Zur Veranschaulichung: die Beschreibung der Qualitäten römischer Redner im Vergleich durch Quintilian: Quintilian, Institutio oratoria, B. 10, 105 - 121.

Lat. Text und dt. Übersetzung nach: Quintilian, Institutio oratoria X. Lehrbuch der Redekunst, 10. Buch. Lateinisch- Deutsch. Übersetzt, kommentiert und mit einer Einleitung herausgegeben von Franz Loretto, Stuttgart 1974, S. 57 und 65.


Deutsche Übersetzung:

(105) Bei den Rednern ... vermag man ... die lateinische Sprachgewandtheit der griechischen gleichzusetzen. Denn Cicero würde ich ohne Bedenken jedem beliebigen von ihnen gegenüberstellen. Ich weiß auch recht gut, welchen Widerspruch ich damit gegen mich herausfordere, und dies, obwohl ich keineswegs beabsichtige, ihn in diesem Augenblick mit Demosthenes zu vergleichen: es kommt auch gar nicht darauf an, da ich doch der Meinung bin, man müsse Demosthenes in erster Linie lesen, mehr noch, auswendig lernen. (106) Ihre [scil. der griechischen Rhetoren] Vorzüge scheinen mir in der Mehrzahl ähnlich, so zum Beispiel der Entwurf, die Anordnung, die Methode der Einteilung, der Vorbereitung und Beweisführung sowie alles, was Sache der Erfindungsgabe ist. Im Stil ist ein gewisser Unterschied feststellbar: jener [scil. Demosthenes] ist gedrängter, dieser [scil Cicero] ausführlicher; die Satzschlüsse des ersteren sind straffer, die des letzteren breiter ausgeführt; jener kämpft immer mit der Schärfe seines Geistes, dieser oft auch mit gewichtigen Worten; dort könnte man nichts wegnehmen, hier nichts hinzufügen; jener zeigt mehr Sorgfalt, dieser mehr natürliche Begabung. (107) Wo es um Witz und rührende Worte geht - zwei Dinge, denen bei Gefühlsregungen die größte Bedeutung zukommt -, sind wir zweifellos überlegen. Die Möglichkeit zu einem Schlußwort dürfte jenem vielleicht eine staatliche Verordnung genommen haben, uns dagegen verbietet wohl die Andersartigkeit der lateinischen Sprache jene stilistischen Eigenschaften, die die Attiker bewundern. In den Briefen jedoch, die wir zwar von beiden besitzen, beziehungsweise in den Dialogen, womit jener [scil Demosthenes] überhaupt nicht hervorgetreten ist, kann es zwischen den beiden keinen Wettstreit geben. (108) Insofern allerdings gebührt ihm der Vorrang, als er zeitlich früher war und größtenteils Cicero zu dem gemacht hat, was er ist. Denn mir scheint M. Tullius, nachdem er sich ganz der Nachahmung der Griechen gewidmet hatte, die Gewalt des Demosthenes, den Gedankenreichtum Platons und den Reiz des Isokrates wiedergegeben zu haben. (109) Aber nicht nur, was bei jedem das Beste war, erreichte er durch sein eifriges Bemühen, sondern die meisten oder vielmehr alle Vorzüge brachte die unerschöpfliche Fruchtbarkeit des unsterblichen Genies aus sich selbst hervor. Denn "kein Regenwasser sammelt er", wie Pindar sagt, "sondern bricht in lebendigem Fluß aus der Tiefe"; als ein Geschenk hat ihn die Vorsehung ins Leben gerufen, damit in ihm die Beredsamkeit alle ihre Kräfte auf die Probe stelle. (110) Denn wer könnte gründlicher belehren, wer die Gemüter heftiger erregen, wem war jemals eine solche Anmut der Rede gegeben? Daß es den Anschein hat, als würde er selbst das, was er entwindet, mühelos erlangen; und wenn er den Richter gewaltsam von seinem Weg abbringt, so scheint jener dennoch nicht fortgerissen zu werden, sondern freiwillig zu folgen. (111) Ferner haben alle seine Worte ein solches Gewicht, daß man sich schämen müßte, anderer Meinung zu sein, und daß er nicht die Beflissenheit des Anwaltes, sondern die Glaubwürdigkeit eines Zeugen oder Richters an den Tag legt, wobei alle diese Vorzüge, von denen man bei sorgfältigster Übung kaum jeweils nur einen erreichen könnte, mühelos dahinströmen, und die Rede, wie sie schöner nie gehört wurde, die köstlichste Leichtigkeit zur Schau trägt. (112) Daher haben seine Zeitgenossen von ihm nicht ohne Grund gesagt, er beherrsche die Gerichtsverhandlungen wie ein König, bei der Nachwelt aber hat er dies erlangt, daß Cicero nicht mehr als der Name eines Menschen, sondern als das Symbol der Redekunst gilt. Auf ihn laßt uns daher blicken, er soll als Vorbild vor uns stehen, und jener, der an Cicero großes Gefallen findet, wisse, daß er Fortschritte gemacht hat. (113) Asinius Pollio besitzt eine reiche Erfindungsgabe und versteht es, sich äußerst - oder wie manche glauben, geradezu übertrieben - gewählt auszudrücken; auch an Überlegung und Esprit fehlt es ihm nicht; von Ciceros Glanz und Anmut aber ist er so weit entfernt, daß es scheinen könnte, er sei um eine Generation älter. Messala dagegen ist elegant und ungekünstelt und stellt in der Rede gewissermaßen seinen Adel zur Schau, besitzt jedoch weniger Durchschlagskraft. (114) Hätte sich nun erst C. Caesar ausschließlich dem Forum gewidmet, so würde man von unseren Rednern keinen anderen Cicero gegenüberstellen. So gewaltig ist seine Wirkung, solcherart sein Scharfsinn und sein Feuereifer, daß es ganz offensichtlich ist, er habe mit derselben Begeisterung Reden gehalten, mit der er auch Kriege geführt hat; dennoch wird all dies mit einer wunderbaren Eleganz der Sprache verklärt, um die er sich eigens bemüht hat. (115) Sehr talentiert ist Caelius und besonders in der Anklage geistvoll; der Mann wäre einer besseren Sinnesart und eines längeren Lebens wert gewesen. Ich fand einige, die Calvus allen vorzogen, ich fand auch solche, die wie Cicero glaubten, er habe wegen seiner allzustrengen Selbstkritik die echte Kraft eingebüßt, doch seine Rede ist feierlich, ernst und straff und nicht selten auch leidenschaftlich. Er war ein Nachahmer der attischen Redner, und sein allzufrüher Tod schadete ihm, wenn er seine Fähigkeiten entfalten, nicht aber, wenn er sie einengen wollte. (116) Servius Sulpicius erwarb sich nicht ohne Grund mit drei Reden seinen ausgezeichneten Ruf. Viel Nachahmenswertes wird - kritisch gelesen - Cassius Severus bieten, der unter die Wichtigsten zu zählen wäre, wenn er zu seinen übrigen Vorzügen auch noch den richtigen Ton und rhetorischen Nachdruck hinzugetan hätte. (117) Denn er besitzt sehr viel Talent, auffallende Schärfe und geistreichen Ausdruck; allerdings folgt er lieber seiner Leidenschaftlichkeit als der Überlegung. Und außerdem, wie bitter seine Witze auch sind, so ist doch die Bitterkeit selbst nicht selten lächerlich. (118) Es gibt noch viele andere tüchtige Redner, die aufzuzählen zu weit führen würde. Von denen, die ich selbst gesehen habe, übertreffen Domitius Afer und Julius Africanus bei weitem alle übrigen. Im Hinblick auf die Kunst der Wortwahl und seinen ganzen Stil verdient iener den Vorzug; man könnte ihn unbedenklich unter die alten Redner einreihen; dieser ist heftiger, doch ist sein Bemühen um einen gewählten Ausdruck übertrieben und der Periodenbau gelegentlich zu weitschweifig und im Gebrauch von Metaphern nicht zurückhaltend genug. (119) Auch vor kurzem noch gab es bedeutende Talente. So war Trachalus in der Regel erhaben und ziemlich leicht verständlich, man hätte ihm wohl die besten Absichten zutrauen können. Wenn man ihm jedoch zuhörte, war seine Wirkung größer; denn er besaß eine volle Stimme, wie ich sie sonst bei niemandem wahrgenommen habe, eine Aussprache, die sogar den Anforderungen der Bühne entsprochen hätte, und ein gutes Aussehen; mit einem Wort, er war mit allen äußeren Vorzügen reich ausgestattet. Auch Vibius Crispus ist in seiner Rede ausgewogen, gefällig und zur Unterhaltung wie geschaffen, doch geeigneter für Zivil-als für Strafprozesse. (120) lulius Secundus wäre, wenn er länger gelebt hätte, bei der Nachwelt als Redner zweifellos hoch berühmt: Zu seinen übrigen Qualitäten hätte er namlich - wie er es bereits versuchte - auch noch das Fehlende hinzugefügt, und zwar hätte er viel kämpferischer sein und sich öfter mehr um den Inhalt als nur um den sprachlichen Ausdruclt kümmern sollen. (121) Doch obwohl allzufrüh hinweggerafft, beansprucht er einen wichtigen Platz für sich: So groß ist seine Wortgewandtheit, so angenehm versteht er, jedes beliebige Thema auseinanderzusetzen, so durchsichtig, fließend und schön ist sein Stil, so treffend sind auch die übertragen gebrauchten Wörter, so bedeutungsvoll manche seiner gewagten Wendungen. (122) Verfasser von Abhandlungen über die Redner nach uns werden viel Veranlassung haben, die jetzt wirkenden mit Recht zu rühmen. Denn es gibt heute hervorragende Talente, die dem Forum Glanz verleihen. Wetteifern doch bereits vollkommen ausgebildete Anwälte mit den Alten, und ihnen folgt als ihren Vorbildern die fleißige Jugend in ihrem Streben nach den höchsten Zielen.


Lateinischer Text:

(105) Oratores vero vel praecipue Latinam eloquentiam parem facere Graecae possunt: nam Ciceronem cuicumque eorum fortiter opposuerim. nec ignoro, quantam mihi concitem pugnam, eum praesertim non id sit propositi, ut cum Demostheni comparem hoc tempore: neque enim attinet, cum Demosthenem in primis legendum vel ediscendum potius putem. (106) quorum ego virtutes plerasque arbitror similes, consilium, ordinem, dividendi, praeparandi, probandi rationem, omnia deniqus quae sunt inventionis. in eloquendo est aliqua diversitas: densior ille, hic copiosior, ille concludit adstrictius, hic latius, pugnat ille acumine semper, hic frequenter et pondere, illic nihil detrahi potest, hic nihil adici, curae plus in illo, in hoc naturae. (107) salibus certe et commiseratione, quae duo plurimum in adfectibus valent, vincimus. et fortasse epilogos illi mos civitatis abstulerit, sed et nobis illa, quae Attici mirantur, diversa Latini sermonis ratio minus permiserit. in epistulis quidem, quamquam sunt utriusque, dialogisve, quibus nihil ille, nulla contentio est. (108) cedendum vero in hoc, quod et prior fuit et ex magna parte Ciceronem, quantus est, fecit. nam mihi videtur M. Tullius, cum se totum ad imitationem Graecorum contulisset, effinxisse vim Demosthenis, copiam Platonis, iucunditatem Isocratis. (109) nec vero quod in quoque optimum fuit, studio consecutus est tantum, sed plurimas vel potius omnis ex se ipsa virtutes extulit inmortalis ingenii beatissima ubertas. "non enim pluvias", ut ait Pindarus, "aquas colligit, sed vivo gurgite exundat", dono quodam providentiae genitus, in quo totas vires suas eloquentia experiretur. (110) nam quis docere diligentius, movere vehementius potest? cui tanta umquam iucunditas adfuit? ut ipsa illa, quae extorquet, impetrare eum credas, et cum transversum vi sua iudicem ferat, tamen ille non rapi videatur, sed sequi. (111) iam in omnibus, quae dicit, tanta auctoritas inest, ut dissentire pudeat, nec advocati studium, sed testis aut iudicis adferat fidem, cum interim haec omnia, quae vix singula quisquam intentissima cura consequi posset, fluunt inlaborata et illa, qua nihil pulchrius auditum est, oratio prae se fert tamen felicissimam facilitatem. (112) quare non inmerito ab hominibus aetatis suae regnare in iudiciis dictus est, apud posteros vero id consecutus, ut Cicero iam non hominis nomen, sed eloquentiae habeatur. hunc igitur spectemus, hoc propositum nobis sit exemplum, ille se profecisse sciat, cui Cicero valde placebit. (113) multa in Asinio Pollione inventio, summa diligentia, adeo ut quibusdam etiam nimia videatur, et consilii et animi satis: a nitore et iucunditate Ciceronis ita longe abest, ut videri possit saeculo prior. at Messala nitidus et candidus et quodam modo praeferens in dicendo nobilitatem suam, viribus minor. (114) C. vero Gaesar si foro tantum vacasset, non alius ex nostris contra Ciceronem nominaretur. tanta in eo vis est, id acumen, ea concitatio, ut illum eodem animo dixisse, quo bellavit, appareat: exornat tamen haec omnia mira sermonis, cuius proprie studiosus fuit, elegantia. (115) multum ingenii in Caelio et praecipue in accusando multa urbanitas, dignusque vir, cui et mens melior et vita longior contigisset. inveni qui Calvum praeferrent omnibus, inveni qui Ciceroni crederent, eum nimia contra se calumnia verum sanguinem perdidisse, sed est et sancta et gravis oratio et castigata et frequenter vehemens quoque. imitator autem est Atticorum, fecitque illi properata mors iniuriam, si quid adiecturus sibi, non si quid detracturus fuit. (116) et Servius Sulpicius insignem non inmerito famam tribus orationibus meruit. multa, si cum iudicio legatur, dabit imitatione digna Cassius Severus, qui ceteris virtutibus colorem et gravitatem orationis adiecisset, ponendus inter praecipuos foret. (117) nam et ingenii plurimum est in eo et acerbitas mira et urbanitas et sermo, sed plus stomacho quam consilio dedit. praeterea ut amari sales, ita frequenter amaritudo ipsa ridicula est. (118) sunt alii multi diserti, quos persequi longum est. eorum quos viderim Domitius Afer et Julius Africanus longe praestantissimi. verborum arte ille et toto genere dicendi praeferendus et quem in numero veterum habere non timeas: hic concitatior, sed in cura verborum nimius et compositione nonnumquam longior et translationibus parum modicus. (119) erant clara et nuper ingenia. nam et Trachalus plerumque sublimis et satis apertus fuit et quem velle optima crederes, auditus tamen malor: nam et vocis, quantam in nullo cognovi, felicitas et pronuntiatio vel scaenis suffectura et decor, omnia denique ei, quae sunt extra, superfuerunt: et Vibius Crispus compositus et iocundus et delectationi natus, privatis tamen causis quam publicis melior. (120) Iulio Secundo si longior contigisset aetas, clarissimum profecto nomen oratoris apud posteros foret: adiecisset enim atque adiciebat ceteris virrutibus suis quod desiderari potest, id est autem, ut esset multo magis pugnax et saepius ad curam rerum ab elocutione respiceret. (121) ceterum interceptus quoque magnum sibi vindicat locum: ea est facundia, tanta in explicando quod velit gratia, tam candidum et leve et speciosum dicendi genus, tanta verborum etiam quae adsumpta sunt proprietas, tanta in quibuidam ex periculo petitis significantia. (122) habebunt qui post nos de oratoribus scribent, magnam eos, qui nunc vigent, materiam vere laudandi: sunt enim summa hodie, quibus inlustratur forum, ingenia. namque et consummari iam patroni veteribus aemulantur et eos iuvenum ad optima tendendum imitatur ac sequitur industria.


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski SS 1999