Lösung zu Übung 5, Teil 1 und 2.

1. AUFGABE:

Wie erscheint die Stellung des Sokrates in der Athener Öffentlichkeit lange vor, bei und nach dem Prozeß gegen ihn im Lichte der Aussagen der im folgenden wiedergegeben Quellentextauszüge? Welche Gründe mag es Ihres Erachtens für seine aus heutiger Sicht unverständlich erscheinenden Verurteilung gegeben haben?

2. AUFGABE:

Wie erscheinen Caesars Maßnahmen gegen seine innenpolitische Gegner in seiner eigenen und in Plutarchs Darstellung motiviert? Wie schildern beide Darstellungen die Verbindung des Einsatzes militärischer Gewalt mit den Möglichkeiten öffentlicher Argumentation?


ZUR 1. AUFGABE:

Die Beantwortung der gestellten Aufgaben ist hier nur in knapper Form möglich. Auf die Literatur-, Medien- und Quellenhinweise dieses Kapitels und des Allgemeinen Vereichnisses zu diesem Skript sei deshalb ausdrücklich hingewiesen.

Xenophon (426 bis nach 355 v. Chr.; Todesdatum unbekannt), der als junger Mann Sokrates noch kennenlernte und ihn u. a. wegen der Teilnahme an der Expedition eines griechischen Söldnerheeres in das persische Achämenidenreich (um 401 v. Chr.) um Rat fragte (vgl. Xenophons 'Anabasis', 3, 1, 4 ff.), hat in seiner Schrift 'Erinnerungen [an Sokrates]' '(Apomnemoneumata', 'Memorabilia') die mündliche und schriftliche Überlieferung über die von Sokrates selbst nicht niedergeschriebenen Lehren, über sein Leben und seinen Charakter gesammelt und im Sinne einer Würdigung seiner Persönlichkeit ausgewertet, die teils biographisch-anekdotischen, teils lehrhaft-moralischen Charakter hat. Der Zeitpunkt der Entstehung dieser Schrift ist nicht genau erkennbar; möglicherweise enstand sie in mehreren Schritten zwischen 393 - dem mutmaßlichen Zeitpunkt der Veröffentlichung der Anklageschrift gegen Sokrates - und 355 v. Chr - dem letzten im Text selbst identifizierbaren Datum. Im ersten Teil will die Schrift das Persönlichkeitsbild, das der Anklage und dem Todesurteil gegen Sokrates i. J. 399 zugrundeliegt, mit allgemein einleuchtenden Argumenten öffentlich zurechtrücken. Es geht deutlich um eine Rehabilitation - und wohl auch um eine gewisse Kritik des i. J. 393 aus Athen verbannten Xenophon an einigen Schwächen athenischer Staatlichkeit. Die ersten beiden Bücher setzen sich ausführlich mit der Anklageschrift gegen Sokrates auseinander, die Xenophon offensichtlich - wie eine Anzahl anderer zeitnaher Quellen und Berichte - vorgelegen hat. Indem er zum Zwecke der nachträglichen Widerlegung aus dieser Schrift mehrfach zitiert, wird nicht nur die Kontur der Anklagebegründung deutlicher als in anderen Sokrates betreffenden Textquellen - z. B. in Platons Schriften 'Apologie', 'Kritias' und 'Phaidon' - , sondern es entsteht sogar bei Zusammenfassung der Anklagepunkte auch ein Bild von einer in Athen offenbar langjährigen, gegen Sokrates gerichteten Mißstimmung und Gerüchtbildung, sei es im Volke, sei es unter verschiedenen bekannteren dortigen Persönlichkeiten. Das beginnt als Animosität gegen eine angebliche wortverdrehende Nutzlosigkeit der von Sokrates vermittelten sophistischen Bildung vermutlich schon in den 20er Jahren des. 5. Jhts. - wie sich aus der Komödie 'Die Wolken'des Aristophanes (Erstaufführung i. J. 423) ergibt. Hinzu kommt sehr viel später der 'Arginusen-Prozeß' d. J. 406, in dem sich Sokrates unter Hinweis auf die Verfassung weigert, einen mit Majorität gefaßten Beschluß der Volksversammlung ohne Vorbereitung in der 'Boule' als verfassungsgemäß und rechtsgültig anzuerkennen; in einem solchen waren die für die taktischen Entscheidungen der Seeschlacht bei den Arginusen verantwortlichen Strategen wegen Unterlassung der Rettung athenischer Schiffbrüchiger zum Tode verurteilt worden. Dadurch scheint er sich den Ruf eines 'Verächters des Demos' zugezogen zu haben. Doch dann ist es gerade das oligarchische Regime der sog. '30 Tyrannen', das sich nach dem Ende des peloponnesischen Krieges unter spartanischem Schutz in Athen bildet, welches - unter maßgeblicher Beteiligung des Sokrates-Schülers Kritias - in Athen den öffentlichen sophistischen Rhetorik-Unterricht generell einschränkt und damit auch Sokrates trifft. Es scheint, daß es sich hier nicht, wie Xenophon vorsichtig vermutet, um eine 'Lex Sokrates' gehandelt hat, sondern eher um eine Art allgemeiner notstandsbedingter obrigkeitlicher Ideenkontrolle - die man vielleicht der Pressezensur späterer Epochen vergleichen kann. Nach Xenophons Bericht hat sich Sokrates mit offenbar ironischen Bemerkungen über die Staatskunst des oligarchischen 30-Männer-Regimes nicht nur bei diesem Feinde gemacht, sondern dadurch den Eindruck hinterlassen, er nehme generell die Vertreter der athenischen Obrigkeit und die Gesetze - auch die demokratischen - nicht ernst. Nach Wiederherstellung der Demokratie in Athen ist es dann offenbar eine von allen vormaligen Feindparteien peinlich eingeforderte politische Korrektheit, welche bestimmte Aspekte der sokratischen Äußerungen endgültig als untolerable ideelle Illoyalität eines Prominenten und in angenommenen Folgen öffentlicher Resonanz dieser Lehre eine Gefahr für den inneren Frieden sieht. In diesem Wahrnehmungsrahmen erscheinen verschiedene lehrhaft verkündete Auffassungen des Sokrates als gerichtet gegen altehrwürdige religiöse Auffassungen (wie Sokrates als religiös 'neuernd' empfundene Behauptungen über ein 'Daimonion'), gegen einige aus dem Geiste der Isopolitie hervorgehende politische Verfassungstraditionen (wie Sokrates Kritik an der Auslosung politischer Ämter) und gegen grundlegende familiäre Respekts- und Pietätspflichten gerichtet (wieb Sokrates Zweifel an einem generellen Autoritätsanspruch der Eltern und an der Nützlichkeit verwandtschaftlicher Bindungen). Der von Sokrates seiner öffentlich-sophistischen Tätigkeit zugrundegelegte Maxime, keinerlei 'Wahrheiten' und somit auch keine 'Lehren' i. e. S. zu verkünden, sondern nur eine grundlegende Kritik an öffentlich als wahr geltenden Unwahrheiten zu üben, wird offenbar als destruktiv in ihren Auswirkungen auf das Bewußtsein des sokratischen Schülerkreises empfunden. Als Beweise einer destruktiven Wirkung sokratischen Agierens werden vor allem die Sokratesschüler Alkibiades und Kritias wahrgenommen, deren politisches Handeln der Zeit des Sokrates-Prozesses als gleichermaßen verdammungswürdig gilt. Daß zu dieser Zeit in Athen eine derartige überempfindliche politische Stimmungslage herrscht, zeigen nicht nur die von der bloßen Animosität zum strafrechtlichen Vorwurf gewordenen Anklagepunkte selbst, sondern auch die deutliche Mehrheit (361) des über die Anlage beschließenden 500-Männer-Gerichts, mit der Sokrates zum Tode verurteilt wird; die Auffassung einer von einigen wenigen Gegnern des Sokrates gegen ihn in Gang gesetzten Intrige läßt sich deshalb nicht halten. Die gereizte Stimmunslage geht auch aus anderen die politische Korrektheit betrefffenden Prozessen dieser Zeit, wie z. B. dem gegen den wegen Hermen-Frevels verdächtigten Redner Andokides, hervor.

Der den Prozeß betreffende Auszug aus der Biographie des Sokrates bei Diogenes Laertios (2. Jht. n. Chr.; Lebensdaten ungewiß) ergibt weitere interessante Informationen über die gegen Sokrates agierenden Persönlichkeiten und Kräfte. Seine Schrift 'Leben und Werke berühmter Philosophen' ('De philosophorum vitis', 'Bioi philosophon') ist eine auf vielen, teilweise sogar aus der klassischen Zeit Athens stammenden Textquellen beruhende Zusammenstellung - philologisch festgesteller und unterschiedlich bewerteter - ca. 250 Autoren verschiedener Epochen der Antike mit etwa 1000 Zitaten. Der Autor ist ein offenbar gebildeter und mit guten bibliothekarischen Recherchemöglichkeiten versehener Grieche des 2. nachchristlichen Jahrhunderts, der neben seiner Philosophengeschichte auch andere kompilierende Werke verfaßt hat, über dessen Leben aber sonst wenig bekannt ist. Er gibt eine vorsichtig formulierte Zusammenfassung der den Sokrates-Prozeß betreffenden Überlieferung, die ihm zugänglich ist, und benennt sie nach ihren Gewährsleuten genau: nach Angaben des Platon (im Dialog' Menon') und des Antisthenes hätten an an der Anklageerhebung mitgewirkt der den 'Handwerkern', also dem 'demos', nahestehende Politiker ('Demagoge') Anytos, der Rhetor Lykon und der Dichter Meletos, alle wegen persönlicher Kränkungen, die sie von Sokrates im Laufe der Zeit erfahren hätten. Anytos habe deswegen schon früh den Komödiendichter Aristophanes dazu veranlaßt, Sokrates in der Komödie 'Die Wolken' als betrügerischen Vermittler nutzloser und schädlicher Lehren an das gemeine Volk nicht nur zu karikieren, sondern persönlich anzugreifen. Auch ein Sophist namens Polykrates wird im Zusammenhang mit der Erstellung der (oder einer) Anklageschrift erwähnt. Diogenes Laertios erwähnt ferner die gereizte Atmosphäre des Prozesses, welche eine Verteidigung des Sokrates erschwert habe, und den untypischen Prozeßverlauf, in dem sich im Gericht für die Bejahung der Schuldfrage eine um 80 Richter kleinere Mehrheit ergeben habe als für die darauf im zweiten Schritt folgende Festsetzung des Strafmaßes, nämlich der Todesstrafe.

Aus den in beiden Quellentexten mitgeteilten Informationen läßt sich zusammenfassend folgendes entnehmen:

ZUR 2. AUFGABE:

Gleich zu Beginn des 'commentarius de bello civile', dem Bericht über Caesars Aktionen im Bürgerkrieg d. J. 49 - 46 v. Chr., von dem nur die ersten 2 Bücher aus Caesars eigener Feder stammen, steht die Darstellung des bewaffneten caesarischen Griffes zur diktatorischen Macht: das sind die militärischen und politischen Aktionen, die er unternimmt, nachdem eine Einigung mit Pompeius und den Vertretern der pompejanischen Gegenpartei in den obersten Staatsämtern und im Senat über die Modalitäten einer Kandidatur Caesars um das Konsulsamt d. J. 49 v. Chr. nicht zustandegekommen ist. Daß Caesar diesen Passagen seines 'commentarius' über das 'bellum civile' besondere Bedeutung beigemessen hat, wird dadurch wahrscheinlich, daß er ihre Niederschaft selbst vorgenommen, die Ausführung der weiteren Bücher aber unvollendet und wahrscheinlich auftragsweise - unter vermutlicher Anordnung bestimmter Schwerpunktsetzungen und Stilmaximen - anderen Autoren überlassen hat, ebenso wie er auch die Kommentierung der beiden letzten Jahre seiner Statthalterschaft in Gallien im 8. Buch des 'Bellum Gallicum' von A. Hirtius vornehmen ließ. Die praktisch-politische Bedeutung eines in Rom und in den Provinzen veröffentlichten oder jedenfalls unschwer zugänglichen Berichts über Caesars 'Überschreitung des Rubico', die man nach traditionellem römischen Verfassungsverständnis ja nur als Staatsstreich verstehen konnte, ist jedenfalls für die Jahre seiner Diktatur offenkundig: von der Argumentation eines solchen Berichts aus seiner Feder hing es ab, ob man ihm in der römischen Oberschicht und im breiten formal noch politisch stimmberechtigten Volke abnehmen konnte, er habe gute, ja zwingende Gründe für seinen objektiven Verfassungsbruch gehabt. Eine glaubhafte Argumentation konnte die Bedingungen der Diktatur auch für Republikaner innerlich akzeptabel machen. Der Bericht der ersten beiden Bücher des 'Bellum civile' ist damit als Teil der von Caesar parallel zu seinen militärischen Usurpationsaktionen unternommenen Schritte zur Überzeugung der Öffentlichkeit von seinen Motiven und zur Versöhnung der Gegenseite anzusehen. Diese beschreibt er im 'Bellum civile' ebenfalls in ausreichender Deutlichkeit.

Diese Begründung klingt überzeugend, und sie ist zu ihrer Zeit und auch später offenbar von nicht wenigen als aureichend empfunden worden, das Verhalten Caesars zu rechtfertigen. Im Hintergrund dieser Akzeptanz scheint aber in der Antike und auch späterhin oft eher ein hoher Respekt vor den spürbaren militärischen, politischen und intellektuellen Fähigkeiten Caesars zu stehen, dem man die Fähigkeit, eine ins Wanken geratene politische Ordnung wiederherzustellen, eher zutraute als anderen seiner Zeitgenossen. Denn sachlich überzeugend ist Caesars Argumentation letztlich nicht. Sein 'Ehr-' und 'Äquivalenz'-Anspruch gegenüber einer Gegenseite hatten sicherlich keinen Verfassungsrang in der alten republikanischen Ordnung Roms, seine ursprünglichen Anliegen konnten deshalb vom Senat ohne Verfassungsbruch zurückgewiesen werden, und schon die implizite, aber unmißverständliche und aktuell realisierbare Drohung Caesars mit ihrer militärischen Durchsetzung konnte als ein politisch-sachlich völlig ausreichender Grund gelten, den Staatsnotstand zu verkünden, selbst wenn die Voraussetzungen des 'senatus consultum ultimum' in Rom immer umstritten waren. Es ist daher anzunehmen, daß in Caesars Verhalten ein aristokratisch-politisches Motiv aufgrund der ihm zur Verfügung stehenden Machtmittel und wegen einer konfrontativen Bekämpfung seiner Machtstellung durch Rivalen der Macht eigengewichtig, d. h. auch verfassungswidrig, geworden ist und dadurch eine objektive politische Entwicklung zu einer Dauerdiktatur ausgelöst hat.

Auch diese Auffassung findet sich zur Zeit Caesars, etwa durch Cicero, und später, etwa durch Plutarch, vertreten. In seiner Biographie Caesars sieht Plutarch (45 - 125 n. Chr.) aufseiten Caesars und aufseiten des Pompeius gleichermaßen schon vor Beginn des Bürgerkriegs die Absicht wirksam, die Gegenseite zu entmachten. Plutarch nimmt darüberhinaus eine auf eine faktische Monarchie hinauslaufendeTendenz nicht nur bei Caesar, sondern auch bei Pompeius an. Er konzediert, daß Caesar politisch gedemütigt werden sollte und daß seine dagagen gerichteten Forderungen insoweit einen besonders einleuchtenden Schein des Rechts und der Billigkeit gewannen. Er erwähnt ferner manche Skrupel und Konzilianz auf Caesars gegenüber der Gegenseite. Aber ebenso beeindruckend beschrieben ist Caesars Wille zur Konsequenz bei der Wahrung seiner Machtstellung und zur Verfolgung des einmal eingeschlagegenen Weges zur Dauerdiktatur. Deutlich wird dabei Caesars Geschick in der Verbindung von öffentlicher Argumentation, Verhandlung und militärischer Aktion, die ein antikes Musterbeispiel einer längerfristig angelegten kombinierten militärisch-politischen Kampagne ist.


 

LV Gizewski SS 1999

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)