Philosophisches Nachdenken über die öffentlichen Wirkungen der Musik in der 'Politeia' Platons: Platon, Politeia 398 b - 400 b.

Deutsche Übersetzung nach: Platon, Der Staat (Politeia). Eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Karl Vretskam, Stuttgart 1958, S. 169 - 174.


 

... "Reden und Erzählungen als einen Teil der musischen Erziehung haben wir, mein Freund, nun wohl zur Genüge behandelt; denn wir haben Gehalt und Gestalt der Dichtung besprochen."

"Das glaube auch ich!

"Nunmehr ist noch die Besprechung von Gesang und Lied offen?" fragte ich.

"Offenbar!"

"Es muß doch jedermann die Antwort finden können, die sich uns zwangsläufig aus der Übereinstimmung mit unseren früheren Feststellungen ergibt. Nicht?"

Da lachte Glaukon und sagte: "Ich gehöre offenbar nicht zu diesem 'jedermann', mein Sokrates. Ich kann mir im Augenblick nicht genau vorstellen, was wir antworten müßten; ich vermute es allerdings."

"Auf alle Fälle kannst du fürs erste dies sicher sagen: jedes Lied ist aus drei Bestandteilen zusammengesetzt: aus Wort, Tonart und Rhythmus."

"Das stimmt!"

"Was nun sein Wort anlangt, unterscheidet es sich wohl in keiner Weise vom nicht gesungenen Wort; es muß sich somit denselben Grundsätzen fügen, wie wir sie eben aufgestellt haben."

"Richtig!"

"Harmonie und Rhythmus müssen doch dem Wort entsprechen?"

"Wie auch nicht?"

"Nun brauchen wir - wie wir feststellten - in den Worten weder Klagen noch Jammern?"

"Nein!"

"Welches sind nun die klagenden Tonarten? Nenne sie mir, da du doch Musiker bist!"

"Die mixolydische, die syntonolydische und einige ähnliche."

"Diese müssen wir also ausscheiden; denn sie sind unbrauchbar selbst für Frauen, wenn sie tüchtig sein sollen, erst recht also für Männer."

"Sicherlich!"

"Trunkenheit, Verweichlichung und Schlaffheit schicken sich für die Wächter doch am wenigsten, nicht?"

"Natürlich!"

"Welches sind nun die weichlichen Tonarten, geeignet für Gelage?"

"Unter den ionischen und lydischen werden einige als schlaff bezeichnet."

"Wird man diese, mein Freund, für kriegerische Männer gebrauchen?"

"Keineswegs, es bleibt also nur mehr die dorische und die phrygische Tonart übrig."

"Ich kenne die Tonarten nicht", antwortete ich, "aber laß mir jene übrig, die in gebührender Art Stimme und Ausdruck eines tapferen Mannes nachahmt, der in kriegerischer Handlung und harter Bedrängnis, auch im Unglück - sei es bei einer Verwundung, angesichts des Todes oder sonst in einem Unheil -, der sich also in solcher Lage unerschüttert und standhaft des Schicksals erwehrt. Und eine andere Tonart für einen Mann, der in Frieden lebt und ohne Bedrängnis, an freiwilliger Arbeit, wenn er jemanden überredet oder bittet, mit Gebet einen Gott, mit Lehre und Zurechtweisung einen Menschen, oder sich umgekehrt der Bitte, Lehre oder Überredung eines anderen nicht verschließt und daher zu Erfolg kommt, ohne jedoch hochfahrend zu ein, sondern klug und maßvoll in alldem vorgeht und zufrieden ist mit dem Erreichten. Diese zwei Tonarten, die aufrüttelnde und die milde, die den Ausdruck der Männer in Unglück und Glück, der besonnenen wie der tapferen, am besten wiedergibt, diese laß übrig!"

"Damit wünschst du eben jene, die ich dir nannte."

"Also brauchen wir in Lied und Gesang nicht die Vielsaiteninstrumente noch die Allharmonie?"

"Ich glaube nicht!"

"Also werden wir für die Harfen und Zimbeln und all die Instrumente, die vielsaitig und vielharmonisch sind, keine Erzeuger bei uns unterhalten?"

"Durchaus nicht!'

"Dann nimmst du auch keine Flötenmacher und Flötenspieler in den Staat auf? Die Flöte ist ja das tonreichste Instrument, das den panharmonischen als Vorbild dient, nicht?

"Das ist klar!

"Lyra und Kithara bleiben dir also übrig zur Verwendung in der Stadt; auf dem Land draußen mögen die Hirten ihre Syrinx haben.

"Das ergibt somit unsere Untersuchung".

"Wir sind nieht die ersten, mein Freund, die Apollon und die Instrumente Apollons vor Marsyas und die seinen stellen."

"Sicherlich nieht, bei Zeus!

"Beim Hund, ohne es zu merken, haben wir da unseren Staat, den wir eben den üppigen genannt haben, wiederum gereinigt!

"Da taten wir klug daran!"

"Und nun wollen wir noch den Rest reinigen", setzte ich fort. ,,Denn nach den Tonarten ergibt sich die Frage nach dem Rhythmus: wir wollen da nicht die verschiedenen Rhythmen und die mannigfaltigen Versfüße behandeln, sondern hinblicken auf den Lebensrhythmus eines ordentlichen und tapferen Mannes. Wir zwingen Versfuß und Melodie, auf diesen Rhythmus zu achten und ihm zu folgen, aber nicht umgekehrt. Welches nun derartige Rhythmen sind, ist wie bei den Tonarten deine Aufgabe zu sagen!"

"Bei Zeus, das kann ich nicht sagen!" rief er da. "Denn daß es etwa drei Gattungen gibt, aus denen sich die Füße zusammensetzen, wie bei den Tönen vier, aus denen alle Tonarten entstehen, das kann ich aus eigener Beobachtung sagen. Welcher Lebensart sie aber entspreehen, das kann ich nicht sagen!"

"Das wollen wir mit Damon beraten, welche Versfüße dem Knechtssinn und Hochmut, dem Wahnsinn und anderem Ubel entsprechen und welche man für das Gegenteil übriglassen muß. lch glaube, mich noch dunkel zu erinnern, wie er von einem zusammengesetzten Enhoplier, vom Daktylos, vom Heroos sprach; er teilte sie irgendwie ein, setzte Hebungen und Senkungen gleich, ließ, sie kurz und lang endigen, und nannte den einen, glaube ich, Iambos, den anderen Trochaios und paßte Längen und Kürzen aneinander. Bei einigen von diesen lobte und tadelte er das Tempo des Versfußes nicht weniger als den ganzen Rhythmus oder beides zusammen: ich kann es nicht sagen. Aber das soll, wie ich schon sagte, dem Damon überantwortet werden. Denn es klar zu machen, bedarf einer langen Erörterung. Oder meinst du anders?"

"Bei Zeus, nein!"

"Aber daß gute und schlechte Haltung eine Folge von gutem ofder schlechtem Rhythmus ist, das kannst du auseinanderhalten, oder nicht ?"

"Natürlich!" ...

"Guter oder schlechter Rhythmus gleicht sich als Folge dem guten oder schlechten Stil an, genauso wie die schöne oder unschöne Melodie, wenn nämlich, wie wir eben sagten, Rhythmus und Tonart sich nach dem Inhalt richten und nicht umgekehrt."

"Sicherlich müssen diese sich nach dem Inhalt richten."

"Stilart und Inhalt ergeben sich doch als Folge aus dem Charakter der Seele?"

"Selbstverständlich!"

"Aus dem Stil alles andere?"

"Ja!"

"Also ergeben sich guter Inhalt und schöne Melodie, edle Haltung und guter Rhythmus aus der 'Gutartigkeit'; allerdings nicht aus jener, mit der wir die Unvernunft beschönigend nennen, sondern aus einer Geistesart, deren Charakter in Wahrheit gut und schön ist."

"Ganz richtig!"

"Dies muß doch für die Jungen überall das Ziel sein, wenn sie ihre Aufgabe erfüllen sollen."

"Gewiß!"

"Voll von alldem ist doch die Malerei und alle Kunst dieser Art, voll die Weberei und Stickerei, die Baukunst und alle andere handwerkliche Arbeit, dann auch die Natur der Körper und alles Gewachsenen: darin wohnt überall edle Haltung und schlechte. Und schlechte Haltung wie schlechter Rhythmus und mangelnde Harmonie sind der üblen Rede wie dem üblen Charakter verschwistert, aber auch das Gegenteil davon dem Gegenteil, dem einsichtigen und guten Charakter, verschwistert und nachgebildet."

"Ohne Zweifel!"

"Müssen wir nun bloß die Dichter beaufsichtigen und zwingen, das Abbild eines guten Charakters ihren Werken einzuprägen, andernfalls aber nicht bei uns zu dichten - oder müssen wir auch die andern Künstler durch Aufsicht verhindern, das Charakterlose und Entzügelte, das Knechtische und Haltlose ihren Bildgestalten und Gebäuden und allem anderen Werk ihrer Hand einzuprägen? Wer aber nicht fähig ist dazu, darf nicht als Künstler bei uns schaffen, damit nicht unsere Wächter, an Bildern der Schlechtigkeit erzogen - wie wenn sie auf einer sauren Weide jeden Tag im kleinen viel von vielerlei Futter ringsum pflückten und fräßen -, unvermerkt aufbauen ein einziges, großes Übel in ihrer Seele! Muß man nicht jene Künsder aufsuchen, die aus dem Charakter ihrer Seele heraus nachzuspüren vermögen dem wesenhaft Schönen und Edlen, damit unsere Jugend in gesunder Luft wohne und Segen empfange aus allem und jedem, wo immer ihre Augen und Ohren von den schönen Werken her ein Etwas berührt, wie ein Hauch, der Gesundheit bringt aus heilsamer Gegend und sie von klein auf unvermerkt zu Ahnlichkeit, Liebe und Einklang mit dem schönen Wort bringt."

"Das wäre die weitaus schönste Erziehung!"

"Deshalb also, mein Glaukon", sagte ich, "ist die Erziehung durch Musik so überaus wichtig, weil am tiefsten in die Seele Rhythmus und Harmonie eindringen, sie am stärksten ergreifen und ihr edle Haltung verleihen: solch edle Haltung erzeugen sie, wenn man richtig erzogen wird, wenn nicht, dann die entgegengesetzte. Und zum andern, weil das Fehlerhafte und Schlechte am Kunstwerk wie in der Natur am schärfsten der erkennt, der in der Musik richtig erzogen ist, und weil er - aus gerechtem Unwillen darüber - voll Freude das Schöne lobt, es in seine Seele aufnimmt und sich nährt davon und schön wird und trefflich; das Häßliche aber tadelt er mit Recht und haßt es schon in früher Jugend, ehe er noch den Grund zu erfassen fähig ist. Wenn dann die Vernunft erwacht, begrüßt sie freudig und erkennt sie durch die Wesensverwandtschaft am meisten jener, der so erzogen ist."

"Deshalb ruht, wie ich glaube, die Erziehung vor allem in der Musik."
"Wie wir nämlich bei der Schrift erst dann hinreichend sicher waren, als uns nicht entging, daß sich die Buchstaben, so wenig sie sind, in allem Geschriebenen immer wieder finden, und als wir sie, ob klein oder groß, nicht mißachteten - als ob wir uns um sie nicht zu kümmern brauchten -, sondern sie überall auszunehmen uns bemühten, da wir eher nicht lesekundig sein könnten?"

"Richtig!"

"Wir würden somit auch die Abbilder der Buchstaben, im Wasser etwa oder in einem Spiegel, nicht früher erkennen, ehe wir nicht die Buchstaben selbst kennen? Das gehört doch zur selben Kunst und Schulung?"

"Natürlich!"

"Also werden wir, behaupte ich - bei den Göttern! - auch nicht eher musisch gebildet sein, weder wir selbst noch jene Wächter, die wir erziehen müssen, ehe wirt die Grundformen der Besonnenheit, der Tapferkeit, des Freimuts, der Hochherzigkeit und alle ihre Geschwister sowie ihre Gegensätze in allem Leben ringsum erkennen und sie überall innewohnen sehen, sie selbst und ihre Abbilder, sie nicht, ob groß oder klein, mißachten, sondern überzeugt sind, das alles gehöre zur selben Kunst und Schulung. Nicht?"

"Notwendigerweise !


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski SS 1999