Lösung zu Übung 6.

AUFGABEN:

An der im folgenden auszugsweise wiedergegebenen berühmten Textquelle, den 'Res gestae divi Augusti', finden im allgemeinen vor allem die die Verfassungs-, Macht- und Außen- und Kriegspolitik betreffenden Passagen besondere historische Beachtung. An dieser Stelle soll die Aufmerksamkeit auf die Bautätigkeit des Augustus und andere Formen der öffentlichen Darstellung seiner Herrschaft gerichtet werden. Beantworten Sie folgende Fragen:

1. Welche politischen Botschaften enthalten die Baumaßnahmen und politischen Symbole, öffentlichen Zeremonien und Spiele, die Augustus in den wiedergegebenen Textpassagen erwähnt. Wo können Sie Momente der Täuschung entdecken?

2. Welche Machtverhältnisse und Verfassungsstrukturen spiegeln sich in den Grundideen und Darbietungsformen der Regimepropaganda im 'Tatenbericht' des Augustus?

3. Welche Elemente der augusteischen Regimepropaganda haben nach Ihrer Einschätzung traditionsgeschichtliche Bedeutung für spätere Epochen - bis hin zur Gegenwartsgeschichte - gehabt?


Zu 1.:

Die Berbeitung der gestellten Aufgaben ist hier nur in knapper Form möglich. Auf die Literatur-, Medien- und Quellenhinweise dieses Kapitels und des Allgemeinen Vereichnisses zu diesem Skript sei deshalb ausdrücklich hingewiesen.

Im Mittelpunkt der propagandistischen Aussagen stehen die folgenden Kerngedanken:

Momente der Täuschung - und einer dann fortwirkenden Selbsttäuschung - des römischen Publikums durch diese Botschaften liegen etwa in folgendem:

Zu 2.:

Die oben zusammengestellten Botschaften des augusteischen Tatenberichts kreisen im wesentlichen

Eine aufwendige politisch-theoretische oder staats- und verfassungsrechtliche Begründung streben sie nicht an. In dieser Hinsicht tritt im wesentlichen nur der Gedanke eines 'consensus omnium'( 'Einvernehmen der Bürger bei der Übertragung der politischen Sonderstellung an Augustus') hervor, und auch sonst wird nur auf unmittelbar einleichtend erscheinende allgemeine politische Grundideen zurückgegriffen wie 'Frieden', 'Allgemeinwohl', 'vernünftige Dominanz eines ersten Mannes im Staate', 'Wahrung des bewährten römischen Herkommens', 'Anstand, Frömmigkeit und Sitte im öffentlichen und privaten Leben. Derartige Ideen lassen aber eine sehr weitgehende Deutungsfreiheit zu, die es erlaubt, an sich wahrgenommene Widersprüche zwischen 'Idee' und 'Realität' begrifflich weg zuinterpretieren und als politische Kompetenz natürlich in der Hand des Prinzeps liegt. Dem allgemeinen, rechtlich und politisch-theoretisch nicht präzisierten Begründungsrahmen für das kaiserliche Regime entspricht die relativ leichte 'Übersetzbarkeit' seiner politisch-religiösen Grundideen in Bilder, Architektur, Zeremonien und generell Kunst. Deren bewegenden und eindringlichen Ausdrucksformen möglichst perfekt - auch ästhetisch eindrucksvoll - zu nutzen liegt daher nahe und ist eine im 'Tatenbericht' immer wieder hervortretende Absicht des Augustus. So bedient sich etwa der politische Gedanke, welcher die alte republikanische Freiheit zugunsten eines autoritären Regiemes bekämpft und ausschließt, der Errichtung eines Tempels für 'Mars Ultor', den göttlichen Rächer des Mordes an Caesar; oder eine 'neu angebrochene stabile Friedenszeit' wird ideell über die Bilder auf der 'ara pacis Augustae' oder die Darbietungen der 'ludi saeculares' vermittel;oder die Bedeutung familiärer Ordnung, Sitte und Pietät wird durch die Erneuerung der Heiligtümer für die 'Laren' und die 'Penaten' versinnbildlicht usw. Diese Ausdrucksformen machen die zugrundeliegenden politischen Ideen zwar nicht schärfer und begründeter, wohl aber verleihen sie ihnen ein - sachlich nicht notwendigerweise begründetes Gewicht, dienen also auch der öffentlichen Täuschung. Man kann somit sagen, daß die Unklarheit der politischen Grundideen und ihre so oft hervorgehobene, kulturell eindrucksvolle ästhetische Umsetzung in der Selbstdarstellung des augusteischen Systems zusammenhängen und gleichermaßen auf seinen im wesentlichen autoritären, gegen argumentative Kritik empfindlichen Charakter als Ursache hindeuten.

Zu 3.:

Für alle Elemente der augusteischen Regimepropaganda, wie sie im 'Tatenbericht' des Augustus hervortritt, lassen sich ältere Vorbilder auffinden, von der religiöser Überhöhung eines aktuellen politischen Regimes, und dem ständigen und systematischen Personenkult des Herrschers bis zur Veranstaltung öffentlicher Spiele mit politischen Propagandainhalten und der Errichtung politisch-ideell repräsentativer Bauwerke. Dennoch ist die besondere systematische Verbindung dieser Elemente unter der Regierung des Augustus für die monarchische Selbstdarstellung späterer Epochen der abendländischen Geschichte- als Erbe des römischen Kaisertums - prägend geworden, selbst wenn in der Spätanike noch ein christliches Moment hinzukam. Für die neuere Geschichte mit ihren säkularen Tendenzen hat aber auch der direkte Rückgriff auf vorchristliche Formen des römisch-kaiserzeitlichen Personenkults und des systematischen Einsatzes nicht-verbaler Ausdrucksformen in ästhetischer Perfektion für die Propagierung politischer Ideen, wie sie Augustus praktiziert hat, größere Bedeutung gehabt, vom Zeremoniell bei der Krönung Napoleons I. über den Personenkult in Diktaturen unserer Zeitgeschichte bis hin wohl auch zum heutigen systematischen Gebrauch nicht-verbaler Ausdrucksformen zur Vermittlung politischer Botschaften in den 'Medien' (siehe dazu ggf. das Skript 'Moderne politische Ideenwelt und antike Tradition').


 

LV Gizewski SS 1999

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)