Seneca, Apocolocyntosis sive ludus de morte Claudii Neronis, 10 - 12.

Lat. Text und dt. Übersetzung nach: Seneca, Apocolocymthosis sive ludus de morte Claudii Neronis. Die Verkürbissung des Kaisers Claudius oder Satire auf den Tod des Claudius Nero. Übersetzt und herausgegeben von Anton Bauer, S. 30 - 33.


 

Deutsche Übersetzung:

... 10 (9) "Jetzt sag mir nur, göttlicher Claudius, warum hast du einen jeden von denen, die du hinrichten ließest, immer verurteilt, bevor du eine gerichtliche Untersuchung eingeleitet, ja bevor du sie überhaupt nur angehört hast? Wo ist so etwas denn üblich? Bei uns im Himmel bestimmt nicht. 11 (1) Schau dir Jupiter an, der schon so viele Jahre regiert, er hat bisher lediglich dem Vulkan einmal ein Bein gebrochen, als er

'beim Fuß ihn packend, hinab von der göttlichen Schwelle ihn warf'

und einmal war er zornig auf seine Gattin und hat sie gefesselt im Äther aufgehängt - aber hat er sie denn gleich umgebracht? Du aber hast Messalina, deren Großonkel ich genauso war wie der deine, töten lassen. "Ich weiß von nichts", sagst du? Verdammen mögen dich die Götter: daß du keine Ahnung hattest, ist ja gleich noch schlimmer, als daß du sie ermorden ließest. (2) Dem Kaiser Caligula machte er sogar noch nach dessen Tod ständig alles nach. Der eine hatte seinen Schwiegervater umgebracht, dieser hier auch noch den Schwiegersohn. Gaius Caligula verbot dem Sohn des Crassus, sich mit Beinamen Magnus zu nennen, der hier gab ihm den Namen wieder und - nahm ihm den Kopf. In ein und demselben Haus ließ er Crassus, Magnus und Scribonia umbringen, die zwar alle keinen roten Heller wert waren, aber immerhin alter Adel, ja Crassus war obendrein sogar solch ein Trottel, daß auch er hätte Kaiser sein können! (3) Den da wollt ihr also jetzt zum Gott machen? Seht euch bloß seinen Körper an, den die Götter nur im Zorn erschaffen haben können. Kurz und gut, drei Worte soll er rasch nacheinander sprechen, und - schafft er's - er mag mich als seinen Sklaven abführen. (4) Wer wird denn den als Gott verehren? Wer an ihn glauben? Sobald ihr solche Figuren zu Göttern macht, wird kein Mensch mehr glauben, daß ihr Götter seid. Kurz und gut, Senatoren, wenn ich mich in diesem Hohen Hause stets ehrenhaft verhalten habe, wenn ich keinem je zu deutlich herausgegeben habe, so rächt das Unrecht, das ich erlitten habe. Nach meinem Dafürhalten plädiere ich für folgendes" - und er verlas aus seinem Notizblock: (5) " 'In Anbetracht der Tatsache, daß der göttliche Claudius ermorden ließ seinen Schwiegervater Appius Silanus, seine beiden Schwiegersöhne Magnus Pompeius und Lucius Silanus, den Schwiegervater seiner Tochter, Crassus Frugi - ein Individuum, ihm so ähnlich wie ein Ei dem anderen -, Scribonia, die Schwiegermutter seiner Tochter, Messalina, seine Frau, und eine Menge anderer, deren genaue Zahl nicht ermittelt werden konnte, so stelle ich den Antrag, mit aller gebotenen Strenge gegen ihn vorzugehen, ihm auch keinerlei Prozeßaufschub zu gewähren und ihn baldmöglichst abzuschieben, und zwar mit der Maßgabe, daß er den Himmel binnen dreißig, den Olymp aber schon in drei Tagen verlassen muß.' " (6) Dieser Antrag wurde allgemein angenommen. Es gab keinen Aufschub, und so packte ihn Merkur am Krageni und schleppt ihn aus dem Himmel in die Unterwelt,

'von wo noch keiner, sagt man, zurückkam' .

12 (1) Während sie die Heilige Straße hinabgehen, fragt Merkur, was der Menschenauflauf dort zu bedeuten habe, ob das etwa das Begräbnis des Claudius sei? Und wirklich, es war aufs allerprächtigste ausgerichtet und zeugte von besonderem Aufwand, so daß man gleich sehen konnte, es werde ein Gott hier zu Grabe getragen: es war ein solch großes Aufgebot von Trompeten, Hornisten und Blechbläsern aller Art, ein solches Konzert, daß selbst Claudius es hören konnte. (2) Alle waren froh und ausgelassen: das römische Volk spazierte wie befreit umher. Lediglich Agatho und einige Winkeladvokaten weinten, diese aber richtig von Herzen. ...


Lateinischer Text:

10 (9)... Dic mihi, dive Claudi, quare quemquam ex his, quos quasque occidisti, antequam de causa cognosceres, antequam audires, damnasti? hoc ubi fieri solet? in caelo non fit. 11 (1) Ecce luppiter, qui tot annos regnat, uni Volcano crus fregit, quem

'rhipse podos tatagon apo belou thespesioio' [Umschrift des Griechischen]

et iratus fuit uxori et suspendit illam.. numquid occidit? tu Messalinam, cuius aeque avunculus maior eram quam tuus, occidisti.'nescio' inquis? di tibi male faciant: adeo istuc turpius est, quod nescisti, quam quod occidisti. (2) C. Caesarem non desiit mortuum persequi. occiderat ille socerum: hic et generum. Gaius Crassi filium vetuit Magnum vocari: hic nomen ubi reddidit, caput tulit. occidit in una domo Crassum, Magnum, Scriboniam, assarios quidem, nobiles tamen, Crassum vero tam fatuum, ut etiam regnare posset. (3) Hunc nunc deum facere vultis? videte corpus eius dis iratis natum. ad summam, tria verba cito dicat, et servum me ducat. (4) Hunc deum quis colet? quis credet? dum tales deos facitis, nemo vos deos esse credet. summa rei p. c., si honeste me inter vos gessi, si nulli clarius respondi, vindicate ininrias meas. ego pro sententia mea hoc censeo: atque ita ex tabella recitavit: (5)'Quandoquidem divus Claudius occidit socerum suum Appium Silanum, generos duos Magnum Pompeium et L. Silanum, socerum filiae suae Crassum Frugi, hominem tam similem sibi quam ovo ovum, Scriboniam socrum filiae suae, uxorem suam Messalinam et ceteros quorum numerus iniri non potuit: placet mihi in eum severe animadverti nec illi rerum iudicandarum vacationem dari eumque quam primum exportari et caelo intra triginta dies excedere, Olympo intra diem tertium.' (6) Pedibus in hanc sententiam itum est. nec mora, Cyllenius illum collo obtorto trahit ad inferos a caelo

'iIIic unde negant redire quemquam'.

12 (1) Dum descendunt per viam sacram, interrogat Mercurius, quid sibi velit ille concursus hominum, num Claudii funus esset? et erat omnium formosissimum et impensa cura, plane ut scires deum efferri: tubicium, cornicinum, omnis generis aeneatorum tanta turba, tantus concentus, ut etiam Claudius audire posset. (2) Omnes laeti, hilares: populus Romanus ambulabat tanquam liber. Agatho et pauci causidici plorabant, sed plane ex animo. 


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski

 

LV Gizewski SS 1999