Ambrosius Predigt und politische Rede auf den Tod des Theodosius d. J. 394.

Dt. Übersetzung mit gekürzten Anmerkungen nach: Des heiligen Kirchenlehres Ambrosius von Mailand Pflichtenlehre und ausgewählte kleinere Schriftem, übersetzt und eingeleitet von J. E. Niederhuber, Bibliothel der Kirchenvaöter, Ambrosius von Mailand. Ausgewählte Schriften, aus dem lLateinischen übersetzt, Bd. III, Kempten, München 1917, S. 394 - 423. - Zur Beurteilung der rhetorischen bzw. hermeneutischen Qualität der Predigt, die zugleich eine Art Panegyricus ist, wird die Heranziehung auch einer lateinischsprachigen Textedition empfohlen. D. Hg.


1 Das also drohten uns die schweren Erdbeben, das die unaufhörlichen Regenschauer und kündigte die außergewöhnliche Dunkelheit und Finsternis [scil. i. J. 394 n. Chr.], daß unser gnädigster Kaiser Theodosius vom Irdischen scheiden würde! Selbst die Elemente trauerten über seinen Hingang. Der Himmel war in Dunkel gehüllt, die Luft starrte ständig in Finsternis, die Erde schütterte unter Beben und war vollbedeckt von strömenden Wassern. Warum auch sollte nicht selbst die Welt trauern, daß jählings ein Herrscher hinweggerafft werden sollte, durch den das harte Los dieser Welt so gern Linderung erfuhr, indem er die Vergehen, ehe er sie strafte, verzieh?

2. Er nun freilich ging hin, eine Königsherrschaft anzutretens [vgl. Luk. 19, 12], die er nicht niederlegte, sondern nur vertauschte, kraft seiner Frömmigkeit in die Gezelte Christi aufgenommen, in jenes himmlische Jerusalem, wo er jetzt weilt und spricht: "Wie wir's vernommen, so haben wir's auch geschaut in der Stadt des Herrn der Heerscharen, in der Stadt unseres Gottes, die Gott auf ewig gegründet" [Ps. 47, 9]. Aber so viele ließ er gleichsam des väterlichen Schutzes beraubt zurück, und in erster Linie seine Söhne. Doch nein, sie sind dessen nicht beraubt: er ließ sie ja als Erben seines Frommsinns zurück; sie sind dessen nicht beraubt: er erwarb ihnen ja Christi Gnade und des Heeres Treue. Gerade letzterem lieferte er den Beweis, daß der H'err die Frömmigkeit segnet, die Gottlosigkeit straft.

3. Erst vor kurzem haben wir mitsammen den Heimgang dieses Fürsten laut betrauert: heute feiern wir in Gegenwart des Kaisers Honorius, der dem heiligen Opfer anwohnt, den Vierzigsten. Denn wie der heilige Joseph seinen Vater in vierzigtägiger Totenfeier ehrte, so erweist auch er noch seinem Vater Theodosius die gebührenden Ehren. Wenn nun die einen den Dritten und Dreißigsten, andere den Siebten und Vierzigsten zu begehen pflegen, wollen wir sehen, welche Weisung die Schriftlesung gibt. Nach dem Tode Jakobs "befahl Joseph", so heißt es, "den Leichendienern, ihn zu bestatten. Und die Leichendiener bestatteten Israel. Und volle vierzig Tage vergingen darüber; denn so viele zählt die Bestattungsfeier. Und Ägypten betrauerte ihn siebzig Tage" [Gen. 50, 2 f.]. Die Feier nun ist zu beobachten, wie sie die Schriftlesung vorschreibt. Doch steht im Buche Deuteronomium auch geschrieben: "Die Kinder Israels beweinten Moses dreißig Tage, und die Tage der Trauer wurden damit beendet"[Deut. 34, 8]. Beide Bräuche haben sonach ihre Berechtigung, indem der notwendigen Pflicht der Pietät Genüge geschieht.

4. Ein gutes Kind war nun Joseph, der der frommen Feier die Form gegeben hat, den der Vater lieb hatte und zu dem er sprach: "Mein Gott sei dein Helfer und segne dich mit der ganzen Segensfülle der Erde um des Segens der Mutterbrüste und des Mutterschoßes, der Segnungen deiner Mutter willen und um der Segnungen deines Vaters willen!"[Gen. 49, 25 f.] Eines frommen Vaters gutes Kind! Schon er feierte also den vierzigsten Gedenktag seines Vaters Jakob, jenes Fersenhalters und Beinstellers [Vgl. Gen. 25, 25; 27, 36]. Auch wir begehen feierlich den Vierzigsten des Theodosius, der in Nachahmung Jakobs dem Unglauben der Tyrannen [scil. Eugenius und Maximus] ein Bein stellte, der die Götzenbilder der Heiden vergrub [Gen. 35, 4]; denn allen Götzendienst hat sein Glaube in Nacht begraben, allen heidnischen Kult in Vergessenheit gehüllt [scil. mit seinen Religionsedikt d. J. 394]. Er bedauerte es sogar, daß der Straferlaß, den er gewährt hatte, an den Schuldigen, die sich gegen ihn vergangen hatten, nicht zur Ausführung gelangte und die Begnadigung ihnen versagt blieb. Freilich die Söhne werden die Gnade, die der Vater gewährte, nicht verweigern; sie werden sie nicht verweigern, ob auch jemand sie hierin zu beirren versuchte; sie werden den allgemeinen Gnadenerlaß gar nicht verweigern können, wenn sie ausführen, was er dem einzelnen zubilligte.

5. Keine ruhmvollere Tat hätte den Heimgang des großen Kaisers verklären können, der bereits alles seinen Söhnen übergeben hatte, das Reich, die Regierungsgewalt, den Kaisertitel: kein herrlicheres Denk mal, sage ich, hätte ihm im Tode verbleiben können als daß der in Aussicht gestellte teilweise Erlaß der noch rückständigen Ertragssteuern infolge des Aufschubes als Gnadenerbe in seinen Rücklaß überging. Wer dies hintertreiben wollte, würde Fluch auf sich laden, dem Theodosius freilich bliebe das reiche Verdienst des großen Gnadenaktes unbenommen. Nicht mit Unrecht. Denn wenn schon der letzte Wille von Privatpersonen und die letztwilligen Verfügungen gewöhnlicher Sterblicher dauernde Gültigkeit haben, wie könnte die letztwillige Bestimmung eines so großen Kaisers der Rechtsgültigkeit ermangeln? Auch darin zeigte sich Theodosius ruhmwürdig, daß er sein Testament nicht nach dem gemeinen Rechtsherkommen machte. Bezüglich seiner Söhne blieb ihm ja nichts mehr zu bestimmen übrig: er hatte ihnen bereits alles übergeben; nur empfahl er sie noch einem anwesenden Verwandten. Bezüglich seiner Untertanen und Schutzbefohlenen aber mußte er noch Anordnung treffen, um für sie Vermächtnisse auszuwerfen und letztwillige Verfügungen zu treffen. Er ordnete einen gesetzlichen Gnadenerlaß an, den er schriftlich hinterließ. Was ist geziemender, als daß der letzte Wille eines Kaisers Gesetz sei?

6. Der große Kaiser nun ist von uns geschieden aber er ist nicht ganz geschieden Er hinterließ Kinder, in denen wir ihn wiedererkennen in denen wir ihn schauen und festhalten. Ihr Alter braucht uns nicht Sorge einflößen. Die Treue des Heeres bildet die Altersreife des Kaisers. Denn dort herrscht das volle Mannesalter, wo die vollendete Mannestugend herrscht. Sie stehen in Wechselwirkung. So ist umgekehrt die Glaubenstreue des Kaisers die Kraft des Heeres.

7. Ihr erinnert euch doch, welche Triumphe euch Glaube des Theodosius errungen hat. Da infolge des engen Geländes und der Behinderungen durch den Troß das Heer etwas zu spät in die Schlacht eintrat und der Feind infolge der Verzögerung des Kampfes zum Sturm überzugehen schien, sprang der Kaiser vom Roß, trat allein vor die Schlachtreihe und rief: "Wo ist der Gott des Theodosius?" Schon stand er Christus ganz nahe, da er dies sprach. Wer könnte denn auch so sprechen, wenn er sich nicht als Anhänger Christi fühlte? Durch diesen Ruf nun begeisterte er alle, durch sein Beispiel wappnete er alle. Gewiß, er stand an Jahren bereits im Greisenalter, kraft des Glaubens aber im kräftigen Mannesalter.

8. Der Glaube des Theodosius war also euer Sieg: euer Glaube und eure Treue sei die Stärke seiner Söhne! Glaube und Treue ergänzen deren Alter. So sahen auch weder Abraham, da er im hohen Alter einen Sohn erzeugen, noch Sara, da sie ihn gebären sollte, auf ihr Alter. Und kein Wunder, wenn der Glaube das Alter ersetzt: stellt er doch das Zukünftige dar. Was ist denn der Glaube anders als "die Wesenheit der Dinge, die man hofft" [Hebr. 11.1] So lehrt uns die Schrift. Wenn nun der Glaube die Wesenheit der zu hoffenden Dinge ist, um wieviel mehr der sichtbaren Dinge? Ein großes Gut ist der Glaube, von dem geschrieben steht. "Der Gerechte aber lebt aus dem Glauben, und zieht er sich zurück, wird er meiner Seele nicht gefallen"[Hebr. 10, 38].

9. Wir aber wollen uns nicht zum Schaden der Seele zurückziehen, sondern wollen zum Gewinn unserer Seele am Glauben festhalten. Denn ob dieses Glaubenskarnpfes haben unsere Ahnen Abraham, Isaak und Jakob ein gutes Zeugnis gefunden. Und eben deshalb haben sie uns das Erbe des Glaubens hinterlassen: der glaubensstarke Abraham, der nicht aus den Werken sondern aus dem Glauben gerechtfertigt wurde, da er Gott glaubte[Gal. 3, 6; Röm. 4, 3; Gen. 15, 6]; Isaak, der kraft des Glaubens nicht einmal vor dem Schlachtmesser des Vaters erzitterte[Gen. 2, 6 ff.]. Jakob, der den Fußstapfen des Glaubens seiner Väter folgend auf seiner Wanderschaft das Heer der Engel schaute und es "Versammlung Gottes" nannte [Gen. 32, 1 f.].

10. Ebenso hielt sich - an einer anderen Stelle, d. i. in den Büchern der Könige - Elisäus im Gebiete von Samaria auf. Da umringte und belagerte ihn plötzlich das Heer der Syrer. Giezi sah sie und sprach zu seinem Herrn: "Mein Herr, was sollen wir tun?" Und der Prophet Elisäus sprach: "Fürchte dich nicht! Denn bei uns sind mehr als bei den anderen." Und er betete, daß der Herr die Augen des Giezi öffnen möchte. Da wurden seine Augen geöffnet, und er sah um Elisäus her den Berg voll Rosse und Wagen. Und Elisäus betete, Gott möchte sie mit Blindheit schlagen, und sie wurden es und zogen in die Stadt, die sie mit sehenden Augen nimmer betreten sollten [2. Kön. 6, 14 ff.]. Soldaten rings im Umkreis, ihr habt sicherlich gehört: Wo Unglaube ist, da herrscht Blindheit. Darum war mit Recht das Heer der Ungläubigen blind. Wo aber der Glaube herrscht, da ist das Heer der Engel. Ein großes Gut ist der Glaube: noch in den Toten ist er oft wirksam. So leiden der Widersacher und seine Legionen durch die Wunderkraft der Märtyrer täglich Pein. Darum nennt man auch, wie ich glaube, die Saitenstränge der Zither 'fides' , weil sie, obgleich tot, Töne von sich geben.[scil.: das lat.Wort 'fides' bedeutet zugleich 'Saite' und 'Glauben' ]

11. Es ist eine um so heiligere Pflicht, mehr und mehr uns zu bestreben, in diesem unserem Lebensstande nicht undankbar zu sein, sondern den Lieblingen des frommen Kaisers unsere sorgsame und väterliche Liebe zu weihen. Traget an seinen Söhnen die Schuld ab, die ihr dem Vater zu leisten habt! Mehr schuldet ihr ihm nach seinem Tode als zu seinen Lebzeiten. Denn wenn schon an den Kindern gewöhnlicher Leute die Minderjährigkeitsrechte nicht ohne schweres Verbrechen verletzt werden dürfen, wieviel weniger an den Kindern eines Kaisers?

12. Und was für eines Kaisers, muß beigefügt werden! Eines frommen Kaisers, eines barmherzigen Kaisers, eines glaubensstarken Kaisers. Ihm gilt das nicht geringe Lob, das die Schrift mit den Worten ausgesprochen. "Etwas Großes und Ehrwürdiges ist es um einen barmherzigen Menschen, schwierig aber, einen gläubigen Mann zu finden"[Prov. 20, 6]. Wenn es viel heißt, irgendeinen barmherzigen oder glaubensvollen Menschen zu finden wieviel mehr einen solchen Kaiser, den die Macht zum Strafen reizt, das Erbarmen aber davon zurückhält? Was gibt es Herrlicheres als den Glauben eines Kaisers, den die Macht nicht übermütig, der Stolz nicht hochfahrend, sondern der Frommsinn demütig macht? Von ihm gilt das prächtige Wort Salomos: "Das Dräuen eines sündigen Königs gleicht dem Brüllen des Löwen; aber wie Tau auf dem Grase, also ist auch seine Freundlichkeit"[Prov. 19, 12]. Welche Größe, die dräuende Gewalt abzulegen und Huld und Gnade zur Schau zu tragen!

13. Gefallen fand Theodosius glorreichen Andenkens daran, daß man ihn um Verzeihung bat, und desto näher stand er der Nachsicht, je mehr die Zorneswallung ihn anwandelte. Ein günstiges Vorzeichen der Vergebung war es, wenn er entrüstet war; und man wünschte an ihm, was man an anderen fürchtete: den Zorn Das war das Heil der Angeklagten: obschon' er über alle Gewalt hatte, wollte er lieber wie ein Vater rügen, denn als Richter strafen. Oft sahen wir Schuldige, die er strenge tadelte, zittern - und sie wurden, ihrer Missetat überführt, von der Schuld freigesprochen, nachdem sie bereits die Hoffnung aufgegeben hatten. Zur Einsicht wollte er sie bringen, nicht sie büßen lassen, ein Richter mit gerechter Wage, doch kein Strafrichter, da er keinem Geständigen die Verzeihung verweigerte. Oder handelte es sich um einen geheimen Gewissensfall, stellte er ihn Gott anheim. Dieses sein Wort fürchteten' die Leute mehr als Strafe. Mit so zarter Rücksicht ging hierbei der Kaiser vor, daß er sich die Leute mehr durch Gottesfurcht als durch Menschenfurcht verpflichten wollte.

14. Der Größte unter den Philosophen soll den im Zorn begangenen Verbrechen Straflosigkeit zugebilligt haben [scil.: Plato, leg. 9, 7 ff.]. Doch besser spricht die göttliche Schrift: "Zürnet, aber sündiget nicht!"[Ps. 4, 5] Sie wollte lieber die Sünde von vornherein verhüten als nachträglich entschuldigen. Besser ist es, in der Aufregung das Lob der Milde zu ernten, als im Zorn zur Rache sich fortreißen zu lassen.

15. Wer nun möchte zweifeln, daß seine Söhne am Herrn den mächtigsten Schutz finden werden? Mit der Gnade des Herrn steht der Kaiser Arkadius bereits im kräftigen Jugendalter, Honorius pocht alsbald an die Pforten der Jünglingajahre, fortgeschrittener an Alter denn Josias [vgl. 2. Kön. 22, 1]. Dieser nämlich bestieg als vaterloser Knabe den Thron und lebte bis zum einunddreißigsten Jahre seiner Regierung und gefiel dem Herrn, da er gewissenhafter als die übrigen Könige Israels das Pascha des Herrn feierte und die Verirrungen des [heidnischen] Kultes abschaffte [2. Kön. 22 f.]. Auch Asa war noch schwach an Leibeskraft, als er die königliche Laufbahn betrat, und regierte vierzig Jahre in Jerusalem [1. Kön 15, 10]. Als er von einer endlosen und unzähligen Menge Äthiopier bedrängt wurde, hoffte er vom Herrn auch mit einer geringen Mannschaft Rettung finden zu können [2. Chron. 14]. Hätte er nur auch in der Folgezeit treu an seinem Gottvertrauen festgehalten! Denn obschon er mit der geringen Schar Rettung und Sieg erlangt hatte, verließ er später den Herrn, rief die Syrer zu Hilfe und zog bei einem Fußleiden Ärzte bei. Nachdem ihm nämlich ein so deut liches Zeichen göttlicher Huld geworden, hätte er von seinem Helfer nicht lassen, sondern an ihm festhalten sollen. So konnten ihm denn auch die Ärzte nichts nützen, und er fand wie ein Ungläubiger seinen Tod [2. Chron. 16].

16. Doch ihre Väter Abias und Amos waren beide ungläubig [1. Kön. 15, 1 ff.; 21, 18 ff.], Theodosius dagegen voll Gottesfurcht, voll Erbarmen. Hoffen wir, daß er als Fürsprecher seiner Kinder am Throne Christi stehe, wenn sonst der Herr für menschliche Angelegenheiten ein gnädiges Herz hat. Etwas Edles ist es um einen barmherzigen Menschen, der anderen helfend für sich selbst sorgt und durch die Arznei für fremde Wunden die eigenen heilt. Denn wer zu verzeihen versteht, erkennt sich selbst als armseligen Menschen und wandelt die Wege Christi, der, als er Fleisch angenommen, lieber als Erlöser denn als Richter in diese Welt kornmen wollte.

17. Daher das schöne Wort des Psalmisten: "Ich habe geliebt, weil der Herr die Stimme meiner Bitte erhört" [Ps. 114, 1]. Bei der Lesung dieses Psalmes war es uns, als hörten wir Thedososius selbst sprechen: "Ich habe geliebt", beteuert er. Ich erkenne die gottliebende Stimme; denn ich erkenne die Klänge, die diese Stimme bezeugen. Und er hat in Wahrheit geliebt, der seine Pflichten mehr als gewissenhaft erfüllte, der seinen Gegnern das Leben schenkte; der seine Widersacher liebte; der seinen Todfeinden verzieh; der es nicht über sich brachte, jene dem Untergang zu weihen, die nach seiner Krone strebten. Nicht der mittelmäßige, sondern der vollendete Schüler des Gesetzes kann das Wort sprechen: "Ich habe geliebt"; denn "die Vollendung des Gesetzes ist die Liebe" [Röm. 13, 10]. Doch laßt uns hören, wie er geliebt hat! Wenn die Art der Liebe nicht genannt wird, ist jedenfalls die Gnade der göttlichen Liebe damit bezeichnet, kraft derer wir das lieben, was über alle erstrebenswerten Güter hinaus erstrebenswert ist; wovon geschrieben steht: "Du sollst den Herrn deinen Gott lieben" [Deut. 6, 5; 11, 13; Matth. 22, 37].

18. Da nun die fromme Seele beim Scheidem von der Erde voll des Heiligen Geistes zu des Himmels Höhen sich emporschwang, rief sie denen, die ihr gleichgenkamen, zu. "Ich habe geliebt." Kein Wort ist inhaltsvoller, keines klarer. Es fragten die Engel oder die Erzengel: was hast du auf Erden getan? Denn das verborgene Wirken kennt nur Gott allein. Da antwortete sie: "Ich habe geliebt." Sie wollte sagen: Ich habe das Gesetz erfüllt das Evangelium nicht übertreten; sie wollte sagen: Ich habe mich dem Tode dargeboten und "ward den ganzen Tag er achtet wie ein Schlachtlamm"[Ps. 43, 22]. Eben darum vertraue ich, daß "weder Tod noch Leben, weder Engel noch Gewalten, weder Höhe noch Tiefe, noch ein anderes Geschaffenes uns zu trennen vermag von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu, unserem Herrn ist"[Röm 8, 38 f.].

19. Die Beobachtung dieser Gesetzesvorschrift schärft der Herr Jesus auch im Evangelium ein, wenn er zu Petrus spricht: "Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?" Und dieser antwortete: "Du weißt, Herr, daß ich Dich liebe." Und wiederum sprach er: "Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?" Und wiederum antwortete er: "Ja, Herr, Du weißt, daß ich Dich liebe." Und zum dritten Mal gefragt beteuerte er: "Herr, Du weißt alles, Du weißt, daß ich Dich liebe" [Joh. 21, 15 ff.]. So bekräftigte seine dreimalige Antwort seine Liebe, oder aber sie machte den Irrtum seiner dreimaligen Verleugnung gut. Auch an unserer Stelle stoßen wir beim näheren Zusehen auf eine dreimalige Antwort: "Ich habe geliebt, weil der Herr die Stimme meiner Bitte erhört." "Ich habe geliebt", "weil er sein Ohr mir neigte, daß ich in meinen Tagen ihn anrufe"[Ps. 114, 2]. "Ich habe geliebt", "weil ich Trübsal und Schmerz erfuhr und um des Namens meines Gottes willen die Gefahren des Todes nicht floh, sondern wartete, daß sie mich fassen und finden könnten" [Ps. 114, 3 f.].

20. Und so schön spricht er: "Ich habe geliebt", weil er diesen Lebenslauf schon vollendet hatte. Deshalb beteuert auch der Apostel bereits im Angesichte seines Todesleidens: "Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, den Glauben bewahrt; von nun an ist mir die Krone der Gerechtigkeit hinterlegt" [2. Tim. 4, 7 f.]. Groß ist der Herr, der uns Kämpfe gegeben, durch welche der Sieger sich die Krone verdient. "Ich habe geliebt", spricht er voll Zuversicht, "weil der Herr die Stimme meiner Bitte erhört."

21. "Ich habe geliebt", und darum ,,neigte er mir sein Ohr", um den im Staube Liegenden aufzurichten, den im Tode Liegenden aufzuwecken [vgl. Ps. 112, 7]. Denn Gott neigt sein Ohr nicht, um uns sinnenfällig zu hören, sondern um sich zu uns herabzulassen, daß er uns in Gnaden höre und unsere schwache Natur erhebe. Er neigt sich zu uns nieder, daß unser Gebet zu ihm aufsteige. Er, der Barmherzige, bedarf der Worte nicht. Er bedurfte ja auch nicht der Worte, als er das Schweigen des Moses hörte und versicherte, derselbe schreie nicht mit Worten [Exod. 14, 14 f.], sondern mit dem Flehen unaussprechlicher Seufzer zu ihm [Röm. 8, 26]. Gott vermag selbst die Stimme des Blutes zu hören [vgl. Gen. 4, 10] , obwohl es keine Stimme hat, über keine Zunge verfügt: doch es erhielt eine Stimme anläßlich des heiligen Leidens; es schrie im Märtyrtod, es schrie beim Brudermord, den er (Abel) für sein Opfer erdulden mußte.

22. "Ich habe geliebt" spricht er, und deshalb aus Liebe den Willen des Herrn getan und ihn angerufen, nicht an wenigen, sondern an allen Tagen meines Lebens []Ps. 114, 2. Denn nur an gewissen, nicht an allen Tagen ihn anrufen, das verriete den widerwilligen, nicht den hoffnungsseligen Beter; ebenso den Dankeszoll ihm abstatten wegen der reichlich fließenden Glücksgüter, deren man sich erfreut, nicht aus religiöser Gesinnung. Daher die Mahnung des Paulus: "In allem seid dankbar."'[1. Thess. 5, 18]. Wann wärest du denn nicht im Besitz eines Gutes, das du Gott dankest? Oder wann wärest du ohne eine Gabe Gottes? Kommt dir doch schon der tägliche Lebensbedarf von Gott zu. "Was hast du denn, das du nicht empfangen hättest?"[1. Kor. 4, 7]. Weil du also allzeit empfängst, ruf allzeit ihn an! Und weil das, was du hast, vom Herrn stammt, betrachte dich immer als Schuldner! Doch ich würde es lieber sehen, daß du aus Liebe, nicht gezwungen deine Schuld abstattest.

23. Hörst du sein Wort: "Die Schmerzen des Todes haben mich umfangen"[Ps. 114, 3]? Ich aber habe selbst im Todesschmerz den Herrn geliebt. "Die Gefahren der Unterwelt haben mich getroffen"[Ps. 114, 3], doch nicht von Furcht, sondern von Liebe, von Zuversicht beseelt, daß keine Bedrängnisse, keine Verfolgung, keine Gefahren, kein Schwert mich von Christus trennen könne [Röm. 8, 35] So nahm er denn auch freiwillig "Trübsal und Schmerz" auf sich [Ps. 114, 3]] im Bewußtsein, daß "Trübsal Geduld wirkt, Geduld Bewährung, Bewährung Hoffnung"[Röm. 5, 3 f.]. Wie ein guter Streiter nämlich suchte er die Wettkämpfe auf, um die Krone zu erlangen [vgl. 2. Tim. 3. 5]. Er wußte freilich, daß ihm diese nicht durch eigene Kraft, sondern mit Hilfe des Herrn verliehen wurde. Denn er hätte den Sieg nicht erringen können, wenn er nicht den angerufen hätte, der den Streitern hilft.

24. Der armselige Mensch zieht in den Kampf, um den Sieg zu erringen: aber er stürzt sich nur selbst in Gefahr, wenn des Herrn Name nicht mit ihm ist; wenn er nicht in der Stunde der Angst betet und spricht: "O Herr, rette meine Seelel"[Ps. 114, 4]. Daher jenes Wort des Apostels: "Ich sehe das Gesetz meines Fleisches, das dem Gesetz meines Geistes widerstreitet und mich zum Sklaven des Gesetzes der Sünde macht, die in meinen Gliedern ist. Ich unglücklicher Mensch. Wer wird mich retten aus dem Leibe dieses Todes? Die Gnade Gottes durch Jesus Christus unsern Herrn"[Röm. 7, 23 - 25].

25. Der ist Sieger, der auf die Gnade Gottes hofft, nicht wer auf eigene Kraft vertraut. Warum wolltest du denn nicht auf die Gnade vertrauen, da du einen barmherzigen Vorkämpfer hast? Denn "barmherzig und gerecht ist der Herr und erbarmend unser Gott"[]Ps. 114, 5. Zweimal ist von der Barmherzigkeit die Rede, einmal von der Gerechtigkeit: in der Mitte steht die Gerechtigkeit, vom zweifachen Gehege der Barmherzigkeit umfriedet. Denn überreichlich sind die Sünden, überreichlich soll darum die Barmherzigkeit sein. Beim Herrn ist die Überfülle aller Tugendkräfte; denn "der Herr der Kräfte ist er"[Ps. 23, 10]. Doch gibt es keine Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit, keine Gerechtigkeit ohne Erbarmen; denn es steht geschrieben: “Sei nicht über das Maß hinaus gerecht!"[Pred. 7, 17]. Was über das Maß hinausgeht, dazu reicht deine Kraft nicht, auch wenn es gut wäre. Halte Maß, damit du nach Maß empfangest!

26. Doch hinderte die Barmherzigkeit nicht die Gerechtigkeit; denn die Barmherzigkeit ist eben die Gerechtigkeit. "Er teilte aus, gab den Armen, seine Gerechtigkeit währt ewiglich"[Ps. 111, 9]. Der Gerechte ist sich nämlich der Pflicht bewußt, den Schwachen und Armen zu helfen. Daher des Herrn Aufforderung an Johannes, als er zur Taufe kam, um uns Schwachen die Sünden zu vergeben: "Laß nur! Denn also gebührt es uns, jegliche Gerechtigkeit zu erfüllen"[Matth. 3, 15]. So ist denn klar, daß Gerechtigkeit Barmherzigkeit und Barmherzigkeit Gerechtigkeit ist. Würde uns nicht Gottes Barmherzigkeit erhalten, wie könnten wir denn schon als kleine Kinder beim Eintritt ins Dasein am Leben bleiben, da wir aus dem Mutterschoße hervor wie Fischlein vom Warmen ins Kalte, vom Nassen ins Trockene versetzt werden und eine Art Naturwoge uns wie Schiffbrüchige ins Leben gespien hat? Ein vernünftiger Grund fehlt hierfür, doch Gottes Gnade mangelt nicht. Er also "behütet die Kleinen", oder doch jene, die in demütiger Gesinnung sich zu den Kleinen bekennen[Ps. 114,6].

27. Ein großes Gut ist die Demut welche die in Gefahr Schwebenden rettet, die am Boden Liegenden aufrichtet. Sie kannte jener [scil. David], der ausrief "Sieh, ich bin es, der gesündigt hat, ich der Hirte, der Böses getan hat: doch diese in der Herde hier, was haben sie getan? Wider mich kehre sich Deine Hand [2. Sam. 24, 17]) Mit gutem Grund spricht er so, nachdem er seine Krone Gott zu Füßen legte, Buße tat, seine Sünde bekannte und um Verzeihung bat: Auch er [scil. Theodosius] hat durch Demut das Heil erlangt. Christus erniedrigte sich [Phil. 2, 8], um alle zu erhöhen. Auch er ist zur Ruhe Christi gelangt, der dem demütigen Christus folgte.

28. Eben darum, weil Kaiser Theodosius sich demütig erwies und, sobald die Sünde ihn angewandelt hatte, um Verzeihung bat, kehrte seine Seele heim in ihre Ruhe, wie die Schrift mit den Worten sagt: "Kehre heim, meine Seele, in deine Ruhe; denn der Herr hat dir wohlgetan!"[Ps. 114, 7] Eine schöne Einladung an die Seele:"kehre heim!" Gleichsam von langer, schweißtriefender Arbeit abgeplagt, soll sie nun von der Arbeit weg zur Ruhe heimkehren. Das Pferd kehrt heim in den Stall, wenn es seinen Lauf zurückgelegt hat; das Schiff in den Hafen, wenn es aus dem Wogenschwall zum sicheren Ankerplatz geführt wird. Doch was will der Ausdruck sagen: "in deine Ruhe", wenn man ihn nicht im Sinne der Worte des Herrn Jesus versteht: "Kommt, Gesegnete meines Vaters, nehmt als Erbe das Reich in Besitz, das euch von Grundlegung der Welt an bereitet ist"[Matth. 25, 34]? Gleichsam als Erbbesitz nämlich empfangen wir, was uns verheißen ist. Denn treu ist Gott: er entzieht seinen Dienern nicht, was er ihnen einmal bereitet bat. Bleiben wir ihm treu im Glauben, bleibt auch seine Verheißung bestehen.

29. Sieh, O Mensch, die Gnade Christi gegen dich Noch treibst du in der Flut des Erdenlebens, und schon erfreust du dich des Besitzes im Himmel. Dort nun soll dein Herz sein, wo dein Besitz ist. Das ist die Ruhe, die den Gerechten geschuldet, den Unwürdigen verweigert wird. Darum spricht der Herr: "Wie ich geschworen in meinem Zorne: nicht sollen sie eingehen in meine Ruhe"[Ps. 94, 11]. Die nämlich, welche "die Wege des Herrn nicht kennen"[Ps. 94, 11], werden in die Ruhe des Herrn nicht eingehen. Wer aber "den guten Kampf gekämpft und den Lauf vollendet hat"[2. Tim. 4, 7], dem gilt die Einladung:"Kehre heim in deine Ruhe!' Eine selige Ruhe, der Dinge der Welt loszuwerden und in jener geheimnisvollen himmlischen Gemeinschaft auszuruhen, die über die Welt erhaben ist! Das ist die Ruhe, welcher der Prophet entgegeneilte mit dem Rufe: "Wer gibt mir Flügel gleich der Taube: und ich will fliegen und Ruhe finden?"[Ps. 54, 7] Das erkennt der Heilige als seine Ruhe; zur Heimkehr zu dieser Ruhe lädt er seine Seele ein. So war denn seine Seele in ihrer Ruhe; dahin soll man, wie er mahnt, zurückkehren. Das ist die große Sabbatruhe, daß jeder Heilige, über die Sinnenwelt erhaben, sein ganzes Streben nach jenem unsichtbaren, geheimnisvollen Ziele richte und Gott anhange. Das ist jene Sabbatruhe, in der Gott ausruhte von allen Werken dieser Welt [vgl. Gen. 2, 2].

30. Frei und ledig dieser weltlichen Sorgen freut sich Theodosius, ihnen entronnen zu sein und hebt seine Seele empor und lenkt sie hin zu jener ewigen Ruhe. Er beteuert, wie herrlich für ihn gesorgt sei, weil Gott seine Seele dem Tode entrissen [Ps. 114, 8], dem Tode, dem er, von den Fluten der Sünde ruhelos herumgeworfen, in dieser schlüpfrigen Welt so oft ausgesetzt war; weil er desgleichen von seinen Augen die Tränen genommen [Ps. 114, 8]; denn "der Schmerz wird fliehen und die Trauer und die Klage"[Is. 35, 10]. Und an einer anderen Stelle lesen wir: "Er wird abwischen jede Träne von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein noch Trauer noch Jammer noch Schmerz"[Offenb. 21, 4]. Wenn nun der Tod nicht mehr sein wird, wird der Bewohner jener Ruhe auch der Möglichkeit eines Sündenfalles entrückt sein, er wird vielmehr "Gott gefallen im Lande der Lebendigen"[Ps. 114, 9]. Denn nicht so ist es dort wie hier, wo der Mensch vom "Leibe des Todes" umkleidet ist [Röm. 7, 24], der Übertretungen und Sünden zugänglich ist. Das ist also das Land der Lebendigen, wo die Seele weilt, die nach dem Bilde und Gleichnisse Gottes geschaffen ist [Gen. 1, 26 f.], nicht der Leib, aus Lehm gebildet [Gen. 2, 7]. Daher kehrt das Fleisch zur Erde zurück [Gen. 3, 19], die Seele eilt der überirdischen Ruhe entgegen. Ihr gilt die Einladung: "Kehre heim, meine Seele, in deine Ruhe!"

31. In diese eilte Theodosius einzugehen und die Stadt Jerusalem zu betreten, von der es heißt: "Und die Könige der Erde werden ihren Ruhm in sie tragen" [Offenb. 21, 24]. Das ist der wahre Ruhm, der dort genossen wird; dies das glückseligste Reich, das dort besessen wird. Dahin eilte der Apostel, der versichert: "Wir sind guten Mutes und stimmen zu, lieber dem Körper fern und dem Herrn nahe zu sein; eben darum setzen wir unsere ganze Kraft daran, ihm, sei es ferne, seies nahe, zu gefallen [2. Kor. 5, 8 f.]."

32 Schwankendem Streite entrückt, genießt jetzt Theodosius erlauchten Andenkens das ewige Licht, den dauernden Frieden und erfreut sich der Segensfülle der göttlichen Vergeltung für das, was er in diesem Leibesleben getan. Weil Theodosius erlauchten Andenkens den Herrn seinen Gott geliebt hat, darum verdiente er sich die Gemeinschaft der Heiligen.

33. Auch ich, um mit einer Art Schlußwort meine Rede zu beschließen, babe den Mann geliebt voll Erbarmen, voll Demut auf dem Kaiserthron, lauteren Sinnes und sanften Herzens, wie der Herr einen solchen zu lieben pflegt, der beteuert: "Auf wem soll ich ruhen, als auf dem Demütigen und Sanftmütigen? [Is. 66, 2]"

34. Ich habe den Mann geliebt, der mehr dem Tadler als dem Schmeichler beipflichtete. Er legte allen königlichen Schmuck ab, den er zu tragen pflegte, beweinte öffentlich in der Kirche seine Stnde, die ihn auf das trügerische Zureden anderer übermannt hatte, und flehte unter Seufzen und Tränen um Vergebung. Wessen gewöhnliche Leute sich schämen, dessen schämte der Kaiser sich nicht: öffentlich Buße zu tun. Und auch später verging kein Tag, an dem er nicht schmerzlich jener Verirrung gedacht hätte. Und wie? Als er einmal einen herrlichen Sieg errungen batte [scil. über Eugenius bei Aquleia] , enthielt er sich gleichwohl, weil Feinde in der Schlacht zu Boden gestreckt wurden, der Teilnahme an den Sakramenten, bis er in der Ankunft seiner Kinder [vgl Rufinus, hist. eccl. 2, 34] ein Zeichen der Gnade des Herrn gegen sich erblickte.

35. Ich habe den Mann geliebt, der in seinen letzten Augenblicken mit dem letzten Atemzuge nach mir verlangte. Ich habe den Mann geliebt, der, schon der leiblichen Auflösung nahe, mehr um den Stand der Kirche als um die eigenen Gefahren besorgt war. Ich habe ihn geliebt, ich gestehe es, und darum drang mir der Schmerz in die tiefste Seele, und ich glaubte ihn durch den ehrenden Nachruf einer längeren Rede lindern zu sollen. Ich habe ihn geliebt und habe zum Herrn die feste Zuversicht, daß er die Stimme meines Gebetes aufnehme [vgl. Ps. 114, 1], das ich seiner frommen Seele nachsende.

36. "Die Schmerzen des Todes haben mich umfangen, die Gefahren der Unterwelt haben mich getroffen [Ps. 114, 3]!" Über viele kommen Gefahren, wenigen winkt Heil daraus. Mit allen teilt der Priester die Gefahren, mit allen Schuldbeladenen die Sorge. Was andere leiden, trägt er mit, und zweimal fühlt er sich von Gefahren frei, wenn andere, die darin schmachteten, davon frei werden. Tiefbetrübten Herzens bin ich, weil uns ein Mann entrissen wurde, wie wir ihn kaum je finden können. "Aber dennoch steige zu Dir, Herr, die Bitte, steige zu Dir das Flehen empor, Du möchtest ihn in den Söhnen wiedererstehen lassen. Du, Herr, der Du auch die Kinder in dieser Demut bewahrst [Ps. 114, 6], verleihe ihnen Heil und Rettung, die auf Dich vertrauen! Schenke Deinem Diener Theodosius die vollkommene Ruhe, jene Ruhe, die Du Deinen Heiligen bereitet hast. Dorthin möge seine Seele heimkehren, woher sie gekommen ist; wo sie des Todes Stachel nicht fühlen kann; wo sie erkennt, daß dieser Tod nicht der Natur, sondern nur der Schuld ein Ende setzt! Denn wenn er gestorben ist, ist er der Sünde gestorben [Röm. 6, 10], so daß für die Sünde kein Platz mehr bleibt. Er wird aber auferstehen, um mit der Neubelebung noch vollkommener wiederhergestellt zu werden.

37. Ich habe ihn geliebt, und darum geleite ich ihn bis ins Land der Lebendigen [Ps. 114, 9] und werde den Mann nicht lassen, bis ich ihn mit meinen Tränen und Gebeten dorthin führen werde, wohin seine Verdienste ihn rufen, auf den heiligen Berg des Herrn [vgl. Petr. 2, 1, 18], wo ewiges Leben herrscht, wo es keine Verwesung, keine Krankheit, keine Klage, keinen Schmerz, kein Zusammensein mit Toten gibt: das wahre Land der Lebendigen, wo dieses Sterbliche die Unsterblichkeit, und dieses Verwesliche die Unverweslichkeit anzieht [1. Kor. 15, 53]. Die große Ruhe, welche das Sehnen des Liebenden stillen soll, ist der Inhalt der einzig schönen Verheißung. Deshalb ist der hundertvierzehnte Psalm mit Alleluja überschrieben. So vernehmen wir auch vorausgehend im vierzehnten Psalm von der Vollendung des Menschen. Doch der hier dargestellte Mensch ist trotz seiner Vollkommenheit noch der Sünde zugänglich. Dort aber ist es die wahre Vollkommenheit, wo die Schuld bereits ihr Ende fand, das selige Licht der ewigen Ruhe aufleuchtete.

38. Darum ist es der hundertvierzehnte Psalm, weil von der Vergeltung der Liebe die Rede ist [scil. i. S. einer christlichen Zahlensymbolik: die griechischen Buchstaben 'iota und delta' stehen als Zahlzeichen für '114' und bedeuten als Abkürzungen 'Iesous doron' = 'Jesus das Geschenk']. Darum fand das Pascha des Herrn seine gesetzliche Feier am vierzehnten Monde (Vollmond); denn wer Ostern feiert muß vollkommen sein, muß den Herrn Jesus lieben, der mit vollkommener Liebe sein Volk liebte und dem Leidenstod sich weihte. Auch unsere Liebe soll derart sein daß wir, wenn es sein müßte, für den Namen des Herrn den Tod nicht scheuen, des Schmerzes nimmer achten, vor nichts zurückschrecken. Denn "die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus" [1. Joh. 4, 18]. Ein großes Geheimnis liegt in der Zahl. Gerade als der Vollmond in seinem Lichte erstrahlte, gab der Vater seinen einzigen Sohn für uns alle dahin. So verhält es sich nämlich mit der Kirche, die fromm das Ostern des Herrn feiert: sie bleibt gleich dem Vollmond in Ewigkeit. Wer immer hier das Ostern des Herrn gut feiert, wird im ewigen Lichte wohnen. Wer hat es glänzender gefeiert als der welcher die gottschänderischen Verirrungen abschaffte' die Tempel schloß, die Götzenbilder vernichtete? Hierin bleibt dem König Josias vor seinen Vorgängern der Vorrang eingeräumt [2. Kön. 23].

39. Im Lichte wohnt nun Theodosius immerdar und freut sich der Herrlichkeit unter den Scharen der Heiligen, Dort umfängt er jetzt den Gratian, der seine Todeswunden nicht mehr zu beklagen braucht, weil ihm ein Rächer erstanden ist. Ob er auch vor der Zeit durch schmählichen Mord dahingerafft ward: er besitzt die Ruhe seiner Seele. Dort erfreuen sich beide so edle und weitherzige Träger der Liebe des gemeinsamen Lohnes ihrer Barmherzigkeit. Von ihnen gilt das Wort: "Ein Tag kündet dem anderen das Wort [Ps. 18, 3]"; anders dagegen bei Maximus und Eugenius in der Hölle: da "tut's eine Nacht der anderen kund' [Ps. 18, 3]. Sie lehren durch ihr trauriges Beispiel, wie schwere Folgen es hat, gegen die eigenen Fürsten die Waffen zu kehren. Von ihnen heißt es so trefflich: "Ich sah den Gottlosen hoch aufgerichtet und stolz erhoben wie die Zedern des Libanon. Da ging ich vorüber, und sieh, er war nicht mehr [Ps. 37, 35 f.] Der Fromme nämlich ging vom Dunkel dieser Welt zum ewigen Licht über, und der Gottlose war nicht mehr: er hat aufgehört, ein Ungerechter zu sein.

40. Jetzt erst fühlt sich Theodosius erlauchten Andenkens als König, da er im Reiche des Herrn Jesus Christus weilt und dessen Tempel schaut. Jetzt fühlt er als König sich glücklich, da er auch seinen Sohn Gratian und die Pulcheria, die süßen Lieblinge, die er hier verloren hatte, zurückerhielt; da seine Flaccilla [scil. erste Gemahlin des Kaisers, gest. i. J. 385], die gottgetreue Seele, bei ihm weilt; da er sich des wiedergefundenen Vaters freut; da er in Gemeinschaft mit Konstantin lebt. Wenngleich nämlich diesem erst an seinem letzten Lebensende durch die Taufgnade Nachlaß aller Sünden wurde, erlangte er doch durch den Umstand, daß er der erste Kaiser war, welcher den Glauben annahm, und daß er den Herrschern nach ihrn das Glaubenserbe hinterließ, eine hohe Verdienstesstufe. In seinen Tagen erfüllte sich jenes Prophetenwort: "An jenem Tage wird auf dem Zaume des Rosses stehen: heilig dem allmächtigen Herrn" []Sach. 14, 20]. Seine Mutter, die große Helena heiligen Andenkens, machte das auf Eingebung des Geistes Gottes offenbar.

41. Selig Konstantin ob einer solchen Mutter, die ihrem kaiserlichen Sohne ein Mittel aus Gottes Gnadenhand verschaffte, durch welches er selbst mitten im Schlachtengewühl sicher war und keine Gefahr fürchten brauchte. Eine große Frau, die durch ihre Auffindung dem Kaiser weit mehr schenkte, als sie von ihm empfangen konnte. Ängstlich besorgt für ihren Sohn, dem die Herrschaft über das römische Weltreich zugefallen war, eilte die Mutter nach Jerusalem und erforschte die Stelle, wo der Herr gelitten hatte.

42. Eine Herbergswirtin soll sie anfänglich gewesen und so mit dem älteren Konstantius, der nachher die Herrschaft erlangte, bekannt geworden sein [scil.: Helena lebte mit Constantius Chlorus in standesrechtlich unebenbürtiger, aber rechtlich zugelassener Ehe]. Eine gute Herbergsmutter, die mit solchem Eifer die Krippe des Herrn aufsuchte. Eine gute Herbergsmulter, der jener Herbergsvater nicht unbekannt war, der die Wunden des von den Räubern wundgeschlagenen Menschen heilte [Luk. 10, 30 ff.]. Eine gute Herbergsmutter, die lieber für Kot geachtet werden wollte, um Christus zu gewinnen [Phil. 3, 8]. Darum hat sie Christus aus dem Kot zum Herrscherthrone emporgehoben nach dem Schriftworte: "Er erhebt den Armen aus dem Staube und richtet den Dürftigen aus dem Kot empor" [Ps. 112, 7].

43. Helena kam denn und begann die heiligen Orte zu besuchen. Da gab ihr der Geist ein, das Kreuzesholz aufzusuchen. Sie begab sich auf Golgatha und sprach:"Sieh, der Ort des Kampfes! Wo ist der Sieg? Ich suche das Panier des Kreuzes, aber ich finde es nicht. Ich", rief sie aus, "auf dem Throne, und das Kreuz des Herrn im Staube? Ich in Gold und Christi Triumph im Schutt? Dieser noch begraben und vergraben die Siegespalme des ewigen Lebens? Wie soll ich an meine Erlösung glauben, wenn die Erlösung selbst sich dem Auge entzieht?

44. Ich sehe, was du, Teufel, getan, um das Schwert, das dich vernichtet, in Schutt zu begraben. Aber Isaak grub die von den Fremden verschütteten Brunnen wieder aus und ließ das Wasser nicht im Verborgenen ruhen [Gen. 26, 18 f.]. Weg also mit dem Schutt, auf daß das Leben erscheine! Hervor mit dem Schwert, das dem wahren Goliath das Haupt abgeschlagen! Es öffne sich die Erde, daß das Heil aufleuchte! Was anders erreichtest du, o Teufel, mit der Wegräumung des Kreuzesholzes als eine neue Niederlage? Schon Maria hat dich überwunden, die den Sieger geboren; die ohne Versehrung ihrer Jungfräulichkeit dem das Leben schenkte, der durch sein Kreuz dich besiegen und durch seinen Tod dich unterjochen sollte. Auch heute sollst du überwunden werden: ein Weib soll deine Hinterlist aufdecken. Jene trug wie ein Heiligtum den Herrn im Schoß, ich will sein Kreuz auf findig machen. Jene tat den Menschgewordenen kund ich den Auferstandenen. Jene war die Mittlerin, daß Gott sichtbar unter den Menschen wohnte, ich will zur Heilung unserer Sünden das Banner Got'tes aus dem Schutte heben."

45. Sie läßt nun den Boden aufgraben, das Erdreich wegnehmen: da stößt sie auf drei durcheinanderhegende Marterhölzer, die der Schutt bedeckt, der Feind versteckt hatte. Doch Christi Triumph konnte nicht in Nacht vergraben bleiben. Sie ist ratlos, verlegen - verlegen nach Frauenart. Doch der Heilige Geist gibt ihr einen sicheren Fingerzeig durch die Eingebung, daß zwei Schächer mit dem Herrn gekreuzigt wurden. Sie sucht nun nach dem mittleren Kreuzesholz. Doch möglicherweise hatte die Verschüttung die Kreuze durcheinander geworfen, der Zufall sie durcheinander gebracht. Wieder liest sie den Bericht des Evangeliums. Sie findet, daß das mittlere Kreuz die Aufschrift an der Stirne trug: "Jesus von Nazareth, König der Juden [Joh. 19, 19]. Hieraus konnte der wahre Sachverhalt erschlossen werden: aus der Aufschrift ward das Kreuz des Heils offenbar. So lautete die Antwort, die Pilatus den Juden auf ihre Vorstellung gab: "Was ich geschrieben habe, bleibt geschriehen"[Joh. 19, 22], d.h.: nicht das habe ich geschrieben, was euer Gefallen finden, sondern wovon die kommende Zeit Kenntnis nehmen sollte. Nicht für euch habe ich es geschrieben, sondern für die Nachwelt - beinahe als wollte er sagen: Helena sollte etwas zu lesen finden als Anhaltspunkt, um das Kreuz des Herrn daraus zu erkennen.

46. Sie fand also die Aufschrift und betete den König, nicht fürwahr das Holz an; denn das wäre heidnischer Wahn und gottloser Aberglaube. Den vielmehr betete sie an, der am Holz gehangen, dessen Name auf der Überschnft gestanden; den, sage ich, der "wie ein Holzwurm" [vg. Habak. 2, 11] für seine Verfolger laut zum Vater um Verzeihung ihrer Sünden flehte [Luk. 23, 34]. Voll Verlangen trachtete die Frau, das Heilmittel der Unsterblichkeit zu berühren, scheute sich aber, das Geheimnis des Heils mit dem Fuße zu treten. Freudigen Herzens und zagenden Schrittes wußte sie nicht, was tun. Doch gelangte sie hin zur Liegestelle der Wahrheit: das Holz leuchtete auf, die Gnade erstrahlte. Und da schon Christus in Maria eine Frau heimgesucht hatte, suchte der Geist in Helena eine solche heim: er tat ihr kund, was eine Frau nicht wissen konnte, und führte sie auf den Weg, den ein Sterblicher nicht erkennen konnte.

47. Sie suchte die Nägel, mit denen der Herr ans Kreuz geheftet wurde, und fand sie. Aus dem einen hieß sie ein Pferdegebiß machen, den anderen ließ sie in ein Diadem verarbeiten. Den einen verwandte sie zur Schmucksache, den anderen zum Weihegegenstand. Maria ward heimgesucht zur Erlösung der Eva, Helena ward heimgesucht zur Erlösung der Kaiser. Sie sandte ihrem Sohn Konstantin das Diadem, mit Edelsteinen geschmückt, die dem Eisen [scil. des Nagels] eingefügt waren und das den noch kostbareren Edelstein des Kreuzes der göttlichen Erlösung zusammenhielt [scil.: der Nagel wurde in Kreizesform verarbeitet]. Auch den Zaum sandte sie ihm. Beides nahm Konstantin in Gebrauch und vererbte den Glauben auf die folgenden Kaiser. Den Anfang bei den gläubigen Kaisern bildete demnach das "heilig", das auf dem Zaume stand [Sach. 14, 20; scil.: diese höfisch-fromme Auslegung der Weissagung des Sacharja wurde später von dem Kirchenvater Hieronymus i seiner Sacharja-Kommentierung ausdrücklich als 'fromm gemeint, aber lächerlich' kritisiert]. Von da rührte ihr Glaube her, so daß ihre Verfolgung aufhörte, an deren Stelle die Gottesverehrung trat.

48. Weise handelte Helena, da sie das Kreuz auf dem Haupte der Könige aufpflanzte. Es sollte das Kreuz Christi an den Königen verehrt werden. Nicht Ungehörigkeit ist es, sondern Frömmigkeit, wenn der heiligen Erlösung Verehrung gezollt wird. Ein Gut ist dieser Nagel im Zügel der römischen Herrschaft. Er beherrscht den ganzen Erdkreis und schmückt die Stirne der Kaiser, so daß sie jetzt Prediger sind, die so oft die Verfolger waren. Mit Recht ruht der Nagel auf dem Haupte, damit dort, wo der Verstand thront, auch der Schutz herrsche. Auf dem Haupte die Krone, in den Händen der Zügel. Die Krone vom Kreuze, daß der Glaube leuchte; desgleichen der Zügel vom Kreuze, daß die Macht herrsche. Und ein gerechtes Herrschen soll es sein, nicht ein ungerechtes Gebieten. Auch diesen Vorzug mögen die Kaiser von der Freigebigkeit Christi eingeräumt erhalten, daß vom römischen Kaiser in Nachahmung Christi das Wort gelte: "Eine Krone aus kostbarem Edelgestein hast du auf sein Haupt gesetzt" [Ps. 20, 4].

49. Darob Jubel in der Kirche, Scham bei dem Juden, und nicht bloß Scham-, sondern auch Schmerzgefühl, weil er selbst an seiner Beschämung schuld ist. Mit seiner Lästerung Christi bekannte er ihn als König. Mit seiner Benennung "König der Juden" gesteht er die Gotteslästerung seines Unglaubens ein. Sieh, muß er sprechen, wir haben Christus gekreuzigt, damit die Christen nach dem Tode auferstehen und als Tote herrschen. Wir haben den gekreuzigt, welchen Könige anbeten: wir verweigern ihm die Anbetung, sie bringen sie ihm dar. Sieh, selbst der Nagel steht in Ehren. Wir haben ihn in mörderischer Absicht eingeschlagen, und er ist ein Mittel des Heils und peinigt wie mit unsichtbarer Macht die Dämonen. Wir glaubten uns Sieger und müssen unsere Niederlage eingestehen. Christus ist wiederum auferstanden, und die Kaiser anerkennen seine Auferstehung. Er lebt wiederum, wenn auch unsichtbar. Noch größerer Streit wider ihn, noch heftigerer Kampf ist uns jetzt erstanden. Dem die Reiche dienen, dem die Macht gehorcht, ihn haben wir verworfen: wie werden wir den Königen widerstehen? Vor dem Eisen, das seine Füße durchdrang, neigen sich die Könige. Die Könige beten ihn an, und die Photinianer wollen seine Gottheit leugnen? Den Nagel seines Kreuzes schätzen die Kaiser höher als ihr Diadem, und die Arianer wollen seine Macht schmälern?

50. Doch ich frage: Warum steht "heilig" auf dem Zaume, wenn nicht um dem Übermut der Kaiser einen Zügel anzulegen? Um die Ungebundenheit der Tyrannen zu bändigen, die sonst wie lüstern wiehernde Hengste sich gebärden würden, weil es ihnen freistünde, ungestraft Ehebruch zu treiben? Was für Schandtaten sind uns von Männern wie Nero, wie Caligula und von anderen bekannt, denen kein "heilig" auf dem Zaume stand?

51. Was anders bezweckte Helena mit ihrer Bemühung um die Leitung der Zügel, als gleichsam kraft des Heiligen Geistes allen Herrschern zuzurufen: "Seid nicht wie Pferd und Maultier! [Ps. 31, 9]; ihre Kinnbacken vielmehr in Zaum und Zügel zu legen [Ps. 31, 9], falls sie sich nicht zu dem Zweck als Könige fühlten, um ihre Untertanen zu leiten? Denn gar leicht verirrte ihre Macht sich in Laster und befleckten sie sich in viehischer Weise durch ausschweifende Lust. Sie kannten Gott nicht. Das Kreuz des Herrn wies sie in die Schranken und rief sie zurück aus dem Abgrund der Gottlosigkeit. Es richtete ihre Augen nach oben, daß sie himmelwärts Christus suchten. Sie legten ab den Zaum der Gottlosigkeit, legten an den Zügel der Gottesfürchtigkeit und des Glaubens und folgten dem, der sie einlud: "Nehmt mein Joch auf euch. Denn mein Joch ist süß und meine Bürde leicht" [Matth. 11, 29]. Von da an waren alle folgenden Kaiser Christen mit einziger Ausnahme des Julian, der den Urheber seines Heils [Hebr. 2, 10] verließ, indem er sich dem Irrwahn der Philosophie ergab. Von da an herrschen ein Gratian und Theodosius.

52. Es hat also das Prophetenwort nicht gelogen:"Die Könige werden in Deinem Lichte wandeln" [Is. 60, 3]. Ja gewiß, wandeln werden darin vor allen anderen Herrschern namentlich Gratian und Theodosius, nicht mehr in der Rüstung ihrer Kriegswaffen, sondern ihrer Verdienste; nicht mehr mit dem Purpurmantel angetan, sondern ins Gewand der Glorie gehüllt. Wenn sie schon hier ihre Freude daran hatten, viele freizusprechen, wieviel mehr wird sie dort, wenn sie auf ihre vielen Begnadigungen zürückblicken, bei der Rückerinnerung an diese ihre Milde süße Freude anwandeln? Sie freuen sich jetzt des strahlenden Lichtes, haben dort weit bessere Wohnungen erlangt, als sie hier besaßen, und können sprechen: “O Israel, wie groß ist das Haus des Herrn, und wie endlos weit der Ort seines Besitztumsl" [Bar. 3, 24]. Nachdem sie die denkbar größten Mühen und Beschwerden überstanden, können sie zueinander sprechen: "Gut ist es für den Mann, wenn er das schwere Joch von Jugend auf getragen. Einsam wird er sitzen und schweigen; denn ein schweres Joch hat er getragen [Klagelieder 3, 27 f.]. Nur wer das schwere Joch von Jugend auf getragen, erfreut sich nämlich nachmals der Ruhe. Fernab der großen Menge erhält er ein besonderes Ruheplätzchen zum Besitz angewiesen und jubelt. ,,Ja Du, o Herr, hast ganz einzig mich in Zuversicht versetzt" [Ps. 4, 10].

53. Der arme Lazarus trug von Jugend auf das schwere Joch; darum genießt er nach dem Zeugnis der göttlichen Schriftlesung im Schoße Abrahams der besonderen Ruhe [Luk. 16, 20 ff.]. Theodosius trug das schwere Joch von Jugend auf, da die Mörder seines siegreichen Vaters [scil.: sein Vater war unter Hochverratsverdacht geraten und wurde von Kaiser Valentinian deshalb von diesem beseitigt] auch ihm nach dem Leben strebten. Er trug das schwere Joch, da er ob seiner Kindesliebe in die Verbannung gehen mußte; da er die Reichsregierung zu einer Zeit übernahm, als die Barbaren das römische Reich überschwemmt hatten. Er trug das schwere Joch, um dem römischen Reich die Tyrannen vom Halse zu schaffen. Aber weil hier Kampf und Mühe sein Anteil war, ist es dort die Ruhe.

54. Doch laßt uns jetzt noch der Überführung der erhabenen Leiche uns zuwenden. Du weinst, Honorius, erlauchter Sproß, und bezeugst mit deinen Tränen deine Kindesliebe. Noch entbehrt ja die Leiche des Vaters der ehrenvollen Grabstätte und durch weite Fernen mußt du sie überführen. Aber auch der Patriarch Jakob mußte zur Rettung seines von schauerlicher Hungersnot schwer bedrängten und gefährdeten Volkes noch als Greis sein Haus verlassen und in die Fremde ziehen. Und als er hier sein Leben geschlossen hatte, wurde er in tagelanger Wanderung unter dem Geleite seines Sohnes zu seiner Familiengrabstätte überführt [Gen. 49, 29 - 50, 13]. Dies tat seinen Verdiensten nicht den geringsten Eintrag, sondern trug zur Vermehrung seines Ruhmes bei, weil er um der Seinigen willen auf das gebührende Heimatglück verzichtete und zuletzt noch beim Leichenbegängnisse gleichsam als ein Verbannter die Wanderung antreten mußte.

55. Du weinst auch deshalb, erlauchter Kaiser, weil du nicht selbst die ehrwürdigen Überreste nach Konstantinopel geleiten kannst. Das gleiche Los teilen auch wir mit dir. Wir alle möchten ihm mit gerechtem Schmerz das Geleite geben; wir alle wünschten, ihn, wenn es sein könnte, mit dir zu überführen. Doch Joseph brauchte nur bis zum nächsten Land ziehen: hier liegen viele Länderstrecken trennend dazwischen, hier sind Meere zu überqueren. Selbst das wäre dir nicht zu beschwerlich, weun dich nicht das Wohl des Staates zurückhielte, das gute Kaiser stets über Eltern wie Kinder gestellt haben. Hat dich doch gerade hierzu der Vater zum Kaiser gemacht, der Herr als solchen bestätigt, daß du nicht bloß deines Vaters Diener, sondern aller Herrscher sein sollst.

56. Besorge nicht, daß die siegverklärte irdische Hülle, wohin sie nur auf dem Zuge kommt, nicht die gebührenden Ehren fände. So denkt nicht Italien, das Zeuge seiner herrlichen Triumphe war, das von ihm wiederholt von Tyrannen befreit wurde und ihn als den Urheber seiner Freiheit feiert; so nicht Konstantinopel, das seinen Kaiser zum zweiten Mal zu siegreichem Kampf aussendete, den es nicht hätte zurückhalten können, auch wenn es gewollt hätte. Es hoffte zwar bei seiner Rückkehr Triumphe und Siegesfeste feiern zu können; es erwartete den Kaiser des ganzen Erdkreises, umringt von seinem gallischen Heere und gestützt auf die Macht der ganzen Welt. Doch jetzt kehrt Theodosius noch mächtiger, jetzt noch glorreicher dahin zurück, geleitet von der Schar der Engel, gefolgt von der Menge der Heiligen. Selig fürwahr, daß du einen Bewohner des Paradieses aufnimmst und in der hehren Grabstätte, die seinen Leib gastlich birgt, einen Bürger jener himmlischen Stadt in deiner Mitte haben wirst!


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski SS 1999