Aischylos, Die Perser, 713 - 844.

Deutsche Übersetzung aus: Aischylos, Sämtliche Tragödien. Übersetzung von Johann Gustav Droysen. Mit Nachwort, Anmerkungen, Tafeln und Registern von W. H. Friedrich, K. Ries und F. Schönnagel, München 1977, S. 30 - 33.


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ATOSSA: ... Denn, Dareios. allen Jammer sage dir ein kleines Wort:

Nieder im Staub liegt Persis' Hoheit allzerstört. Du weißt es jetzt.

DAREIOS: Wie geschah's? Kam Todesschauer, kam Empörung über euch?

ATOSSA: Pest und Streit nicht - um Athen war's, daß dahinsank unser Heer.

DAREIOS: Wer von meinen Söhnen führte dorthinaus die Völker?

Sprich!

ATOSSA: Es war der kühne Xerxes; alles Land der Feste leert' er aus.

DAREIOS: Hat mit Landmacht oder Seemacht diese Torheit er gewagt?

ATOSSA: Beides; doppelt Stirn und Antlitz bot des Heeres Doppelzug.

DAREIOS: Aber wie konnt auch das Landheer wagen einen Übergang?

ATOSSA: Brücken ließ er über Hellas Fluten jochen seinem Heer.

DARESOS: Und vollbracht es und verschloß so dort den mächtgen Bosporos?

ATOSSA: Also ist's; doch seinem Sinnen hat ein Dämon sich gesellt.

DAREIOS: Weh, gesellt ein großer Dämon, der ihm verwirrte allen Rat!

ATOSSA: Ja, der Ausgang lehrt es jetzt, wie bitter ihm's vollendet ward!

DAREIOS: Was geschah denn, was betraf sie, daß bejammern ihr sie müßt?

ATOSSA: Seine Flotte riß die Landmacht mit in den Untergang hinab.

DAREIOS: Gar und ganz hat so des Feindes Lanze nun sein Heer vertilgt?

ATOSSA: Susa nun sieht tot und öde seine Straßen, seufzet laut.

DAREIOS: Götter, nein! Solch herrlich Kriegsheer, solch ein königlich Geleit!

ATOSSA: Und der Baktrer ganzes Volk fiel, greisem Alter jeder fern.

DAREIOS: O des Grames! Welche Jugend, welche Kriegsmacht sank dahin!

ATOSSA: Einzig Xerxes sei vereinsamt, heißt es, noch mit wenigen.

DAREIOS: Wo und wie geendet hat er? Gibt es Rettung? Welche? Sprich!

ATOSSA: Glücklich kam er selbst zur Brücke, welche Land und Land vereint.

DAREIOS: Und zurück in seine Lande rettet' er sich? Ist's gewiß?

ATOSSA: Ja, es sagt so ein Bericht uns, Widerspruch ist nicht darin.

DAREIOS: Wehe! Eilig kam Erfüllung aller Sprüche; meinem Sohn

Schleuderte Zeus der Gottverheißung Ende zu! Wohl glaubt ich einst,

Fern in ferner Zeit vollenden würde sie der Götter Rat;

Aber wer sie selbst sich zeitigt, dem gesellt sich schnell der Gott.

Aufgefunden all den Meinen scheint der Quell des Grames jetzt,

Aber nicht mein Sohn erkennt es, jugendlichen Stolzes voll,

Der den heilgen Hellespontos einem Knecht gleich kettenhaft

Wähnte zu umfahn, den mächtgen Bosporos, des Gottes Strom,

Der den Weg des Meeres umschuf und, mit der Fesseln Eisenlast

Ihn umgürtend, weite Straße seinem weiten Heere schuf,

Der, ein Mensch, die Götter alle glaubte, bösen Wahns betört,

Und Poseidon selbst zu zwingen. War's denn möglich, trieb ihn blind

Nicht des Whinsinns Geist? Ich fürchte, meines Reichtums viele Müh

Wird zum schnöden Raube jedem, der danach zu greifen eilt.

ATOSSA: Dazu ward durch böser Männer bösen Rat dein kühner Sohn

lrrgeleitet; denn sie sprachen: Großen Reichtum hättest du

Sonst im Spiel des Kriegs gewonnen, während er mutlos daheim

Kriege spiele, nicht das Erbteil mehre, das er einst empfing.

Hören mußt er diesen Vorwurf böser Männer viel und oft,

Drum beschloß er jenen Feldzug, gegen Hellas auszuziehn.

DAREIOS: Also zu Ende hat denn er das Wort gebracht,

Das größte, unvergeßliche, dessengleichen noch

Niemals die Feste Susa so verödet hat,

Seit Zeus, der Herrscher, dieses Amt verordnete,

Daß über Asias herdenreiche Lande stets

Ein König richte, mit dem Stab der Macht belehnt.

Denn Medos war der erste Führer unsres Volks,

Doch dessen Sohn erst schuf des großen Werkes Schluß;

Der hehren Weisheit Steuer lenkte seinen Mut.

Der dritte nach ihm, Kyros' allglückselge Kraft,

Gab, da er herrschte, Frieden allem seinem Volk,

Gewann der Lyder und der Phrygier reiches Land

Und unterwarf sich ganz Ionia mit Gewalt.

Denn weil er mild war, zürnte nicht auf ihn der Gott.

Des Kyros Sohn dann war der Perser vierter Fürst.

Der fünfte Mardos, seines Vaterlandes Schmach

Und seines angestammten Throns. Ihn mordete

Mit List der edle Ataphernes im Palast

Mit treuen Männern, denen zufiel diese Pflicht.

Für mich entschied das Los sich, das ich viel gewünscht,

Und rüstig focht ich vieles aus mit meinem Volk;

Solch Leiden aber schafft ich nimmermelir dem Reich.

Doch meinen Sohn Xerxes betörte Jugendlust

Zu Jugendtorheit; nicht gedacht er fürder noch

An mein Vermächtnis. Ihr, Genossen einst, bezeugt's:

Von allen Fürsten, die wir beherrscht die Persermacht,

Hat keiner soviel Elend auf sein Volk gebracht.

CHOR: Doch nun, o Fürst Dareios, wohin wendest du

Des Wortes Ausgang, wie am besteis retten denn

Wir persisch Volk uns jetzt vor diesem Leiden noch.

DAREIOS: Wenn nun und nimmer ihr gen Hellas' Täler zieht,

Und wär an Zahl noch größer euer medisch Heer;

Denn ihrer Heimat Erde kämpft für sie im Bund.

CHOR: Wie sagst du dies Wort? Wie verbündet kämpft das Land?

DAREIOS: Es schlägt mit Hunger all die Allzutrotzenden.

CHOR: Doch schickten wir ein mächtges wohlversehnes Heer...

DAREIOS: Selbst aber das Heer, das in Hellas' Feldern jetzt

Noch weilt, der Rückkehr frohen Tag erblickt es nie.

CHOR: Wie sagst du? Zieht denn nicht der Perser ganze Macht,

Heimkehrend aus Europa, über Hellas Furt?

DAREIOS: Von vielen wenige, wenn den Göttersprüchen man,

Die traurig dartun dies Geschick der Gegenwart,

Darf traun; und nicht geschieht das eine, andres nicht.

Und wenn es so ist, einen besten Teil des Heers,

Auf leere Hoffnung trauend, läßt er dann zurück;

Sie bleiben, wo die Ebene rings Asopos' Flut,

Die liebe Tränkung des Böoterlandes, netzt,

Wo aller Leiden schwerster Schlag noch ihrer harrt,

Der Lohn des Hochmuts und der Gotteslästerung,

Die in Hellas nicht sich scheuten, Götterbilder frech

Zu plündern, Göttertempel zu verbrennen. Ja,

Altäre sind verschollen, ewger Götter Sitz

Ruchlos von Grund aus umgestürzt und umgewühlt.

Drum müssen gleiches, die so übel taten, jetzt

Erwarten und erdulden; noch ist nicht ihr Kelch

Erschöpft; es bleibt noch eine Neige bittrer Schuld.

Das wird der heilge Opferguß des Perserbluts

Vom Speer der Dorer auf Plataias Felde sein.

Und Totenhügel werden spät den Enkeln bis

Ins dritte Glied noch stummberedte Zeugen sein,

Daß nicht zu hoch sich heben soll des Menschen Stolz.

Hochmut nach kurzer Blüte setzt die Ähre an

Der Schuld, die bald zu tränenreicher Ernte reift.

Die jetzt ihr diese Strafe blinden Stolzes saht,

Gedenkt an Hellas, an Athenai, hütet euch,

Der Gegenwart Genuß verschmähend, fernen Glücks

Begierig, umzustürzen eignes, größres Glück.

Zeus selbst ist Rächer allzu kühn aufstrebenden

Hochmutes, fordert streng der Taten Rechenseliaft.

Darum so lehrt denn ihr, die weise wißt zu sein,

Mit weisem Rate meinen Sohn, von sich zu tun

Des edlen Sinnes gottverworfnen Übermut.

Du aber, greise Mutter, welche Xerxes liebt,

Geh zum Palast, wähl einen Schmuck, der seiner Macht

Geziemt, und eile deinem Sohn entgegen; denn

Im Schmerz des Unglücks riß er zu Fetzen lumpenhaft

Um Brust und Nacken seines Kleides Goldgeweb.

Du, Mutter, mußt ihn freundlich mir besänftigen,

Dich nur, ich weiß es, anzuhören trägt er jetzt.

Ich aber geh von hinnen in des Grabes Nacht;

Lebt wohl, o Greise; ob in Leid auch, dennoch gönnt,

Solang es Tag ist, eurer Seele frohen Mut,

Weil doch den Toten stirbt die Lust an Gold und Gut.

[Der Schatten des Königs verschwindet]

CHOR: Wieviel des Leides schon erfüllt und noch verhängt

Dem Perservolk ist, hört ich mir zum tiefsten Gram. ....


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski SS 1999