Lösung zu Übung 4.

AUFGABEN:

Untersuchen Sie die folgenden Quellenextauszüge aus Plutarch, Demosthenes und Cicero unter folgenden Aspekten:

a) Welchen Altertumsepochen sind die Texte zuzuordnen? Wie begründen Sie Ihre Zuordnung?

b) Wie erscheinen bei Plutarch die politische und die rhetorische Wirksamkeit des Demosthenes und des Civero im Vergleich miteinander?

c) Wie verhält sich in der Rede des Demosthenes seine politische Botschaft zu den von ihm eingesetzten rhetorischen Mitteln, und wie ist das in der Cicero-Rede. Wo liegen Gemeinsamkeiten dieser beiden als 'philippisch' bezeichneten Reden und wo Unterschiede?


Die Bearbeitung und Beantwortung der gestellten Aufgaben, die Gegenstand der Vorlesung war oder sein sollte, kann an dieser Stelle nur in knapper Form stattfinden. Auf die Literatur-, Medien- und Quellenhinweise dieses Kapitels und des Allgemeinen Vereichnisses zu diesem Skript sei deshalb ausdrücklich hingewiesen.

Zu a)

Der Plutarch-Text würdigt die sorgfältig ausgearbeiteten Biographien des Demosthenes und des Cicero in einem Vergleich, der für beide an verschiedenen Stellen die Heranziehung von Sekundärliteratur(Pytheas, Caesar) erwähnt. Daraus kann man jedenfalls darauf schließen, daß der Autor eine gewisse längere Zeit nach den beiden beschriebenen, in ihrer jeweilien Epcohe politisch und rhetorisch besonders hervorgetretenen Persönlichkeiten aus dem griechischen und dem römischen Bereich gelebt und gewirkt hat . Der Grieche Plutarch lebte von ca. 45 bis 125 n. Chr. Seine Biographiensammlung - Teil eines viel umfassenderen, vorwiegend ethisch-phiolosphische Fragen erörternden literarischen Gesamtwerkes - vergleicht vielfach politisch prominente Persönlichkeiten der griechischen und der römischen Geschichtemiteinander, und zwar weniger unter 'allgemeinhistorischen' Aspekten als unter solchen ihrer Vorbildldlichkeit für die Gegenwart des Autors - unter quellenbasierter Absicherung und unter realistischer Einschätzung der chrakterlichen und politischen Schwächen und Fehlleistungen. Plutarch war ein vermögender und der Honoratiorenschicht seiner böotischen Heimat zugehöriger Gebildeter mit philosophisch-ethischen und historisch-biographischen Schwerpunktinteressen. Er besuchte Rom mehrfach und lernte dabei u. a. prominenten Römern auch Kaiser Nero kennen, der ein besonderes Interesse an der griechischen Geschichte hatte und dieses auch durch verschiedene Förderungsmaßnahmen zugunsten der griechischen Städte bekundete (Stiftung 'griechischer Spiele' [Neronia] in Rom, Kunstreise nach Griechenland, 'Freiheitserklärung' [Statthalterlosigkeit und Steuerfreiheit der Stadtverwaltungen] für die griechischen Städte auf den Isthmischen Spielen i. J. 67]). Die größte Zeit seines Lebens brachte er aber in Griechenland zu, wo er in seiner Heimatstadt Chaironeia auch politische Ämzetr ausübte. Die innerliche Verbindung griechischer und römischer Kulturtraditionen im römischen Reich, dessen Zusammenhalt nach der römischen Expabnsion im Mittelmeerraumzunächst im wesentlichen nur militärisch und administrativ begründet war ist ihm ein offensichtliches Anliegen. Sie zeigt sich ihm in der 'Ähnlichkeit' der Lebensläufe mancher historisch berühmten griechischen und Persönlichkeit, so auch der zwischen Demosthenes und Cicero, deren Lebenslauf wesentlichen von ihrer rhetorischen Aktivität im Bereich der Politik bestimmt war.

Die 4. Rede des Demosthenes gegen Philipp von Makedonien setzt nach dem Inhalt des hier auszugsweise wiedergegebenen Textes einen - von Demosthenes als unvorteilhaft und scheinhaft bezeichneten - Friedensschluß zwischen Philipp von Makedonien und Athen (d. J. 346; sog. 'Philokrates-Frieden') voraus; ferner sind einige als trügerisch qualöifizierte Abmachungen Philipps mit (dem dann von ihm zerstörten) Olynth und mit Theben ebenso erwähnt wie territoriale Verluste der Athener in Phokis, Pylai, an der thrakischen Küste und an anderen Orten. Generell liegt der Rede eine Zuspitzung der Situation im Verhältbnis zu Makedonien zugrunde, die sich u. a. auch in der auf die innrere Lage Athens bezogenen Bemerkung des Demosthens äußert, man müsse die athenischen Makedonenfreunde totschlagen. Andrerseits hat die militärische Niederlage der antikmakedonischen Koalition griechischer Staaten gegen Philipp in der Schlacht von Chaironeia (i. J. 338 v. Chr.) offenkundig noch nicht stattgefunden; sonst wäre eine solche Rede in Athen nicht möglich. Das alles engt die Datierung auf das Jahr 341 v. Chr. ein, als sich Demosthenes intensiv um eine Bereinigung der inneren Verhältnisse Athens zugunsten eines gegen Philipp gerichteten klaren Konfronationskurses und um die Herstellung einer militärischen Koalition der Griechenstädte außerhalb des makedonischen Einflusses gegen Philipp bemüht.

Die - in einem übertragenen Sinne, in Erinnerung an die rhetorischen Aktionen des Demosthenes, schon im Altertum als 'philippische' bezeichnete Rede Ciceros, eine von vierzehn so bezeichneten, ist gegen Marcus Antonius gerichet, den mi litärisch vielfach hervorgetretenen engen Gefolgsmann C. Iulius Caesars, der nach dessen Tötung durch Attentat im März d. J. 44 v. Chr. an die Spitze der politischen und militärischen Klientel Caesars tritt. M. Antonius sucht als formell mit Caesar eingesetzter Konsul des Jahres 44 zu dieser Zeit in Rom die Gruppe der Caesarmörderzu isolieren - er erreicht auch ihre Entfernung aus Rom - und ihre stillschweigende Unterstützung in den traditionell-republikanisch und damit letzlich auch anticaesarisch gesonnenen Teilen der Aristokratie unmöglich zu machen, denen u. a. auch Ccero zugehört. Nachdem sich Cicero mit der Diktatur Caesars im Wege einer Art inneren Emigration arrangiert hat, tritt er nach deren Beendigung durch das Attentat wieder aktiv politisch hervor und setzt sich fürdie Herstellung der alten republikanischen Ordnung ein. In Antonius sieht er einen potentiellen Nachfolger des Dauer-Diktators Caesar, dessen Herrschaftsantritt er in jedem Falle verhindern will.Die Rede geht nach den Angaben des hier wiuedergegeben Textausschnitts von einer Situation aus, in der Antonius in Rom anwesend ist und mit seiner Anhängerschaft auf den Straßen Druck auf die Entscheidungen des Senats zu nehmen versucht. Dies Verhalten führt schließlich zu einem von Cicero vermittelten Arrangement des Senats mit dem von Caesar in seinem Testament als Erben beeingesetzten jungen Ovtavian und begründet letzlich dessen politischen Aufstieg. Zum Teitpunkt der Rede hat dieses Arrangement noch nicht stattgefunden, aufgrunddessen Antonius einige Zeit später zunächst genötigt wird, sich seinerseits aus Rom zu entfernen. Einige Monate später (i. J. 43 v. Cht.) kommt es dann allerdings zu seiner Triumviratsbildung zusammen mit Lepidus und Octavian, durch welche die republikanische Ordnung erneut faktisch beseitigt wird.Cicero fällt den nun folgenden Proskriptionen von 300 Senatoren und 2000 Rittern durch dier Triumvirn zum Opfer (Dez. 43) . Die Rede ist damit auf den Sommer des Jahres 44 v. Chr. zu datieren.

Zu b)

Der Vergleich, den Plutarch im Anschluß an seine Demosthenes- und seine Cicero-Biographie resumierend zwischen beiden vornimmt, ist nicht nur erhellend, was die beiden rhetorisch-politisch bedeutsamen Persönlichkeiten betrifft, sondern auch im Hinblick auf die Vergleichskriterien, die generell etwas über die Bedeutung rhetorischer Fähigkeiten in antiken Politikerbiographien aussagt. Zunächst wird deutlich, daß es verschiedene Formen rhetorischer Geistesbildung gibt, die über eine rein prakrische - etwa eine juristisch gehandhabte - Redekunst hinausgehen: so etwa eine solche, bei der die Rhetorik als praxisorientiertes Generalistenwissen auch die ideelle Klammer aller geistigen Interessen des Rhetors (z. B. des Demosthenes) ist, und eine solche, bei der der Redner (z. B. Cicero) sie auf einem 'philosophischen' Hintergrund entwickelt. Auch charakter-, übungs- und erfahrungsbedingte Momente in der rhetorischen Wirksamkeit eines Rhetors - also persönlichkeitsbezogene Faktoren - spielen nach Plutarch in der antiken Praxis eine erkennbare Rolle und führen offenbar dazu, daß hervorragende Leistungen auf diesem Gebiete nur wenigen zugesprochen zu werden pflegen. Als ein mit der persönlichen Publikumswirksamkeit zusammenhängendes Vergleichskriterium wird dann das der Unentbehrlichkeitdes Rhetors für die Politik eingeführt: diejenigen Redner, die einen hohen Wirkungsgrad zu haben pflegen, erzielen damit auch einen hohen 'Marktwert' und erscheinen für politische Zwecke der Überzeugung und Überredung unentbehrlich; sie werden umworben und ihre politische Laufbahn ist damit vorgezeichnet. Der erfahrene und wirksam agierende Redner ist der im positiven und gelegentlich auch negativen Sinne natürliche Volksführer in nichtkriegerischen Staatsangelegenheiten (griech. 'demagogos', fast synonym mit dem politischen 'rhetor' gebraucht). Die politische Laufbahn des öffentlich erfolgreichen Rhetors kann sich ferner mit hohen Staatsämtern verbinden, sie muß es aber nicht; in diesem Falle kann dem Rhetor - wie Demosthenes - dennoch eine amtslose öffentliche Autorität zuwachsen. Politische Rhetoren wie Demosthenes und Cicero können schließlich in kritischen politischen Situationen mit ihrer Kunst besonders gefordert sein; das gilt nicht nur 'technisch', sondern auch was ihren Charakter und ihre Glaubwürdigkeit bei Entscheidungen betrifft, hinter die sie sich nicht nur ideell, sondern ggf. auch mit letzter Konsequenz praktisch stellen müssen. In den Lebensläufen des Demostehens und des Cicero, die beide in Zeiten des Umbruchs fallen und vonentsprechenden Konflikten auch 'öffentlicher Ideen' (alte Polisfreiheit - makedonische Hegemonie; alte Republik - monarchische Staatsform) begleitet werden, kommt das besonders deutlich zum Ausdruck.

Zu c)

Beide - hier in Auszügen wiedergegebene - Reden, die des Demosthenes und die des Cicero, werden in Situationen innenpolitischer Zuspitzung gehalten, in denen Konfiktparteien einander gegenüberstehen und das Wort des Redners in jeder Hinsicht eine politische Handlung ist und die politische Lage entscheidend beeinflussen kann. Beiden Rednern geht es darum, einen Gegner vor der Zuhörerschaft öffentlich zu 'entlarven' - Philipp von Makedonien hier, Marcus Antonius dort -, d. h. deren kaschierte politische Absichten im Detail darzulegen und sie in einer etwa vorhandene Wertschätzung bei einer Anhängerschaft oder noch unentschiedenen Neutralen herabzusetzen. Die Feindschaft geht in beiden Fällen so weit, daß der Gegenseite mehr oder weniger deutlich der Tod angedroht wird: durch Demostehens den Anhängern Philipps in Athen und durch Cicero seinem Gegener Marcus Antonius selbst. Der Konfliktlage und der konfrontativen, feindseligen Intention des Redners hier und dort entsprechen ähnliche rhetorische Mittel. Unter ihnen sind vor u. a. allem die 'Antithese', das 'Oxymoron',das 'Erotema', die ausführlich begründete 'Tapeinosis', die 'Ironie' (eironeia) bzw. der (ironische) 'Witz' '(geloion', 'ridiculum') zu nennen. Die rhetorische Gegenüberstellung und Hervorhebung von Gegensätzen gehört in der Antike ebenso wie heute zu einem als besonders 'elegant', sicher und überlegen wirkenden Redestil in Wortgefechten ('asteia', 'urbanistas') und ist für die Entlarvungsabsicht sowohl des Demosthenes als auch des Cicero gut geeignet (Beispiel: " aus armen sind plötzlich reiche, aus unbekannten und unbedeutenden plötzlich berühmte und bekannte Leute geworden"). Scheinbare Spitzfindigkeiten, die jedoch eine Sache auf einen erhellenden Punkt bringen können ('oymoron'), gibt es ebenfalls in beiden Reden (Beispiel: "einige Redner fordern eusch auf, ruhig zu bleiben; sie selbst aber können es offenbar nicht über sich bringen, Ruhe zu halten"). Beide Reden benutzen öfters die provokante Frage ('erotema', 'interrogatio'), die dem Redner wegen der offensichtlichen Richtigkeit des fragend zur Sprache gebrachten eine Begründung erspart und vielmehr den Gegner in Begründungszwang versetzt. Beide Redner verwenden ferner schon in den zitierten Redeausschnitten viel Zeit und Sorgfalt auf eine im Detail begründete Herabsetzung des Gegners ('tapeinosis', 'diminutio; Beispiel: "er [scil. Caesar] besaß Geist, einen scharfen Verstand, ein gutes Gedächtnis, wissenschaftliche Bildung, Arbeitskraft, Scharfsinn, Umsicht. Seine Kriegstaten waren zwar ein Unglück für den Staat, aber sie waren bedeutend. ... Mit ihm könnte ich dich allenfalls, was die Herrschsucht angeht, auf eine Stufe stellen"). Natürlich gibt es auch die - von Plutarch erörterten - Unterschiede des rhetorischen Mitteleinsatzes. Vor allem Cicero bedient sich eines sarkastischen Witzes ("ich kannte deinen Großvater als glänzenden Redner, aber du bist [außerdem] beim Reden [noch] offenherzig; dein Großvater trat [wenigstens] niemals nackt vor das Volk, dich aber haben wir so richtig frank und frei erlebt. ... Aber lassen wir die Vergangenheit beiseite. Rechtfertige dich, wenn du kannst, nur wegen dieses heutigen Tages, wegen dieser augenblicklichen Lage, in der ich hier sprechen muß. Warum ist der Senat von einem Ring Bewaffneter umschlossen? Warum hören mir deine Trabanten mit dem Schwert in der Hand zu?"). Cicero setzt an den rhetorisch - wie stets - überaus wichtigen Schluß seiner Rede eine sehr persönliche gehaltene 'confessio', in der er sich mit seiner ganzen Person, ja mit seinem Leben für die republikanische Freiheit einzusetzen bekennt. Demosthenes schließt mit einer scheinbaren Publikumsbeschimpfung, die jedoch im Kern ein seine Person übersteigendes Bekenntnis zu der Aufgabe des politisch verantwortungsbewußten Redners ist , die Lage des Gemeinwesens , die er analysiert, wahrheitsgemäß und ungeschminkt darzustellen.


 

LV Gizewski SS 1999

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)