Cicero, Zweite Philippische Rede (Auszug).

Lat. und dt. Text aus: Cicero, Philippische Reden gegen Antonius. Erste und zweite Rede. Lateinisch / Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Marion Giebel, Stuttgart 1998, S. 149 - 157.


Deutsche Übersetzung:

... Und daß du selbst beim Volk beantragt hast, es solle noch ein fünfter Tag zu Ehren Caesars hinzugefügt werden! Warum sind wir nicht im Festgewand? Wieso dulden wir es, daß die durch dein Gesetz verfügte Ehrung Caesars unterbleibt? Oder hast du es in Kauf genommen, das Dankfest durch einen zusätzlichen Tag zu entweihen, aber Götterpolster, das willst du nun doch nicht! Entweder du machst überhaupt Schluß mit den religiösen Gebräuchen, oder du achtest sie in jedem Fall! (111) Du fragst, ob ich das gut finde: Götterpolster, Giebelfeld und Priester. Mir gefällt nichts von alledem - aber du bist ja der Verteidiger von Caesars Verordnungen, was kannst du für einen Grund angeben, daß du einen Teil davon durchsetzt, dich um anderes aber gar nicht kümmerst? Es sei denn, du gibst zu, daß du alles nur nach deinem Gewinn bemißt und nicht nach der Würde Caesars. Was willst du am Ende darauf antworten? Ich warte auf eine Probe deiner Redekunst. Ich kannte deinen Großvater als einen glänzenden Redner; aber du bist, wie ich weiß, noch offenherziger beim Reden. Er trat niemals nackt vors Volk; dich aber haben wir so richtig frank und frei erlebt. Ob du mir hierauf eine Antwort gibst, oder ob du es überhaupt wagst, den Mund aufzumachen? Wirst du in meiner langen Rede überhaupt einen Punkt finden, wo du mit gutem Gewissen einhaken kannst? (112) Doch lassen wir die Vergangenheit beiseite! Rechtfertige dich nur, wenn du kannst, wegen dieses einen Tages, nur wegen dieses einen, sage ich, hier und heute, in diesem Moment, in dem ich spreche. Warum ist der Senat von einem Ring Bewaffneter umschlossen? Warum hören mir deine Trabanten zu, mit dem Schwert in der Hand? Warum stehen die Torflügel des Concordiatempels nicht offen, warum läßt du die schlimmsten aller Barbaren, Ituräer mit Pfeil und Bogen, auf dem Forum aufmarschieren? - Er tut das zu seinem eigenen Schutz, sagt er. - Ist es nicht tausendmal besser zu sterben, als in der eigenen Stadt ohne bewaffneten Schutz nicht leben zu können? Das ist doch kein Schutz, glaub mir nur! Liebe und Wohlwollen deiner Mitbürger müssen dich schirmen, nicht Waffen. (113) Die wird dir das römische Volk entreißen und aus der Hand winden -hoffentlich ohne Schaden für uns! Doch magst du auch mit uns umgehen, wie du willst; solange du solche Methoden anwendest, wirst du dich nicht lange mehr halten können, das glaube mir. Deiner Gattin, die ich hier mit geziemendem Respekt nenne, ist ja jeglicher Geiz fern: Sie schuldet dem römischen Volk schon gar zu lange ihre dritte Rate. Das römische Volk hat Männer, denen es das Steuerruder des Staates anvertrauen kann. Wo auf der Welt sie auch sein mögen, dort ist das Bollwerk des Staates, ja ist das Gemeinwesen selbst. Hat es auch seine Rache genommen, so hat es doch bis jetzt seine Selbständigkeit noch nicht wiedergewonnen. Ja, der Staat hat hochedle junge Männer, die als Verteidiger bereitstehen. Mögen sie sich auch zurückgezogen haben, um der Sache des Friedens zu dienen, sie werden doch von der Gemeinschaft zurückgerufen werden! Das Wort Frieden hat zwar einen süßen Klang, und der Friede selbst ist ein heilsamer Zustand, aber zwischen Frieden und Knechtschaft ist ein gewaltiger Unterschied. Der Friede besteht in ungestörtem Genuß der Freiheit, Knechtschaft aber ist das äußerste aller Übel, das man nicht nur durch Krieg, sondern sogar mit dem Tod abzuwehren hat. (114) Haben sich unsere Befreier auch unserem Anblick entzogen, so haben sie uns doch das Beispiel ihrer Tat hinterlassen. Was noch keiner tat, das haben sie getan. Den Tarquinius vertrieb Lucius Brutus im Krieg, und er war in Rom König gewesen, als dies noch legal war. Spurius Cassius, Spurius Maelius und Marcus Manlius wurden getötet, nur weil man sie verdächtigte, nach dem Königtum zu streben. Diese Männer hier sind als erste mit der Waffe gegen einen Mann vorgegangen, der nicht nach der Königskrone strebte, sondern bereits eine Königsherrschaft ausübte. Das ist eine Tat, die an und für sich schon großartig und geradezu göttlich ist; sie steht aber auch vor uns als Vorbild zur Nachahmung, zumal sich jene Männer solchen Ruhm erworben haben, daß kaum der Himmel ihn fassen kann. Wohl fanden sie im Bewußtsein ihrer herrlichen Tat genügend Lohn, doch meine ich, man sollte als Sterblicher unsterblichen Ruhm nicht verschmähen. (115) Erinnere dich daher an den Tag, Marcus Antontus, an dem du die Diktatur abgeschafft hast, vergegenwärtige dir die Freude des Senats und des römischen Volkes und halte dagegen diese Schacherwirtschaft, die du samt den Deinen betreibst. Dann erkennst du, welch ein Unterschied zwischen Ruhm und Krämertum besteht. Aber freilich, es gibt manche, die den Wohlgeschmack einer Speise nicht mehr empfinden können, sei es infolge einer Krankheit, oder weil ihr Sinn dafür abgestumpft ist. Ebenso haben auch lasterhafte, habgierige und verbrecherisch veranlagte Menschen keinen Geschmack an wahrem Ruhm. Doch wenn die Aussicht auf Ruhm für dich kein Anreiz zum rechten Tun ist - kann dich denn nicht einmal die Furcht von den allerschlimmsten Schandtaten zurückhalten? Die Gerichte fürchtest du nicht: lobenswert, wenn du ein reines Gewissen hast. Falls du dich aber auf Gewaltanwendung verläßt - merkst du nicht, was man zu fürchten hat, wenn man dank solcher Mittel die Gerichte nicht mehr zu fürchten braucht? (116) Wenn du auch vor tüchtigen Männern und braven Bürgern keine Angst mehr zu haben brauchst - die hältst du dir ja mit Waffengewalt vom Leibe -, so werden deine eigenen Leute, glaub es mir, dich nicht auf die Dauer ertragen. Was ist das aber für ein Lehen - Tag und Nacht in Furcht zu sein vor den eigenen Leuten? Es sei denn, du hättest sie mit noch reicherem Lohn geködert, als Caesar es bei einigen tat, die ihn dann ermordeten. Oder du könntest es, worin auch immer, mit ihm aufnehmen. Er besaß Geist, einen scharfen Verstand, ein gutes Gedächtnis, wissenschaftliche Bildung, Arbeitskraft, Scharfsinn und Umsicht. Seine Kriegstaten waren zwar ein Unglück für den Staat; sie waren aber dennoch bedeutend. Viele Jahre hatte er auf die Errichtung einer Zwangsherrschaft hingearbeitet, mit großer Anstrengung und beträchtlichem Risiko hatte er seine Pläne in die Tat umgesetzt. Durch Spiele, Bauten, Spenden und Volksbankette hatte er die unwissende Menge geködert; seine Anhänger hatte er durch Belohnungen, seine Gegner durch den Schein der Milde an sich gefesselt. Mit einem Wort: Er hatte eine freie Bürgergemeinschaft alsbald teils durch Einschüchterung, teils durch Nachgiebigkeit an das Sklavenjoch gewöhnt. (117) Mit ihm könnte ich dich allenfalls, was die Herrschsucht angeht, auf eine Stufe stellen. In allem übrigen reichst du überhaupt nicht an ihn heran. Aber bei all diesen Übeln, die er der Bürgerschaft eingebrannt hat, findet sich doch noch das eine Gute: Das römische Volk hat jetzt gelernt, wieweit es jemandem trauen darf, in wessen Hände es sich geben kann, vor wem es sich zu hüten hat. Begreifst du das nicht, siehst du das nicht ein? Wackeren Männern genügt die Lehre, welch herrliche Tat, welch dankbare Aufgabe und welch ruhmvolles Unternehmen es ist, einen Tyrannen zu töten. Wenn man ihn nicht ertragen konnte - wird man etwa dich dulden? (118) Man wird sich künftig, glaube mir, in edlem Wettstreit zu einer solchen Tat drängen und nicht erst lange auf eine Gelegenheit warten. Ich bitte dich, Marcus Antonius, nimm doch endlich einmal Rücksicht auf das Gemeinwesen! Bedenke, woher du stammst, nicht mit wem du Umgang hast. Mit mir verfahre, wie du willst, aber söhne dich aus mit dem Gemeinwesen! Doch was dich angeht, da mußt du selber zusehen; was aber mich betrifft, so will ich mich dir offen erklären: Ich habe das Gemeinwesen in jungen Jahren verteidigt, ich werde es im Alter nicht im Stich lassen. Ich habe die Schwerter Catilinas verachtet, ich werde auch deine nicht fürchten. Ja, ich würde sogar mein Leben gerne dahingehen, wenn durch meinen Tod die Freiheit der Bürgerschaft verwirklicht werden könnte. Daß doch endlich einmal die Erbitterung des römischen Volkes das zutage bringt, womit es schon so lange umgeht! (119) Denn wenn ich vor bald zwanzig Jahren in diesem Tempel hier gesagt habe, einen Mann, der Konsul gewesen sei, könne der Tod nicht zu früh treffen, so kann ich das heute in meinem Alter mit noch viel mehr Berechtigung sagen. Ja, Senatoren, der Tod kommt mir erwünscht, nachdem ich all meine Pläne und Aufgaben erfüllt habe. Zwei Dinge wünsche ich nur noch: Einmal, daß ich bei meinem Tod das römische Volk in Freiheit zurücklasse - das größte Geschenk, das mir die unsterblichen Götter gewähren könnten - und zum anderen, daß es jedem zuletzt so ergehe, wie er es um das Gemeinwesen verdient hat.


Lateinischer Text:

... te autem ipsum ad populum tulisse ut quintus praeterea dies Caesari tribueretur? Cur non sumus praetextati? cur honorem Caesaris tua lege datum deseri patimur? an supplicationes addendo diem examinari passus es, pulvinaria noluisti? Aut undique religionem tolle aut usque quaque conserva. (111) Quaeris placeatne mihi pulvinar esse, fastigium, flaminem. Mihi vero nihil istorum placet: sed tu qui acta Caesaris defendis quid potes dicere cur alia defendas, alia non cures? Nisi forte vis fateri te omnia quaestu tuo, non illius dignitate metiri. Quid ad haec tandem? exspecto enim eloquentiam. Disertissimum cognovi avum tuum, at te etiam apertiorem in dicendo. Ille numquam nudus est contionatus: tuum hominis simplicis pectus vidimus. Respondebisne ad haec, aut omnino discere audebis? Ecquid reperies ex tam longa oratione mea cui te respondere posse confidas? (112) Sed praeterita omittamus. hunc unum diem, unum, inquam, hodiernum diem, hoc punctum temporis, quo loquor, defende, si potes. Cur armatorum corona senatus saeptus est, cur me tui satellites cum gladiis audiunt, cur valvae Concordiae non patent, cur homines omnium generum maxime barbaros, Ituraeos, cum sagittis deducis in forum? Praesidi sui causa se facere dicit. Non igitur miliens perire est melius quam in sua civitate sine armatorum praesidio nun posse vivere? Sed nullum est istuc, mihi crede, praesidium. caritate te et benevolentia civium saeptum oportet esse, non armis. (113) Eripiet et extorquebit tibi ista populus Rornanus, utinam salvis nobis! Sed quoquo modo nobiscum egeris, dum istis consiliis uteris, non potes, mihi crede, esse diuturnus. Etenim ista tua minime avara coniunx quam ego sine contumelia describo nimium diu debet populo Romano tertiam pensionem. Habet populus Romanus ad quos gubernacula rei publicae deferat: qui ubicumque terrarum sunt, ibi omne est rei publicae praesidium vel potius ipsa res publica, quae se adhuc tantum modo ulta est, nondum recuperavit. Habet quidem certe res publica adulescentes nobilissimos paratos defensores. Quam volent hi cedant otio consulentes; tamen a re publica revocabuntur. Et nomen pacis dulce est et ipsa res salutaris; sed inter pacem et servitutem plurimum interest. Pax est tranquilla libertas, servitus postremum malorum omnium, non modo bello sed morte etiam repellendum. (114) Quod si se ipsos illi nostri liberatores e conspectu nostro abstulerunt, at exemplum facti reliquerunt. Illi quod nemo fecerat fecerunt. Tarquinium Brutus bello est persecutus, qui tum rex fuit cum esse Romae licebat; Sp. Cassius, Sp. Maelius, M. Manlius propter suspicionem regni appetendi sunt necati: hi primum cum gladiis non in regnum appetentem, sed in regnantem impetum fecerunt. Quod cum ipsum factum per se praeclarum est atque divinum, tum expositum ad imitandum est, praesertim cum illi eam gloriam consecuti sint quae vix caelo capi posse videatur. Etsi enim satis in ipsa conscientia pulcherrimi facti fructus erat, tamen mortali immortalitatem non arbitror contemnendam. (115) Recordare igitur illum, M. Antoni, diem quo dictaturam sustulisti; pone ante oculos laetitiam senatus populique Romani; confer cum hac nundinatione tua tuorumque: tum intelleges quantum inter laudem et lucrum intersit. Sed nimirum, ut quidam morbo aliquo et sensus stupore suavitatem cibi non sentiunt, sic libidinosi, avari, facinerosi verae laudis gustatum non habent. Sed si te laus adlicere ad recte faciendum non potest, ne metus quidem a foedissimis factis potest avocare? Iudicia non metuis: si propter innocentiam, laudo; sin propter vim, non intellegis, qui isto modo iudicia non timeat, ei quid timendum sit? (116) Quod si non metuis viros fortis egregiosque civis, quod a corpore tuo prohibentur armis, tui te, mihi crede, diutius non ferent. Quae est autem vita dies et noctes timere a suis? Nisi vero aut maioribus habes beneficiis obligatos quam ille quosdam habuit ex eis a quibus est interfectus, aut tu es ulla re cum eo comparandus. Fuit in illo ingenium, ratio, memoria, litterae, cura, cogitatio, diligentia; res bello gesserat, quamvis rei puhlicae calamitosas, at tamen magnas; multos annos regnare meditatus, magno labore, magnis periculis quod cogitarat effecerat; muneribus, monumentis, congiariis, epulis multitudinem impentam delenierat; suos praemiis, adversarios clementiae specie devinxerat. Quid multa? Attulerat iam liberae civitati partim metu partim patientia consuetudinem serviendi. (117) Cum illo ego te dominandi cupiditate conferre possum, ceteris vero rebus nullo modo comparandus es. Sed ex plurimis malis quae ab illo rei publicae sunt inusta hoc tamen boni est quod didicit iam populus Romanus quantum cuique crederet, quibus se committeret, a quibus caveret. Haec non cogitas, neque intellegis satis esse viris fortibus didicisse quam sit re pulchrum, beneficio gratum, fama gloriosum tyrannum occidere? An, cum illum homines non tulerint, te ferent? (118) Certatim posthac, mihi crede, ad hoc opus curretur neque occasionis tarditas exspectabitur. Respice, quaeso, aliquando rem publicam, M. Antoni, quibus ortus sis, non quibuscum vivas considera: mecum (fac] ut voles: redi cum re publica in gratiam. Sed de te tu videris; ego de me ipse profitebor. Defendi rem publicam adulescens, non deseram senex: contempsi Catilinae gladios, non pertimescam tuos. Quin etiam corpus libenter obtulerim, si repraesentari morte mea libertas civitatis potest, ut aliquando dolor populi Romani pariat quod iam diu parturit! (119) Etenim si abhinc annos prope viginti hoc ipso in templo negavi posse mortem immaturam esse consulari, quanto verius nunc negabo seni? Mihi vero, patres conscripti, iam etiam optanda mors est, perfuncto rebus eis quas adeptus sum quasque gessi. Duo modo haec opto, unum ut moriens populum Romanum liberum relinquam - hoc mihi maius ab dis immortalibus dari nihil potest - alterum ut ita cuique eveniat ut de re publica quisque mereatur.


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski SS 1999