Plutarch, Vergleich des Demosthenes mit Cicero.

Aus der Parallelbiographie Demosthenes - Cicero (Schlußteil).

Dt. Übersetzung aus: Plutarch, Lebensbeschreibungen. Gesamtausgabe, Bd. 5 (Phokion / Cato der Jüngere, Artaxerxes, Agis und Kleomenes / Ti. und C. Gracchus, Demosthenes / Cicero) Übersetzung von Friedrich Kaltwaseeer in der Bearbeitung von Hans Floerke. Textrevision und biographischer Anhang von Ludwig Kröner, Frankfurt M., Berlin, um 1966, S. 307 - 310.


1. Dies sind nun die denkwürdigsten Begebenheiten im Leben des Demosthenes und Cicero, von denen ich Kenntnis erlangt habe. Ohne mich an einen Vergleich ihrer rednerischen Talente wagen zu wollen, glaube ich doch, den Umstand nicht mit Stillschweigen übergehen zu dürfen, daß Demosthenes alle Gaben, die er von Natur oder durch Übung besaß, den Aufgaben der Rhetorik dienstbar machte und nicht nur an Nachdruck und Stärke alle, die in gerichtlichen Kämpfen und Prozessen gegen ihn auftraten, sondern auch an Erhabenheit und Würde des Ausdrucks die, welche mit ihrer Geschicklichkeit prahlten, und an Genauigkeit und Kunst selbst die Sophisten übertroffen hat; daß hingegen Cicero durch seinen außerordentlichen Fleiß mit vielerlei Gebieten der Gelehrsamkeit bekannt war und viele philosophische, im Stil der Akademiker ausgearbeitete Schriften hinterlassen hat, ja auch sogar in den für Prozesse und Gerichte geschriebenen Reden seine gelehrten Kenntnisse überall anzubringen und sichtbar zu machen sucht.

Dabei liegt auch in den Reden der beiden Männer ihr Charakter ganz deutlich vor Augen. Der Vortrag des Demosthenes ist frei von gesuchtem Schmuck und scherzhaften Einfällen, immer nur auf Ernst und Nachdruck angelegt; er riecht nicht, wie Pytheas spöttisch sagte, nach dem Lampendocht, wohl aber nach dem Wassertrinken, nach dem Tiefsinn, nach der ihm zugeschriebenen Herbe und Strenge des Charakters. Dagegen verfällt Cicero durch seinen Hang zum Spotten oft in niedrige Spaßmacherei, behandelt bei Prozessen die ernsthaftesten Dinge mit Scherz und Lachen und läßt dabei nicht selten das Geziemende außer acht. So sagt er in der Rede für Caelius, dieser tue nichts Unrechtes, wenn er bei der allgemeinen Wohlstandssucht das Genießen suche; es sei unsinnig, sich Dinge zu versagen, deren Genuß freisteht, zumal die berühmten Philosophen die Glückseligkeit im Genießen sehen. Als Consul, erzählt man, übernahm er die Verteidigung des von Cato angeklagten Murena und machte in seiner Rede um Catos willen die stoische Schule wegen der Absurdität ihrer sogenannten paradoxen Sätze höchst lächerlich. Als sich nun unter den Umstehenden ein lautes Gelächter erhob und bis zu den Richtern drang, sagte Cato ruhig lächelnd zu denen, die bei ihm saßen: "Was haben wir für einen witzigen Consul!"

Überhaupt scheint Cicero von Natur sehr zum Scherzen und Lachen aufgelegt gewesen zu sein, und auf seinem Gesicht sah man stets ein Lächeln und Heiterkeit; auf dem des Demosthenes hingegen lag immer ein finsterer Ernst, und nicht leicht wichen Tiefsinn und Versonnenheit von seiner Stirn. Daher nannten ihn auch, wie er selbst sagt, seine Feinde einen mürrischen und grämlichen Menschen

2. Aus ihren Schriften ist ferner zu ersehen, daß der eine das Selbstlob auf eine feine und unanstößige Art anwendet, wenn es eine höhere Absicht notwendig macht, sonst aber die größte Mäßigung und Bescheidenheit zeigt; Cicero hingegen in seinen Reden bei aller Gelegenheit mit Gefallen von sich selbst spricht und durch übertriebenes Selbstlob eine grenzenlose Ehrsucht verrät, wenn er zum Beispiel ruft: Der Toga müssen die Waffen, der Beredsamkeit der Triumphlorbeer weichen! Ja er lobt nicht bloß seine Taten und Staatshandlungen, sondern auch die von ihm geschriebenen und gehaltenen Reden, als wenn er sich wie ein Jüngling mit Isokrates, mit Anaximenes oder andern solchen Sophisten messen müßte, nicht aber die Römer, ein Volk voll Kraft im Waffenkampf, der Feinde Schrecken, zu leiten und zu regieren hätte. Ein Staatsmann muß sich freilich durch die Beredsamkeit Macht und Ansehen verschaffen suchen; aber nach dem Ruhm, den die Redekunst gewährt, begierig zu haschen, ist niedrig und unedel. Daher zeigt Demosthenes in dieser Beziehung mehr Gesetztheit und Seelengröße, wenn er seine Stärke nur für eine Geschicklichkeit hält, die noch sehr der Nachsicht der Zuhörer bedürfe, diejenigen aber für niedrigdenkende Handwerker erklärt, wie sie es auch wirklich sind, welche sich deswegen mit Stolz aufblähen

3. Beide waren also in der Geschicklichkeit, durch Reden auf das Volk zu wirken und Politik zu machen, einander so ziemlich gleich, so daß auch die, welche über Waffen und Kriegsheere zu gebieten hatten, sie nicht entbehren konnten, den Demosthenes nämlich Chares, Diopeithes und Leosthenes, den Cicero Pompeius und der junge Caesar, wie Caesar selbst in seinen Denkschriften an Agrippa und Maecenas gesagt hat. Was aber, nach der Meinung und Behauptung vieler, den Charakter eines Mannes am besten prüfen und sichtbar machen kann, nämlich Macht und Gewalt, wodurch alle Leidenschaften erregt, alle noch so sehr verborgenen Laster aufgedeckt werden, das wurde dem Demosthenes nicht zuteil, und er gab in dieser Beziehung keine Probe von sich, da er nie eins der höheren Amter verwaltet, auch nicht die von ihm gegen Philipp aufgebotene Macht angeführt hat. Cicero hingegen wurde als Quaestor nach Sizilien und als Proconsul nach Kilikien und Kappadokien geschickt, zu einer Zeit, wo die Habsucht blühte, wo die ausgeschickten Feldherren und Statthalter, als wenn das Stehlen für sie zu gering wäre, sich offene Räubereien erlaubten, wo das Nehmen für nichts Schändliches gehalten, sondern derjenige noch gepriesen wurde, der darin Maß hielt; und dennoch bewies er in diesen Amtern eine ebenso große Verachtung des Geldes wie Menschenliebe und Rechtschaffenheit. In Rom selbst wurde er dem Namen nach zum Consul ernannt, er hielt aber die unbeschränkte Gewalt eines Diktators gegen die Rotte des Catilina und bestätigte die Weissagung Platons, daß die Staaten von allen Drangsalen Erholung finden würden, wenn einmal durch ein günstiges Geschick große Macht und Klugheit mit Gerechtigkeit in einer Person sich vereinigten. Demosthenes macht man es zum Vorwurf, daß er aus der Beredsamkeit ein Gewerbe machte und für Phormio wie für Apollodoros, die einen Prozeß gegeneinander hatten, heimlich Reden verfertigte. Auch kam er wegen der vom persischen König erhaltenen Gelder in üblen Ruf, und wegen der Bestechung durch Harpalos wurde er sogar verurteilt. Wenn wir nun auch annehmen wollten, daß die Schriftsteller, die dieses von ihm melden, und deren sind nicht wenige, eine Unwahrheit gesagt haben, so läßt sich doch auf keine Weise leugnen, daß Demosthenes viel zu schwach gewesen ist, die ihm von Königen aus Gunst oder um ihn zu Ehren angebotenen Geschenke großmütig auszuschlagen, und daß sich so etwas von einem Manne, der sein Geld im Seehandel auf Zins anlegte, gar nicht einmal erwarten läßt. Von Cicero hingegen ist schon bemerkt worden, daß er alle Geschenke, die ihm als Aedil von den Sizilianern, als Proconsul von dem König der Kappadokier, und als er Rom verlassen mußte, von seinen Freunden aufgedrungen wurden und die sehr ansehnlich waren, standhaft abgelehnt hat.

4. Die Verbannung gereichte dem einen zur Schande, weil er wegen Unterschlagung dazu verurteilt wurde, dem andern machte sie die größte Ehre, weil er sie für die Ausrottung einer dem Vaterlande verderblichen Verbrecherbande erlitt. Daher nahm man auf jenen, als er ins Exil ging, nicht die geringste Rücksicht; bei diesem hingegen änderte der Senat die Kleidung, zeigte tiefe Trauer und beschloß, nichts zu unternehmen, bis die Zurückberufung Ciceros beschlossen wäre.

Zur Zeit seiner Verbannung in Makedonien war Cicero völlig untätig, während für Demosthenes diese Zeit ein bedeutender Abschnitt seiner politischen Tätigkeit war. Denn er arbeitete, wie oben erzählt wurde, mit großem Eifer für die Griechen, reiste von einer Stadt zur andern, um die makedonischen Gesandten zu verdrängen, und bewies weit mehr Vaterlandsliebe als ehedem unter gleichen Umständen Themistokles und Alkibiades. Auch nach seiner Rückkehr trat er wieder in ebendieselben politischen Verhältnisse und kämpfte ohne Unterlaß gegen Antipatros und die Makedonier. Dem Cicero machte Laelius öffentlich im Senat Vorwürfe, daß er tatenlos zusah, als Caesar in jungen Jahren gesetzeswidrig an das Konsulat kam. Und Brutus führte in seinen Briefen über ihn Beschwerde, daß er eine weit härtere und drückendere Tyrannei als diejenige, die von ihnen zerstört worden sei, großgezogen habe.

5. Was zuletzt noch das Ende der beiden Männer betrifft, so muß man den einen bedauern, daß er, ein so betagter Mann, sich aus Feigheit von seinen Sklaven hin und her tragen ließ und, um dem Tode zu entrinnen, sich von denen, die der Natur eben nicht viel zuvorkamen, versteckte und dann doch noch den Tod erlitt. Bei Demosthenes aber verdient, wenn er auch einige Versuche machte, sein Leben zu fristen, das Bereithalten wie die Anwendung des Giftes bewundert zu werden, daß er, weil ihm Poseidon keine Sicherheit mehr gewähren konnte, gleichsam zu einem höheren Altar seine Zuflucht nahm, sich den Waffen und Trabanten entriß und der Grausamkeit des Antipatros spottete.


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski SS 1999