschnitte jeweils in einen 'narrativ-darlegenden' und in einen 'resumierend-konfessorischen' Teil gegliedert sind; dies ergibt sich nicht nur aus dem begleitenden Sprachtext, sondern auch aus dem Charakter der musikalischen Sequenzen. Beachtlich sind schließlich 'spielerische Verzierungen', etwa in den Vorspannen der Strophen, welche einen auflockernden Charakter haben.Es handelt sich hier um ein Stück'moderner', nach Maß gefertigter und in der Wirkung oft etwas synthetisch wirkender politischer Motivationsmusik, das im vorliegenden Falle der sozialistischen Ideenwelt eines früheren Ostblockstaates zuzurechnen ist, für das es aber in anderen politischen System gewiß viele funktional entsprechende musikalische Weisen gibt.


 

LV Gizewski SS 1999

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)