Aristophanes, Die Ekklesiazusen, 170 - 247. 

Dt. Übersetzung nach: Aristophanes, Sämtliche Kommödien. Herausgegeben und mit Einleitungen und einem Nachwort versehen von Hans-Joachim Newiger (Neuberabeitung der Übersetzung Ludwig Seeger 1845 - 48), München 1976, S. 534 - 536.


PRAXAGORA: ... Um euretwillen will ich selbst jetzt reden!
Gebt mir den Kranz! -
Ich flehe zu den Göttern,
Daß den Beschlüssen sie Gelingen geben.
Mir liegt des Landes Wohl so sehr am Herzen
Wie euch! Mit Kummer seh ich und Verdruß,
Die gegenwärtge Lage unsrer Stadt.
Von schlechten Führern, seh ich, läßt das Volk
Sich leiten, und wenn jemand einen Tag
Rechtschaffen, ist er zehn dafür dann schlecht! -

Ein andrer kommt! Der macht es schlechter noch.

Schwer ist es, mißgelaunten Herrn zu raten,
Euch, die ihr meidet, die euch lieben möchten,
Und die's nicht wollen, bittet und bestürmt!
Es war die Zeit, wo in der Volksversammlung
Man noch Gewinn nicht sucht': Agyrrhios galt
Da noch als schlecht: doch jetzt - wer sie ums Geld
Besucht, der freilich lobt den Brauch: wer nichts
Bekommt, der hält für todeswürdig jeden,
Der nur für Lohn in die Versammlung geht.

ERSTE FRAU: Bei Aphrodite, das war gut gesprochen!

PRAXAGORA: Unsel'ge! Aphrodite nennst du? - Schön,
Wenn das in der Versammlung dir passierte!

ERSTE FRAU: Da sagt ich's nicht!

PRAXAGORA: Gewöhn es dir jetzt ab. -
Als jüngst das Bündnis hier zur Sprache kam,
Hieß es: Schlagt ein, sonst ist die Stadt verloren!
Kaum war's geschlossen, murrte man, der Redner,
Der's angeraten, ging dann plötzlich durch. -

Die Flotte muß man rüsten, meint der Arme,
Die Reichen und die Bauern sagen: Nein! -

Ihr zürnet den Korinthern, diese euch!
Jetzt sind sie gut, so seid auch ihr es wieder!
Argos ist unbelehrbar, Hieronymos
Gescheit. Die Rettung winkt, doch Thrasybul
Ist zornig, weil man seiner nicht bedarf.

ERSTE FRAU: Welch kluger Redner!

PRAXAGORA: So hör ich dich gern! -
Du aber, Volk, du bist an allem schuld!
Denn aus dem Staatsschatz zieht der Bürger Sold,
Doch jeder sucht allein Gewinn für sich!
Hin schleppt der Staat sich lahm wie Aisimos.
Folgt meinem Rat, dann blüht euch wieder Glück!
Den Weibern, rat ich, müssen wir den Staat
Ganz überlassen! Führen sie zu Hause
Doch auch die Wirtschaft als Verwalterinnen!

ALLE: Vortrefflich! Bravo! Sprich nur weiter! Sprich!

PRAXAGORA: Daß sie in allem besser sind als wir,
Will ich beweisen: Heut noch waschen sie
Nach altem Brauch die Woll in warmem Wasser,
Und eine wie die andre! Keine siehst
Du Neues je probieren! - O Athen,
Wie wärst du wohlgeborgen, hieltest du's
Wie sie, und fragtest nicht nach Neuerung!
Noch sitzen sie beim Kochen, grad wie sonst,
Sie tragen auf den Köpfen, grad wie sonst,
Sie feiern Thesmophoria, grad wie sonst,
Sie backen ihre Kuchen, grad wie sonst,
Sie quälen ihre Männer, grad wie sonst,
Sie lassen Buhler ein noch, grad wie sonst,
Sie naschen gern was Leckres, grad wie sonst,
Und trinken gerne Puren, grad wie sonst,
Und lassen gern sich nehmen, grad wie sonst! -
Ihr Männer, ihnen übergebt die Stadt,
Macht nur nicht viel Gerede, fragt nicht lang:
Was werden sie wohl tun? - Ohn alle Klauseln
Laßt sie regieren! Faßt nur dies ins Auge:
Zum Besten unsrer Krieger tun sie alles,
Als ihre Mütter; wer versorgte besser
Mit Nachschub sie als die, die sie gebar
Geld schafft die Frau, erfindungsreich, am besten,
Und wenn sie herrscht, wird sie doch nie betrogen;
Denn wer versteht sich auf Betrug wie sie?
Viel andres wüßt ich noch! - Genug! - Wenn ihr
Mir folgt, so werdet ihr gar glücklich leben!

ERSTE FRAU: Schön, Herzchen! Exzellent, Praxagora!
Wo hast du, Schelmin, das so schön gelernt?

PRAXAGORA: Zur Zeit des Schreckens wohnt ich auf der Pnyx
Mit meinem Mann, dort lernt ich's von den Rednern.

ERSTE FRAU: Kein Wunder, bist du so beredt und klug!
Wir wählen auf der Stelle dich zum Feldherrn,

Wenn du das ausführst, was du klug erdacht! .....


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski SS 1999