Demosthenes, Vierte Rede gegen Philipp, 59 - 76.

Dt. Übersetzung aus: Demosthenes, Politische Reden. Griechisch - Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Wolfhart Unte, Stuttgart 1985, S. 225 - 233.


... (59) Sie glauben nämlich, daß, wenn ihr einmütig und einhellig gegen Philipp Widerstand leistet, ihr ihn bezwingen werdet und ihnen selbst dann die Möglichkeit genommen wird, sich von ihm kaufen zu lassen, wenn ihr aber aufgrund der ersten Entrüstung irgendwelche Leute anklagt und sie vor Gericht zieht, sie dann durch eine Anklage gegen diefolgenden beiden Vorteile haben werden, nämlich bei euch in gutem Ansehen zu stehen und von Philipp Geld zu bekommen; ihr dagegen werdet, anstatt notwendigerweise sie zur Rechenschaft zu ziehen, diejenigen strafen, die für eure Interessen gesprochen haben (60) Das sind die Hoffnungen dieser Leute, und das ist die Absicht ihrer Anschuldigungen, einige Leute hätten im Sinn, den Krieg herauszufordern. Ich aber weiß genau, daß Philipp, ohne daß ein Athener eine Kriegserklärung beantragt hat, viele Besitzungen unserer Stadt in seiner Gewalt festhält und jetzt Hilfstruppen nach Kardia geschickt hat. Wenn wir jedoch das nicht als Kriegshandlungen gegen uns ansehen wollen, dann wäre er der größte Tor, den es gibt, wenn er es zugäbe. Denn wenn diejenigen, denen Unrecht geschieht, dies leugnen, warum sollte derjenige, der Unrecht tut, es zugeben? (61) Aber was werden wir dann sagen, wenn er bei uns selbst einfällt? Denn er wird behaupten, er führe nicht gegen uns Krieg, ebenso wie auch nicht gegen die Bürger von Oreos, als doch seine Soldaten bereits auf ihrem Territorium standen, oder zuvor gegen die Bürger von Pherai, als er den Sturm auf ihre Mauern vornahm, oder anfangs gegen die Olynthier, bis er mit seinem Heere in ihrem Land selbst war. Oder werden wir auch dann noch sagen, daß diejenigen, die zum Widerstand aufrufen, den Krieg herausfordern? Dann bleibt uns nichts übrig, als in Knechtschaft zu leben. Denn etwas anderes gibt es nicht. (62) Ja, in der Tat, die Gefahr, die uns und den anderen droht, ist nicht miteinander vergleichbar. Denn Philipp will eure Stadt nicht in seine Gewalt bringen, nein, vielmehr sie völlig vernichten. Er weiß nämlich genau, daß ihr weder in Knechtschaft werdet leben wollen, noch, wenn ihr es wolltet, euch einer Herrschaft unterwerfen könntet - denn ihr seid zu herrschen gewöhnt -, daß ihr aber imstande wäret, wenn sich die Gelegenheit böte, ihm mehr als alle anderen Menschen Schwierigkeiten zu bereiten. Deshalb wird er euch nicht schonen, wenn er euch in seine Gewalt bekommt.

(63) Es muß euch also bewußt sein, daß der Kampf auf Biegen und Brechen geht, und ihr müßt diejenigen, die sich Philipp verkauft haben, vor aller Augen zu Tode prügeln; denn es ist euch unmöglich, ja unmöglich, die äußeren Feinde der Stadt zu bezwingen, bevor ihr die in der Stadt selbst im Zaume haltet; vielmehr unabdingbar strauchelt ihr an diesen wie an Klippen und habt gegenüber jenen dann das Nachsehen. (64) Weshalb, meint ihr, zeigt er euch jetzt seine Mißachtung - denn nichts anderes als das tut er meiner Ansicht nach - und wartet, während er die anderen unter derVorspiegelung, ihnen Gutes zu tun, betrügt, gegen euch zumindest mit Drohungen auf? So führte er beispielsweise die Thessalier durch vielfach vorgetäuschte Großzügigkeit allmählich in ihre jetzige Knechtschaft; und keiner vermag wohl zu sagen, wie sehr er die unglücklichen Olynthier betrog, nachdem er ihnen zunächst Poteidaia und vieles andere abgetreten hatte. Zur Zeit täuscht er die Thebaner dadurch, daß er ihnen Boiotien überlassen und sie von einem langen und erbitterten Krieg befreit hat. (65) Und so hat jeder einzelne von ihnen irgendeinen Vorteil gezogen, und danach dann haben einige durch das Leid, das sie erlebt haben, die böse Erfahrung gemacht. Die übrigen werden sie machen, wenn es für sie soweit ist. Uber das, was ihr sonst verloren habt, schweige ich. Aber wie sehr seid ihr allein beim Friedensabschluß getäuscht und wieviel ist euch dabei weggenommen worden! Habt ihr nicht Phokis, nicht Pylai verloren, nicht die thrakische Küste, Doriskos, Serrion und Kersobleptes selbst? Hat Philipp nicht jetzt die Stadt der Kardianer in seiner Gewalt und gibt das noch zu? (66) Warum denn verhält er sich zu den anderen so anders als zu uns? Weil es ganz allein in unserer Stadt möglich ist, ohne Strafverfolgung für die Interessen der Feinde zu sprechen, und weil sogar derjenige, der dafür Geld angenommen hat, ohne Strafe bei euch reden kann, auch wenn euch dabei euer eigener Besitz verlorengeht. (67) Nicht wäre es in Olynthos ohne Gefahr möglich gewesen, für Philipps Interessen zu sprechen, wenn nicht das Volk der Olynthier durch den Gewinn von Poteidaia Gutes erfahren hätte. Nicht wäre es in Thessalien ohne Gefahr möglich gewesen, für die Interessen Philipps zu sprechen, wenn das Volk der Thessalier keine guten Erfahrungen gemacht hätte, dadurch daß Philipp ihre Tyrannen verjagte und ihnen die Stimme im Amphiktyonenrat wiedergab. Nicht wäre es in Theben ohne Gefahr möglich gewesen, bevor er Boiotien zurückgab und die Phoker vernichtete. (68) Aber in Athen, obwohl Philipp nicht nur Amphipolis und das Gebiet der Kardianer an sich gerissen hat, sondern auch Euboia zum Bollwerk gegen euch ausbaut und jetzt gegen Byzantion vorrückt, hier ist es ohne Gefahr möglich, für Philipps Interessen zu sprechen. Und so sind denn auch einige von diesen Rednern aus armen plötzlich reiche, aus unbekannten und unbedeutenden berühmte und bekannte Leute geworden, doch euer Ruhm im Gegensatz dazu ist zur Bedeutungslosigkeit, euer Wohlstand zur Mittellosigkeit herabgesunken. (69) Denn als Reichtum der Stadt betrachte ich Verbündete, Vertrauen und Wohlwollen; und an dem allen mangelt es bei euch. Weil ihr euch darin so gleichgültig verhaltet und die Dinge auf diese Weise ihren Lauf nehmen laßt, ist er reich, mächtig und gefürchtet bei allen Griechen und Barbaren, ihr aber seid verlassen und unbedeutend, ihr stecht zwar durch die Fülle an Lebensmitteln auf dem Markt hervor, aber bezüglich der Erledigung eurer Pflichten muß man über euch hohnlachen. (70) Ja, ich beobachte, daß einige Redner für euch und für sich selbst bei der Beratung unterschiedliche Maßstäbe anlegen: denn sie fordern euch auf, ruhig zu bleiben, auch wenn euch jemand Unrecht zufügt, selbst aber bringen sie es nicht über sich, Ruhe zu halten, obwohl ihnen niemand etwas zuleide tut. Doch wenn irgend jemand ohne Spott die Frage stellen wurde: "Sage mir, Aristodemos, wenn du nun genau weißt - denn es gibt niemanden, der so etwas nicht weiß -. daß der Privatmann sein Dasein in Sicherheit, in Muße und ohne Risiko führt, der Politiker hingegen ein Leben hat, das Angriffen ausgesetzt, unsicher und täglich voll von Auseinandersetzungen und Mißerfolgen ist, warum gibst du nicht demjenigen, der in Ruhe lebt, den Vorzug, sondern demjenigen, der mit dem Risiko lebt", was würdest du antworten? (71) Denn wenn wir deiner bestmöglichen Antwort Glaubwürdigkeit zubilligen sollen, daß du nämlich das alles um der Ehre und des Ruhmes willen tust, so wundere ich mich, warum du denn meinst, daß du dafür alles tun, dich abmühen und dafür ein Risiko übernehmen mußt, dagegen für die Stadt den Rat gibst, das ganz gleichgültig preiszugeben. Denn das wirst du wohl nicht sagen wollen, daß du in der Stadt etwas gelten mußt, daß die Stadt aber unter den Griechen ohne Bedeutung sein soll. (72) Doch auch das sehe ich nicht ein, daß es für die Stadt Sicherheit bedeuten soll, sich nur um die eigenen Angelegenheiten zu kümmern, für dich aber eine Gefahr, wenn du dich nicht mehr als die anderen in fremde Angelegenheiten einmischst. Vielmehr ist doch das Gegenteil der Fall: dir erwachsen aus deiner Geschäftigkeit und deiner Einmischerei die größten Gefahren, der Stadt aber aus ihrer Untätigkeit. (73) Aber, bei Zeus, dir haftet wohl noch der Ruhm deines Großvaters und deines Vaters an, den in dir zu vernichten eine Schande wäre; für die Stadt aber liegen doch nur ruhmlose und geringwertige Taten der Vorfahren vor. Aber auch das stimmt nicht. Denn dein Vater war, wenn er dir ähnlich war, ein Dieb. Durch unsere Stadt aber sind alle Griechen, wie sie wissen, aus den größten Gefahren gerettet worden (74) Doch in der Tat gibt es einige, die als Politiker bei ihren eigenen Belangen und bei denen der Stadt weder nach dem gleichen Maß noch nach guter Bürgerart handeln. Denn wo bleibt das rechte Maß, wenn einige von diesen Leuten, die gerade aus dem Gefängnis kommen, nicht ihre eigenen Grenzen kennen, während die Stadt, die so lang Vorkämpferein und Führerin der anderen war , jetzt zu völliger Ruhmlosigkeit und Bedeutungslosigkeit herabgesunken sein soll. (75) Obwohl ich gewiß noch mancherlei zu vielen Fragen zu sagen hätte, will ich schließen. Denn mir scheint, daß unsere Verhältnisse weder jetzt noch zu anderer Zeit aus Mangel an Reden schlecht waren. Vielmehr ist es so: wenn ihr euch alles, was zu tun nötig ist, angehört und seine Richtigkeit anerkannt habt, dann sitzt ihr da und schenkt denjenigen, die das zunichte machen und verdrehen wolle, die gleiche Aufmerksmikeit. Das macht ihr nicht deshalb, weil ihr sie nicht kennt - denn ihr wißt beim ersten Blick genau, wer für Geld spricht und eine Politik zugunsten Philipps treibt und wer wirklich zum Besten der Stadt -, sondern damit ihr, wenn ihr den letzteren die Schuld geben und die Sache ins Lächerliche und Negative gezogen habt, selbst nichts von euren Pflichten zu erfüllen braucht (76) Das ist die Wahrheit, die ich in aller Offenheit nur aus guter Gesinnung zu eurem Besten ausgesprochen habe, keine Schmeichelrede, die voll von Schaden und Trug steckt, um dem Redner Geld einzubringen und die Interessen der Stadt dem Einfluß der Feinde in die Hände zu spielen. Entweder ihr müßt nun dieses Gebaren aufgeben, oder ihr dürft keinem anderen dafür die Schuld geben, daß es mit allem schelcht steht, als euch selbst.


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski SS 1999