Beispiel einer öffentliche Zermonie: die Bestattung römischer Nobiles im 2. Jht. v. Chr. nach Plutrachs Bericht: Polybios, Historien, Sechstes Buch, 52, 11 - 54, 3.

Deutsche Übersetzung entnommen aus: Polybios, Historien. Auswahl, Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Karl Friedrich Eisen, Stuttgart 1990, S. 63 f.


52 ... (11) Es wird genügen, ein einziges Beispiel anzuführen für die Anstrengung, die der Staat unternimmt, um solche Männer heranzubilden, die alles auf sieh nehmen, um in ihrem Vaterland sich den Ruhm der Tapferkeit zu erwerben.

53 (1) Denn wenn bei ihnen einer von den Nobiles stirbt, wird er im Leichenzug ganz feierlich zu den sogenannten Schiffsschnäbeln [= rostra, Rednertribüne] aufs Forum gebracht, meist aufrecht sitzend und deutlich sichtbar, selten liegend. (2) Während das ganze Volk ringsum steht, steigt jemand auf die Rostra - wenn ein erwachsener Sohn hinterblieben und anwesend ist, dieser, wenn nicht, ein anderer aus dem Geschlecht - und hält eine Rede [ =laudatio funebris& über die Tugenden des Verstorbenen und die Taten, die er während seines Lebens vollbracht hat. (3) Dadurch erinnert sich die Menge wieder und stellt sich das Vergangene erneut vor Augen, und zwar nicht nur die, welche bei den Taten dabei waren, sondern auch die Nichtbeteiligten, und sie werden so sehr von Mitgefühl ergriffen, daß der Todesfall nicht nur als ein Verlust für die Leidtragenden, sondern für das ganze Volk erscheint. (4) Wenn sie ihn dann beigesetzt und die Bestattungszeremonien vollzogen haben, stellen sie das Bild des Verstorbenen in einem tempelartigen Gehäuse aus Holz an dem Platz im Hause auf, wo man es am besten sehen kann. (5) Das Bild ist eine Maske, die in ihrer Form und Farbe dem Antlitz des Toten in hohem Maße ähnlich ist. (6) Bei Opferfesten, die der Staat veranstaltet, öffnen sie die Gehäuse und schmücken diese Bilder prächtig, und wenn ein angesehenes Glied der Familie gestorben ist, führen sie sie im Leichenzug mit und setzen sie denen auf, die ihrer Größe und Statur nach dem betreffenden Verstorbenen besonders ähnlich zu sein scheinen. (7) Diese Leute tragen dann auch noch, wenn der Verstorbene Konsul oder Prätor gewesen ist, Kleider mit einem Purpursaum [= togae praetextae], wenn er Censor gewesen ist, rein purpurne (togae purpureae), und wenn er einen Triumph gefeiert oder gleichwertige Taten vollbracht hat, tragen sie goldgestickte Kleider [= togae pictae]. (8) Diese eben genannten Leute fahren nun auf Wagen; vorweg werden Rutenbündel [= fasces], Beile und die übrigen Amtsinsignien getragen entsprechend dem Rang, den der Verstorbene im Staate eingenommen hat. (9) Wenn sie zu den Rostra gekommen sind, nehmen alle nacheinander auf elfenbeinernen Sesseln Platz. Ein junger Mann, der nach Ruhm strebt und Sinn für das Bedeutende hat, kann nicht leicht ein schöneres Schauspiel sehen. (10) Wen würde es nämlich nicht beeindrucken, die Bilder von Männern, die wegen ihrer Vollkommenheit berühmt sind, alle zusammen gleichsam als Menschen mit Leib und Seele zu sehen? Welches Schauspiel erschiene schöner?

54 (1) Wenn der Redner seine Rede über den, der beigesetzt werden soll, beendet hat, beginnt er, über die anderen, deren Masken da sind, zu sprechen, indem er mit den ältesten anfängt, und erwähnt die Erfolge und Taten eines jeden. (2) Während so der Ruhm, den die bedeutenden Männer durch ihre Vorzüge erlangt haben, immer wieder erneuert wird, wird der Ruhm derer, die etwas Bedeutendes geleistet haben, unsterblich gemacht, und das Ansehen derer, die dem Vaterland gute Dienste erwiesen haben, wird dem Volk bekannt und der Nachwelt weitergegeben. (3) Vor allem werden die jungen Leute dazu angespornt, alles für das Gemeinwesen auf sich zu nehmen, um sich den Ruhm zu erwerben, der bedeutenden Männern folgt. ...


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski SS 1999