Kap. 2: Archaisches Stammes- und Stadtrecht im mittleren Italien des frühen ersten Jahrtausends v. Chr.

ÜBERSICHT:

1. Die Beleuchtung der polyethnischen Traditionen im Italien seit dem frühen 1. Jahrtausend: die Überlagerung altitalischer, italisch-indogermanischer, etruskischer, griechischer, punischer und schließlich keltischer Traditionen dort.

2. Institutionelle Parallelentwicklungen in Rom und anderen Völkerschaften Italiens seit dem frühen ersten Jahrtausend.

3. Die literarisch überlieferte rechtsgeschichtliche Legendenbildung für Rom im Lichte der quellenmäßig faßbaren institutionellen Entwicklung einer frühen römischen Stadtvolks- und Amtsverfassung (1)

4. Literatur, Medien, Quellen.

1. Die Beleuchtung der polyethnischen Traditionen im Italien des frühen 1. Jts.: die Überlagerung altitalischer, italisch-indogermanischer, etruskischer, griechischer, punischer und schließlich keltischer Traditionen dort.

a) Die Zugehörigkeit der Völkerschaften des archaisch-antiken Italien zu unterschiedlichen Sprachkreisen.

Die vorgeschichtlichen Verhältnisse in Italien in der späten Bronzezeit.

Karte entnommen aus: Putzger. Historischer Weltatlas, Cornelsen-Verlag Berlin 1991101 , S. 4.

Die Völker Altitaliens im 5. Jht. v. Chr.

Karte entnommen aus: Großer historischer Weltatlas, bearb. von H. Bengtson u. a., 3 Bde, Bayerischer Schulbuchverlag, München 1972 (Bd. 1: Vorgeschichte und Altertum), S. 33.

Sprachlich lassen sich, seit es etwa vom 8. Jht. v. Chr. an eine vom phönizisch-griechischen Schriftkreis geprägte alphabetschschriftliche Überlieferung in Italien und auf den ihm vorgelagerten Inseln (Sizilien, Sardinien und Korsika) gibt, ertruskische, rätische, ligurische, italische, illyrisch-venetische, griechische und punische Sprachformen in überlieferten Inschriften und (späteren) Texten unterscheiden.

Rätische, ligurische und evtl. weitere Sprachformen werden als 'altmediterran', also schon vor den spätbronzezeitlichen Wanderungen in Italien bestehend, aber durch die Wanderungsbewegungen der späten Bronzezeit auf kleinere Räume (Ligurien, rätisches Nordostialien) und insulare Lagen (Korsika, Sardinien, westliches Sizilien) reduziert eingeschätzt.

Beim Etruskischen ist noch nicht geklärt, ob es sich um eine einheimisch-altmediterrane Sprache oder um eine solche altmediterraner Zuwanderer aus dem östlichen Mittelmeerraum handelt, die sich in der späten Bronzezeit an mehreren Stellen (Etrurien, Kampanien) des mittleren Italien niederließen und später in den größten Teil der östlichen Po-Ebene hinein verbreiteten.

Unter den indogermanischen Sprachformen Italiens werden unterschieden eine latino-faliskische Gruppe, die einer ersten Einwanderungswelle nach Nordmittelitalien zugrechnet wird und zu der entwicklungsgeschichtlich auch das Lateinische gehört, und eine umbro-sabellische, die mit einer zweiten Zuwanderungswelle in Zusammenhang gebracht wird und sich in Ostmittelitalien, im innerem Süditalien und in einem Teil Siziliens findet. Die Völkerschaften beider Gruppen werden als 'Italiker' zusammengefaßt. Ihre Herkunft wird am Ostrand der Alpen und im Bereich der ungarischen Tiefebene vermutet - außerhalb des (indogermanischen) Keltischen und des (indogermanischen) Illyrischen als indogermanische Sprachgruppe eigener Art.

Auf eine aus dem Illyrikum kommende Einwanderung dortiger indogermanisch-sprachiger Völkerschaften im Verlaufe der späteren Bronzezeit ist ein illyrisches Sprachgebiet (der Veneter) im heutigen italienischen Venetien und am östlichen Küstenrand Süditaliens (Iapyger und Mesapier) zurückzuführen.

Eine Folge der griechischen Kolonisation des 8. bis 4. Jhts. v. Chr.in Italien und näherer Umgebung ist eine Reihe von Küstenstädten im südlichen Italien (von Tarent bis Neapel und ursprünglich Cumae) sowie an der ligurischen Küste (von Nizza bis Marseille).

Phönizische Sprachgebiete gibt es aufgrund der phönizischen Kolonisation am Westrande Siziliens, im Küstengebiet Sardiniens und Korsikas bis zur römischen Provinzialisierung dieser Inseln seit dem Ende des 1. punischen Krieges (241 v. Chr.).

Seit etwa 400 v. Chr. gibt es eine keltische Einwanderung in die Po-Ebene Norditaliens, durch welche einerseits die Räter Norditaliens in die alpinen Regionen und die Etrusker der Po-Ebene nach Süden abgedrängt oder unterworfen werden.

b) Ursprünglicher ethnischer und kultureller Charakter der Völkerschaften Italiens.

Die verschiedenen Völkerschaften Italiens sind außer durch ihre Sprache auch durch andere teilweise deutlich unterscheidbare kulturelle Ausgangsbedingungen geprägt, deren Wirkungen sich in Italien auf unterschiedliche Weise überlagern, wie z. B. in den Bereichen der süditalischen Küste (griechisch-italisch-illyrischer Einfluß), Siziliens (griechisch-italisch-punisch- elymäischer Einfluß), Kampaniens (griechisch-italisch-etrskischer Einfluß),Latiums (italisch-etruskischer Einfluß) oder Liguriens (griechisch-ligurisch-keltischer Einfluß.

Kopf der 'kapitolinischen Wölfin', etruskische Arbeit, Ende 6. Jht. v. Chr. (Bronze)

Standort in antik-römischer Zeit: Kapitolshügel in Rom, heute: Konservatorenpalast Rom. Photo entnommen aus: Filippo Coarelli, Rom. Ein archäologischer Führer, übersetzt von Agnes Allroggen-Bedel, Freiburg, Basel, Wien 1980, S. 39.

Rom und die etruskische Stadt Cosa im Vergleich.

Karte entnommen aus: Großer historischer Weltatlas, bearb. von H. Bengtson u. a., 3 Bde, Bayerischer Schulbuchverlag, München 1972 (Bd. 1: Vorgeschichte und Altertum), S. 33.

Phönizische Kolonien im westlichen Mittelmeerbereich.

Abbildungen entnommen aus: Sabatino Moscati , Mario Andreose (Hg.), Die Phönizier, dt. Übersetzung: Doris und Hans-Georg Niemeyer, Hamburg 1988, S. 48 und 51 f.

Zwei griechische Kolonien, die römisch kolonisierte, ursprünglich etruskische Stadt Cosa und Karthago im Vergleich.

Der große Atlas Weltgeschichte, hg. von E. Stier u. a., Westermann-Verlag, Sonderausgabe München 1990 (Neiauflage Braunschweig 1997), S. 21.

Die keltischen Oppida im mitteleuropäischen Bereich.

Karte entnommen aus: Großer historischer Weltatlas, bearb. von H. Bengtson u. a., 3 Bde, Bayerischer Schulbuchverlag, München 1972 (Bd. 1: Vorgeschichte und Altertum), S. 10.

c) Schriftkultur und exemplarische Schriftzeugnisse aus verschiendene Völkerschaften des archaisch-antiken Italien.

In den stadtbasierten, markthandeltreibenden Völkerschaften Italiens ist der durch die Phönizier in den Mittelmeerraum eingeführte, von den griechischen Kolonisatoren aufgenommene Gebrauch der Alphabetschrift üblich und verbreitet sich auf Etrsuker, Latiner, andere Italiker und italische Völkerschaften, einschließlich der Räter des alpinen Raums, von wo sogar ein Dliffusionseffekt nach Norden ausgeht, als dessen Folge u. a. die spätere germanische Runenschrift anzusehen ist.

Die phönizische und die griechischen Formen Alphabetschrift ähneln sich in den verwendeten Schrifttypen in der Frühphase der mittelmeerischen Verbreitung stark. Doch ist der Lautwert einzelner Zeichen hin und wieder unterschiedlich. Das gilt vor allem für die in den griechischen Alphabetformen verwendeten Vokal-Zeichen (a, e, i, o, u/y), die in der phönizischen Schrift für Halbvolkale oder Konsonanten stehen, weil in der semitischen Schriftsprachtradition dieser frühen Zeita aufgrund des Sprachbaus besondere Vokalzeichen als entbehrlich erscheinen. Bei den Völkern des engeren Italien findet nur die griechische Art einer vokalkennzeichnenden Alphabetschrift Anwendung. Auch die Etrusker, die Ligurer, die Räter und die später hinzugekommenen Kelten übernehmen diese Art der Alphabetschrift. Die frühesten Inschriften in Italien sind auf das 8. Jht. v. Chr. zu datieren; erst seither gibt es schriftsprachliches Quellen-Material als Grundlage allgemeinhistorischer Aussagen ebenso wie linguistisch-sprachgeschichtlicher Klassifizierungen.

Der phönizische Schriftkulturkreis und die alitalischen Schriften.

Abb. entnommen aus: Harald Haarmann, Universalgeschichte der Schrift, Frankfurt, New York 1990, S. 287 und 453.

Im folgenden werden einige anschauliche Beispiele der frühen Schriftentwicklung im Italien des ersten vorchristlichen Jahrtausends anhand kleinerer philologisch-archäologisch erschlossener und wissenschaftlich edierter Texte aus dem etruskischen, lukanischen, oskischen und römischen Bereich gegeben. Sie zeigen neben der Unterschiedlichkeit der Sprachen auch die der Schriftgestaltung, die sich im Laufe der Zeit ausprägt. Dazu gehört zum Beispiel auch die Schrifrichtung, die einmal nach rechts, einmal nach links geht und manchmal zeilenweise wechselt. Die hier wiedergegebenen Datierungen und Deutungen der Inschriften beruhen im wesentlichen auf den Ausführungen von Alessando Morandi, Epigraphia Italica, Rom 1982, S.31-35, 48 - 50, 130 - 134 139 f.

Inschrift der Goldtafel von Pyrgi (etruskisch und punisch; Anfang 5. Jht. v. Chr.).

Wiedergegeben und kommentiert in: Alessando Morandi, Epigraphia Italica, Rom 1982, S.31-35.

Die Inschrift der 'Goldtafel von Pyrgi (Anfang 5. Jht. ) ist eine 'Bilingue': die Tafel enthält auf der einen Seite einen in Sprache und Schrift etruskischen, auf der anderen einen inhaltlich korespondierenden, in Sprache und Schrift punischen Text. sie hat wesentlich zur Entzifferung und zu einer partiellen sprachlichen Erschließung des Etruskischen in Wortschatz und Grammatik beigetragen, die allerdings bis heute immer noch nicht in vollem Umfang gelungen ist. Das Nebeneinander dieser Sprachen auf einer Inschrift, die sich ihrem Inhalt nach in einem Tempel in Caere, einer etruskischen Stadt nicht weit von Rom entfernt, in einem Gebetsraum für eine Göttin befunden haben muß, die zugleich als nach etruskischer Weise als 'Uni' (> Juno) und nach phönizischer als 'Astarte' verehrt wird, zeigt ein enges Miteinnander nicht nur verschiedener Schrift- und Sprach-, sondern auch Religionstraditionen in dem Gebiet, dem teilweise auch Rom aufgrund des langen etruskischen Einflusses dort kulturell zuzurechnen ist. Die Texte der beiden Tafelinschriften lauten - mit geringen, allerdings wohl verfassungsgeschichtlich aufschlußreichen Differenzen - nach Morandi ungefähr so:

Wortgeschichtlich interessant sind die etruskischen Worte 'tmia' (> griech. 'temenos', lat. 'templum'), 'uni' und 'astres' (in 'unial-astres', > 'Juno' und 'Astarte'), 'sal' (> evtl. 'Salii'), 'thefarie' (>'Tiberius'), 'vate' (in 'vateche', > 'vates'). Sie illustrieren den vom Etruskischen ausgehenden Lehnworteinfluß auf das Lateinische. Von den punischsprachigen Worten sei nur die Wendung 'MLK L KJSRJ' (König über Caere) erwähnt. Sie übersetzt die etruskische Herscherbezeichnung 'sal' mit 'melek' (König), obschon der legitime 'König' in einer etruskischen Stadt üblicherweise 'lukumo' heißt. Hier könnte ein Hinweis auf Herrschaftskonflikte bzw. Traditionsprobleme im Caere dieser Zeit vorliegen: der dortige Herrscher könnte den Charakter eines nicht tradtitionsentsprechend voll legitimierten Gewalthabers (in der Art eines in manchen griechischen Poleis der damaligen Zeit üblichen. 'tyrannos' gehabt haben.

Inschrift von Rossano di Vaglio (lukanisch, in griechischer Schrift, 4. Jht. v. Chr.).

Wiedergegeben und kommentiert in: Alessando Morandi, Epigraphia Italica, Rom 1982, S. 139 f..

Die Inschrift von Rossano di Vaglio (4. Jht. v. Chr.) enthält einen lukanisch-sprachigen Text in griechischer Schrift. Dies zeigt die kulturelle Nachbarschaft des lukanischen Gebietes zu den griechischen Küstenstädten Süditaliens an. Sie lautet übersetzt etwa so:

Wortgeschichtlich interessant sind u. a. die Worte: 'kensortatei' (>lat. 'censura'), 'pomfok' (>'quinqu[ennis; diese Ergänzung ist nich ganz klar]'), 'segono' (> 'signa'), 'aizono' (>'ahenea'), 'rego' (>'regum'), 'profated' (>'probavit'), 'kosit' (>'constat'). Sie belegen die Sprachverwandtschaft des Lukanischen mit dem Lateinischen, auch was lange Zeit vor dem römischen Ausgreifen nach Unteritalien ähnliche Begriffe der politischen Sphäre betrifft.

Inschrift des 'Cippus Avellanus' (oskisch, etwa 3. Jht. v. Chr.).

Wiedergegeben und kommentiert in: Leopold Wenger, Zum Cippus Abellanus, Sitzungsberichte der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Philolog-philosoph. und historische Klasse, Jg. 1915, 10. Abh., München 1915, und: Alessando Morandi, Epigraphia Italica, Rom 1982, S. 130 - 134.

Die nach Sprache und Schrift oskische Inschrift des 'Cippus Avellinus' ('Stein von Avella', aus dem 3., vielleicht auch schon 2. Jht. v. Chr.) enthält eine vertragliche Vereinbarung zwischen den beiden Stadtgemeinden Nola und Avella über einen auf der gemeinsamen Grenze gelegenen Herakles-Tempel und dessen gemeinsame Verwaltung und Nutzung. Diese Textquelle ist schon den späteren Jahrhunderten des 1. Jahrtausends zuzurechnen ist und liegt schon nach dem letzten Samnitenkrieg (298 - 290 v. Chr.), der zu einer Auflösung des Samnitenbundes und einer entweder direkten Unterstellung eines großen Teils des samnitischen Gebietes unter römische Herrschaft oder zu einer Klientel-Stellung der formell in der Verfassung unabhängiger Bundesgenossen Roms belassenen Stadtgemeinden des früheren Samnitenbundes führt. Trotz der politischen Abhängigkeit der beiden vertragschließenden Gemeinden, die vormals auch zum Samniutenbunde gehörten, ist die Amtssprache des Dokuments oskisch, und es ist im Text auch ein Fortbestand alter politischer Institutionen - wie des 'meddix'- Amtes in Nola oder der ihrer Bedeutung nach nicht ganz klaren, in Rom nicht bekannten Funktion eines bestellten 'sverrunei'-Beamten, wohl eines Richters, in Avella - erkennbar.

Der Text lautet übersetzt ungefähr:

"A. Von Maius Vestricius, Sohn des Maius Sir, bestelltem Richter und Quaestor in Abella, und Maius Luvcius, Sohn des Maius Puclatus, Meddix degestasius in Nola sowie von den Abgesandten aus Abella und denen aus Nola, welche von ihrem jeweiligen Senat bevollmächtigt wurden, ist folgender Vertrag geschlossen worden:
Der Tempel der Herakles, der an der Grenze (zwischen beiden Gemeinden) liegt, und das Gelände um diesen Tempel herum, das zwischen den Gemeindegrenzen abgemarkt ist - und zwar aufgrund eines gemeinsamen Beschlusses, wonach Tempel und Tempelgrundstück in einem gemeinsamen Gebiet liegen und gemeinsamer Nutzung zugänglich sein sollen - werden künftig von beiden Gemeinden genutzt.[Weitere Textfragmente nicht übersetzbar; es besteht eine größere Textlücke. Sinn evtl.: Nolaner und Abellaner können das Gelände in einer dem Tempel angemessenen Weise religiös-kultisch benutzen].
B. Ebenso können sie auf dem Gelände gegebenenfalls Bauwerke errichten, und zwar auf der abgemarkten tempelzugehörigen Fläche, aber außerhalb der Umgebungsmauern des Herakles-Tempels selbst, beiderseits der dort befindlichen Straße, vor den jeweiligen Grenzlinien [zwischen Tempelbezirk und den beiden Gemeinden] mit Genehmigung des jeweils zuständigen Senats. Ein Gebäude, das die Nolaner bauen, dürfen die Nolaner auch [allein] nutzen, und ebenso dürfen die Abellaner ein von ihnen errichtetes Gebäude ausschließlich nutzen. Aber innerhalb der Umfassungsmauern des Heiligtums dürfen weder die Abellaner noch die Nolaner irgendetwas bauen. Das Schatzhaus, das innerhalb des dieses [engeren] Tempelbereichs liegt, dürfen beide Seiten nur nach einem gemeinsamen Beschluß öffnen. Alles, was irgenwann einmal in diesem Schatzhaus gelagert sein wird, gehört beiden Seiten zu gleichen Teilen. Ferner dient zwischen dem Gebiet der Nolaner einerseits und dem der Abellaner andererseits die Straße überall als gemeinsame Grenze. Die Grenzsteine stehen in ihrer Mitte."

Sprachgeschichtlich interessant sind u. a. die Worte: 'propuked sverrunei' (> lat. ungefähr 'pro pacto arbitro'], kvaisturei (> lat. 'quaestore') 'medikei deketasui' (> lat. etwa 'meddice degetasio'), 'ligatuis' (lat. 'legatis'), senatuis tonginud (> lat. 'ex senatus sententia' oder 'tongitione'), 'saraklud' (> lat. 'sacrum' ), 'terum munikud' (> lat. 'terra communis'). 'thesavrei pukapid' (> lat. thesauri quidquid'), 'eisai viai mefiai teremenniu staiet' (lat. 'ista via media termina stant'). Sie zeigen einerseits eine - wenn auch äußerlich nicht immer leicht erkennbare - archaisch-italische Sprachverwandtschaft deutlich an und lassen auch in der politisch-religiösen und rechtlichen Terminologie ältere - nicht durch die spätere römische Vorherrschaft im oskischen Italien bedingte - Gemeinsamkeiten erkennen. Auch griechische Lehnworte (Herakles, thesaurus) kommen vor. Siehe auch unten Ubung 2 a.

Keltische Inschrift von Briona (nahe Novara, auf einem Bauwerksrelikt des 3./2. Jht.s v. Chr.)

Wiedergegeben und kommentiert in: Alessando Morandi, Epigraphia Italica, Rom 1982, S. 192 f.

Diese Inschrift zeigt eine durch das Fehlen bestimmter Lautzeichen (b, d, g) und durch das Vorhandensein von Vokalzeichen gekennzeichnete Alphabetschrift, die aus diesem Grunde zugleich etruskischer und griechischer Prägung (von Massilia aus) zugeschrieben wird. Dieser Schrifttyp könnte dem entsprechen, was Caeser im 'Bellum Gallicum' (6, 14, 3) als 'griechische Schrift im privaten und öffentlichen Gebrauch' der Gallier beschreibt ("in ... rebus [scil. fere omnibus] publicis privatisque rationibus, Graecis [utuntur] litteris"). Die Bedeutung der Inschrift erscheint wissenschaftlich überwiegend noch unklar. Die Worte und Namen entstammen der keltischen Sprache, sind aber möglicherweise schon teilweise latinisiert. 'Kuitos Lekatus' wird etwa als 'Quintus Legatus' gelesen. Das Wort 'karnitus' steht wohl für die Errichtung eines größeren Grabmonuments, deretwegen die neben 'Kuitos Lekatos' namentlich genannten weiteren Personen - 'Anapokios', 'Setupokios', möglicherweise Sohn eines 'Esenakotios', ferner 'Anareuiseos' und 'Tonatalos' - , allesamt wohl aus der Sippe der 'Tonatos-Söhne',an dieser Stelle lobend genannt werden. Die senkrecht gestellen Worte 'takos toutas' bedeuten evtl. 'im Auftrage des Volkes'. Die Wortfragmente in der Kopfzeile lassen sich nur unvollkommen entziffern. Vielleicht enthalten sie eine Bemerkung etwa der Art 'Zu Ehren des Begrabenen'.

Inschrift-Fragment des 'Lapis Niger' (Fundstelle: Antikes Comitium in Rom, archaisch-lateinisch, wohl 6. Jht. v. Chr.). Photographie und Abschrift.

Wiedergegeben und kommentiert in: Alessando Morandi, Epigraphia Italica, Rom 1982, S.48-50; ferner: Fontes Iuris Romani Anteiustiniani (FIRA) Bd. I: Leges, ed. Salvator Riccobono, Florenz 1968 2, S, 19 f.; Filippo Coarelli, Rom. Ein archäologischer Führer, (1974), Freiburg u. a. O. 1980, S. 63 - 65.

Hier handelt es sich um die nur sehr fragmentarisch erhaltene Inschrift aus dem Bereich des sog. 'Lapis niger'; dieser Name ist eine auf die Inschriftbasis, einen zylindrischen Stein, selbst nicht passenden Bezeichnung für einen nach der Überlieferung bei dem antiquarischen Schriftsteller Festus in der Antike vorhandenen, dem Stadtgründer Romulus geweihten 'Stein', den man erst in unserer Zeit mit dem Aufstellungsort des die Inschrift tragenden Säulenfragments gleichsetzte. Dieses wurde im Bereich des antiken Forum Romanum nahe dem Triumphbogen des Kaisers Septimius Severus und dem antiken 'Comitium' erst im Jahre 1899 bei Grabungen freigelegt. Es dürfte eine der ältesten, wenn nicht die älteste rechtsregelnde Inschrift sein, die bisher in Rom archäologisch entdeckt wurde. Nach archaischem Schrifttyp und sehr altertümlicher Sprachform könnte sie auf das 6. Jht.datiert werden. Allerdings sind nur noch wenige Worte erhalten und noch weniger ohne Mehrdeutigkeit rekonstruierbar. Klar erscheinen: 'quoi ho... sakros es ... ' (klass.-lat. 'qui hoc ... sacer esto'; übersetzt etwa: 'wer dies..., der soll verflucht sein‘} Die anderen sind in ihrer Bedeutung nicht eindeutig festlegbar: 'recei' (klass.-lat. 'regi'; Bedeutung unklar, evtl. Dat. von 'rex', aber nicht unbedingt bezogen auf den 'König' der 'Königszeit'; es kann etwa auch ein 'rex sacrorum' oder aber etwas ganz anderes gemeint sein); 'kalato rem hap...' (klass.-lat. evtl. zu lesen als : calato rem cap[tam], die Ergänzung ist umstritten; denkbare Übersetzung etwa: 'er soll die Sache, von der er Besitz ergriffen hat, ausrufen'); 'iouxmenta kapia dotau... (klass.-lat. evtl.: 'iumenta capta dotav[e]'; Ergänzung und Deutung umstritten; denkbare Übersetzung: 'ein in Besitz genommenes Zugtier'); ...od iouvestod loiuquiod' (klass.-lat. evtl. zu lesen: '|vot]o iusto liquido'; Deutung und Ergänzung umstritten; denkbare Übersetzung etwa: 'aufgrund eines gerechten und einleuchtenden Urteils)'. Die Deutungen, die dem gesamten Text gegeben werden, sind außerordentlich unterschiedlich. Einigermaßen sicher ist nur, daß es sich nach Standort und Inhalt der Inschrift um eine zur öffentlichen Kenntnisnahme auf dem Forum Romanum ausgesstellte Vorschrift handelt, die der Öffentlichkeit gegenüber etwas Schwerwiegendes, weil mit Androhung sakralrechtlicher Folgen für den Fall der Nichtbeachtung Versehenes anordnet. Demgemäß kommen mehrere Möglichkeiten in Betracht. Einmal könnte es sich um einen für das öffentliche Leben wichtigen sakralrechtlichen Text, etwa öffentliche Auguriums-Handlungen betreffend, handeln: Dafür könnte die Erwähnung der 'iouxmenta' sprechen: Zugtiere, die im Zusammenhang mit einem Divinationsverfahrens zusammengespannt waren, waren in Rom kultisch-traditionell besonders sorgfältig zu behandeln und zu beobachten (Cicero, De divinatione 2, 36: "nos augures praecipimus, ne iuges auspicium obveniat, ut iumenta iubeant diuiungere'" - "die Auguren sagen uns, wir sollen Gespanntiere während einer Auguriums-Handlung auseinanderspannen, damit sie den kultischen Vorgang nicht stören"). Inhaltlich könnte es sich bei einem an dieser Stelle veröffentlichten Text aber auch etwa um die justiziell wichtige Bekanntgabe eines Verfahrens für Parteien handeln, die um gerichtlichen Rechtsschutz nachsuchen. Gerade an dieser Stelle ("in comitio aut in foro") sieht etwa das 12-Tafelgesetz (1. Tafel) die Klageerhebung bei Rechtsstreitigkeiten vor. Dies angenommen, könnte es sich bei dem Text um Vorschriften für die Klageerhebung handeln, also etwa um die Regelung der Besitzverhältnisse von Sachen gehen, die zwischen den Parteien im Streit befangen sind und vor Gericht als Eigentum bzw. als nicht der Gegenseite gehörig erklärt werden. Ferner könnte nach den Textfragmenten an eine Eidesleistung der Parteien, an die öffentlichen Bekanntmachung und Beschreibung der im Streit befindlichen Sachen, an ihre einstweilige gerichtlich Verwahrung oder/und an eine gerichtliche Zwischenentscheidung über den Besitz bei klarer Sachlage gedacht werden. - Diese Deutungsbreite ist durchaus bezeichnend für den Fall methodisch nicht aufhebbarer Unsicherheiten gegenüber archaischen Inschriften. Zur Deutung siehe die angegebene Literatur, etwa Filippo Coarelli, Rom. Ein archäologischer Führer, (1974), Freiburg u. a. O. 1980, S. 63 - 65, oder Alessando Morandi, Epigraphia Italica, Rom 1982, S.48-50.

2. Institutionelle Parallelentwicklungen in Rom und anderen italischen Völkerschaften des frühen ersten Jahrtausends.

Auch in den politisch-rechtlichen Traditionen einzelner archaischer Völkerschaften gibt es einige in den Quellen noch faßbare charakteristische Momente, dis sich im Bereich der Stadtverfassungen typologisch etwa folgendermaßen aufgliedern lassen:

In einem solchen Umfeld entwickelt sich die Stadtverfassung Roms in ältester römischer Zeit durchaus nicht aus 'primitiven Anfängen', sondern unter mannigfachen hochkulturellen Einflüssen insbesondere aus der etruskischen und der griechischen Nachbarschaft. Die Fortentwicklung in 'republikanischer' Zeit ist aus den Verfassungszuständen der Umwelt des frühen Rom vielfach besser verständlich als bei einer Beschränkung des Blicks auf die römische Stadtstaatsgeschichte. Das gilt auch für eine Anzahl 'königszeitlicher' und frührepublikanischer 'Frühformen' und 'Besonderheiten' des römischen Stadtstaates, die dem unserer Zeit im allgemeinen vertrauten Schema des differenzierten republikanischen Staatsaufbaus der hochrepublikanischen Zeit nach der literarischen Überlieferung naturgemäß nicht entsprechen.

Übung 2 a.

    AUFGABEN:

    Untersuchen Sie den beigefügten Quellentext unter folgenden Fragen:

    a) Welcher Zeit gehört er zu? Von welchen Gemeinwesen ist die Rede? b) Worum geht es rechtlich?

    b) Welche politischen und rechtlichen Institutionen sind im Hintergrund des Geschehens auszumachen und worin erinnern sie - oder erinnern sie nicht - an die römischen Verhältnisse?

Die Inschrift von Avella in Umschrift, lateinischer und deutscher Übersetzung.

Texte der Umschrift und der lateinischen Übersetzung entnommen aus:Leopold Wenger, Zum Cippus Abellanus, Sitzungsberichte der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Philolog-philosoph. und historische Klasse, Jg. 1915, 10. Abh., München 1915, S. 5 - 7. Übersetzung von C. Gizewski. Siehe auch: Abbildung des oskischen Textes.

Lösung zu Übung 2 a.

3. Die literarisch überlieferte rechtsgeschichtliche Legendenbildung für Rom im Lichte der quellenmäßig faßbaren institutionellen Entwicklung einer frühen römischen Stadtvolks- und Amtsverfassung (1)

Übung 2 b.

    AUFGABE:

    Lesen die Texte sorgfältig durch und vergleichen Sie ggf. Übersetzung und Urtext.

    a) Würden Sie, auch wenn Sie nur begrenzte altsprachliche Kenntnisse haben, irgendwelche Textstellen vielleicht anders übersetzt haben?

    b) Welche Rechtsmaterien der frühen römischen Rechtsepoche erscheinen den Römern sehr viel späterer Jahrhunderte berichtenswert? Welchen systematischen Gebieten des Römischen Rechts gehören sie zu?

    c) Welche Überlieferungsgeschichte ist für einzelne Textquellen erkennbar? Was an den Mitteilungen der verschiedenen Autoren erscheint im nachhinein historisch eher etwas konstruiert, was als eher aus alten oder älteren Texten stammend?

Aus der literarische Überlieferung archaischen römischen Rechts.

Griech. und lat. Textauszüge entnommen aus: Fontes Iuris Romani Anteiustiniani (Abk. FIRA), 3 Bde, Bd. 1: Leges, Hg. S. Riccobono u. a., Florenz 1968, S. 3 - 18. Dt. Übersetzung: C. Gizewski.

Lösung zu Übung 2 b.

Aus der frühen Geschichte des Latinerbundes vor dem legendären Beginn Roms i. J. 753 v. Chr.und der Stadt Rom in ihten ertsen Jahrhunderten - der 'Königszeit' liegen konsistente Quellenzeugnisse, aus denen sich eine Vorstellung über die damaligen Rechtszustände und -entwicklungen ergeben könnten, nicht vor. Die frühesten römischen Inschriften gehören dem frühen 6. Jht. v. Chr. an; dazu zählt auch die oben erläuterte Inschrift vom 'Lapis Niger' in Rom. Was uns heute über die Zeit vor dem Bestehen einer 'Stadt Rom' und was über die ersten Jahrhunderte dieser Stadt bekannt ist, ergibt sich einerseits aus einer Berichterstattung verschiedener uns erhaltener römischer oder griechischer Autoren, zu deren frühesten Cato und Polybios (2. Jht. v. Chr.) - also Autoren sehr spät nach der römischen Frühzeit liegender Epochen - gehören, ferner aus bus in das 6. Jht. zurückreichenden, allerdings oft nur fragmentarisch erehaltenen oder inhaltlich nicht ergiebigen epigraphischen Texten und schließlich aus schlußfolgerungsgeeigneten archäologischen Resten. Soweit die uns berichtenden literarischen Autoren ihrerseits erkennbar Texte und Sprachformen direkt mitteilen oder verwenden, die aus sehr viel früheren römischen Epochen stammen - wie etwa über 'die XII-Tafelgesetze', führt auch derartiges Quellenmaterial zuverlässiger in diese früheren Zeiten zurück. Es steht also eine relativ ausführliche literarische Überlieferung allerdings relativ später Epochen der römischen Geschichte neben den begrenzten Möglichkeiten sprachgeschichtlicher, epigraphischer und archäologischer Analyse.

Der literarischen Überlieferung in Rom über die eigene Frühzeit gegenüber gibt es immer wieder naheliegende Gründe einer Quellenkritik: sie enthält nicht nur einen vermutlich vielfach wahren, wenn auch im einzelnen zumeist nicht sicher abschätzbaren Gehalt an historischen Mitteilungen, sondern auch ein im Laufe der Jahrhunderte entstandenes und ständig fortentwickeltes historisches Selbstbild 'der Römer'. In ein solches Selbstbild gehen zeitlich bedingte Modifikationen und auch praktisch-applikative Schwerpunktbildungen - etwa im Hinblick auf die dominierende Politik (Beispiel: Darstellung der geschichtlichen Herkunft und Mission des Augustus in Vergils 'Aeneis') oder im Hinblick auf die gültige Rechtsordnung (Beispiel: Hinweise auf einen 'mos maiorum') ein. Was dabei die literarischen Aussagen über die römische Rechtsordnung früherer oder frühester Jahrhunderte der Stadtgeschichte betrifft, so lassen sich deshalb grob zwei Arten von Textüberlieferung unterscheiden, solche, die mehr oder weniger partikular authentisches einschlägiges Textmaterial mitteilen, das ihnen zu ihrer Zeit noch zugänglich zu sein scheint (wie z. B. die antiquarisch-etymologischen Worterklärungen des Festus), und solche, die ein auf die Geschichtstradition ihrer Zeit aufbauendes, manchmal politisch zweckbezogens und gewichtetes, insoweit lietarisch abgrundetes und eindrucksvolles Bild unzulässig abgerundetes Bild von einer maßstabsetzenden Gründungs- und Königszeitgeschichte Roms vorlegen (wie z. B. die Berichterstattung des Livies, des Dionysios von Halikarnassos oder des Plutarch über die römischen Könige.

Die Rekonstruktion der frühen römischen Rechtsordnung und ihrer Entwicklung muß aus diesem Grunde in starkem Maße von Hypothesenbildungen bzw. umfänglicheren möglichst plausiblen Konzepten ausgehen. Dabei liegt es nahe, die aus von den Nachbarvölker der Latiner und Roms bekannten institutionellen Traditionen mitzuberücksichtigen. Zu den Grundannahmen gehört dabei folgendes:

a) Die Latiner bringen - wie die anderen Italiker - bei ihrer Einwanderung nach Italien Organisations- und Rechtsformen eines Stammeslebens mit, das nicht städtisch, sondern bäuerlich-viehhalterisch geprägt ist. Diese dürften sich etwa in den religiösen Traditionen des Latiner-Bundes ausdrücke, vielleicht auch in tribalen und gentilgenossenschaftlichen Einteilungen der Vevölkerung.

b) Die Latiner übernehmen spätestens seit dem 8. Jht. - wahrscheinlich in enger kultureller Interaktion - von den benachbarten Etruskern und Griechen städtische Formen der Siedlungsorganisation und einer darauf aufbauenden Bundesbildung. Gerade bei den grundsätzlichen Strukturen ihres stadtpolitischen Lebens kann man eine Außenprägung nach etrsukischem oder/und griechischem Normalmuster annehmen. Dieses typische Muster kennt schon im 7. und 6. Jht. folgende Elemente: ein für administrative, militärische und politische Zwecke in Abteilungen gegliedertes Volk, eine grundsätzlich politisch bei essentiellen Angelegenheiten des Gemeinwesens, manchmal bei wichtigen Gerichtsentscheidungen, bei Beamtenwahlen und bei dem Beschluß verbindlicher Normen für die Bürgerschaft mitbestimmende Volksversammlung, einen Senat als politisches Beschlußorgan einer oligarchichen Führungsschicht mit starkem patronalen Einfluß auf die Bevölkerung und ein feste Gruppe wählbarer, mit großen Machtbefugnissen ausgestatteter städtischer Oberbeamter einschließlich eines ebenfalls wählbaren 'Oberst-Beamten'; dieser kann nach diesem typischen Muster entweder ein jährlich wechselnder 'primus inter pares' oder ein dauerhaft amtierender sakraler 'rex' oder ein usurpatorisch zur Macht gelangter 'Stadtherr' [tyrannos] sein. Die politische Form einer Bundesorganisation verschiedener Stadtvölker - mit einer gemeinsamer Repräsentantenversammlung, einem aus den Stadtobersten bestehendem Leitungsgremium und einer faktisch oder rechtlich hegemonialen Stadt als Bundeszentrum - , die für die frühe Geschichte Roms als letztlich hegemonialer Stadt des Latinerbundes historisch wichtig ist, dürfte ebenfalls unter einer Prägung durch das griechische und/oder etrsukische Beispiel stehen. Die Zeit einer etruskischen Expansion auf Nord- und Mittelsüditalien im 7. und 6. Jht. hat sowohl Rom als auch die Städte des Latinerbundes in größerem Umfang, wenn auch nicht vollständig in den Herrschaftsbereich des etruskischen Bundes einbezogen und daher in besondere Weise auf Rom prägend gewirkt. Dies betrifft deutlich etwa den religiösen Kultus und das Sakralrecht.

c) Zu den althergebrachten archaischen Rechsstrukturen Roms gehören wahrscheinlich folgende Institute: die rechtlich autonome Stellung familiärer Gewalthaber in einer ihnen zugewiesenen Sphäre subjektiver Herrschaftsrechte ('familia', Privatrechtsspäre), die agnatische Struktur der Erbverwandtschaft und Gentilgemeinschaft, die sakral- und statusrechtliche Bedeutung des Patronats (familiäre Angliederung und politisch-rechtliche Vertretung der 'Plebejer'), die feierlich-zeremoniellen Formen des Rechstverkehrs bei Vertragsbindungen und der Übertragung privater Herrschaftsrechte, das Sakralrecht des öffentlichen und privaten Kultes, ob aus italischem oder etruskischem Erbe stammend.

d) Es gibt daneben aber auch eine unter archaischen Umständen 'moderne' Seite des frühen römischen Rechts, nämlich dort, wo es griechisch-städtische Formen der Gemeinde-Organisation, der Rechtssetzung und -publikation sowie der Gerichtsbarkeit betrifft. In diesen Zusammenhang ist wahrscheinlich die Entstehung der Zenturiat- und der Tributkomitien neben den Kuriatkomitien, eine möglicherweise frühe Volksbgesetzgebung, eine dynamische Differenzierung der Gemeindeämter (z. B. die Einführung eines kollegialen Leitungsgremiums der Stadt) und eine zumindest bei gewissen bedeutsamen Anlässen stattfindende Publikation des gerichtlich angewandten Rechts für differenzierte Bedürfnisse eines schon städtiusch bestimmten Rechtsverkehrs einzuordnen. Darauf weist eine Inschrift wie die aus dem frühen 6. Jht. stammende vom 'Lapis niger' auf dem römischne Forum deutlich hin. Die XII-Tafel-Gesetze der Mitte des 5. Jhts. dürften schon einen entwickelteren Zustand 'positivierter' Rechtpublikation in Rom wiederspiegeln, nämlich den der veröffentlichten 'Gesetzessammlung'.

4. Literatur, Medien, Quellen

LITERATUR:

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Andreas Alföldi, Die Struktur des voretruskischen Römerstaates, Heidelberg 1974.
Andreas Alföldym Römische Frühgeschichte. Kritik und Forschung seot 1964, mit Beiträgen von G. Manganaro und J. Szilágyi, Heidelberg 1976.
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Leopold Wenger, Zum Cippus Abellanus, Sitzungsberichte der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Philolog-philosoph. und historische Klasse, Jg. 1915, 10. Abh., München 1915.
Filippo Coarelli, Rom. Ein archäologischer Führer, (1974), Freiburg u. a. O. 1980, S. 63 - 65

MEDIEN:

Der große Atlas Weltgeschichte, hg. von E. Stier u. a.,Westermann Verlag, Sonderausgabe des Orbis-Verlags, München 1990 (Neuerscheinung im Sept. 1997).
Putzger. Historischer Weltatlas, Cornelsen-Verlag Berlin 1991101 .
Großer historischer Weltatlas, bearb. von H. Bengtson u. a., 3 Bde, Bayerischer Schulbuchverlag, München 1972 (Bd. 1: Vorgeschichte und Altertum).
Harald Haarmann, Universalgeschichte der Schrift, Frankfurt, New York 1990.

QUELLEN:

Inschrift des 'Cippus Avellanus' (oskisch, etwa 2. Jht. v. Chr.), wiedergegeben und kommentiert in: Leopold Wenger, Zum Cippus Abellanus, Sitzungsberichte der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Philolog.-philosoph. und historische Klasse, Jg. 1915, 10. Abh., München 1915, und: Alessando Morandi, Epigraphia Italica, Rom 1982, S. 130 - 134.
Inschrift der Goldtafel von Pyrgi (etruskisch und punisch; Anfang 5. Jht.), wiedergegeben und kommentiert in: Alessando Morandi, Epigraphia Italica, Rom 1982, S.31-35.
Inschrift von Rossano di Vaglio (lukanisch, in griechischer Schrift, 4. Jht. v. Chr.), wiedergegeben und kommentiert in: Alessando Morandi, Epigraphia Italica, Rom 1982, S. 139 f..
Inschrift-Fragment des 'Lapis Niger' (Fundstelle: Antikes Comitium in Rom, archaisch-lateinisch, wohl 6. Jht. v. Chr.).Wiedergegeben und kommentiert in: Alessando Morandi, Epigraphia Italica, Rom 1982, S.48 - 50; ferner: Fontes Iuris Romani Anteiustiniani (FIRA) Bd. I: Leges, ed. Salvator Riccobono, Florenz 1968 2, S, 19 f.; Filippo Coarelli, Rom. Ein archäologischer Führer, (1974), Freiburg u. a. O. 1980, S. 63 - 65.
Dionysios von Halikarnassos, Antiquitates Romanae, 2, 9 - 27 (Auszüge).
Cicero, De republica 2. 17, 3.
Livius, Ab urbe condita 1, 42, 5.
Plutarch, Romulus 22.
Festus, De verborum significatione, (F. 230) s. v. 'plorare', (F 189) s. v. 'opima', (P 221) s. v. ‘parrici[dii]‘, (F. 222) s. v. 'paelices'.

LV Gizewski im WS 2000/2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)