Lösung zu Übung 7:

AUFGABEN:

1. Identifizieren sie das im folgenden dargebotene Musikstück aufgrund Ihrer jetzt vorhandenen Kenntnisse nach mutmaßlicher Entsehungszeit und sprachlicher Aussage, welcher der nachfolgend gedruckt wiedergegebene Text weitgehend - allerdings nicht vollständig - entspricht.

2. Welche musikalische Form beobachten Sie, und in welchem Verhältnis steht diese zu dem in seiner Epoche auch politisch außerordentlich bedeutungsvollen, öffentlich verkündeten Inhalt?

3. Wo bemerken Sie Unterschiede zwischen dem gesungenen und dem abgedruckt wiedergegebenen Text? Worauf mögen diese nach Ihrer Einschätzung zurückzuführen sein?


Zu 1.:

Die Beantwortung der gestellten Aufgabenist an dieser Stelle nur in knapper Form möglich. Auf die Literatur-, Medien- und Quellenhinweise dieses Kapitels und des Allgemeinen Vereichnisses zu diesem Skript sei deshalb ausdrücklich hingewiesen.

Es handelt sich um das gesungene christliche Glaubensbekenntnis in der 'nikäno-konstantinopolitanischen' Form d. J. 386 n. Chr., dem eine dogmatische Ergänzung betreffend den Heiligen Geist ("qui ex patre filioque procedit") hinzugefügt ist. Diese geht auf den Kirchenvater Augustinus zurück, wurde zunächst nur in der Kirche Nordafrikas und Spaniens üblich und vom Papst in Rom erst etwa im 10 Jhr. als regulärer Teil des Glaubensbekenntnisses akzeptiert. Der gesungene Text des Glaubensbekenntnisses ist also dre Zeit nach dem 10. Jht. n. Chr. zuzuordnen

Das christliche Glaubensbekenntnis ist als Bestandteil der kirchlichen Liturgie in gesungener Form im byzantinischen und im spanischen Bereich seit dem 6. Jht. bekundet; ob und wie es dort und evtl. auch in anderen Bereichen der Kirche gesungen wurde, ist nicht bekannt. Bei der vorliegenden musikalischen Form, dem sog. 'Credo III', handelt es sich um einen kunstvollen chorischen Wechselgesang (Antiphone), der dem Hochmittelalter zugerechnet wird. Ihm gingen ältere Versionen ('Credo I' und 'Credo II') voran, die dem Hg. nicht als Audio-Dateien vorliegen.

Zu 2.:

An der hier präsentierten musikalischen Version fällt trotz ihrer hochmittelalterlichen Entstehungszeit ein charakteristischer Zug der auf die Antike zurückgehenden älteren christlichen Gattungen der Kirchenmusiktradition, hier des 'cantus firmus' auf: die Abwesenheit von Instrumenten und Mehrstimmigkeit, d. h. die rein dienende Funktion der Melodie gegenüber dem mit der menschlichen Stimme vorgetragenen göttlichen oder kirchlichen Wort. Für das Glaubensbekenntnis als 'prosaischen' Text ist ferner die Abwesenheit eines Versmaßes festzustellen, wie es in der chorisch vorgetragenen Musik - auch in der religiösen - der nicht-christlichen Antike üblich ist. Dennoch ist die Melodie 'mensuriert'. d. h. nach kompositorischem Plan in ihren Metren vorherbestimmt. Sie ist zwar sprachnah metrisiert, aber insoweit nicht völlig ungestaltet-spontan. Vielmehr macht sie in dem Wechsel von 'syllabischem' (ein Ton pro Silbe) und 'melismischem' (mehrere Töne pro Silbe) Singen, im Wechsel von längeren und kurzen Tönen, von bewußter Akzentuierung und fließendem Vortrag einen ruhigen und wohlabgewogen-gleichmäßigen Eindruck. Die Tonart entspricht dem heutigen 'Dur'. In der Terminologie der mittelalterlichen Kirchentonarten wurde sie, soweit ersichtlich, als 'tritus plagalis', später auch - in verändernder Anknüpfung an die antike Terminologie der Tonleitern (in der das heutige 'Dur' der 'lydischen'Tonleiter entspricht) - als 'hypolydisch' bezeichnet. Ähnlich wie in der Antike wurden auch den mittelalterlichen Tonarten besondere psychische Wirkungen zugeschrieben; die von dieser Tonart ausgehende kann als 'fest, freudig und zuversichtlich' beschrieben werden und dürfte auch in früheren Zeiten so gewirkt haben.

Mit all diesen Eigenschaften ist die musikalische Form dem geistlichen Inhalt und der liturgisch zentralen Bedeutung des Glaubensbekenntnisses planmäßig und wirksam angepaßt. Selbst wenn man bei der in der Audio-Datei präsentierten Vortragsweise eine moderne, relativ freie Form der Interpretation der überlieferten Notation in Rechnung zu stellen hat (Vortrag durch die Choralschola der Bebediktiner-Abtei Münsterschwarzach unter Leitung von P. Godehard Joppich, aufgenommen im Jan. 1979), so scheint es doch im Rahmen des Möglichen, ähnliche Formen der Darbietung auch für frühere Epochen anzunehmen. Das gilt insbesondere etwa auch für Akzentuierungentheologisch zentraler Worte oder für emotionale Ausdrucksverstärkungen wie der im abschließenden 'Amen'.

Der christliche Gottesdienst ist seit dem Altertum nicht nur und nicht primär private Verrichtung, sondern vielmehr 'öffentliche Verkündigung'. In besonderer Weise ist er dies seit der in der Spätantike stattfindenden engen Verbindung von römischer Staatlichkeit und christlich-'rechtgläubiger' Religion. Seit dem Jahre 380 n. Chr. ist es rechtsverbindlich erklärter Wille des römischen Kaisers, dem durch die ökumenischen Konzilien als richtig festgestellten christlichen Glauben im römischen Reiche auch mit politschen und rechtlichen Mitteln ausschließliche religiöse Geltung zu verschaffen (Cod. Iust. 1, 1, 1). Die Verkündung des richtig bekannten christlichen Glaubens ist damit nicht nur ein kirchliches, sondern auch ein politisches, nämlich staatsreligiöses Anliegen. Nicht umsonst wird christlicher Gottesdienst seit dieser Zeit nicht primär in synagogen- oder tempelähnlichen, sondern in rathausähnlichen Gebäuden ('Basiliken') verkündet. Als ein zentraler Ort des öffentlichen Lebens ist die Kirche so auch eine Einrichtung einer 'öffentlichen Meinungsbildung', allerdings in einem antiken oder mittelalterlichen 'vormodernen' Sinne, in dem die 'Predigt' als eher einseitige Form der Kommunikation und der liturgisch-zeremonielle Rahmen der Mitwirkung der Gemeinde ihre primär zwar religiösen, aber immer auch, zumindest indirket, auf die gesellschaftliche Praxis und Ordnung bezogenen Funktionen haben.

Zu 3.:

Neben dem oben zu 1. schon erwähnten, in Spätantike und Mittelalter theologisch lange Zeit umstrittenen Zusatz 'filioque', gibt es andere kleinere Veränderungen des gesungenen lateinisch-sprachigen Textes gegenüber dem dokumentierten Text des 'Nicaeno-Constantinopolitanum' d. J. 381n. Chr.:'credo' statt 'credimus'; 'et ex Patre natum' statt 'qui de Patre genitus est'; 'descendit de coelis' statt 'descendit'; 'homo factus est' statt 'inhumanatus est'; 'crucifixus est etiam pro nobis' statt 'crucifixus est pro nobis'; 'passus et sepultus est' statt 'sepultus est'; in unam sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam' statt 'in unam catholicam et opostolicam ecclesiam'; einige weitere. Sie haben teils nur klarstellende Bedeutung, teilweise verändern sie aber auch durch Gewichtung die theologische Aussage etwas; sie weisen auf einen bis zum Spätmittelalter, der Zeit der Entstehung des 'Credo III' in ständigem Fluß,befindlichen theologischen Diskussionsprozeß über das Glaubensbekenntnis hin, der an dieser Stelle aber nicht der Klarstellung im einzelnen bedarf.


 

LV Gizewski SS 1999

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)