Lösung zu Übung 3.

AUFGABEN:

Untersuchen Sie die hier wiedergegebenen Ausschnitte aus der Tragödie 'Die Perser' von Aischylos und aus der Komödie 'Die Ekklesiazusen' von Aristophanes unter folgenden Fragestellungen:

a) Welche Zeitbezüge können Sie ausmachen? Wie würden Sie deshalb die Stücke datieren?

b) Welche Botschaften wollen die beiden Stücke Ihres Erachtens vermitteln? An wen richten sich diese Botschaften genau? Was ist an den Botschaften speziell politische Absicht und zu vermutende politische Wirkung?

b) Was macht die beiden Stücke als 'hohe' Kunst kenntlich? Wie sind ferner die 'Rollen' der Darstellung aufgeteilt und welche Funktionen hat diese Rollenzuweisung Ihres Erachtens für die zu vermittelnden Botschaften?


Die Berbeitung und Beantwortung der gestellten Aufgaben, die Gegenstand der Vorlesung war oder sein sollte, kann an dieser Stelle nur in knapper Form stattfinden. Auf die Literatur-, Medien- und Quellenhinweise dieses Kapitels und des Allgemeinen Vereichnisses zu diesem Skript sei deshalb ausdrücklich hingewiesen.

Zu a)

Im Aischylos-Text ist auf die persische Expedition unter Xerxes nach Griechenland i. d. J. 480 - 479 Bezug genommen. Das Übersetzen des persischen Heeres über den Hellespont, die für die Perser schweren Niederlagen in der Seeschlacht bei Salamis (480) und in der Landschlacht bei Plataiai (479) sowie der ungeordnete Rückzug des persischen Heeres werden angesprochen und ausgemalt. Die Erinnerung an die Ereignisse ist lebhaft und leidenschaftlich, was die Annahme begründet, daß sie noch nicht allzu fern liegen. Außerdem ist eine politische Botschaft erkennbar, die sich an die persische Feindmacht ebenso wie an deren frühere und wogmöglich noch gegenwärtige Anhänger in Griechenland zu richten scheint; auch dies spricht für eine zeitliche Nähe der dramatisierten Ereignisse. - Tatsächlich ist Aischylos Tragödie 'Die Perser' - die erste als ganze erhaltene Tragödie der klassisch-griechischen Tragödiendichtung - an den Dionysien d. J. 472 v. Chr. v. Chr, aufgeführt worden, und zwar im Rahmen der ersten Tragödienaufführung nach der persischen Invasion und Zerstörung Athens. Die politische Atmosphäre in Athen und anderen griechischen Staaten, die gegen die Perser gekämpft hatten, war auch nach Vertreibung des persischen Heeres aus Griechenland weiter kriegerisch gestimmt. Im Jahre 477 wurde der attische Seebund geggründet, dessen Aufgabe es in den folgenden Jahrzehnten - bis zum sog. Kallias-Frieden d. J. 449 v. Chr. mit dem Achämenidenreich - war, die Freiheit nicht nur derFestlands-, sondern auch der Inselgriechen und der griechischen Städte der kleinasiatischen Küste und anderwärts gegen einen persischen Hegemonialanspruch in Schutz zu nehmen und die materiellen Interessen Athens und seiner Verbündeten ggf. auch in fortwährendem Kleinkrieg gegen die persischen Positionen an den Mittelmeer- und Scharzmeerküsten durchzusetzen. Das Selbstbewißtsein Athens wuchs mit seiner neubegründeten Hegemonialposition in diesem Bunde. All dies spiegelt sich schon in dem wiedergegebenen Textauszug wider.

Im Aristophanes-Text werden als historische Ereignisseerwähnt: 'die Zeit des Schreckens', d. h. der sog 'Dreißig Tyrannen' des oligarchischen Regimes in Athen nach dem Ende des peloponnesischen Krieges 404 v. Chr. und die in J. 395 begründeten, im 'Korinthischen Krieg' d. J. 395 - 386 aufrechterhaltenen Bündnisbeziehungen Athens mit Korinth und anderen grechischen Staaten gegen die hegemonialen Ansprüche Spartas. Dieser Zeit ist in Athen und anderwärts die kräftezehrende Kriegspolitik des peloponnesischen Krieges zwar noch deutlich in Erinnerung, aber überall gibt es auch die immer wieder neu entstehende Bereitschaft, ggf. kriegerisch um Einfluß und Vorteile für den eigenen Stadtstaat zu kämpfen, entsprechende Koalitionen zu bilden und hinderliche Vormachtstansprüche anderer Stadtstaaten anzugreifen. Der Konflikt mit Persien, der im Aischylos-Text noch völlig im Vordergrund steht, hat in dieser Zeit weitaus geringere Bedeutungfür die griechsichen Verhältnisse, auch wenn das Achämenidenreich nach wie vor ein zu berücksichtigender, im Hintergrund bedrohlicher Machtfaktor für diese ist. Im Jahre 387 kommt es unter maßgeblichem persischen Einfluß zum sog. 'Königsfrieden', der seinen Vereinarungen nach den Konflikt zwischen Sparta einerseits und den verbündeten Griechenstaaten der anderen Seite zugunsten einer allgemeinen Autonomie, d. h.eines Hegemonieverbots im griechischen Bereich beendet, aber die kleinasiatischen griechischen Küstenstädte erneut der persischen Hoheit unterstellt. Die während des korinthischen Krieges und auch in den folgenden Jahrzehnten bis zur Errichtung der makedonischen Vormachtstellung in Griechenland (i. J. 338) immer wieder stattfindenden innergriechischen Auseinandersetzungen schaffen in Athen, und nicht nur dort - oft eine Atmosphäre innen- und außenpolitischer Unbeständigkeit und Unkalkulierbarkeit der Entscheidungsbildung innerhalb der jeweils politisch tonangebenden Gruppierungen, die in einem Kontrast zu dem allgemeinen, zumeist nur stimmungsmäßig sich äußernden Bedürfnis weniger beteiligter Bevölkerungsgruppen nach Eindeutigkeit, Allgemeinnützlichkeit und möglichster Friedfertigleit der Politik steht. Aus einer solchen Einstellung zur attischen Politik ist die Komödie des Aristophanes entstanden. Sie redet keiner praktischen Aktion das Wort, sondern arbeitet mit grotesk-komischen Vorstellungen, die sie deutlich als nie und nirgends praktikabel markiert. Auf diese Weise geht sie politisch unverfänglich auf eine allgemeine Stimmung ein, ohne sich doch mit den konkreten Entscheidungen der Obrigkeit in Widerspruch zu setzen. In dieser - für den Typ der sog. 'Mittleren Komödie' charakteristischen - politischen Vorsicht entspricht sie den zu Beginn des 4. Jhts. in Athen gegebenen Verhältnissen politischer Korrektheitsanforderungen, wie sie etwa in den Prozessen gegen Sokrates (399) und Andokides deutklich werden und Platons Aversion gegen die damalige demokratische Staatsform begründen.

Zu b)

Der Aischylos-Text bringt zum Ausdruck,

daß die persische Expedition unter Xerxes nach Griechenland das Werk eines jungen, unerfahrenen, ehrgeizigen und schlecht beratenen, ja von Dämonen geplagten, wahnsinnigen - all diese Attribute sind explizit erwähnt - Großkönigs gewesen sei,

Die Tragödie, der der Textauszug entnommen ist, richtet sich primär an das Theaterpublikum, das zum Dionysienenfest im Frühjahr 472 v. Chr. in Athen zusammenkommt. Die Zuschauer sind nicht nur städtische Athener und Bewohner des ländlichen Attika, sondern auch 'Ausländer', so etwa Abordnungen der im attischen Seebund zusammengefaßten Bundesgenossen, die bei Gelegenheit des Dionysienfestes ihre Abgaben zur Bundeskasse erbringen, aber auch reisende Gäste aus vielen Regionen und solche, die sich aus geschäftlichen oder Lebenswerwerbs-Gründen länger in Athen aufhalten (Metöken). Es ist daher davon auszugehen, daß sich die politische Botschaft dieser an zeitlich markanter Stelle - bei der ersten Gelegenheit nach der persischen Besetzung Athens - aufgeführten Tragödie auch an die Bundesgenossen und an die anderen griechischen Staaten, ja indirekt sogar an das Perserreich richtet; dabei soll wohl auch eine Nebenbotschaft an frühere Verbündete und noch jetzige Sympathisanten der persischen Seite etwa derart mitvermittelt werden:"Glaubt nicht, daß der persische Einfluß in Griechenland künftig auch nur irgendetwas gelten wird. Hier haben nur die griechischen Staaten etwas zu sagen, insbesondere Athen, das sich in der Abwehr der persischen Invasion so kampfentschlossen und opferbereit gezeigt und damit eine Stellung als Führungsmacht verdient hat."

Der Aristophanes-Text andrerseits bringt ein allgemeines Unbehagen an einer unfriedlichen und unbeständigen Politik des athenischen Staates zum Ausdruck, krititisiert - teilweise namentlich - den Ehrgeiz, den Eigennutz und den Wankelmut prinzipiell aller derzeitigen Politiker, bezieht aber auch das Volk in die Kritik ein, das wegen seiner Kurzsichtigkeiz, seiner Privatinteressen und seiner Bequemlichkeit sich von solchen Politikern führen lasse. Diese Kritik wird durch einen utopisch-radikalen Abänderungsvorschlag, wie er in der 'Übergabe der staatlichen Macht an die Frauen' mit seinen einzelnen Elelemente (radikale Fruiedenpolitik, umfassendes gemeinschaftliches Eigentum an allen Gütern, ja 'Entprivatisierung des Sexualverkehrs') zum Ausdruck kommt, einerseits unterstrichen (i. S. etwa der Aussage "die gegenwärtigen und gewohnten Machtverhältnisse sind nicht sinnvoll reformierbar"), andrerseits aber auch ad absurdum geführt. Ein wirklich praktische Alternative bietet die Komödie nicht, und sie will sie ganz offenkundig auch nicht bieten - weder i. S. eines realisierbaren Nah- noch eines Fernzieles gesellschaftlicher Umorientierung. Insoweit ist die politische Aussage des Textes ambivalent; sie nimmt in der für die 'Mittlere Komödie typischen Form auf die schon erwähnten Verhältnisse im Athen der ersten Jahre nach dem peloponnesischen Kriege Bezug.

Zu c)

An erster Stelle fällt die sprachliche Gestaltung unter Verwendung eines Versmaßes und bei Rollenverteilung für einen zu sprechenden Text auf. Der Aischylos-Text ist - in der hier nicht wiedergegebenen - altgriechischen Originalform in den bei dramatischen Dialogen üblichen akatalektischen iambischen Trimetern bzw.in den bei Chortexten üblichen chariambischen Dimetern -bei häufigeren, exzeptionellen metrischen Abwandlungen auch in andere Versmaße gehalten, die der Übersetzer J. G. Droysen um 1832 im Deutschen, woweit möglich, ähnlich wiedergegeben hat. Für den von Ludwig Seeger um 1845 übersetzten - hier ebenfalls nicht wiedergegebenen - Aristophanes-Text gilt ähnliches; nur ist gegenüber der Tragödie die exzeptionelle Versmaßvariation des griechischen Urtextes, die gerade im Dialog das komische Moment zu steigern vermag, noch ausgeprägter. - Was die Rollenverteilung betrifft, so ist es Aischylos, der für die griechische Tragödie die Parte der Sprecher neben dem Chor von ursprünglich nur einem auf zwei, später auch auf mehr als zwei gesteigert hat, wodurch der dramatischeDialog im Theater erst möglich und dramatisch entwicklungsfähig wurde; in den Persern treten neben dem Chor (persischer Fürsten) nur nur die Königsmutter Atossa, ein Bote, der Satten des toten Dareios und schließlich Xerxes auf. Bei Aristophanes ist die Rollenzahl schon viel größer: es treten neben dem Cor treten 12 Einzelpersonenen und verschiedene Gruppengelegentlich sprechender Statisten auf.

Neben der kunstvollen Gestaltung der Sprache sind in Rechnung zu stellen:

wie sie allgemein überliefert oder etwa in den konkreten szenischen Anweisungen des Dramas angeordnet oder angedeutet sind. Bei dem 'Drama' (dt. etwa 'kunstvoll gestaltete Handlung') der Tragödie und der Komödie handelt es sich damit um eine antike Form eines 'Gesamtkunstwerks', das die Ausdrucksmöglichkeiten der gesprochenen Sprache mit denen der Schauspielkunst, der bildnerischen Gastaltung und der Musik kombiniert unddiie Wirkungen so erheblich zu steigern vermag.

Auch die vielfältigen organisatorisch-konzeptionellen und technischen Vorbereitungen - von der Vorlage eines umsetzbaren Skripts des dramturgiuschen Autors über die Chor- und Schauspieler-Einstudierungen bis zur Handhabung der Bühnenmechnechanik setzen jeweils eigene Kunstfertigkeiten voraus.

Was das Verhältnis solcher Gesamtkunstwerke zu den in ihnen vermittelten Botschaften politischer Art betrifft, so läßt sich zunächst allgemein sagen, daß diese in den überliefert vorliegenden Tragödien selten so direkt erfolgt wie in Aischylos 'Persern'. Eher handelt sich in der Tragödie wegen des in ihr im allgemeinen vorwiegenden mythologischen und religiösen Bezugs - auch im klassischen Athen - um politische Andeutungen und Anspielungen. Die 'alte Komödie' allerdings, d. h. die vor dem Ende des peloponnesischen Kriegs in Athen übliche, unter der Maxime weitgehender 'Parrhesie' (Redefreiheit) stehende Form der Komödie,wie sie in zahlreichen Stücken des Aristophanes vorliegt, ist politisch oft sehr direkt und auch aggressiv. Dies ändert sich jedoch nach dem Peloponnesischen Kriege, auch bei Aristophanes, dessen 'Ekklesiazusen' in dieser Zeit entstanden sind, in Richtung auf die bereits erwähnte politische Zurückhaltung.

Für die Auswahl, d. h. u. a. auch für die der Obrigkeit ggf. wichtige Kontrolle politischer oder 'sittlicher' Auswirkungen der bei Gelegenheit der Feste aufgeführten Dramen, waren in Athen der 'archon eponymos' (bei der Vorbereitung der Dionysien) und der 'archon basileus' (für die Vorbereitung derv Lenäen) zuständig. Es ist davon auszugehen, daß sie ihr Amt zwar im allgemeinen liberal handhabten, aber ggf. auch für die Verhinderung oder Abänderung unerwünschter Effekte Sorge trugen. Indirekt dürfte in diese konformiserende Richtung im allgemeinen auch das Prämierungsverfahren der eingesetzten Preisgerichte und die öffentliche Resonanz der aufgeführten Stücke gewirkt haben. Ausdrückliche politische Botschaften dürften aus diesen Günden nur mit ausdrücklicher Billigung der Obrigkeit und implizite politische Mitteilungen nur bei einer kalkulierbaren allgemeinen Akzeptanz, insbesondere bei Vermeidung konkreter Konflikte in der Öffentlichkeit möglich gewesen sein. Davon ist auch für den Text der aischyleischen Tragödieund den der aristophanischen Komödie auszugehen. Bei dem Aischlos-Text ist dabei ein auch von Amts wegen ausdrücklich unterstützter oder sogar in Auftrag gegebener politischer Demonstrationsweck anzunehmen; bei dem Aristophanes-Text läßt sich demgegenüber wohl nur eine Art 'Unbedenklichkeitsbescheinigung' vorstellen, die eine Identifikation des maßgeblichen, in die praktische Staatspolitik eingeonundenen Beamten mit der Komödien-Botschaft nicht voraussetzte.

Die politische Botschaft in der Tragödie des Aischylos verbindet sich mit einem 'tragischen' Erklärungsgrundmuster der Tragödie, nämlich dem der 'hybris' als Moment der menschlichen Selbtsverstrickung in Schuld vor den Göttern. Die feierliche Sprachform unterstreicht die insoweit religiös gesehene Seite der persischen Niederlage. Diese wird ferner in den lebhaftesten Farben gemalt, was den Fall von der Höhe der militärischen Machtentfaltung in die Wehrlosigkeit der Toten, in die Machtlosigkeit der Geschlagenen, in die Demütigung der Fliehenden und in das Elend und die Trauer der Hinterbliebenenen betrifft. Der auftretende Schatten des den Zug des Xerxes verdammenden toten früheren Großkönigs Darius (der seinerseits eine Expedition nach Griechenland unternommen hatte, die in der Schlacht bei Marathon d. J. 490 zurückgeschlagen worden war) , gibt der politischen Aussage den Charakter eines seherisch vermittelten, übernatürlichen Wissens. All diese Kunstmittel dramaturgischer Darstellung stehen nicht etwa für sich, sondern umhüllen ästhetisch und religiös offenkundig nur einen Kern des Mitzuteilenden, und das ist ohne Zweifel die politische Botschaft, welche eigentlich selbstbewußt, schadenfroh und triumphierend, abschreckend und demoralisierend für die Gegenseite ist, d. h. eigentlich nicht fromm, dezent, bescheiden und menschlich verständig ist, wie es einer Tragödie nach ihren religiösen Intentionen anstünde. Es geht m. E. interpretatorisch nicht zu weit, wenn man - allgemeinhistorisch die historisch-politischen Rahmenbedingungen dieses Dramas mitwürdigend - in einem solchen Widerspruch von Inhalt und Form auch ein Moment öffentlicher Täuschung und Selbttäuschung sieht und nicht nur eine fromme oder ästhetische Veranstaltung. Die Tragödie des Aischylos wäre damit nur ein prominentes antikes Vorbild für die Indienstnahme ästhetischer Ausdrucksformen und religiöser Ideen für politische Zwecke, wie wir sie in späteren Epochen bis heute so beständig und konsequent praktiziert vorfinden.

In der Komödie des Aristophanes sind es die Lebhaftigkeit, der Witz, das grotesk Übetriebene der Situationskomik, deren kunstvolle Anordnung und Häufung die politische Kommentierung einer gegenwärtigen Lage Athens unterstreichen, andrerseits aber auch - heutigem politischen Kabarett vergleichbar - wegen der merklichen und gewollten Übertreibungen zumindest teilweise unglaubhaft machen.


 

LV Gizewski SS 1999

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)