Augustinus, Offener Brief an die Donatisten des Jahres 409.

Dt. Übersetzung mit geküzten Anmerkungenn nach: Des heiligen Kirchenvaters Aurelius Augustinus ausgewählte Briefe. Aus dem Lateinischen unter Benutzung der Übersetzung Kranzfekders übersetzt von Alfred Hoffmann, Bd. I (Bibliothek der Kirchenväter. Des heiligen Kirchenvaters Aurelius Augustinus ausgewählte Schriften, aus dem Lateinischen übersetzt, Bd. IX), Kempten und München 1917, S. 405 - 421.- Zur Beurteilung der rhetorischen bzw. hermeneutischen Qualität des Briefes wird die Heranziehung auch einer lateinischsprachigen Textedition empfohlen. D. Hg.


I. 1. Die Liebe Christi, dem wir, soweit es an uns liegt, alle Menschen gewinnen möchten, gestattet uns nicht zu schweigen. Wenn ihr uns deshalb hasset, weil wir euch den katholischen Frieden predigen, so dienen wir dem Herrn, der spricht: "Selig die Friedfertigen, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden"[Matth. 5,9]. Und im Psalme steht geschrieben: "Mit denen, die den Frieden haßten, war ich friedfertig; als ich zu ihnen redete, bekämpften sie mich grundlos"[Ps. 119, 6]. Darum haben uns einige Priester eurer Partei den Rat gegeben: "Haltet euch von unserem Volke fern, wenn ihr nicht wollt, daß wir euch töten." Mit viel größerem Rechte sagen wir zu diesen: "Haltet euch ja nicht ferne, sondern gehet vielmehr im Frieden zu dem Volke, das nicht uns, sondern dem gehört, dessen Eigentum wir alle sind. Wollt ihr dies aber nicht, und wollt ihr vielmehr unversöhnlich bleiben, so lasset das Volk in Ruhe, für das Christus sein Blut vergossen hat und das ihr deshalb zu eurem Anteile machen wollt, damit es Christo nicht gehöre, ohwohl ihr es unter dem Namen Christi in euren Händen haben wollt." So tut auch der Sklave, der Schafe von der Herde seines Herrn stiehlt, aber allen ihren Jungen das Eigentumszeichen seines Herrn aufdrückt, damit sein Diebstahl nicht entdeckt werde. Gerade so haben es eure Vorfahren gemacht. Sie haben ein mit der Taufe Christi getauftes Volk von der Kirche Christi losgetrennt und dessen gesamten Nachwuchs mit der Taufe Chrisü getauft. Doch der Herr straft die Diebe, wenn sie sich nicht bessern; die irregeführten Schafe aber ruft er zur Herde zurück, ohne sein eigenes Eigentumszeichen an ihnen zu vertilgen.

2. Ihr nennt uns Traditoren; aber weder eure Vorfahren konnten unseren Vorfahren diesen Vorwurf beweisen, noch könnt ihr es uns irgendwie. Wie weit sollen wir euch denn entgegenkommen, da ihr auf unsere Aufforderung, ruhig die Erörterung eurer und unserer Sache anzuhören, nur mit stolzen Redensarten und Wutausbrüchen zu antworten wisset? Freilich, wir würden euch zeigen, daß vielmehr diejenigen Traditoren waren, die den Cäcilianus und seine Genossen wegen des Verbrechens der Auslieferung heiliger Geräte verurteilten. Und da sagt ihr: "Haltet euch ferne von unserem Volke", ihr aber lehrt es, euch zu glauben und Christo nicht zu glauben. Denn ihr sagt ihm: wegen der Traditoren - die ihr nicht zu überführen vermöget - sei die Kirche Christi nur mehr in Afrika, und zwar auf der Seite des Donatus verblieben. Diese Behauptung aber nehmet ihr nicht aus dem Gesetze, nicht aus den Propheten, Psalmen, Apostelbriefen oder aus dem Evangelium, sondern aus eurem eigenen Herzen und aus den Verleumdungen eurer Vorfahren. Christus aber sagt, "es werde in seism Namen Buße und Vergebung der Sünden gepredigt bei allen Völkern, angefangen von Jerusalem" [Luk. 24, 47], Mit dieser durch Christi eigenen Mund geoffenbarten Kirche steht ihr in keiner Gemeinschaft und ziehet andere in euer Verderben hinein, während ihr nicht aus ihm gerettet werden wollt.

II. 3. Wenn ihr aber deshalb mit uns unzufrieden seid, weil ihr durch kaiserliche Verordnungen zur Wiedervereinigung gezwungen werdet, so habt ihr dies selbst verschuldet; habt ihr doch durch eure Gewalttätigkeit und Schreckensherrschaft nirgends, wo wir die Wahrheit predigen wollten, zugelassen, daß jemand in Ruhe sie höre und mit Freiheit sie annehme. Knirschet nicht mit den Zähnen und regt euch nicht auf; höret, wenn es euch möglich ist, geduldig an, was wir sagen, und erinnert euch an die Taten eurer Circumcellionen und der Kleriker, die immer ihre Anführer waren, dann werdet ihr erkennen, welche Ursache für euch diese Wirkung gehabt hat. Darum klagt ihr mit Unrecht; denn ihr habt es erzwungen, daß diese Befehle an euch ergangen sind. Um vieles aus der weiten Vergangenheit nicht ins Gedächtnis zurückzurufen, gedenket nur eurer jüngsten Taten! Der Priester Markus von Casphalia ist aus freiem Willen, ohne von jemand gezwungen zu sein, katholisch geworden. Deshalb haben ihn eure Anhänger verfolgt; sie hätten ihn auch beinahe getötet, wenn nicht Gottes Hand ihren Gewalttätigkeiten durch die Dazwischenkunft von Menschen ein Ziel gesetzt hätte. Restitutus von Victoriana ist ohne Zwang von irgendeiner Seite zur katholischen Kirche übergetreten. Deshalb wurde er aus seinem Hause geschleift, geschlagen, im Wasser herumgewälzt, mit einem Spottgewand [buda] bekleidet und ich weiß nicht wie viele Tage in Gefangenschaft gehalten; und man hätte ihn nicht in Freiheit gesetzt, wenn nicht Proculeianus [scil. der Adressat des Briefes, ein donatistischer Bischof von Hippo] erkannt hätte, daß ihm wegen dieser Sache Verhaftung drohe. Marcianus von Urga hat aus freiem Willen sich für die katholische Einheit entschieden; deshalb haben eure Kleriker, da er selbst geflohen war, seinen Subdiakon bis auf den Tod geschlagen und mit Steinen überschüttet, weshalb ihre Häuser verdientermaßen niedergerissen worden sind.

4. Was sollen wir noch mehr sagen? Jetzt habt ihr einen Herold geschickt, der zu Siniti ausrufen sollte: "Wer immer mit Maximinus [scil. zum Katholizismus konvertierter vormals donatistischer Bischog von Siniti] Kirchengemeinschaft hält, dessen Haus wird angezündet werden." Wozu anders hatten wir, bevor dieser sich zur katholischen Kirche bekehrt hatte und aus den überseeischen Ländern zurückgekehrt war, einen Priester nach Siniti geschickt, als daß er, ohne jemandem lästig zu fallen, die Angehörigen unserer Kirche besuche und in seinem eigenen Hause den katholischen Frieden denen predige, die nach ihm Verlangen trügen? Ihr aber habt ihn mit arger Unbill hinausgeworfen. Als einer der Unserigen, Bischof Possidius von Kalama, sich nach dem figulinischen Bezirk begab, was beabsichtigten wir da anderes, als daß unsere dort befindlichen Angehörigen, wenn es auch nur wenige waren, besucht und die hierzu Geneigten durch die Anhörung des Wortes Gottes zur katholischen Einheit bekehrt würden? Als er seines Weges ging, da hat man ihm nach Räuberart nachgestellt, und als er diesen Nachstellungen entkam, so hätte man ihn in dem Bezirk von Oliveta beinahe mit offener Gewalt lebendig samt dem Hause, in das er sich geflüchtet hatte, verbrannt, wenn nicht die Bewohner jenes Bezirkes das bereits zum dritten Mal angelegte Feuer aus Angst vor eigener Lebensgefahr ausgelöscht hätten. Und doch, als der Häretiker vor dem Gerichte des Prokonsuls dieser Tat überwiesen war, wurde ihm auf die Fürbitte desselben Bischofs Possidius die Strafe von zehn Goldpfunden erlassen. Undankbar für so viel Güte und Milde wagte er es noch, gegen die Katholiken an den Kaiser Berufung einzulegen. Und so hat er dieses Strafgericht Gottes, über das ihr murret, durch seine gar zu große Zudringlichkeit und Maßlosigkeit über euch herabgerufen.

5. Wie ihr sehet, erhebt ihr euch mit Gewalt gegen den Frieden Christi, und so leidet ihr nicht für ihn, sondem um eurer Missetaten willen. Wie groß ist doch eure Verblendung, daß ihr trotz eures schlechten Lebens, obwohl ihr Räubertaten vollführt und mit Recht bestraft werdet, doch den Ruhm des Martyriums in Anspruch nehmt. Wenn also ihr aus eigenmächtiger Verwegenheit so gewaltsam den Menschen Zwang antut, sich entweder dem Irrtume zuzuwenden oder in ihm zu verharren, wieviel mehr müssen dann wir durch die ganz rechtmäßige Obrigkeit, die Gott gemäß seiner Verkündigung Christo untertan gemacht bat, eurer Raserei Widerstand leisten, damit bedauernswürdige Seelen von eurer Gewaltherrschaft befreit, von uralter Verblendung geheilt und an das Licht der offenbarsten Wahrheit gewöhnt werden! Denn wenn ihr auch behauptet, daß wir die Leute wider ihren Willen zwingen, so sehen es doch viele gerne, wenn man sie zwingt; auf diese Weise entgehen sie wenigstens euren Bedrückungen, wie sie uns zuvor und danach gestehen.

6. Indessen: Was ist besser, echte kaiserliche Verordnungen zum Besten der Einheit oder gefälschte Privilegien zugunsten der Spaltung anzurufen? Dieses aber habt ihr getan, und ihr habt mit eurer Lüge auf einmal ganz Afrika erfüllt. Dadurch habt ihr nichts anderes bewiesen, als daß die Partei des Donatus sich immer auf die Lüge stützt und von jedem Winde hin und her getrieben wird nach dem Worte der Schrift: "Wer auf Lügen vertraut, der führt die Winde auf die Weide" [Prov. 10, 4]. Denn genau so wahr wie jenes Privilegium sind auch die Verbrechen des Cäcilianus, des Felix von Aptunga, seines Konsekrators, Auslieferung von Büchern und Geräten und all das andere, was ihr den Katholiken nachzusagen pfleget, um bedauernswerte Leute dem Frieden der Kirche zu entfremden und selbst in unglücklicher Spaltung zu verbleiben. Wir setzen indessen kein Vertrauen auf irgendeine menschliche Gewalt, obwohl es weit ehrenvoller ist, auf die Kaiser als auf die Circumcellionen zu bauen, weit ehrenvoller, sich auf die Gesetze als auf Empörungen zu stützen. Allein wir sind eingedenk des Wortes der Heiligen Schrift: "Verflucht ist jeder, der seine Hoffnung setzt auf einen Men£chen" [Jer. 17, 5]. Wollt ihr also wissen, worauf wir unsere Hoffnung setzen, so denket an denjenigen, von dem der Prophet geweissagt hat: "Es werden ihn anbeten alle Könige der Erde, und alle Völker werden ihm dienen“ [Ps. 71, 11]. Und so machen wir von jener Gewalt der Kirche Gebrauch, die der Herr ihr verheißen und gegeben hat.

7. Denn wenn die Kaiser irrgläubig wären, was Gott verhüten wolle, so würden sie gemäß ihres Irrglaubens Gesetze gegen den wahren Glauben erlassen. Dadurch würden dann die Gerechten geprüft und gekrönt, da sie ihnen gemäß dem Verbote Gottes keine Folge leisten würden. So hatte Nahuchodonosor [Dan. 3, 1 - 18] befohlen, daß man eine goldene Bildsäule anbete, und diejenigen, die dies nicht tun wollten, waren ein Wohlgefallen Gottes, der solches verbietet. Wenn aber die Kaiser zur wahren Lehre halten, so erlassen sie Verordnungen zugunsten der Wahrheit und gegen den Irrglauben, und jeder, der sie verachtet, der zieht sich selbst die Verdammnis zu. Er zieht sich Strafe hei den Menschen zu und kann vor Gott nicht mit offener Stirn erscheinen, da er nicht tun wollte, was ihm die ewige Wahrheit selbst durch "das Herz des Königs" [Prov. 21, 1] befohlen hatte. So wurde ja auch Nabuchodonosor später durch die wunderbare Errettung der drei Jünglinge erschüttert und zu anderer Gesinnung gebracht, so daß er zugunsten der Wahrheit und gegen den Irrtum den Befehl erließ, "daß alle, die den Gott des Sidrac, Misac und Abdenago lästern würden, mit dem Tode bestraft und ihre Häuser niedergerissen werden sollten" [Dan. 3, 95 f.]. Und ihr wollt nicht, daß die christlichen Kaiser eine ähnliche Verordnung gegen euch erlassen, obwohl sie doch wissen, daß von euch aus jenen, die ihr wiedertaufet, Christus mit Schmach ausgetrieben[exsufflari] wird? Und wenn es nicht Sache der Könige ist, mit ihren Verordnungen Religion zu predigen und ihren Mißbrauch zu verhindern, warum bezeiget denn ihr selbst eure Zustimmung zu der Verordnung eines Königs, der solches geboten hat? Sicher sind euch doch folgende Worte eines Königs bekannt: "Es gefiel mir, die Zeichen und Wunder, die Gott der Herr, der Erhabene, vor meinen Augen gewirkt hat, kund zu tun, damit man erkenne, wie groß und mächtig sein Reich ist, da es ein ewiges Reich ist und seine Macht währet von Ewigkeit zu Ewigkeit" [Dan. 3, 99 f.]. Antwortet ihr nicht, wenn ihr dieses höret, "Amen", und gebet ihr nicht durch dieses Wort mit lauter Stimme bei der heiligen Feier eure Zustimmung zu dieser Verordnung des Königs? Allein da ihr jetzt bei den Kaisern ohnmächtig seid, so wollt ihr uns daraus einen Vorwurf machen, Was würdet ihr aber tun, wenn ihr irgendwie Einfluß besäßet, da ihr schon jetzt keine Ruhe gebet, da ihr doch ohnmächtig seid?

8. Ihr sollt wissen, daß eure ersten Vorsteher die Sache des Cäcilianus vor den Kaiser Konstantinus gebracht haben. Fordert von uns den Beweis hierfür, und wir werden ihn führen; gelingt er nicht, so tut mit uns, was ihr wollt. Da aber Konstantinus nicht wagte, über die Sache eines Bischofs zu urteilen, so beauftragte er Bischöfe mit der Verhandlung und Beschlußfassung. Dies geschah auch in der Stadt Rom, wobei Melchiades, der Bischof jener Stadt, über eine große Anzahl seiner Amtsbrüder den Vorsitz führte. Da diese den Cäcilianus für unschuldig erklärten und über Donatus, den Urheber des Schismas zu Karthago, das Urteil sprachen, so ging eure Partei nochmals zum Kaiser und murrte über das Gericht der Bischöfe, in dem sie unterlegen war. Wie könnte auch einer, der einen ungerechten Prozeß führt, die Richter loben, durch deren Spruch er verurteilt worden ist? Und trotzdem gab ihnen der Kaiser in übergroßer Güte nochmals andere Richter in der gallischen Stadt Arles; als eure Partei auch von ihnen an den Kaiser selbst Berufung einlegte, untersuchte dieser in eigener Person die Sache und erklärte den Cäcilianus für unschuldig, die Ankläger für Verleumder. Aber auch nachdem sie so oft unterlegen waren, gaben sie keine Ruhe, sondern verursachten dem Kaiser selbst Überdruß durch ihre täglichen Beschwerden über Felix von Aptunga, der den Cäcilianus geweiht hatte; behaupteten sie doch, er sei ein Traditor und Cäcilianus könne deshalb nicht Bischof sein, weil er von einem Traditor geweiht worden sei, bis endlich auch Felix auf kaiserlichen Befehl vor Gericht geladen, aber im Prozesse vom Prokonsul Älianus für unschuldig erklärt wurde.

9. Da erließ Konstantinus zum ersten Male ein sehr strenges Gesetz gegen die Partei des Donatus. Seine Söhne [Konstans und Konstantius] folgten ihm auf diesem Wege nach. Ihnen folgte der abtrünnige und christusfeindliche Julianus, der auf die Bitte eurer Vorsteher Rogatianus und Pontius der Partei des Donatus die Freiheit gewährte, sich zugrunde zu richten. Auch gab er zu gleicher Zeit den Ketzern die Basiliken zurück und öffnete den bösen Geistern wieder die Tempel, da er glaubte, der christliche Name könne dadurch von der Erde hinweggetilgt werden, daß er der Einheit der Kirche, von der er abgefallen war, sich feindlich zeigte und frevelhaften Spaltungen Freiheit gestattete. Das war seine preiswürdige Gerechtigkeit, die Rogatianus und Pontius in ihrer Bittschrift belobten, indem sie dem Abtrünnigen sagten, bei ihm allein finde die Gerechtigkeit noch eine Stätte. Auf ihn folgte Jovinianus, der, da er bald starb, keine Verordnungen in dieser Hinsicht erlassen hat. Es folgte Valentinianus; leset, was er gegen euch erlassen hat Dann kamen Gratianus und Theodosius; leset, wenn ihr wollt, die Bestimmungen, die sie hinsichtlich euer getroffen haben! Warum wundert ihr euch also über die Söhne des Theodosius [Honorius im Westen und Arcadius im Osten des Reiches], als ob sie in dieser Sache sich an etwas anderes hätten halten sollen als an das Urteil Kontantins, das so vielen christlichen Kaisern zur unverrückbaren Richtschnur gedient hat?

10. Vor Konstantinus aber haben, wie wir gesagt haben und wie wir euch, wenn ihr es wünschet und nicht schon ohnehin wisset, beweisen werden, eureVorfahren aus freien Stücken die Sache des Cäcilianus gebracht. Konstantinus ist gestorben, aber das von ihm gegen euch gefällte Urteil besteht zu Recht. Vor ihn haben eure Leute die Sache gebracht, vor seinem Richterstuhle haben sie sich über die bischöflichen Richter beschwert, bei ihm gegen das Urteil der Bischöfe Berufung eingelegt, ihn auf die zudringlichste Weise wegen des Felix von Aptunga belästigt, von ihm wurden sie so oftmals widerlegt und beschämt heimgeschickt, aber von ihrer verderblichen Raserei und Bitterkeit haben sie nicht abgelassen, sondern sie ihren Nachkommen als Erbstück hinterlassen. Darum macht ihr einen so unverschämten Lärm wegen der Verordnungen der christlichen Kaiser. Und doch würdet ihr, wenn es euch möglich wäre, euch mit Klagen über uns an einen Kaiser wenden, freilich nicht mehr an Konstantinus, den Beschützer der Wahrheit, sondern an Julianus, den ihr aus der Unterwelt herausrufen würdet, gleich als wäre ein ähnliches Ereignis nur für andere, nicht aber für euch, ein großes Übel. Gibt es denn einen schlimmeren Seelentod als die Freiheit des Irrtums?

III. 11. Indessen lassen wir das alles beiseite; laßt uns den Frieden lieben, da jeder Gelehrte und Ungelehrte begreift, daß er der Zwietracht vorzuziehen ist; laßt uns die Einheit lieben und bewahren! Dies befehlen die Kaiser, und Christus befiehlt es auch. Wenn die Kaiser etwas Gutes befehlen, so befiehlt kein anderer durch sie als Christus. Und er beschwört uns durch den Apostel, daß wir alle gleiche Rede führen, daß keine Spaltungen unter uns sein und wir nicht sprechen sollen: "Ich bin des Paulus, ich aber des Apollo, ich hingegen des Kephas, ich aber Christi" [1. Kor. 1, 10 - 13], sondern wir alle zusammen sollen nur Christo angehören, da weder Christus geteilt noch Paulus für uns gekreuzigt wurde, wieviel weniger also Donatus! Auch sind wir nicht im Namen des Paulus getauft worden, wieviel weniger also im Namen des Donatus! So sagen die Kaiser, weil sie katholische Christen sind, nicht Götzendiener wie euer Julianus, nicht Häretiker, wie einige waren, die die katholische Kirche verfolgt haben. Damals haben die wahren Christen nicht wie ihr wegen des Irrglaubens eine ganz gerechte Strafe, sondern für die katholische Wahrheit das ruhmvollste Leiden erduldet.

12. Merket auf, wie mit so offenbarer Wahrheit Gott selbst durch "das Herz des Königs, das in seiner Hand ist" [Prov. 21, 1], in jenem Gesetze, das nach eurer Behauptung gegen euch erlassen ist, gesprochen hat. Wenn ihr es aber richtig verstehen wollt, so ist es für euch erlassen worden. Beachtet, was die Worte des Kaisers sagen wollen: "Denn wenn bei denen, die in die Kirche aufgenommen werden, die Gültigkeit der Taufe deshalb in Frage gestellt wird, weil man ihre Ausspender für Sünder hält, so wird dieses in der Überlieferung begründete Sakrament so oft wiederholt werden müssen, als man den Ausspender der empfangenen Taufe als unwürdig erkennen wird; dann wird unser Glaube nicht von unserem freien Willen, auch nicht von der göttlichen Gnadengabe, sondern von den Verdiensten der Priester und der Beschaffenheit der Geistlichen abhängen." Mögen eure Bischöfe tausend Konzile veranstalten; nur diesen einen Einwand sollen sie widerlegen, und wir stimmen euch in allem bei, was ihr wünscht. Denn sehet, wie verkehrt und gottlos die Behauptung ist, die ihr aufzustellen pflegt: "Wenn der Mensch gut ist, so heiligt er selbst den, den er tauft; ist er aber böse und der Täufling weiß es nicht, so heiligt ihn Gott." Wenn dies wahr ist, so müssen die Leute mehr wünschen, von Bösen getauft zu werden, die sie nicht kennen, als von Guten, die sie kennen, damit sie von Gott, nicht von einem Menschen Heiligung empfangen. Fort jedoch mit solchem Unsinn! Warum sagen wir also nicht die Wahrheit, warum erkennen wir nicht das Richtige, daß nämlich die Gnade immer von Gott ist wie das Sakrament selbst, vom Menschen aber nur die sichtbare Ausspendung? Wenn nun der Mensch gut ist, so ist er mit Gott verbunden und handelt mit Gott; ist er aber böse, so vollbringt Gott durch ihn das sichtbare Zeichen des Sakraments [operator per illum deus visibilem sacramenti formam], spendet aber selbst die unsichtbare Gnade. Mögen wir alle dieser Meinung sein, und möge keine Spaltung unter uns herrschen!

IV. 13. Haltet Eintracht mit uns, Brüder! Wir lieben euch und wünschen euch, was wir uns wünschen. Wenn ihr deshalb einen so großen Haß gegen uns traget, weil wir nicht ruhig zusehen können, wie ihr irret und zugrunde gehet, so saget dies Gott, dessen Drohung gegen die schlechten Hirten wir fürchten, da er spricht: "Was verirrt war, habt ihr nicht zurückgerufen; was verloren gegangen war, habt ihr nicht aufgesucht" [Hes. 34, 4]. Gott selbst tut es an euch durch uns, wenn wir bitten, drohen, zurechtweisen, wenn euch Verluste oder Leiden treffen, wenn die Gesetze der weltlichen Obrigkeit sich auf euch beziehen. Begreifet, was an euch geschieht! Gott will nicht, daß ihr in frevelhafter Spaltung, losgetrennt von eurer Mutter, der katholischen Kirche, zugrunde gehet. Ihr habt nie irgend etwas gegen uns zu beweisen vermocht; wenn wir uns an eure Bischöfe gewandt haben, so haben sie nie in Frieden mit uns verhandeln wollen, gleich als ob sie vor einem Gespräch mit Sündern die Flucht ergreifen müßten. Ist solcher Stolz nicht unerträglich? Hat nicht auch der Apostel Paulus mit Sündern, und zwar mit sehr argen Frevlern, sich in eine Unterredung eingelassen? Leset nur die Apostelgeschichte, und ihr werdet es sehen. Hat nicht der Herr selbst mit den Juden, von denen er gekreuzigt wurde, sich öber das Gesetz besprochen und ihnen in geeigneter Weise geantwortet? Schließlich ist doch wohl der Teufel der Oberste unter allen Sündern und kann nie zur Gerechtigkeit bekehrt werden, und doch hat der Herr es nicht für unter seiner Würde gehalten, ihm hinsichtlich des Gesetzes Antwort zu geben. Ersehet daraus, daß jene deshalb mit uns sich nicht besprechen wollen, weil sie ihre Sache als verloren erkennen.

14. Wir begreifen nicht, wessen jene Menschen, die an Verleumdung und Spaltung ihre Freude haben, zu ihrer eigenen Schande sich rühmen. Aus der Heiligen Schrift lernen wir Christus, aus ihr lernen wir die Kirche kennen. Die Heilige Schrift haben wir gemeinsam; warum behalten wir nicht auch gemeinsam Christus und die Kirche? Wir haben ja den erkannt, von dem der Apostel sagt: ,,Dem Abraham sind die Verheißungen gegeben worden und dem, der aus seinem Samen ist; es heißt nicht wie von vielen 'Und denen aus seinem Samen', sondern wie von einem 'Und dem aus seinem Samen', der Christus ist" [Gal. 3, 16]. Und dort haben wir auch die Kirche erkannt, über die Gott zu Abraham spricht: "In deinem Samen werden alle Völker gesegnet wer,den" [Gen. 22, 18]. Wo wir Christus erkannten, der im Psalme von sich weissagt: "Der Herr sprach zu mir: Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt" [Ps. 2, 7], da erkannten wir auch die Kirche aus dem, was folgt: "Fordere von mir, und ich will dir geben die Völker zu deinem Erbe und als Besitztum die Grenzen der Erde" [Ps. 2, 8]. Wo wir Christus erkannten aus der Schriftstelle: "Der Herr, der Gott der Götter hat gesprochen" [Ps. 49, 1] , da erkannten wir auch die Kirche, weil sogleich folgt: "Und er hat die Erde berufen vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang [Ps. 49, 1]. In dem Wort der Schrift: " Wie ein Bräutigam geht er aus seinem Gemache hervor und frohlockt wie ein Riese, seinen Weg zu vollenden [Ps. 18, 6] erkannten wir Christus, und die Kirche erkannten wir aus dem was kurz vorher gesagt war: Über die ganze Erde erging ihr Schall und bis an die Grenzen der Erde ihre Rede. In der Sonne hat er sein Zelt aufgeschlagen [Ps. 18, 5 f.]. Die Kirche hat in der Sonne ihren Sitz, das heißt sie offenbart sich eirer in einer für alle erkennbaren Weise bis an die Grenzen der Erde. Wenn wir Christus erkannten in dem Worte der Schrift: "Sie haben meine Hände und Füße durchbohrt, sie haben alle meine Gebeine getählt, mich ngeschaut und betrachtet, sie haben meine Kleider unter sich geteilz und über mein Obergewand das Los geworfen " [Ps. 21, 17 - 19], so fanden wir die Kirche in dem, was bald darauf folgt: "Es werden sich erinnern und zum Herrn bekehren alle Grenzen der Erde, anbeten werden vor ihm die Heidenländer; denn des Herrn ist das Reich, und er wird die Völker beherrschen [Ps. 21, 28 f.] Wenn wir Christus erkannten aus der Stelle: "Erhebe Dich, o Gott, über die Himmel [Ps. 56, 6], so erkannten wir die Kirche aus dem, was folgt: "Und über die ganze Erde erhebe sich Deine Herrlichkeit" [Ps. 56, 6]. Wenn wir Christus erkannten aus der Schriftstelle:" Gib, o Gott, Dein Gericht dem Könige und Deine Gerechtigkeit dem Königssohne" [Ps. 71, 2], so erkannten wir die Kirche aus dem, was von ihm in demselben Psalme gesagt wird: " Und er wird herrschen von Meer zu Meer, vom Flusse bis an die Grenzen der Erde. Es werden die Athiopier vor ihm niederfallen, und seine Feinde werden Staub lecken. Die Könige von Tharsis und die Inseln werden Geschenke bringen, die Könige von Arabien und Saba werden Gaben opfern. Es werden ihn anbeten alle Könige der Erde, alle Völker werden ihm dienen" [Ps. 71, 8 - 11].

15. Wenn wir Christus erkannten, wo geschrieben steht, daß ein Stein, der ohne Menschenhände sich vom Berge losgelöst, alle Reiche der Erde zerschmettert habe, das heißt alle jene Reiche, die sich auf den Götzendienst gründeten [Dan. 2, 34 f], so erkannten wir dort auch die Kirche aus den Worten, dieser Stein habe zugenommen, sei zu einem großen Berge geworden und habe die ganze Erde ausgefüllt. Wenn wir Christus erkannten aus der Schriftstelle: "Der Herr wird stärker als sie sein und alle Götter der Erdenvölker vertilgen" [Zeph. 2, 11], so erkannten wir die Kirche aus dem, was darauf folgt: "Und ihn werden anbeten alle von ihrem Orte aus, alle Inseln der Heiden" [Zeph. 2, 11]. Wenn wir Christus erkannten aus der Schriftstelle: "Gott kommt von Süden her und der Heilige vom beschatteten Berge; seine Herrlichkeit wird die Himmel bedecken" [Hab. 3, 3], so haben wir die Kirche erkannt aus dem, was folgt: "Und seines Lobes ist die Erde voll" [Hab. 3, 3]. Von Afrika aus liegt Jerusalem nämlich gegen Süden, wie im Buche des Jesus Nave zu lesen ist, und von dorther wurde der Name Christi verbreitet; dort befindet sich auch der beschattete Berg, nämlich der Ölberg, von dem aus Christus in den Himmel aufgefahren ist, so daß seine Herrlichkeit die Himmel bedeckte und die Kirche auf der ganzen Erde mit seinem Lobe erfüllt wurde. Wenn wir Christus erkannt haben aus der Stelle: "Wie ein Schaf ist er zur Schlachtbank geführt worden, und wie ein Lamm, das vor dem verstummt, der es schert, so tat er seinen Mund nicht auf" [Jes. 53, 7], und aus dem übrigen, was dort von seinen Leiden gesagt ist, so haben wir die Kirche daraus erkannt, daß es auch heißt: "Freue dich, Unfruchtbare, die du nicht gebärst, jauchze und frohlocke, die du keine Kinder hast; denn viele Kinder hat die Verlassene, mehr als die, die einen Mann besitzt. Denn es spricht der Herr: Erweitere den Raum deiner Hütte und dehne aus deiner Zelte Fell und spare nicht; mache lang deine Seile und deine Pflöcke stecke fest; breite dich immer mehr aus zur Rechten und zur Linken. Dein Same wird die Völker erben und du wirst Städte bewohnen, die verlassen waren Du sollst dich nicht fürchten, denn du wirst siegen; erröte nicht, weil du in Schmach gewesen. Denn deiner Schande sollst du in Ewigkeit vergessen, der Schmach deiner Witwenschaft sollst du nicht mehr eingedenk sein. Denn ich bin der Herr, der dich gemacht hat; Herr ist mein Name. Der dich errettet, der Gott Israels, wird Gott der ganzen Erde genannt werden" [Jes. 54, 1 - 5].

V. 16. Wir verstehen nicht, was ihr hinsichtlich der Traditoren behauptet, die ihr niemals überführen, denen ihr nie etwas nachweisen konntet. Ich will nicht davon reden, daß vielmehr eure Leute offenbar dieses Verbrechens für schuldig erfunden wurden und es auch eingestanden haben. Was geht uns die Last an, die ein anderer sich aufgeladen hat? Freilich wo es möglich ist möchten wir solche auf bessere W'ege bringen, durch Zurechtweisung oder irgendein anderes Mittel im Geiste der Sanftmut und mit der Sorgfalt der Liebe.Wo dies aber nicht möglich ist, da wollen wir, auch wenn die Notwendigkeit es erfordert, daß sie zum Heile der übrigen an den heiligen Sakramenten mit uns teilnehmen doch an ihren Sünden keinen Anteil haben. Dies geschieht aber nur, wenn man zu ihnen sein Einverständnis gibt und sie begünstigt. Wir dulden sie also so in dieser Welt, die der Herr seinen Acker nennt und auf der die katholische Kirche bei allen Völkern verbreitet ist, wie man etwa das Unkraut unter dem Weizen oder die mit Getreide auf der Tenne der Einheit vermischte Spreu oder die in dem Netze des Wortes und des Sakramentes zugleich mit den guten Fischen eingeschlossenen schlechten Fische bis zur Zeit der Ernte, der Säuberung der Tenne oder der am Ufer zu vollziehenden Entleerung des Netzes duldet. Wir könnten sonst um ihretwillen auch den Weizen ausreißen oder gute Körner vor der Zeit aus der Tenne entfernen und so nicht dasjenige reinigen, was in die Scheune gebracht werden soll sondern es den Vögeln zum Fraße vorwerfen; wir könnten durch Spaltungen das Netz zerreißen und so im Bestreben, uns der schlechten Fische zu entledigen, in das Meer einer gefährlichen Zügellosigkeit hinaustreiben. Darum hat der Herr durch diese und ähnliche Gleichnisse die Duldsamkeit seiner Diener bestätigt, damit sie nicht in der Meinung, es könnten die Guten durch die Vermischung mit den Bösen sich eine Schuld zuziehen, aus menschlichen Rücksichten und unzulänglichen Gründen Spaltungen veranlassen, infolge deren die Schwachen zugrunde gehen oder zugrunde gerichtet werden. Wie sehr dies zu vermeiden ist, hat der göttliche Meister schon im voraus gezeigt, indem er das Volk hinsichtlich schlechter Vorgesetzter beruhigte und mahnte, daß niemand um ihretwillen sich vom Lehrstuhle des wahren Glaubens abwenden solle, weil er auch die Bösen zu guter Lehre zwingt. Denn nicht ihr Eigentum ist es. was sie aussprechen, sondern Gottes Wort, der die Lehre der Wahrheit an den Lehrstuhl der Einheit gehunden hat [qui in cathedra unitatis doctrinam posuit veritatis]. Darum sagt jener Wahrhafte, der die Wahrheit selbst ist, von den Vorgesetzten, die das ihnen eigene Böse tun und das von Gott stammende Gute aussprechen: "Was sie sagen, tuet; was sie aber tun, das tuet nicht; denn sie sagen nur, tun aber nicht" [Matth. 23, 3]. Er würde nicht sagen: "Was sie tun, das tuet acht", wenn es nicht offenbar Böses wäre, was sie tun.

17. Laßt uns also nicht wegen der Bösen in böser Spaltung zugrunde gehen! Zwar könnten wir, wenn ihr es wünschet, beweisen, daß eure Vorfahren nicht die Bösen vertrieben, sondern Unschuldige angeklagt haben; allein wer immer und wie immer sie gewesen sein mögen, mögen sie ihre eigene Last tragen! Sehet, die Heilige Schrift ist uns gemeinsam; sehet, aus ihr erkennen wir Christus, aus ihr auch die Kirche! Wenn ihr an Christus selbst festhaltet, warum nicht auch an der Kirche? Wenn ihr an Christus, von dem ihr leset, den ihr aber nicht sehet, wegen der Wahrhaftigkeit der heiligen Schriften glaubet, warum leugnet ihr die Kirche, von der ihr leset und die ihr sehet. Weil wir euch dieses sagen und die Vorteile des Friedens, der Einheit und der Liebe euch aufdrängen, darum bin ich euch als Feind hingestellt worden. Ihr erkläret, mich töten zu wollen, ob wohl ich euch nur die Wahrheit sage und so viel an mir liegt, nicht gestatten will, daß ihr zugrunde gehet. Gott räche uns an euch und töte in euch den Irrtum, auf daß ihr mit uns euch an der Wahrheit freuet!


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski SS 1999