Caesars Staatstreich und Kampagne gegen die Pompejaner.

1) nach dem eigenen Bericht im 'Bellum civile'(1, 1 - 11; 26, 32 f.).

Dt. Übersetzunng nach: Gaius Julis Caesar, Der Bürgerkrieg. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Marieluise Deissmann-Merten, Stuttgart 1983, S. 3 - 26 (mit einigen Auslassungen).


1. Nachdem der Brief den Consuln übergeben worden war, gelang es nur durch äußerste Anstrengung der Volkstribunen, daß er im Senat verlesen wurde. Es konnte jedoch nicht erreicht werden, daß im Senat über den Inhalt des Briefes verhandelt wurde. Statt dessen berichteten die Consuln über die Lage des Staates. Der Consul L. Lentulus versprach, dem Staat zur Verfügung zu stehen, wenn sie als Senatoren sich entschlössen, mutig und entschieden ihre Meinung zu sagen. Wenn sie dagegen Rücksichten auf Caesar nähmen und wie bei früheren Gelegenheiten seine Gunst zu gewinnen suchten, so werde er seine Entschlüsse im eigenen Interesse fassen und sich dem Willen des Senates nicht beugen. Auch er habe Zugang zu Caesars Gunst und Freundschaft. Die gleiche Meinung äußerte Seipio: Pompeius habe nicht vor, sich dem Staat zu versagen, wenn der Senat sich ihm anschließe. Sollte dieser jedoch zögern und nicht entschieden genug handeln, so werde er später, wenn er wirklich seine Unterstützung suche, vergeblich darum bitten.

2. Da die Senatssitzung in Rom stattfand und Pompeius nicht zugegen war, schien diese Rede Scipios aus dem Munde des Pompeius selbst zu kommen. Mancher hatte eine gemäßigtere Meinung vorgetragen, wie anfangs M. Marcellus, dessen Rede dahin ging, es sei nicht nützlich, diese Angelegenheit vor den Senat zu bringen, ehe in ganz Italien Musterungen und Einberufungen erfolgt seien. Nur unter diesem Schutz, der Sicherheit und Freiheit garantiere, könne der Senat nach seinem Willen entscheiden. Ebenso beantragte M. Calidius, daß Pompeius in seine Provinzen gehen solle, damit es keinen Anlaß zu bewaffneten Unruhen gebe. Nachdem Caesar zwei Legionen entzogen worden seien, fürchte er, daß Pompeius sie offensichtlich gegen ihn verwenden wolle und sie deshalb in der Nähe Roms zurückhalte. Auch M. Rufus vertrat die Meinung des Calidius mit fast den gleichen Argumenten. Alle drei wurden von dem Consul L. Lentulus mit scharfen Worten zurechtgewiesen und heftig angegriffen. Lentulus lehnte es rundweg ab, über den Antrag des Calidius abstimmen zu lassen. Marcellus wurde durch die Zurechtweisung so in Schrecken versetzt, daß er seinen Antrag zurücknahm. Die Außerungen des Consuls, die Furcht, die die Anwesenheit des Heeres verbreitete, und die Drohungen der Freunde des Pompeius brachten so die meisten dazu, daß sie sich der Meinung Scipios gegen ihren Willen und unter Zwang anschlossen: Caesar solle vor einem bestimmten Termin sein Heer entlassen; wenn er das nicht tue, müsse man ihn als Hochverräter ansehen. Die Volkstribunen M. Antonius und Q. Cassius legten ihr Veto ein. Sofort wurde über das Veto der Tribunen verhandelt. Die Meinungsäußerungen darüber waren sehr hart. Wer am schärfsten und schonungslosesten sprach, wurde von den Feinden Caesars am meisten gelobt.

3. Als die Senatssitzung gegen Abend beendet worden war, ließ Pompeius alle Senatoren zu sich kommen. Er lobte die, die sich entschlossen gezeigt hatten, und bestärkte sie für die folgende Zeit, die noch Unentschiedenen tadelte er und spornte sie an. Von überall her wurden viele Veteranen des Pompeius aufgeboten, indem man ihnen Belohnungen und Beförderungen in Aussicht stellte. Auch aus den zwei Legionen, die Caesar abgegeben hatte, holte man viele herbei. Rom war voll von Soldaten, das Comitium war erfüllt von Kriegstribunen, Centurionen und Evocaten. Alle Freunde der Consuln, die Anhänger des Pompeius und die alten Feinde Caesars wurden in den Senat gerufen. Ihre Stimmen und ihre Menge erschreckten die Zaghafteren, bestärkten die Zweifelnden, den meisten aber wurde dadurch die Möglichkeit der freien Entscheidung genommen. Der Censor L. Piso erbot sich, ebenso wie der Praetor L. Roscius, selbst zu Caesar zu gehen, um ihn über die Lage der Dinge zu unterrichten. Sie forderten für dieses Unternehmen sechs Tage Zeit. Es wurden auch Meinungen laut, man solle eine offizielle Gesandtschaft zu Caesar schicken, um ihm den Willen des Senates mitzuteilen.

4. Gegen all dies erhob sich jedoch Widerspruch, und der Consul, Scipio und Cato wandten sich in ihren Reden scharf dagegen. Cato reizten die alte Feindschaft gegen Caesar und der Schmerz darüber, daß er bei der Kandidatur zum Consulat durchgefallen war. Die Beweggründe des Lentulus waren die Höhe seiner Schulden, die Hoffnung auf ein Heer und Provinzen und große Schenkungen bei der Verleihung von Königstiteln. Im übrigen rühmte er sich im Kreise seiner Anhänger, ein zweiter Sulla zu sein, der alle Regierungsgewalt erlangen werde. Scipio trieb die gleiche Hoffnung auf eine Provinz und auf Legionen. Wegen seiner Verwandtschaft mit Pompeius glaubte er, das Kommando über die Heere mit ihm teilen zu können. Zugleich bewog ihn die Furcht, vor Gericht gezogen zu werden, außerdem sein Geltungsbedürfnis und die Kriecherei vor den Männern, die in Politik und Rechtsprechung den größten Einfluß hatten. Pompeius selbst wurde von den Feinden Caesars angestachelt, und weil er niemandem in bezug auf öffentliches Ansehen gleichgestellt werden wollte, wandte er sich von Caesars Freundschaft völlig ab und söhnte sich mit den gemeinsamen Feinden wieder aus, zu deren größtem Teil Caesar erst während der Zeit seiner verwandtschaftlichen Beziehungen zu Pompeius auf dessen Veranlassung hin in Gegnerschaft getreten war. Zugleich bewog ihn die üble Nachrede wegen der zwei Legionen, die er vom Marsch nach Asien und Syrien abgehalten und zur Vergrößerung seiner Macht und Herrschaft verwendet hatte, die bewaffnete Auseinandersetzung mit Caesar zu suchen.

5. Dies waren die Ursachen dafür, daß nun alles überstürzt und planlos betrieben wurde. Man ließ den Freunden Caesars nicht genügend Zeit, ihn zu unterrichten, die Volkstribunen hatten keine Möglichkeit, die ihnen drohende Gefahr durch Verhandlungen abzuwenden, geschweige denn Gelegenheit, das letzte ihrer Rechte, das sogar L. Sulla wahrt hatte, anzuwenden: das Interzessionsrecht. Statt dessen sahen sie sich am siebenten Tage gezwungen, an ihre eigene Sicherheit zu denken. In der Vergangenheit dagegen war es selbst für die aufrührerischsten Volkstribunen erst im achten Monat ihrer Amtsführung notwendig geworden, eine Bedrohung ihres Lebens zu fürchten und an ihre eigene Rettung zu denken. Man kam eilends zu jenem äußersten und letzten Senatsbeschluß, zu dem sich auch die kühnsten Senatoren vorher niemals durchgerungen hatten, es sei denn, daß eine Feuersbrunst die ganze Stadt bedrohte oder das Leben aller auf dem Spiele stand: Die Consuln, Praetoren, Volkstribunen und Proconsuln in der Nähe Roms möchten dafür sorgen, daß der Staat keinen Schaden erleide. Dieser Senatsbeschluß wurde am 7. Januar zu Protokoll gegeben. In den ersten fünf Tagen also, an denen seit Lentulus Consulatsantritt Senatssitzungen stattfinden konnten - wobei die zwei Comitialtage abziehen sind - waren über das Kommando Caesars, über hochstehende Männer und Volkstribunen die schärfsten und verletzendsten Entscheidungen gefallen. Die Volkitribunen flüchteten sofort aus Rom und begaben sich zu Caesar. Dieser befand sich zu jener Zeit in Ravenna und erwartete die Antwort auf seine überaus maßvollen Forderungen, in der Hoffnung, die Angelegenheit könne friedlich beigelegt werden, wenn man nur etwas Gerechtigkeit walten lasse.

6. In den nächsten Tagen fanden die Senatssitzungen außerhalb Roms statt. Dort vertrat Pompeius eben das, was er durch Scipio zu erkennen gegeben hatte. Er lobte die Tapferkeit und Festigkeit des Senates und erstattete Bericht über seine Truppenstärke: Er habe zehn einsatzbereite Legionen. Zudem sei ihm aus zuverlässiger Quelle bekannt, daß bei den Soldaten Caesars eine feindselige Stimmung gegen ihren Führer herrsche. Es sei unmöglich, sie dazu zu bewegen, Caesar zu verteidigen oder auch nur, ihm zu folgen. Ferner wurden dem Senat folgende Anträge vorgelegt: In ganz Italien solle eine Aushebung durchgeführt werden; Faustus Sulla solle als Propraetor nach Mauretanien gehen; aus dem Aerar solle Pompeius Geld zur Verfügung gestellt werden. Weiterhin wurde beantragt, daß der König Juba zum Bundesgenossen und Freund des römischen Volkes ernannt werde. Der Consul Marcellus lehnte es jedoch ab, diesem Antrag zum gegenwärtigen Zeitpunkt zuzustimmen. Gegen die Annahme des Antrages, der die Mission des Faustus betraf, legte der Volkstribun Philippus sein Veto ein. Alles übrige wurde vom Senat beschlossen und zu Protokoll gegeben. Die Provinzen, zwei consularische, im übrigen praetorische, wurden an Privatleute vergeben. Scipio erhielt Syrien, L. Domitius Gallien. Auf Grund einer geheimen Abmachung wurden Philippus und Cotta übergangen und nahmen auch nicht an der Verlosung der Provinzen teil. In die übrigen Provinzen wurden ehemalige Praetoren geschiekt. Sie warteten nicht auf die Bestätigung ihrer Statthalter-schaft durch die Volksversammlung, wie es in früheren Zeiten geschehen war, sondern reisten in Kriegskleidung ab, nachdem sie ihre Gelübde geleistet hatten. Die Consuln verließen die Stadt. Niemals war dies bisher geschehen, und ebenso verletzte es alles Herkommen, daß man in der Stadt und auf dem Capitol Privatleute in Begleitung von Lictoren sah. In ganz Italien wurden Aushebungen durchgeführt, Waffenlieferungen angeordnet, Gelder aus den Municipien eingezogen, aus den Tempeln weggenommen, alles göttliche und menschliche Recht wurde auf den Kopf gestellt.

7. Als Caesar davon erfuhr, hielt er eine Ansprache an seine Soldaten: Er erinnerte an alles Unrecht, das ihm seine Feinde zugefügt, und beklagte, daß sie Pompeius verdorben und vom rechten Wege abgeführt hätten, indem sie in ihm Neid und Eifersucht auf Caesars Ruhm erweckt hätten. Er selbst, Caesar, habe dagegen stets die Ehre und das öffentliche Ansehen des Pompeius geschützt und gefördert. Ferner beklagte er sich über die unerhörte politische Maßnahme, das tribunizische Veto mit der Drohung, bewaffnet einzuschreiten, als verwerflich zu tadeln und zu unterdrücken, während es in den vorhergegangenen Jahren gewaltlos wieder eingeführt worden sei. Sulla habe zwar die Volkstribunen aller Rechte beraubt, ihr Vetorecht jedoch unangetastet gelassen. Pompeius, der die verlorengegangenen Befugnisse scheinbar wiederhergestellt habe, habe nun auch die vorher noch bestehenden wieder aufgehoben. Sooft der Beschluß ergangen sei, die Magistrate sollten dafür sorgen, daß der Staat keinen Schaden erleide - mit dieser Formel und diesem Senatsbeschluß habe man das römische Volk zu den Waffen gerufen - ,sei er bei staatsgefährdenden Gesetzesanträgen, bei Gewaltanwendung durch Volkstribunen und bei Aufruhr des Volkes in Verbindung mit der Besetzung von Tempeln und Anhöhen erfolgt. Als Beweise führte er aus der Vergangenheit die Ereignisse um Saturninus und die Gracchen an, die ihr Vergehen mit dem Tode büßten. Nichts davon sei zum jetzigen Zeitpunkt geschehen, nicht einmal geplant worden. Kein Gesetzesantrag habe vorgelegen, niemand habe angefangen, mit dem Volk zu verhandeln, geschweige denn, daß ein Auszug des Volkes stattgefunden habe. Er schloß mit der eindringlichen Aufforderung an seine Soldaten, den guten Ruf und das öffentliche Ansehen ihres Feldherrn gegen seine Feinde zu verteidigen, ihres Feldherrn, unter dessen Führung sie in neun Jahren dem Wohl des Staates mit dem größten Erfolg gedient, eine Unzahl von Siegen erfochten und ganz Gallien und Germanien befriedet hätten. Die Soldaten der 13. Legion, die allein anwesend war, weil er sie zu Beginn der Feindseligkeiten hatte kommen lassen, während die übrigen sich noch nicht versammelt hatten, riefen laut, sie seien bereit, sich gegen das Unrecht, das an ihrem Feldherrn und den Volkstribunen begangen worden sei, zur Wehr zu setzen.

8. Nachdem Caesar sich von dem guten Willen seiner Soldaten uberzeugt hatte, brach er mit der 13. Legion nach Ariminum auf und traf dort mit den Volkstribunen zusammen, die zu ihm geflohen waren. Mit dem Befehl, ihm zu folgen, ließ er dann die übrigen Legionen aus den Winterlagern aufbrechen. Nach Ariminum kam der junge L. Caesar, dessen Vater bei Caesar Legat war. Nachdem die Verhandlungen über seinen eigentlichen Auftrag beendet waren, teilte L. Caesar mit, daß Pompeius ihm noch Aufträge privater Natur anvertraut habe. Pompeius liege viel daran, vor Caesar gerechtfertigt dazustehen, damit dieser nicht als eine persönliche Beleidigung auffasse, was er im Interesse des Staates getan habe. Er habe immer das Staatswohl über seine privaten Beziehungen gestellt. Auch Caesar solle mit Rücksicht auf sein öffentliches Ansehen dem Staate zuliebe auf das leidenschaftliche Eintreten für seine Rechte und auf seinen Groll verzichten und sich nicht vom Zorn gegen seine Feinde so hinreißen lassen, daß er in der Hoffnung, ihnen zu schaden, den Staat gefährde. L. Caesar fügte in dieser Art noch einiges hinzu, verbunden mit einer Rechtfertigung des Pompeius. Uber annähernd den gleichen Gegenstand und sogar im Wortlaut mit L. Caesar übereinstimmend verhandelte der Praetor Roscius mit Caesar; er berichtete dabei, daß sich Pompeiui selbst ihm gegenüber so geäußert habe.

9. Wenn dies auch nicht geeignet schien, das Unrecht, das Caesar widerfahren war, zu mildern, so hatte er damit doch Männer gewonnen, die in der Lage waren, Pompeius seine Wünsche zu überbringen. Er bat sie daher beide, mit dem Hinweis darauf, daß sie ja schon die Botschaften des Pompeius an ihn übermittelt hätten, es nicht als Zumutung zu empfinden, Pompeius auch seine Forderungen zu überbringen und so zu versuchen, ob sie auf diese Weise mit wenig Aufwand schwere Konflikte lösen und ganz Italien von der Angst befreien könnten. Ihm sei stets seine Ehre das Wichtigste gewesen, wichtiger als sein Leben. Er bedauere, daß ihm die Vergünstigung des römischen Volkes von seinen Feinden auf beleidigende Weise wieder genommen werde, daß sein Kommando um ein halbes Jahr gekürzt sei, er selbst aber zur Rückkehr nach Rom gezwungen werde, obwohl das Volk beschlossen habe, daß er bei der nächsten Wahl auch in Abwesenheit als Kandidat berücksichtigt würde. Dennoch habe er mit Rücksicht auf das Wohl des Staates diesen Verlust an Ehre mit Gleichmut hingenommen. In einem Sckreiben an den Senat habe er jedoch gefordert, daß alle ohne Ausnahme den Befehl über die ihnen unterstellten Heere niederlegen sollten: er habe nicht einmal das durchgesetzt. In ganz Italien fänden Aushebungen statt; die zwei Legionen, die man ihm unter dem Vorwand, man brauche sie für den parthiscken Krieg, entzogen habe, halte man zurück, und die ganze römisehe Bevölkerung stehe unter Waffen. Wozu diene dies alles, wenn nicht dazu, ihn zu vernichten? Dennoeh sei er aus Rücksickt auf den Staat bereit, die größten Zugeständnisse zu machen und alles hinzunehmen. Pompeius solle in seine Provinzen aufbrechen, sie beide sollten ihre Heere entlassen und in Italien sollten alle die Waffen niederlegen. Die Bürger sollten von der Angst befreit werden, und man solle Volk und Senat von Rom die Möglchkeit zu freien Wahlen und ungehinderter Ausübung der Regierung geben. Um die Durchführung dieser Maßnahmen zu erleichtern, sie zudem nach festgelegten Bedingungen zu regeln und durch einen Eid abzusichern, möge Pompeius ihm entgegenkommen oder gestatten, daß er zu ihm komme. In mündlichen Verhandlungen würden dann sicher alle Streitigkeiten beigelegt.

10. Roscius nahm diese Aufträge entgegen und reiste mit L. Caesar nach Capua, wo er die Consuln und Pompeius antraf: ihnen berichtete er von den Forderungen Caesars. Sie berieten daraufhin die Angelegenheit und ließen durch dieselben Beauftragten Caesar ihr Antwortschreiben zugehen. Ihre Forderungen liefen im großen und ganzen auf folgendes hinaus: Caesar solle nach Gallien zurückkehren, Ariminum räumen und seine Soldaten entlassen. Wenn er das getan habe, werde Pompeius nach Spanien gehen. In der Zwischenzeit jedoch, solange nicht gewährleistet sei, daß Caesar seine Versprechungen halte, seien die Consuln und Pompeius nicht bereit, die Aushebungen zu unterbrechen. 11. Es war unangemessen zu fordern, Caesar solle Ariminum räumen und in die Provinz zurückkehren, während Pompeius seine Provinzen und fremde Legionen behielt; ebenso unbillig waren die Bedingung, Caesar solle sein Heer entlassen, während zugleich Aushebungen stattfanden, und das Versprechen des Pompeius, er werde in seine Provinz gehen, ohne daß er den Termin der Abreise festlegte. So sollte der Eindruck verhindert werden, sein Gewissen sei mit einer Lüge belastet, selbst wenn er am Ende von Caesars Consulat immer noch nicht aufgebrochen sein sollte. Daß Pompeius schließlich keinen Zeitpunkt für Verhandlungen angab und nicht bereit war, Caesar zu treffen, ließ alle Hoffnung auf eine friedliche Beilegung des Streites schwinden. Daher schickte Caesar M. Antonius mit fünf Cohorten von Ariminum nach Arretium. Er selbst setzte sich mit zwei Cohorten in Ariminum fest und begann, dort Truppen auszuheben. Pisaurum, Fanum und Ancona ließ er durhk je eine Cohorte besetzen. ...

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[26.]... Gaesar ging so vor, freilich in der Überzeugung, daß man die Friedensbemühungen nicht aufgeben dürfe, und wenn es ihn auch sehr befremdete, daß Magius, den er mit Vorschlägen zu Pompeius gesandt hatte, nicht zurückkehrte, und wenn auch die wiederholten fruchtlosen Einigungsversuche seine Energie und seine Überlegungen hemmten, hielt er es doch für richtig, mit allen Mitteln dieses Ziel zu verfolgen. Daher schickte er seinen Legaten Caninius Rebilus zu dessen Freund undVerwandten Scribonius Libo, um mit ihm zu sprechen. Er gab ihm die Weisung, Libo aufzufordern, sich um einen Friedensschluß zu bemühen. Vor allem wünschte er jedoch, selbst Pompeius zu sprechen. Er sei, wie er darlegte, fest davon überzeugt, daß man die Waffen unter annehmbaren Bedingungen niederlegen könne, wenn ihm Gelegenheit zu einem Gespräch gegeben werde. Ein großer Teil des Ruhms und der Hochachtung wegen dieses Erfolgs werde Libo zufallen, wenn auf seinen Einfluß und seine Mitwirkung hin die Waffen niedergelegt würden, Libo eilte sofort nach der Unterredung mit Caninius zu Pompeius. Wenig später berichtete er, es könne nicht über eine Einigung verhandelt werden, da die Consuln nicht anwesend seien. Daraufhin kam Caesar zu der Einsicht, daß er diese Versuche, die sich so oft als vergeblich erwiesen hatten, endlich aufgeben und ernstlich an den Krieg denken müsse. ...

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... 32. Naeh Erledigung dieser Dinge ließ Caesar seine Soldaten in die nächstgelegenen Landstädte abziehen, um ihnen eine Ruhepause zu gönnen. Er selbst brach nach Rom auf. Vor dem einberufenen Senat erinnerte er an das Unrecht, das ihm seine Feinde angetan hätten: Er wies nach, daß er sich nicht um ein außergesetzliches Amt bemüht habe; im Gegenteil, als er den gesetzlieh vorgeschriebenen Termin für das Consulat abgewartet habe, habe er sich mit dem begnügt, was sieh allen Bürgern als Mögliehkeit biete. Von den zehn Volkstribunen sei der Antrag gestellt worden, daß seine Bewerbung um das Consulat auch in seiner Abwesenheit berücksichtigt würde. Seine Gegner hätten sich dagegen ausgesproehen, vor allem Cato habe sehärfsten Widerstand geleistet und nach seiner altbekannten Gewohnheit durch Dauerreden die Senatssitzungen hingezogen. Doch sei Pompeius selbst in dieser Zeit Consul gewesen; wenn er gegen den Antrag gewesen sei, warum habe er ihn dann einbringen lassen? Wenn er aber dafür gewesen sei, warum habe er verhindert, daß Caesar von diesem zu seinen Gunsten ausgefallenen Volksbesehluß Gebrauch gemacht habe? Seine eigene Nachgiebigkeit stellte er deutlich heraus: Er habe die Forderung auf Entlassung der Heere von sich aus gestellt, obwohl er selbst dadurch einen Verlust an öffentlichem Ansehen und an Ehre auf sich genommen hätte. Er wies auf die starre, gehässige Haltung seiner Gegner hin, die das, was sie von der anderen Seite verlangten, für sich selbst ablehnten und lieber alles drunter und drüber gehen lassen wollten, als auf ihr Kommando und ihre Heere zu verzichten. Mit Nachdruck kennzeichnete er es als ein Unreeht, daß ihm die Legionen entzogen worden seien, und nannte es harte Willkür, die Volkitribunen in der Ausübung ihrer Rechte zu behindern. Er erinnerte daran, daß er Bedingungen gestellt und um Unterredungen mit Pompeius gebeten habe, die ihm jedoch verweigert worden seien. Er richtete die dringende Aufforderung an den Senat, angesichts dieser Lage die Leitung des Staates zu übernehmen und die Regierungsgeschäfte gemeinsam mit ihm zu führen. Wenn die Senatoren sich dem jedoch aus Furcht entziehen wollten, so werde er sie nicht weiter belästigen und den Staat allein regieren. Es sei im übrigen notwendig, Gesandte an Pompeius zu sehicken, um über einen Vergleieh zu verhandeln. Davor scheue er nicht zurück, aueh wenn Pompeius kurz vorher im Senat gesagt habe, daß Gesandtschaften das Ansehen der Seite, an die sie gingen, erhöhten, dagegen einen deutliehen Beweis für die Fureht der anderen Partei bildeten. Dies seheine ihm für einen besehränkten und nicht gerade überlegenen Geist zu spreehen. Er selbst aber wolle an Gereehtigkeit und Mäßigung alle überragen, in demselben Maße wie er auch bestrebt gewesen sei, alle dureh seine militärisehen Taten zu übertreffen.

33. Der Senat billigte zwar seinen Vorschlag, Gesandte abzuschicken, doch fand sich niemand, den man hätte senden können, da alle, wohl hauptsächlich aus Angst, die Teilnahme an der Gesandtschaft ablehnten. Pompeius hatte nämlich bei seiner Abreise aus Rom im Senat geäußert, er werde später die, die sich im Lager Caesars befunden hätten, nicht anders behandeln als die, die in Rom geblieben wären. So gingen drei Tage unter Debatten und Entschuldigungsreden dahin. Zu alledem setzten die Gegner Caesars den Volkstribun Lucius Metellus ein, um diese Angelegenheit zu verzögern und auch um alles andere, was Caesar möglicherweise zur Verhandlung bringen wollte, zu verhindern. Caesar durchschaute diese Absicht, als schon einige Tage ergebnislos verstrichen waren, und um nicht noch weitere Zeit zu verlieren, ließ er das, was er begonnen hatte, liegen, verließ Rom und begab sich ins jenseitige Gallien....


2) Caesars Staatsstreich und Kampagne gegen die Pompejaner nach Plutarchs Bericht.

Dt. Übersetzunng nach: Plutarch, Alexander - Caesar. Lebensbeschreibungen. Übersetzt von Johann Friedrich Salomon Kaltwasser, redaktionell überarbeitet von Wolfgang Ritschel, Berlin, Weimar 1982, S. 118 - 126.


... Schon längst war Cäsar entschlossen, den Pompeius zu stürzen, so wie auch dieser damit umging, jenem ein Gleiches zu tun. Nachdem Crassus, der beide von ferne beobachtete, im Kriege gegen die Parther seinen Tod gefunden hatte, blieb dem einen, um der Mächtigste zu werden, weiter nichts übrig, als den, der es wirklich war, zu unterdrücken, dem andern aber, damit ihn dieses Schicksal nicht träfe, denjenigen, vor dem er sich fürchtete, zuvor aus dem Wege zu räumen. Erst seit kurzem war es dem Pompeius eingekommen, so etwas zu besorgen; bisher hatte er den Cäsar nur verachtet, weil es ihm etwas Leichtes zu sein schien, den Mann wieder zu vernichten, der seine Größe ihm allein zu verdanken hätte. Cäsar hingegen, der von jeher mit diesem Vorhaben umgegangen war, entfernte sich weislich, wie ein Athlet, aus den Augen seiner Nebenbuhler, übte sich in den gallischen Kriegen, härtete dabei seine Soldaten ab und vermehrte durch große Taten seinen Ruhm so sehr, daß er den Siegen des Pompeius völlig das Gleichgewicht halten konnte.

So benutzte er nun jeden Vorwand, den ihm einesteils Pompeius selbst, andernteils auch die Zeitumstände und die damalige schlechte Verfassung in Rom an die Hand gaben, da diejenigen, die sich um Ämter bewarben, auf öffentlichem Markte Tische hinsetzten, die Bürger ohne Scheu bestachen und das gedungene Volk dann hinging, um für die Geber sich nicht mit Stimmen, sondern mit Pfeilen, Schwertern und Schleudern zu verwenden. Ja oft gingen sie nicht eher auseinander, bis sie die Rednerbühne mit Blut und Leichnamen besudelt harten, und gaben so die Stadt wie ein Schiff ohne Steuermann einer völligen Anarchie preis. Aus dieser Ursache hielten es die verständigsten Männer noch für ein Glück, wenn bei einem solchen Wahnsinn und Wirrwarr die Dinge nur auf nichts Schlimmeres als die Monarchie hinausliefen, und viele erkühnren sich schon öffentlich zu sagen, die Gebrechen des Staats könnten durch weiter nichts als eine monarchische Verfassung geheilt werden und man müßte sich dieses Arzneimittel von dem glimpflichsten Arzte beibringen lassen, womit sie auf den Pompeius zielten. Da nun auch dieser zwar zum Schein und der Ehre halber einen solchen Antrag ablehnte, im Grunde aber es am meisten betrieb, daß man ihn zum Diktator ernennen sollte, so tat endlich Cato, der seinen Plan durchschaute, dem Senate den Vorschlag, den Pompeius allein zum Konsul zu ernennen, damit er, durch eine gesetzmäßigere Monarchie befriedigt, die Diktatorwürde nicht mit Gewalt an sich reißen möchte. Auch beschloß man, ihm seine Provinzen noch auf längere Zeit zu lassen. Er hatte nämlich deren zwei, ganz Spanien und Afrika, die er durch seine Legaten verwalten ließ, und zum Unterhalt der unter ihm stehenden Heere erhielt er jährlich tausend Talente aus dem öffentlichen Schatze.

Hierauf bewarb sich auch Cäsar durch einige Vertraute, die er abschickte, um das Konsulat und forderte, daß man ihm ebenfalls seine Statthalterschaft verlängern sollte. Pompeius schwieg anfangs dazu still; allein Marcellus und Lentulus, die den Cäsar aus andern Ursachen haßten, setzten sich dawider und taten außer dem, was die Um stände erheischten, ohne Not manche Schritte, die Cäsar zur Kränkung und Beschimpfung gereichten. So nahmen sie den Einwohnern von Neocomum in Gallien, die Cäsar angesiedelt hatte, das Bürgerrecht, und Marcellus ließ, als Konsul, einen der dortigen Ratsherren, der nach Rom gekommen war, mit Ruten streichen, indem er dabei sagte, er hänge ihm dies als ein Denkzeichen an, daß er kein römischer Bürger sei; er könne hingehen und es dem Cäsar weisen.

Jedoch nach diesem Verfahren des Marcellus ließ Cäsar seine in Gallien erworbenen Reichtümer allen, die an der Staatsverwaltung teilhatten, in reichlichem Maße zufließen und befreite nicht nur den Volkstribun Curio von seinen vielen Schulden, sondern gab auch dem jetzigen Konsul Paulus fünfzehnhundert Talente, wovon dieser nahe am Markte die berühmte und prachtvolle Basilika statt der alten, die Fulvia hieß, erbaute. Pompeius, durch dergleichen Kabalen in Furcht gesetzt, fing nun öffentlich an, sowohl selbst als durch seine Freunde, es zu betreiben, daß Cäsar ein Nachfolger in seinen Provinzen gegeben werden sollte. Zugleich ließ er ihm die Truppen abfordern, die er ihm zu dem gallischen Kriege geliehen hatte. Cäsar. schickte sie auch ohne Weigerung zurück und beschenkte jeden einzelnen Mann mit zweihundertundfünfzig Drachmen.

Diejenigen, die diese Truppen dem Pompeius zuführten, streuten unter dem Volke allerhand nachteilige und ungeziemende Gerüchte von Cäsar aus und verblendeten dabei den Pompeius durch leere Hoffnungen. Denn sie versicherten ihn, das unter Cäsar stehende Heer sehne sich eifrig nach ihm, und wenn auch hier in der Stadt Neid und mancherlei Intrigen ihn oft hinderten, zum Zwecke zu kommen. so könne er doch immer auf das dortige Heer Rechnung machen, das, sobald es nach Italien herüberkäme, sich für ihn erklären werde; so sehr sei Cäsar den Soldaten durch die unablässigen Feldzüge verhaßt undim Hinblick auf die Furcht vor einer monarchischen Regierung verdächtig geworden. Durch dergleichen Reden wurde nun Pompeius so stolz und aufgeblasen, daß er, als wenn er gar nichts zu fürchten hätte, Truppen auszuheben verabsäumte und dafür den Cäsar durch Vorschläge und Beschlüsse niederzudrücken suchte, um die sich jener freilich nicht im geringsten bekümmerte. So erzählt man, daß einer der Offiziere, die von ihm nach Rom geschickt worden, als er vor dem Rathause stand und vernahm, daß der Senat ihm die Verlängerung der Statthalterschaft nicht bewilligte, die Hand an das Schwert gelegt' und gesagt habe: ,,Nun, so wird dieses sie ihm geben."

Bei dem allen gewann Cäsars Forderung ein vorzügliches Ansehen von Recht und Billigkeit. Sein Vorschlag war nämlich, er für seine Person wolle die Waffen niederlegen, wenn auch Pompeius ein Gleiches täte, und dann sollten sie als bloße Privatpersonen vom Volke die Belohnung ihrer Verdienste erwarten. Denn wenn man ihm sein Heer nähme, jenen aber die Macht, die er hätte, behalten ließe, so würde man nur durch Unterdrückung des einen den andern zum Tyrannen machen. Curio, der diese Forderung in Cäsars Namen dem Volke vortrug, wurde. mit dem lautesten Beifall empfangen; ja einige bewarfen ihn, wie einen siegreichen Fechter, mit Blumen und Kränzen. Bald darauf brachte auch der Volkstribun Antonius einen von Cäsar .über diesen Gegenstand erhaltenen Brief vor die Versammlung und las ihn öffentlich ab, sosehr sich auch die Konsuln dem widersetzten.

Allein im Senate trug nun Scipio, Pompeius Schwiegervater, darauf an, Cäsar für einen Feind des Vaterlandes zu erklären, wenn er nicht binnen einer bestimmten Frist die Waffen niederlege. Als die Konsuln darauf umfragten, ob man für gut fände, daß Pompeius seine Truppen entlassen, und dann wieder, ob Cäsar dies tun sollte, waren für das erstere nur sehr wenige, für das letztere beinahe alle. Nun aber schlug Antonius nochmals vor, daß beide zugleich das Kommando niederlegen sollten, und dafür erklärten sich alle ohne Ausnahme. Scipio widersetzte sich mit aller Gewalt, und da auch der Konsul Lentulus schrie, gegen einen Räuber müsse man Waffen, nicht Stimmen oder Worte brauchen, ging der Senat auseinander und legte dieser Uneinigkeit wegen Trauerkleider an.

Nicht lange hernach kamen wieder Briefe von Cäsar mit sehr gemäßigten Vorschlägen an. Er erbot sich nämlich, allen übrigen Forderungen zu entsagen, wenn man ihm Gallien diesseits der Alpen und Illyricum nebst zwei Legionen bewilligte, bis er um das zweite Konsulat anhalten könnte. Der Redner Cicero, der eben erst aus Kilikien zurückgekommen war, suchte eine Aussöhnung zu bewirken und erweichte den Pompeius doch so weit, daß er auf jenen Vorschlag einging, bis auf die Beibehaltung der Truppen. Cicero beredete daher Cäsars Freunde, sich mit den besagten Provinzen und sechstausend Mann Truppen zu begnügen und so dem Streite ein Ende zu machen. Auch Pompeius ließ sich das gefallen und willigte darein; allein der Konsul Lentulus widersetzte sich und ging so weit, daß er den Antonius und Curio unter vielen Schmähungen und Beschimpfungen aus dem Senate wegtrieb und dadurch Cäsar gerade den scheinbarsten Vorwand an die Hand gab. Denn dieser bediente sich nun dessen vorzüglich, um seine Soldaten in Wut und Feuer zu setzen, indem er ihnen diese angesehenen Magistratspersonen auf Mietwagen und als Sklaven vorstellte, so wie sie aus Furcht von Rom heimlich entfiohen waren. Cäsar hatte nicht mehr als dreihundert Reiter und fünftausend Mann Fußvolk bei sich; das übrige Heer stand noch jenseits der Alpen, und er hatte schon seine Legaten abgeschickt, die es herüberführen sollten. Da er aber einsah, daß es gegenwärtig bei dem Anfange dieser Unternehmung und bei dem ersten Angriffe nicht sowohl auf eine starke Kriegsmacht ankäme als auf Eilfertigkeit und Überraschung durch einen kühnen, gewagten Schlag - denn es dünkte ihm leichter, die Feinde durch seine unerwartete Erscheinung in Bestürzung zu setzen als durch den Anzug mit einem gerüsteten Heere zu überwältigen -, so gab er den Obersten und übrigen Offizieren Befehl, bloß mit dem Schwert ohne alle übrigen Waffen Ariminum, eine beträchtliche Stadt in Gallien, zu besetzen und dabei, so viel möglich, Verwirrung und Blutvergießen zu verhüten. Die Anführung der Truppen übergab er dem Hortensius; er selbst ließ sich den ganzen Tag über öffentlich sehen und wohnte den Übungen der Fechter als Zuschauer bei. Gegen Abend, nachdem er seinen Leib gepflegt hatte, ging er in den Speisesaal und unterhielt sich ein wenig mit den eingeladenen Gästen; bei einbrechender Finsternis aber stand er auf und empfahl sich höflich den Anwesenden, mit der Bitte, so lange dazubleiben, bis er wiederkommen würde. Einigen wenigen Vertrauten hatte er vorher gesagt, daß sie ihm gleich folgen sollten, doch nicht alle auf einmal, sondern jeder besonders. Indes bestieg er einen Mietwagen und fuhr erst einen andern Weg, lenkte dann aber gerade nach Ariminum um.

Als er an den Fluß Rubico kam, der das diesseitige Gallien von dem übrigen Italien trennt, verfiel er, je mehr er sich der Gefahr näherte, in tiefes Nachdenken und hielt, uber die Größe des Wagestücks betroffen, im Fahren inne. Hier stellte er bei sich selbst eine lange Überlegung an, um das Vorhaben nochmals in der Stille von beiden Seiten zu erwägen, und sein Entschluß erlitt jetzt mancherlei Veränderungen. Darauf teilte er den um ihn befindlichen Freunden, unter denen auch Asinius Pollio war, die vielen ihm aufstoßenden Bedenklichkeiten mit, indem er überrechnete, wie viel Elend und Unglück dieser sein Übergang uber alle Völker bringen und welches Unheil von ihnen auf die Nachwelt kommen würde. Endlich aber überließ er sich, gleichsam des Nachsinnens müde, mit rascher Hitze der Zukunft, und nachdem er jenen bei ungewissen und gewagten Unternehmungen gewöhnlichen Ausruf: ,,So mag denn der Wurf getan sein", gebraucht hatte, entschloß er sich zum Übergange, legte den übrigen Weg in größter Geschwindigkeit zurück und drang noch vor Anbruch des Tages in Ariminum ein, welche Stadt er sogleich besetzte. In der Nacht vor dem Übergange hatte er, wie man sagt, einen greulichen Traum; es kam ihm vor, als wenn er seine Mutter notzüchtigte.

Nach der Einnahme von Ariminum, wodurch dem Kriege sozusagen ein weites Tor nach allen Ländern und Meeren hin geöffnet und mit den Grenzen der Provinz zugleich auch die ganze Verfassung des Staates zerrüttet war, gewann es das Ansehen, als wenn nicht bloß Männer und Weiber, wie sonst zu geschehen pflegt, aus Bestürzung Italien durchkreuzten, sondern als wenn ganze Städte aufgebrochen wären und flüchtig durcheinander herliefen. Rom selbst, das bei dem Flüchten und Auswandern der umliegenden Völker gleichsam überschwemmt wurde, konnte von den Magistratspersonen durch gütliche Vorstellungen so wenig als durch strenge Befehle in Ordnung erhalten werden; ja es fehlte wenig, daß es bei einem solchen Sturme und Ungewitter durch sich selbst wäre vernichtet worden. Durchgängig herrschten entgegengesetzte Leidenschaften und gewaltsame Bewegungen. Denn auch die Partei, die sich jetzt freute, blieb nicht ruhig, sondern geriet in der weitläufigen Stadt häufig mit der bestürzten und niedergeschlagenen zusammen und fing immer, auf die Zukunft trotzend, Händel und Streitigkeiten an.

Pompeius, der schon für sich selbst betäubt genug war, wurde auch noch von allen Seiten her in Unruhe und Verwirrung gesetzt. Bald machte man ihm die bittersten Vorwürfe darüber, daß er zu seinem und des Staates Nachteil den Cäsar so mächtig gemacht hätte; bald legte man es ihm wieder zur Last, daß er dem Lentulus gestattet hätte, Cäsar, der so sehr nachgab, der so billige Vorschläge machte, die gröbsten Beschimpfungen anzutun. Favonius hieß ihn nun mit dem Fuße auf die Erde stampfen, weil er einst im Senate großsprecherisch gesagt hatte, man solle sich nicht bange sein lassen noch um die Zurüstungen zum Kriege bekümmern; denn wenn Cäsar käme, brauche er nur mit dem Fuße auf die Erde zu stampfen, um Italien sogleich mit Truppen anzufüllen.

Bei dem allen war Pompejus auch damals noch Cäsar an Macht sehr überlegen; niemand aber gestattete dem Manne, nach eigenen Einsichten zu handeln. Daher ließ er sich endlich auf die vielen falschen und furchtbaren Nachrichten, daß der Feind schon vor den Toren wäre und überall den Meister spielte, durch die allgemeine Flucht mit fortreißen, erklärte in einem Dekrete, er sähe einen förmlichen Tumult vor Augen, und verließ dann die Stadt, indem er befahl, daß der ganze Senat ihm folgen und keiner zurückbleiben sollte, der Vaterland und Freiheit der Tyrannei vorzöge.

Danach begaben sich die Konsuln auf die Flucht, ohne einmal die vor dem Auszuge gewöhnlichen Opfer zu verrichten; auch flohen die meisten Ratsherren so eilfertig, daß sie von ihrem Eigentum das erste, was ihnen in die Hände fiel, als wäre es fremdes Gut, mit fortnahmen. Selbst einige, die vorher Cäsars Partei fest anhingen, verloren im ersten Schrecken die Besinnung und ließen sich ohne Not durch den Strom jener Flucht mit hinreißen. Nichts aber war rührender als der Anblick der Stadt selbst, die beim Einbruch eines so heftigen Sturms wie ein Schiff von den verzagten Steuerleuten dem blinden Zufall überlassen zu sein schien. Allein so kläglich auch diese Auswanderung war, hielten doch die Römer aus Liebe zu Pompeius das Exil für ihr Vaterland und verließen gern und willig Rom als Caesars Lager. Sogar Labienus, einer der vertrautesten Freunde Cäsars, der ihm als Legat gedient und in allen gallischen Kriegen auf das eifrigste unterstützt hatte, wich jetzt von ihm und ging zu Pompeius über. Cäsar aber schickte ihm alle seine Reichtümer und sein ganzes Gepäcke nach.

Zuerst ging nun Cäsar dem Domitius, der mit dreißig Kohorten Corfinium besetzt hielt, zu Leibe und lagerte sich vor dieser Stadt. Domitius hielt sich schon für ganz verloren; er forderte also von einem Sklaven, den er als Arzt brauchte, ein Giftmittel und nahm das, was ihm gereicht wurde, sogleich ein, um sich selbst zu töten. Als er aber bald hernach von jemandem hörte, daß Cäsar seine Gefangenen liebreich und gütig behandelte, beklagte er sich selbst und tadelte seinen zu raschen Entschluß. Der Arzt beruhigte ihn bald durch die Versicherung, daß er statt des Giftes bloß einen Schlaftrank eingenommen hätte. Voller Freude darüber, sprang Domitius auf, eilte zu Cäsar und erhielt von ihm Verzeihung, entwischte aber hernach doch wieder zu Pompeius. Diese Nachrichten gaben, als sie nach Rom kamen, den Einwohnern wieder frohen Mut, und verschiedene kehrten nun von der Flucht zurück.

Cäsar steckte die Truppen des Dominus, so wie alle neu angeworbenen Soldaten des Pompeius, die er in den Städten überraschte, in sein Heer und ging nun mit einer starken, furchtbaren Macht auf den Pompelus selbst los. Dieser wollte aber den Angriff nicht abwarten, sondern floh nach Brundisium, schickte die Konsuln mit einem Teile des Heeres voraus nach Dyrrhachium und segelte bald darnach, als Cäsar anrückte, ebenfalls dahin ab, wie in dessen Lebensbeschreibung [scil von mir]] ausführlich wird erzählt werden. Cäsar wollte ihm zwar sogleich nachfolgen, aber es fehlte ihm an Schiffen; daher kehrte er nach Rom um, nachdem er innerhalb sechzig Tagen ohne alles Blutvergießen über ganz Italien Meister geworden war.

Die Stadt Rom fand er in einem weit ruhigeren Zustande, als er erwartete, und da er auch viele Senatoren dort antraf, hielt er an diese eine sehr gemäßigte und höfliche Rede und ermahnte sie, wegen eines billigen und anständigen Vergleichs Abgeordnete an Pompeius zu schicken. Aber dazu wollte sich niemand verstehen, entweder aus Furcht vor dem Pompeius, den sie im Stiche gelassen hatten, oder weil sie glaubten, daß Cäsar diese Sprache nur zum Schein führte, ohne daß es ihm damit ein Ernst ware.

Der Volkstribun Metellus wollte ihm verwehren, aus dem Schatze Geld zu nehmen, und berief sich dabei auf gewisse Gesetze. "Waffen und Gesetze", antwortete Cäsar, "vertragen sich nicht wohl miteinander. Bist du mit meinem Beginnen unzufrieden, so begib dich jetzt lieber weg; denn der Krieg leidet keine Freimütigkeit. Wenn ich aber nach geschlossenem Vergleiche die Waffen werde niedergelegt haben, dann kannst du auftreten und Reden an das Volk halten. Und da ich dieses sage", setzte er hinzu, "vergebe ich schon zu viel von meinen Rechten. Denn du und alle meine Widersacher, die ich hier gefunden habe, seid ja ganz in meiner Gewalt." Nach dieser Abfertigung des Metellus ging er auf die Tür des Schatzbauses zu, und da die Schlüssel nicht bei der Hand waren, ließ er Schlosser holen, die die Tür aufbrechen sollten. Metellus widersetzte sich aufs neue, und mehrere lobten ihn deswegen. Nun aber drohte Cäsar mit zorniger Stimme, ihn auf der Stelle zu töten, wenn er nicht aufhöre, ihm Verdruß zu machen. "Und, junger Mensch", setzte er hinzu, "du weißt wohl, daß mir es saurer ankommt, dies zu sagen als es zu tun". Diese Rede bewirkte nicht nur, daß Metellus ganz erschrocken fortging, sondern auch, daß alle Kriegsbedürfnisse geschwind und ohne Schwierigkeiten herbeigeschafft wurden.

Gleich darauf unternahm er den Zug nach Spanien, um Pompeius Legaten, Afranius und Varro, aus diesem Lande zu vertreiben und, ehe er auf den Pompeius selbst losging, die dortigen Heere und Provinzen in seine Gewalt zu bringen, damit er keinen Feind hinter sich im Rücken behielte. Hier geriet er nicht nur für seine Person durch Nachstellungen oft in Lebensgefahr, sondern war auch nahe daran, sein Heer durch Mangel an Lebensmitteln zu verlieren; dennoch ließ er nicht eher nach, die Feinde zu verfolgen, zum Kampfe aufzufordern und mit Gräben einzuschließen, bis er sich von allen ihren Heeren und Lagern zum Meister gemacht hatte. Die Anführer selbst entflohen zu Pompelus. Als Cäsar nach Rom zurückkam, redete ihm sein Schwiegervater Piso zu, eines Vergleichs wegen Abgeordnete an Pompeius zu schicken, lsauricus aber setzte sich dawider aus Gefälligkeit gegen Cäsar. Der Senat erwählte ihn darauf zum Diktator, in welchem Amte er die Verbannten zurückrief und die Söhne der von Sulla geächteten Bürger in Ihre Rechte wiedereinsetzte, auch den Schuldnern durch Herabsetzung der Zinsen einige Erleichterung verschaffte. Er machte noch andere dergleichen Verordnungen, doch aber nicht viele; denn nach elf Tagen legte er die Diktatur nieder, ernannte sich selbst und den Servillus Isauricus zu Konsuln und war nun bloß auf die Fortsetzung des Krieges bedacht. ...


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski SS 1999