Der Prozeß gegen Sokrates

1) in der Darstellung Xenophons.

Dt. Übersetzung nach: Xenophon, Anabasis, Hellenika, Erinnerungen an Sokrates. Hg. von Walter Müri ,Gisela Strasburger und Peter Järisch, Wiesbaden um 1960, S. 625 - 645 (in stark gekürzter Form).


(I, 1, 1) Immer wieder habe ich mich darüber gewundert, durch welche Gründe denn eigentlich die Ankläger des Sokrates die Bürger von Athen davon überzeugt haben mögen, daß er des Todes um den Staat schuldig sei. Die gegen ihn erhobene Anklage lautete nämlich etwa folgendermaßen: "Sokrates tut Unrecht; n er erkennt die Götter nicht an, welche der Staat anerkennt, und er führt dagegen andere neuartige göttliche Wesen ein; und er tut außerdem Unrecht,weil er die jungen Mensehen zum Schlechten verführt.

(2) Zunächst nun, daß er die vom Staat anerkannten(Götter nicht anerkannt habe, welches Beweises mögen sie sich da eigentlich bedient haben? Denn durchaus ollenkundig brachte er den Göttern Opfer dar, oftmals zu Hause, oftmals aber auch auf den öffentlichen Altären der Stadt, und ebenso machte er kein Hehl daraus, daß er sich mit der Vorzeichendeutung befaßte. Es wurde doch allgemein darüber gesprochen. daß Sokrates zu sagen pflegte, das göttliche Wesen (Daimonion) gebe ihm Zeichen; wohl vor allem deshalb haben sie ihm, wie ich glaube, vorgeworfen, er führe neuartige göttliche Wesen ein. (3) Aber er führte damit nichts Neuartigeres ein als die anderen, welche an die Kunst der Vorzeichendeutung glauben und sich nach dem Vogelflug richten, nach Stimmen, nach Zeichen und nach Opfern. Denn diese nehmen auch nicht an, daß die Vögel oder die ihnen Begegnenden wissen, was dem die Vorzeichen Beobachtenden zuträglich ist, sondern vielmehr, daß die Götter es sind, welche es dadurch kundtun; und so faßte es auch er auf ... .

(16) ... Er selbst aber unterhielt sich immer über die menschlichen Dinge uud untersuchte, was seinem Wesen nach fromm und was gottlos, was schön und was häßlich, was gerecht und was ungerecht ist, was Besonnenheit und was Torheit ist, was Tapferkeit und was Feigheit ist, was ein Staat und ein Staatsmann ist, was eine Herrschaft über Menschen und ein Herrscher über Menschen ist, sowie über das andere, durch dessen Wissen die Menschen nach seiner Meinung tüchtig und gut seien, während sie bei Unwissenheit darüber mit Recht als Sklavenseelen bezeichnet würden.

(17) Es ist nun in keiner Weise verwunderlich, daß die Richter über ihn verkehrt urteilten im Hinblick auf solche Dinge, über die er seine Auffassung nicht öffentlich kundtat. Ist es dagegen nicht verwunderlich, daß sie das nicht berücksichtigten, was jedermann wußte? (18) Als er nämlich einst Mitglied des Rates war und den Ratsherreneid abgelegt hatte, wonach er nur entsprechend den Gesetzen im Rat mitwirken werde, da wünschte das Volk, als er gerade einmal Vorsteher in der Versammlung war, wider die Gesetze durch eine einzige Abstimmung die neun Feldherrn, nämlich Thrasyllos und Erasinides und ihre Gefährten, allesamt zum Tode zu verurteilen; er aber wollte nicht abstimmen lassen, obwohl ihm das Volk zürnte und auch viele Mächtige ihm drohten; es stand ihm vielmehr höher, seinem Eide zu gehorchen, als dem Volke gegen alles Recht zu Willen zu sein und als sich gegen die Drohenden zu schützen. (19) Er glaubte jedenfalls, daß die Götter sich um die Menschen kümmerten, allerdings nicht so wie die meisten rmeinen; denn diese denken, daß die Götter manches wüßten, manches aber auch nicht; Sokrates aber glaubte, daß die Götter alles wüßten, Sowohl was gesprochen und getan als auch was stillschweigend geplant werde, daß sie überall gegenwärtig seien und den Menschen über die menschlichen Dinge Zeichen zukommen ließen. (20) Ich bin also verwundert, wie sich eigentlich die Athener haben überzeugen lassen, daß Sokrates über die Götter verkehrte Anschauungen gehabt habe, obwohl er doch niemals etwas Gottloses gegenüber den Göttern gesagt oder getan hatte, sondern nur das gegenüber den Göttern sagte und tat, wie jemand redet und handelt, der nicht nur der Gottesfürchtigste sein, sondern auch als solcher gelten mag.

(I, 2, 1) Merkwürdig erscheint es mir aber auch, daß man sich hat davon überzeugen lassen, Sokrates habe die jungen Mensehen zum Schlechten verführt, er, der doch abgesehen von dem bereits Gesagten, vor allem gegenüber den Freuden der Liebe und des Essens und Trinkens unter allen Menschen am meisten Selbstbeherrschung übte, im übrigen gegenüber Frost und Hitze und allen Mühseligkeiten die größte Ausdauer besaß und sich überdies daran gewöhnt hatte, mit wenigem auszukommen, so daß er derart trotz nur sehr geringen Besitzes doch mit Leichtigkeit völlig ausreichend leben konnte. (2) Wie hätte er nun, der selbst ein solcher Mann war, andere zu Gottlosen oder zu Gesetzesbrechern oder zu Schwelgern oder zu Wollüstlingen oder zu untüchtigen Weichlingen machen können? Vielmehr brachte er viele davon ab und veranlaßte sie, nach guter Haltung (Tugend) zu streben, und gab ihnen die Hoffnung, sie würden tüchtig und gut werden, wenn sie nur die nötige Sorgfalt auf sich verwendeten. (3) Doch niemals gab er sich als Lehrmeister darin aus, sondern durch sein sichtbares Beispiel einer solchen guten Haltung erweckte er in denen, die mit ihm umgingen, die Hoffnung, wenn sie ihm nacheiferten, dann würden sie selbst derart werden. ...

... (9) Doch beim Zeus, so sagt der Ankläger, er veranlaßte seine Freunde, die bestehenden Gesetze zu verachten, wenn er sagte, es sei doch töricht, die Leiter des Staates auf Grund einer Abstimmung durch Bohnen zu bestellen; niemand dagegen wolle auf Grund einer Wahl durch Bohnen jemanden als Steuermann verwenden, als Zimmermann, als Flötenspieler oder für etwas anderes derart, obschon durch einen Mißgriff darin viel weniger Schaden entsehen könne als hei Fehlern in den Staatsgeschäften. SoIche Reden, so meinte der der Ankläger, veranlaßten die jungen Menschen dazu, die bestehende Staatsverfassung zu mißachten, und machten sie geneigt zur Gewalttat. (10) Ich jedoch glaube, daß diejenigen, welche ihren Verstand bilden und daraufhin fähig zu werden glauben, ihre Mitbürger über das Nützliche zu belehren, am wenigsten zu Gewalttat neigen, da sie wissen, daß der Gewalt sich Feindschaft und Gefahren zugesellen, daß dagegen auf demWeg der Überzeugung dasselbe gefahrlos und in aller Freundschaft erreicht wird. Denn wer mit Gewalt gezwungen wird, der hat Haß im Herzen wie ein Beraubter, wer dagegen überzeugt worden ist, der ist freundschaftlich gesinnt wie ein Beschenkter. So ist denn Gewaltanwendung nicht Sache jener, die ihren Verstand bilden, sondern diese Handkungsweise ist vielmehr für die bezeichnend, die Kraft ohne Einischt haben. (11) Und im übrigen häte wohl auch, wer sich zur Gewalttat hinreißen läßt, nicht wenige Kampfgenossen vonnöten. Wer aber überzeugen kann, benötigt niemand; denn auch allein kann er davon ausgehen, daß er überzeugen kann. Und auch das Morden kommt solchen Menschen am wenigsten in den Sinn; denn wer wollte wohl lieber jemanden töten als ihn lebend durch Überzeugung für sich gewinnen?

(12) Aber, so sagt der Ankläger, sowohl Kritias als auch Alkibiades, die mit Sokrates vertrauten Umgang hatten, haben dem Staat größten Schaden zugefügt. Denn Kritias war von allen Oligarchen der habsüchtigste, gewalttätigste und mordlustigste, Alkibiades andrerseits war von allen Demokraten der zügelloseste, übermütigste und gewalttätigste. (13) Ich will nun jene, wenn sie dem Staat irgendwie Schaden zugefügt haben, nicht verteidigen. Doch will ich darlegen, wie ihr Umgang mit Sokrates zustandekam. (14) Diese beiden Männer waren allerdings von Natur aus die ehrgeizigsten von allen Athenern, sie wollten, daß alles durch sie geschehe und daß sie den berühntesten Namen von allen trügen. Sie wußten, daß Sokrates bei bescheidenen Mitteln doch völlig ausreidiend leben konnte, daß er allen Genüssen gegenüber durchaus zurückhaltend war, und daß er alle, die sich mit ihm unterhielten, im Gespräch dahin lenkte, wohin er wollte. (15) Da sie dies nun sahen und so geartet waren, wie geschildert, wer sollte da wohl meinen, sie hätten den Umgang mit Sokrates angestrebt aus Verlangen nach dessen Lebensweise und nach der Besomenheit. welche jener besaß, oder nicht vielmehr, sie hätten geglaubt, durch den Verkehr mit ihm besonders geschickt im Reden und Handeln zu werden. (16) Ich jedenfalls bin überzeugt, wenn Gott ihnen die Wahl gelassen hätte, das ganze Leben hindurch so zu leben, wie sie Sokrates leben sahen, oder eher zu sterben, daß sie dann lieber den Tod gewählt hätten. Dies ist auch offenbar geworden daraus, wie sie beide gehandelt haben. Denn sobald sie gewandter als ihre Mitbürger zu sein glaubten, wandten sie sich beide sofort von Sokrates ab und widmeten sich der Politik, um deretwillen sie sich Sokrates zugewendet hatten. ....

(31) ... Als Kritias ... zusammen mit Charikles einer der Dreißig war und Gesetzgeber wurde, .. verbot er ... durch Gesetz, die Kunst des Redens zu klehren, um ihn [Sokrates] zu treffen; und weil er sonst nichts hatte, womit er ihm beikommen konnte, so schob er ihm doch wenigstens das zu, was den Philosophen gemeinhin von der Menge vorgeworfen wird, und verleumdete ihn so bei der Menge. Ich habe freilich weder selbst etwas derartiges von Sokrates gehört noch davon gehört, es habe sonst jemand gesagt. (32) Es läßt sich aber aus folgendem schließen, was später geschah: Als nämlich die Dreißig viele Bürger und nicht die schlechtesten hinrichten ließen und viele auch zum Unrechttun veranlaßten, da sagte Sokrates bei irgendeiner Gelegenheit, es erscheine ihm unbegreiflich, daß jemand, der zum Hirten einer Rinderherde bestellt sei und die Rinder vermindere und verschlechtere, nun nicht zugeben wolle, daß er ein schlechter Rinderhirt sei; noch unverständlicher aber sei es, daß jemand, der Leiter des Staates geworden sei und dabei die Bürger vermindere und verschlechtere, sich nicht schäme und nicht einsehen könne, daß er ein schlechter Leiter des Staates sei. (33) Als ihnen dann dies hinterbracht wurde, luden Kritias und Charikles den Sokrates vor, zeigten ihm das Gesetz, und verboten ihm, sich mit den jungen Menschen zu unterreden. Sokrates aber fragte sie beide, ob es gestattet sei, um Auskunft zu bitten, wenn er etwas in den Anordnungen nicht verstehe. Beide bejahten es. (34) "Gut", sagte er, "ich bin bemüht, den Gesetzen zu gehorchen. Damit ich aber nicht aus irgendeiner Unkenntnis unabsichtlich gegen das Gesetz verstoße, so möchte ich von euch genau wissen, ob ihr die Kunst des Redens mit rechten [scil. wahren] Reden meint oder mit unrechten Reden, die man nach eurem Befehl nicht ausüben soll. Denn wenn ihr die Rede mit rechten Reden meint, so müßte man offenbar das rechte Reden unterlassen; wenn ihr aber die Rede mit unrechten Reden meint, so muß man sich offensichtlich bemühen, in rechter Weise zu reden." (35) Darauf sagte Charikles voller Zorn zu ihm: "Weil du, Sokrates, nicht verstehen willst, so ordnen wir hiermit folgendes an, was dir besser verständlich sein wird, nämlich daß du dich überhaupt nicht mehr mit den jungen Menschen unterreden sollst. Da erwiderte Sokrates: "Damit es nun nicht etwa zweifelhaft ist und ich etwa anderes tue als das Angeordnete, so gebt mir die Grenzen an, bis zu wieviel Jahren man die Menschen als junge Menschen anzusehen hat". Da antwortete Charikles: "Solange es ihnen nicht erlaubt ist, im Rat mitzuwirken, da sie noch nicht die nötige Einsicht besitzen. Unterrede dich also nicht mit solchen, die jünger sind als dreißig Jahre." (36) "Darf ich demnach", so fragte er alsdann,"auch nicht, wenn ich etwas kaufen will und wenn der Verkäufer jünger als dreißig Jahre ist, ihn fragen, für welchen Preis er verkauft?" "So etwas wohl", sagte Charikles. "Doch du, Sokrates, bist gewohnt, nach den meisten Dingen zu fragen, obvohl du durchaus weißt, wie es damit steht; danach frage also nicht." "So darf ich demnach auch", war die weitere Frage, "nicht antworten, wenn ich es auch weiß, sobald ein junger Mann danach fragt, wo Charikles wohnt? Oder wo Kritias ist?" "Doch so etwas wohl", erwiderte Charikles. (37) Da meinte Kritias ferner: "Doch wirst du dich , Sokrates, bestimmt fernhalten müssen von den Schustern, den Zimmerleuten und den Schmieden; denn ich glaube, sie sind schon ganz verbraucht, da sie ständig von dir im Munde geführt werden"." Also auch von dem", sagte Sokrates, was [scil. in meinen Gesprächen] darauf zu folgen pflegt , nämlich vom Gerechten und Heiligen und anderen solchen Dingen?" "Ja, beim Zeus", sagte Charikles, " und auch von den Rinderhirten. Andernfalls hüte dich, daß nicht auch du die Rinder verminderst." (38) Da wurde es deutlich, daß sie Sokrates zürnten, weil ihnen seine Rede ilber die Rinder hinterbracht worden war. ....

(49)... Aber Sokrates, so meinte derAnkläger, hat sie [scil.: die jungen Menschen] doch gelehrt, ihre Väter schlecht zubehandeln, indem er sie überzeugt habe daß er seine Freunde weiser machen könne, als ihre Väter seien, und im übrigen gesagt habe, nach dem Gesetz sei es erlaubt, sogar dem Vater Beschränkungen aufzuerlegen, wenn man ihn des Wahnsinns überführt habe. So argumentiere er, um zu beweisen, daß es gesetzmäßig sei, wenn der Unwissendere von dem Einsichtigeren in Schranken gehalten werde. (50) Sokrates aber meinte, wer jemandem wegen seiner Unwissenheit Beschränkungen auferlege, der werde auch selbst mit Recht von denen Beschränkungen erfahren, die das wüßten, was er selbst nicht wisse. Und deswegen untersuchte er oft, worin sich die Unwissenheit vom Wahnsinn unterscheide. Und daß die Wahnsinnigen bescrhänkt würden, hielt er für angebracht, sowohl in ihrem eigenen Interesse wie auch im Interesse ihrer Freunde, und ebenso daß jene, welche das Notwendige nicht wüßten, es billigerweise von den Wissenden lernten.

(51) Aber Sokrates, so sagte der Ankläger, brachte doch nicht nur die Väter, sondern auch die übrigen Vervandten in Mißachtung bei seinen Freunden, indem er sagte, daß die Verwandten weder den Kranken noch den in einen Rechtsstreit Verwickelten helfen könnten, sondern vielmehr den ersteren nur die Ärzte, den letzteren nur die Rechtskundigen. (52) Und auch im Hinblick auf die Freunde sage er, so meinte jener [scil.: der Ankläger], daß ihr Wohlwollen keinen Nutzen habe, wenn sie nicht auch [scil.: wirklich] helfen könnten. Er sage, nur die seien der Achtung wert, die das Notwendige wüßten und es auch auseinandersetzen könnten. Er überrede nun die jungen Menschen, daß er selbst am weisesten und am besten imstande sei, andere weise zu machen, und so bringe er seine Freunde dahin, daß die anderen bei ihnen nichts gälten ihm gegenüber. (53) Ich weiß durchaus, daß er über die Väter und über die anderen Verwandten und Freunde derart sprach und überdies auch noch hinzufügte, daß man, wenn die Seele, in der allein die Vernunft wohnt, den Körper verlassen habe, diesen schnellstens hinaustrage und bestatte, auch wenn es sich um den nächsten Angehörigen handele. (54) So meinte er aucb, daß jedermann schon während seines Lebens bei aller Liebe zu seinem Körper doch das Unnütze und Unbrauchbare entweder selbst entferne oder dies einem anderen überlasse; man entferne nicht nur selbst die eigenen Nägel, Haare und Schwielen, sondern lasse auch die Ärzte unter Qualen und Schmerzen schneiden und brennen, und dafür glaube man ihnen noch Dank und Bezahlung schuldig zu sein. Auch den Speichel spucke man aus dem Munde soweit wie möglich aus, weil er darin verbleibend einem nichts nütze, sondern viel mehr schade. (55) Dies sagte er nun allerdings nicht, um zu lehren, man solle den Vater noch lebend begraben und sich selbst verstümmeln, sondern vielmehr um zu zeigen, daß Unverstand keine Achtung verdient, und er ermahnte dazu, sich darum zu bemühen. so verständig und nützlich wie möglich zu werden, damit man, wenn man von seinem Vater, von seinem Bruder oder sonst von jemandem geachtet zu werden wünsche, nicht im Vertrauen auf das nahe Verhältnis nachlässig sei, sondern vielmehr versuche, denen nützlich zu sein, von denen man geachtet werden wolle.

(56) Dann behauptete der Ankläger noch, er habe auch aus den berühmtesten Dichtern die schlimmsten Stellen herausgesucht und diese als Zeugnis verwendet, um seine Freunde zu unterweisen, wie sie schlecht und tyrannisch sein könnten. So habe er die Stelle aus Hesiod "Arbeit ist keinerlei Schande, nur Müßiggang ist Schand"' sogar derart gedeutet, daß der Dichter dazu auffordere, keinerlei Tun zu unterlassen, auch nicht das ungerechte und schlechte Tun, sondem auch das zu praktizieren, wenn es nur Gewinn bringe. (57) Wenn Sokrates nun anerkannte, daß Tätigsein für den Menschen nützlich und gut sei, der Müßiggang dagegen schädlich und schlecht, und daß Tätigsein gut sei, Nicht-Tätigsein aber schlecht, so meinte er doch wirklich, nur jene täten etwas und seien in rechter Weise tätig, welche etwas Gutes täten; doch jene, welche würfelten oder etwas anderes Schlechtes oder Strafbares täten, die nannte er Müßiggänger. In diesem Sinne dürfte der Vers richtig sein: "Arbeit ist keinerlei Schande, nur Müßiggang ist Schande." (55) Auch die Stelle bei Homer, so sagte der Ankläger, habe er häufig erwähnt, wo es von Odysseus heißt:
"Welchen Fürsten des Heeres und edlen Krieger er antraf, Diesen hielt er zurück mit glatten freundlichen Worten:

Edler, es ziemet da' nicht, gleich einem Schwachen zu zittern!
Bleibe du selber in Ruh', und bewege die Völker zum Bleiben.
Welchen lärmenden Mann des niedrigen Volkes er antraf,
Diesen schlug sein Zepter, und diesen straft' er mit Worten:
Still du! Rühre dich nicht, und höre Befehle von andern,
Welche tapferer sind; unkriegerisch bist du und feige,
Wirst für nichts in der Schlacht, für nichts im Rate geachtet.

Dies habe er nun derart ausgelegt, daß der Dichter es für recht halte, wenn die Geringen und Armen Schläge erhielten. (59) Sokrates aber meinte dies nicht so; denn sonst hätte er doch ebenso glauben können, selbst Schläge bekommen zu müssen; sondern er sagte, wer weder durch Rat noch durch Tat nützlich sei und weder dem Heer noch dem Staat noch dem Volk selbst helfen könne, falls es nottue, und sofern er sonst dazu auch noch frechen Sinnes sei, der müsse auf jede Weise unschädlich gemacht werden, wenn er auch zufällig sehr reich sei. (60) Sokrates war vielmehr im Gegenteil ganz offenkundig ein Freund des Volkes und ein Menschenfreund. Denn er nahm viele, die danach begehrten, sowohl Einheimische wie Fremde in seinen Kreis auf und verlangte niemlas Bezahlung dafür, sondern er teilte allen reichlich von dem Seinigen mit. Manche von denen jedoch verkauften kleine Teile von dem, was sie von ihm unentgeltlich erhalten hatten, den anderen für viel Geld und erwiesen sich somit nicht als Volksfreunde; denn wer kein Geld zu geben hat, mit dem wollten sie sich auch nicht unterhalten. (61) Sokrates verschaffte dagegen auch bei anderen Menschen dem Staat Ehre, weit mehr als Lichas, dessen Name deshalb bekannt wurde, dem Staat der Lakedämonier. Lichas nämlich bewirtete die in Lakedämon weilenden Fremden nur am Gymnopädienfeste, Sokrates aber teilte das ganze Leben hindurch von dem Seinigen mit und förderte damit in größtem Umfang alle, die es wollten; denn er entließ die, welche mit ihm umgingen, als bessere Menschen.

(62) Da Sokrates von solcher Art war, schien er mir mehr einer Ehrung von Staats wegen würdig zu sein als des Todes. Auch nach den Gesetzen müßte man zu diesem Ergebnis kommen. Denn wenn jemand sich offensichtlich des Diebstahls, des Raubes, der Beutelschneiderei, des gewaltsamen Einruchs, des Menschenraubs oder des Tempelraubs schuldig gemacht hat, dann verdient er nach den Gesetzen als Strafe den Tod; doch davon hielt er [scil.: Sokrates] sich mehr als jeder andere Mensch fern. (63) Und dem Staat gegenüber ist er gewiß niemals an einem schlecht verlaufenen Kriege, an einem Aufstand, an einem Verrat oder an sonst etwas Üblem schuld gewesen. Und ebensiwenig hat er sicherlich im Privatleben jemals einen Menschen eines Gutes beraubt oder ihm Übles zugefügt - und derartiges ist ihm auch in keinerlei Hinsicht von der Anklage vorgeworfen worden. (64) Wie konnte er also dessen schuldig sein, was die Anklage enthielt, er, der anstatt nicht an die Götter zu glauben, wie es in der Anklage hieß, offensichtlich die Götter mehr als alle anderen Menschen verehrte und der, anstatt die jungen Menschen zum Schlechten zu verführen, was ihm der Ankläger vorwarf, offensichtlich die von schlimmen Leidenschaften Beherrschten unter seinen Freunden davon befreite und sie dahin brachte, nach der schönsten und herrlichsten Tugend zu streben, auf der die Wohlfahrt der Staaten und der Familien beruht. Wenn er aber so handelte, wie sollte er da nicht die größte Ehrung von Staatswegen verdient haben? ...


2) Der Prozeß gegen Sokrates in der Darstellung des Diogenes Laertios.

Dt. Übersetzung nach: Diogenes, Leben und Meinungen berühmter Philosophen, aus dem Griechischen übersetzt von Otto Apelt. Mit Vorwort, Einleitung und Anmerkungen bearbeitet und herausgegeben von Klaus Reich und Hans Günter Zekl, Hamburg 1990, S. 92 - 95 (in stark geküzter Form).


... Solche Reden, verbunden mit den entsprechenden Handlungen, brachten ihm auf Anfrage des Chairephon jenes wohlbekannte Zeugnis der Pythia ein:

"An Weisheit nimmt es niemand auf mit Sokrates."

Daher denn auch die große Gehässigkeit gegen ihn, die aber ihren Grund auch noch darin hatte, daß er die eiteln Herren, die sich wer weiß was auf sich einbildeten, ihrer Torheit überführte, wie z. B. den Anytos, wie es im 'Menon' des Platon zu lesen ist. Dieser nämlich, erbost über den Spott des Sokrates, reizte zunächst den Aristophanes gegen ihn auf, dann überredete er auch den Meletos, ihn gerichtlich zu belangen wegen Gottlosigkeit und als Verführer der Jugend. So reichte denn Meletos die Klage ein, Polyeuktos trug die Anklage vor Gericht vor, wie Favorinus in seinen Geschichtlichen Miszellen behauptet. Geschrieben aber wurde die Rede von dem Sophisten Polykrates, wie Hermippos behauptet, oder nach andern von Anytos. Vorbereitet war alles von dem Demagogen Lykon.Antisthenes in den 'Sukzessionen der Philosophen' und Platon in der 'Apologie' nennen als Ankläger folgende drei: Anytos, Lykon und Meletos, Anytos als grollenden Vertreter der Handwerker und Staatsmänner, Lykon als Vertreter der Redner und Meletos als Vertreter der Dichter, weil Sokrates ihnen allen übel mitgespielt habe. Favorinus aber behauptet im ersten Buch seiner 'Denkwürdigkeiten', die Rede des Polykrates gegen Sokrates sei nicht die wirklich gehaltene; es wird nämlich in ihr des Wiederaufbaues der Mauern [scil. Athens] durch Konon gedacht, der erst sechs Jahre nach Sokrates Tode stattfand. Das ist unleugbare Tatsache. Die Klageschrift aber, die, dem Zeugnis des Favorinus zufolge, noch heute in dem 'Metroon' (scil.: -Archiv) aufbewahrt wird, lautet folgendermaßen: "Diese Anklage verfaßte und reichte unter Eid ein Meletos, des Meletos Sohn aus dem Demos Pitthos, gegen Sokrates, des Sophroniskos Sohn aus dem Demos Alopeke: Sokrates versündigt sieh durch Ableugnung der vom Staate anerkannten Götter sowie durch Einführung neuer göttlicher Wesen; auch vergeht er sich an der Jugend, indem er sie verführt. Der Antrag geht auf Todesstrafe." Lysias schrieb eine Verteidigungsrede für ihn ; als sie der Philosoph gelesen hatte, sagte er: "Eine schöne Rede, mein Lysias, aber nicht passend für mich".Tatsächlich war sie auch mehr im Stil der Gerichtsreden gehalten als im Geiste der Philosophie. Als nun Lysias sagte: "Wie kommt es, daß die Rede, wenn sie doch schön ist, dir nicht paßt ?", antwortete er: "Würden nicht auch schöne Kleider und Schuhe für mich unpassend sein?". Während der Gerichtssitzung bestieg, wie Justus aus Tiberias in seinem 'Stemma' berichtet, Platon die Rednerbühne mit den Worten :"Als Jüngster, ihr Bürger von Athen, von allen, die die Rednerbühne bestiegen" .... .Da unterbrachen ihn die Richter mit dem Rufe: "Nein, die Rednerbühne verlassen haben" [scil.: im Sinne von "herunter mit dir"]." So wurde Sokrates denn verurteilt mit einer Mehrheit von zweihunderteinundachtzig Stimmen. Als dann die Frage nach Art und Maß der Strafe zur Verhandlung stand, erklärte er, fünfundzwanzig Drachmen zahlen zu wollen - Eubulides allerdings berichtet, er habe sich zur Zahlung von hundert Drachmen bereit erklärt. Als darüber unter den Richtern ein starker Lärm ausbrach, gab er die Erklärung ab: "In Rücksicht auf meine Verdienste beantrage ich als rechtliche Entscheidung die Speisung im Prytaneion." Da verurteilten sie ihn zum Tode, indem noch weitere achtzig Stimmen sich der Majorität beigesellten. In den Kerker gebracht, mußte er den Giftbecher leeren nach einer Reihe von Tagen, denen er eine besondere Weihe verlieh durch die herrlichen Mahnungen, die Platon im Phaidon mitteilt. ...

.... Nun weilte er nicht mehr unter den Menschen. Die Athener wurden alsbald von Reue befallen. Sie schlossen die Ringschulen und Gymnasien [scil.… über die sich Sokrates öfters kritisch auszulassen pflegte], bestraften einige durch Verbannung und verurteilten den Meletos zum Tode. Den Sokrates aber ehrten sie durch Errichtung einer ehernen Bildsäule - ein Werk des Lysippos - , die sie im 'Pompeion' [scil.: -Zeughaus] aufstellten Und was den Anytos anlangt, der damals verreist war, so verwiesen ihn die Herakleoten gleich am Tage seiner Ankunft des Landes. Dieser Vorgang mit Sokrates und den Atheneren steht übrigens nicht vereinzelt in der Geschichte da. Es gibt viele ähnliche Fälle . ...


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski SS 1999