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Kap. 3: Das stadtrömische Recht Roms in den ersten Jahrhunderten der Republik.

ÜBERSICHT:

1. Die literarisch überlieferte rechtsgeschichtliche Legendenbildung für Rom im Lichte der quellenmäßig faßbaren institutionellen Entwicklung einer frühen römischen Stadtvolks- und Amtsverfassung (2)

2. Politische Gründe und außerrrömische Parallelen für die frühe stadtrömische Rechtskodifikation im XII-Tafel-Gesetz.

3. Konkrete Motive und Gesamtcharakter der Herausbildung eines republikanisch-stadtrömischen Gesetzesrechts und seiner verschiedenartigen Gesetzgebungsinstitutionen (auch zu Kap. 4).

4.Die Differenzierung des Gerichtswesens und die Entstehung einer nicht-sakralen, öffentlich auftretenden Rechtsgelehrsamkeit(auch zu Kap. 4).

5. Literatur, Medien, Quellen.

Zu den stichwortartigen Hinweisen siehe das Vorwort zu diesem Skript.


1. Die literarisch überlieferte rechtsgeschichtliche Legendenbildung für Rom im Lichte der quellenmäßig faßbaren institutionellen Entwicklung einer frühen römischen Stadtvolks- und Amtsverfassung (2).

Das schon in Kap. 2, zu P. 3 angesprochene Verhältnis zwischen zeitnaher Quellenüberlieferung aus den frühen Epochen des latinischen oder römischen Rechts einerseits und einer literarischen, jeweils zeitbezogen adaptiven Art, das tradierte Wissen aus der römischen Frühzeit im Rom späterer Epochen zu deuten, zu gewichten, bestimmten Gegenwartsbedürfnissen der Rechtfertigung oder Erklärung bestehender Zustände anzupassen, über das hinaus, was noch bekannt sein konnte, zu 'ergänzen' und damit insgesamt zu verformen, gilt auch für die ersten Jahrhunderte der römischen Republik.

Allerdings beginnt über die Zeit seit dem 5. Jht. v. Chr. die - indirekte - litarische Überlieferung dichter zu werden: die uns heute noch bekannten Autoren des 2. und 1. Jhts. v. Chr. oder späterer Zeiten haben dabei - oft deutlich erkennbar - aus älteren Schriftquellen und - allerdings historisch wohl problematischen - Textsammlungen (wie z. B. einem 'ius Papirianum' für die 'Königszeit', einem 'ius Flavianum' für die Prozeßrechtsformeln auf Basis der 12-Tafel-Gesetze und der Rechtstradition oder einem 'ius Aelianum' für ein 'jüngeres' Prozeßformelrecht in republikanischer Zeit) schöpfen können. Das zeigt sich beispielhaft etwa an der unten zu P. 2 angesprochenen römisch-literarischen Überlieferung über die 12-Tafel-Gesetze. Insgesamt dürfte das übliche historische Bewußtsein der Gebildeten aber von einem Bild der in der Zeit der frühen Republik sich vollziehenden römischen Rechtsgeschichte beherrscht worden sein, das dem gegenüber, was als tatsächliche Entwicklung anzunehmen ist, an vielen Stellen nachweislich vereinfacht und verformt war oder doch in dem begründeten Verdacht steht, in dieser Weise unrichtig gewesen zu sein. Das zeigt sich beispielhaft etwa an dem 'Abriß' (oder 'Handbuch', 'Enchidirion') des römischen Rechts und seiner Geschichte, das der dem 2. Jht. n. Chr. zugehörende römische Jurist Pomponius verfaßt hat und das mit einer die Entwicklung des römischen Rechts betreffenden Passage in das (für die spätere europäische Rezeptionsgeschichte des römischen Rechts so wichtige) Digestenwerk Justinians (6. Jht. n. Chr.; Dig. 1, 1, 2, 2) aufgenommen wurde. Pomponius gibt etwa eine Anzahl höchstwahrscheinlich unrichtiger und in ihrer Unrichtigkeit bezeichnender etymologischer Erklärungen von Rechtsbegriffen (Beispiel: Ableitung der Worte 'curia' von 'curare' oder 'tribus' von 'tres'). Was aber noch wichtiger ist: er begradigt gewissermaßen den Verlauf der mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmenden rechtsgeschichtlichen Entwicklung in Rom. Für das römisch-städtische Recht der frühen Zeit geht er etwa davon aus, daß es zunächst ein reines Gewohnheitsrecht gewesen sei. Die Schaffung gesetzgebender Körperschaften weist er einem Gründerkönig, Romulus, zu, nicht umgekehrt die Wahl eines Stadtkönigs einem gemeindlichen Beschlußorgan. Er nimmt an, 'nach Vertreibung der Könige' sei das gesamte zuvor von diesen Königen in Geltung gebrachte oder gesetzte - und im übrigen bereits schriftlich festgehaltene ('Ius Papirianum') - Recht ungültig geworden, was einen längeren Zwischenzustand erneut rein gewohnheitsrechtlicher Praxis und damit Rechtsunsicherheit zur Folge gehabt habe. Auf den Willen, diesen Zustand zu beenden, führt er die Entstehung des 12-Tafel-Gesetzes zurück. Unmittelbar im Zusammenhang mit dessen Entstehung sieht er - ausgehend von einer legendären Veröffentlichung der Prozeßformeln durch den Schreiber Gnaeus Flavius - die Anfänge eines profanen römischen Juristenstandes. Er nimmt ferner eine aus einer Insuffizienz der Volksgesetzgebung nach Einführung der Tributkomitien offenbar bereits während der Zeit der Republik hervorgehende, allerdings nicht näher beschriebene Senatszuständigkeit für die Gesetzgebung an, statt umgekehrt von gewissen sehr alten traditionellen Beschlußrechten des Senats - und ihrer später folgenden republikanischen Reduktion - auszugehen und die Entwicklung einer wiederum noch späteren Senatsgesetzgebung der Kaiserzeit zuzuordnen.

All dies sind entweder unrichtige oder sehr problematische Darstellungen der römisch-rechtsgeschichtlichen Entwicklung, denen gegenüber in der Forschung eine teilweise sehr weit gehende Quellenkritik vorgebracht wurde. Sie bezieht sich auf die Entwicklung des Gesetzesrechts, des Systems der Comitien, der republikanischen Amtsstrukturen, der Organe und Verfahrensweisen der Rechtsprechung und des profanen Juristenstandes gleichermaßen.

Zur Geschichte des römischen Rechts aus Sicht römischer Juristen: Pomponius libro primo ad legem duodecim tabularum (Dig. 1, 1, 2, 2).

Lat. Text aus: Corpus Iuris Civilis, Bd. 1: Institutionen (hg. von P. Krueger) und Digesten (Hgg. von Th. Mommsen), Berlin 1894, S. 2 - 5. Deutsche Übersetzung: Christian Gizewski.

Demgegenüber ist es sinnvoll, einige Grundaussagen zur Rechtsentwicklung in früher republikanischer Zeit zu machen.

a) Das römische Recht ist, seit es die Stadt Rom gibt, ein Stadtrecht, das sich naturgemäß in seiner Gestaltung prinzipiell nach den städtischen Mustern ausrichtet, die es in der damaligen italischen und weiteren mittelmeerischen Umwelt gibt, d. h. nach den etruskischen, griechischen und auch phönizischen Stadt- und Siedlungsvorbildern. Der Aufbau städtischer Bevölkerungen auch in archaischen Zusammenhängen pflegt schon in der ersten Hälfte des 1. Jahrhtausends, nachweislich zumindest etwa seit dem 7. Jht., Formen städtischer Rechtssetzung unter Volksbeteiligung hervorzubringen und sich auch sonst auf den Ämter- und Institutionenaufbau auszuwirken, wie in Kap. 2 schon dargelegt wurde.

Allerdings handelt es sich bei archaischen Rechtssetzungen - wie normalerweise auch in späteren Zeiten - eher nicht um 'Kodifikationen', sondern um 'ad-hoc-Positivierungen. Ferner dürften schon die Stadtkönige Roms in ihrer Machtbefugnis gegenüber den anderen Elementen des Gemeindlebens nicht über das hinausgegegangen sein, was etwa aus dem etruskischen Bereich, unter dessen Herrschaftseinfluß Rom mehr als hundert Jahre lang steht, bekannt ist. Ebenso wie dort und anderswo gibt es in Rom - anläßlich des Rückgangs der etruskischen Machtstellung in Italien seit dem 6. Jht., aber wohl nicht prinmär bedingt durch sie - eine Umstellung vom Institut eines zeitlich unbefristet herrschenden, aber wählbaren Stadtkönigs zu dem Institut eines Spitzenbeamten bzw. einer Mehrzahl von Spitzenbeamten mit zeitlich befristeter Herrschaft. Ebenso wie in anderen größeren Städten des Mittelmeerraums (wie z. B. Athen) machen die besonderen Verhältnisse Roms ständige Reorganisationen der Gemeindeverfassung nötig. Dafür gibt es äußere und innere Gründe. Zu den äußeren Gründen gehört vor allem die schon früh sich durchsetzende Anlage Roms zu einer regionalen Hegemonialmacht des latinischen und weiteren Umfelds. Zu den inneren Gründen gehört in früher Zeit vor allem das Spannungsverhältnis zwischen einer alteingebürgerten Kurial- und Patronatsverfassung mit ihren faktisch oligarschischen Strtukturen und dem Bestreben der durch diese Verfassung benachteiligten Bevölkerungsgruppen, einen angemessenen Anteil an der politischen Mitwirkung, an rechtlicher Absicherung ihrer Bürgerrechte und ggf. auch politischen Aufstiegsmöglichkeiten zu erhalten.

b) Die faktische oder vertraglich-rechtliche Hegemonie Roms im Latinerbund und die mannigfachen Vertragsbeziehungen zu den Nachbarvölkern führen mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer Vielzahl vertraglicher Regelungen, die nicht nur 'Rechtscharakter', sondern auch 'schriftliche Rechtsform' haben müssen.

c) Von besonderer Bedeutung für die innere Rechtsentwicklung Roms ist der vom 5. bis zum 3. Jht. in mehreren Entwicklungsstadien vor sich gehende 'Ständekampf'. Er führt unter vielem anderen etwa zur Rechtssammlung der 12-Tafel-Gesetze. Es wäre aber eine Überbetonung einer heutigen Perspektive kritischer Deutung der römischen Überlieferung, wenn man man die Entwicklung des generell-normierenden Volksgesetzesbeschlusses '(lex publica'), wie etwa Jochen Bleicken in seinem Werk 'Lex publica' dies tut, vorrangig auf den Ständekampf und die an ihn jeweils anschließenden politischen Ausgleichsprozesse zurückführen würde.

d) Die Entwicklung der - im Vergleich mit einem 'Normatyp' italischer Stadtverfassungen - charakteristisch ausdiffererzierten römischen Comitial- und Amtsstrukturen muß in engem Zusammenhang

gesehen werden. Ohne solche Sonderbedingungen wäre etwa die Entwicklung der auf Census beruhenden, nach Vermögensklassen abgeschichteten und auch militärorganisatorisch wichtigen Zenturiat- und der jedenfalls anfänglich primär an plebejischen Interessen orientierten Tributkomitien neben den Kuriatkomitien nicht nötig. Die Einführung kollegial und jährlich zu besetzender Magistraturen an der Spitze des Stadtstaates - ebenso wie die entsprechende Begrenzung einer 'Dictatur' und die Bildung unterstützender Magistraturen wie 'Quästur' und Ädilität' - dürfte zwar prinzipiell einer seit dem 7. Jht. v. Chr. sich ausbildenden gemeinitalischen Tradition entsprechen . Doch die Entwicklung eines Volkstribunats, eines Konsulartribunats, einer patrizisch-plebejischen Form des Konsulats, der Prätur und der Censur müssen - zumindest in ihrer römischen, von ständischen Beteiligungs- oder Exklusionsinteressen bestimmten Form - als direkte oder indirekte institutionelle Konsequenzen des Ständekampfes' verstanden werden. Wann und wie genau diese Organisationsformen des römsichen Gemeinwesens sich bildeten und veränderten, ist vielfach umstritten. Die römische Geschichtstradition in der Form, wie sie uns literarisch überliefert ist, gibt dafür viele Hinweise, die jedoch nicht immer der Kritik standhalten. So dürfte beispielsweise die Einrichtung des (in Wirklichkeit erst um 443 v. Chr. anzusetzenden) Censoren-Amtes von Pomponius zu früh angenommen und damit nicht in seinem wahrscheinlichen Zusammenhang mit der Entwicklung der Centuriat- und der Tribut-Komitien im 5. Jht. gesehen sein, oder der Bericht über die Willkür eines Decemvirn Appius Claudius i. J. 450 v. Chr. dürfte geschichtslegendären Chatarakter haben (Wiederholung eines in auch anderern Zusammenhängen tradierten erzählerischen Motivs vom 'Übermut der Herrschenden')

e) Die Veröffentlichung der 12-Tafel-Gesetze ist sinnvoll denkbar nur als Ergebnis einer vorgängigen, relativ langen und kontinuierlichen, wenn auch eher nur in gelegentlichen Setzungsakten bestehenden Gesetzesrechtsentwiclung. Die öffentliche Anwendung der Vorschriften durch Gerichtsbehörden und Unterrichter, durch Parteien und ihre patronalen Prozeßvertreter bzw. Ankläger und Strafadressaten in den öffentlichen Gerichtsverfahren muß sich notwendigerweise verbinden mit einer öffentlichen Erörtertung ihres Sinngehalts und ihrer praktischen Konsequenzen und mit der Zusammenfassung des so entstehenden Rechtswissens und Interpretationsgeschicks an irgendwelchen kompetenten Stellen. Selbst wenn die Rechtsberatung und rechtliche Gutachtenerteilung längere Zeit in priesterlich-kollegialer Zuständigkeit verblieben ist, so kann es sich bei der später stattfindenden'Veröffentlichung' von Interpretationswissen und Klageformeln nicht eigentlich um die Aufgabe einer 'geheimwissenschaftlichen Praxis', sondern lediglich um die Ausweitung des Kreises der kompetent agierenden Rechtskundigen auf nichtpriesterliche, aber dennoch dem Status nach besonders angesehene profane Spezialisten gehandelt haben.

2. Politische Gründe und außerrrömische Parallelen für die frühe stadtrömische Rechtskodifikation im XII-Tafel-Gesetz.

Übung 3 a.

    AUFGABEN:

    Untersuchen Sie folgende Fragen anhand der folgenden Zusammenstellung von Normen aus dem römischen XII-Tafel-Gesetz des 5. Jhts. v. Chr.:

      a) Welche Gebiete des rechtlichen Lebens sind hier - wenn auch nur fragmentarisch - repräsentiert?

      b) Wo haben die Vorschriften einen 'archaischen' Charakter und wo muten sie möglicherweise auch ganz modern an?

      c) Was könnten die Gründe für eine Sammlung und Veröffentlichung dieser und vieler anderer derartiger Normen im Rom des 5. Jhts. gewesen sein?

Überlieferte Fragmente der 'Lex duodecim tabularum'.

Lateinische Textfragmente aus: S. Riccobono (Ed.), FIRA (Fontes Iuris Romanis Anteiustiniani), Bd. 1: Leges, Florenz 1968, S. 23 - 75. Dt. Übersetzung unter Verwendung von L. Huchthausen (Hg.), Römisches Recht in einem Band, Berlin und Weimar 1991, S.3 - 7 von C. Gizewski.

Lösung zu Übung 3 a.

3. Konkrete Motive und Gesamtcharakter der Herausbildung eines republikanisch-stadtrömischen Gesetzesrechts und seiner verschiedenartigen Gesetzgebungsinstitutionen (auch zu Kap. 4).

Übung 3 b.

AUFGABEN:

a) Prüfen Sie - mit allen Ihnen zur Verfügung stehenden Schlußfolgerungsmöglichkeiten, aber ohne Vorkenntnisse haben zu müssen -, welche Rechtsmaterien wohl durch die im nachfolgenden Registerauszug zusammengestellten römischen Komitialgesetze geregelt worden sind. Versuchen Sie, aus den bloßen Titel in einigen Fällen etwas über den denkbaren Zeitpunkt der jeweiligen Gesetzgebung zu folgern.

b) An dem beigefügten Beispiel eines größtenteils im Wortlaut erhaltenen Komitialgesetzes stellen Sie - ohne Vorkenntnisse haben zu müssen - fest, was man über die Form eines solchen Gesetzes und seine Sprache aussagen kann. Wenn möglich, ermitteln Sie auch etwas über den Inhalt des Textauszugs.

Auszug aus einer Zusammenstellung römischer Komitialgesetze und Auszug aus einem erhaltenen römischen Komitialgesetzestext.

Registerauszug mit Aufführung römischer Komitialgesetze aus: G. Rotondi, Leges publicae populi romani. Elenco cronologico con una introduzione sull'attivitá legislativa dei comizi romani. Estratto dalla Enciclopedia Giuridica Italiana, Hildesheim 1966, S. 509. - Lateinischer Textauszug der mutmaßlichen 'lex Acilia repetundarum' aus der wissenschaftlichen Edition von S. Riccobono (Ed.), FIRA (Fontes Iuris Romanis Anteiustiniani), Bd. 1: Leges, Florenz 1968, S. 84 - 102 (84 - 87).


Lösung zu Übung 3 b.

a) Die Arten des Komitialbeschlusses und die Verabschiedung einer 'lex publica'.

Die Arten der Comitien (Curiat-, Centuriat- und Tributcomitien). Kontroll- und notstandsbedingte Sondrrechte des Senats. Beamtenwahlen, gerichtliche Entscheidunge un die Setzung allgemeinberbindlicher oder sonderrechtlicher Normen als Angelegenheiten der Comitien, Verfassungsänderungen in den Comitien.

b) Verfassungs- und ämterbezogene Gesetze.

Gesetze zur verfassungsmäßigen Ordnung der Volksversammlungen, der Magistrate, der Senatszuständigkeiten, der Militärorganisation und der Gerichtsorganisation. Gesetze zur Einsetzung und Ausübung außerordentlicher verfassungsgestaltender Gewalthaber.

c) 'Außenpolitisch' motivierte und kriegsbedingte Gesetze.

Kriegs- und Friedensbeschlüsse, Bürgerrechtszuerkennung und Festlegung geminderter Bürgerrechte gegenüber anderen Gemeinwesen, Römisch-staatliche Landaneignungen und -verteilungen auf ursprünglich fremdem Territorium, Koloniegründungen, Beschlüsse über Verträge mit anderen (mindestens formell unabhängigen) Gemeinwesen und Herrschaftsinhabern.

d) Gesetze zur öffentlichen Ordnung und Verwaltung des Gemeinwesens.

Gesetze betreffend Steuererhebung und Fiskalvermögen, betreffend die Militärorganisation, betreffend die städtische 'Polizei', 'Feuerwehr', Marktaufsicht und Bürgerdienste ('munera'), betreffend das öffentliche Bauwesen (Öffentliche Gebäude, Tempel und Nutzbauten, Straßenbau, Wasserleitungsbau .u.a.), betreffend die öffentliche Versorgung (Getreideversorgung, Wasserversorgung) u. a.

e) Privatrechtliche und privatrechtsprozessuale Gesetze.

Gesetze zur Neugstaltung oder Zusammenfassung der römischen Civilrechtstradition ('Bürgerrecht' und 'Bürgerliches Recht') und des privatrechtlichen Völkergemeinrechts, Gesetze zur Einführung neuer gerichtlicher Verfahrensformen und -instanzen.

f) Strafrechtliche und strafprozessuale Gesetze.

Gesetze zum 'privatrechtlichen' und zum öffentlich-rechtlichen Strafrecht. Gesetze zur Einführung oder Zusrändigkeit strafgerichtlicher Instanzen (von der Volksversammlung, über Gerichtsbehördenund Geschworenengerichte bis zu Inhabern des magistratischen Koerzitionsrechts).

g) Religions-, kultrechtliche und sittenrechtliche Gesetze.

Gesetze zur Schaffung und Aufgabenbestimmung von Priesterämtern und -kollegien, zur Kultausübung durch Priester und Magistrate, zur Annnahme und zum Verbot neuer religiöser Kulte in der Öffentlichkeit und im Privatleben, zum Kalenderwesen, zu öffentlichen Prozessionen (einschließlich Triumphe) und Spielen, Sitten- und sittenaufsichtsbezogene Gesetze.

4.Die Differenzierung des Gerichtswesens und die Entstehung einer nicht-sakralen, öffentlich auftretenden Rechtsgelehrsamkeit (auch zu Kap. 4).

Zur Geschichte des römischen Rechts aus Sicht römischer Juristen: Pomponius libro primo ad legem duodecim tabularum (Dig. 1, 1, 2, 2).

Lat. Text aus: Corpus Iuris Civilis, Bd. 1: Institutionen (hg. von P. Krueger) und Digesten (Hgg. von Th. Mommsen), Berlin 1894, S. 2 - 5. Deutsche Übresetzung: Christian Gizewski.

a) Volksgericht (Comitialgericht).

Politisch-strafrechtliche Angelelegenheiten, Provocations-Angelegenheiten, Angelegenheiten des bürgerrechtlichen, gentilen und familiären Status römischer Bürger).

b) Gerichtsbehörden (Prätur und andere Gerichtsmagistrate für Rom und die Provinzen).

Magistratische Verfahrensbersherrschaft, Ediktstätigkeit und Rechtsfortbildung der Prätoren, Konsuln und Ädilen. Klageformen und Verfahren 'in iure' im Zivil- und Privatstrafrecht (Legis actiones und Formularklagen bei römisch-civil- und bei gemeinvölkerrechtkichen Rechtsansprüchen).

Beispiele für ein vom Prätor 'in iure' verkündetes, das nachgeordnete Gericht und die Parteien bindendes Streitprogramm (iudicium datum; formula).

I. Condictio / Actio certae crediae pecuniae): "Titus iudex esto. Si paret Numerium Negidium Aulo Agerio sestertium decem milia dare opotere, iudex Numerium Negidium Aulo Agerio sestertium decem milia condemnato, si non paret, absolvito." (vgl. Gaius 4, 41; 43 , 49).

II. Actio ex stipulatu incerti: "Titus iudex esto. Quod Aulus Agerius de numerio Negidio [aliqod dandum faciendum] stipulatus est, quidquid ob eam rem Numerium Negidium Aulo Agerio dare facere oportebit, eius iudex Numerium Negidiuum Aulo Agerio c. s.n.p. a." (vgl. Gaius 4, 136 f.).

III: Rei vindicatio: "Titus idex esto. Si paret [rem; e. g.:vaccam] qua de agitur ex iure Quiritium Auli Agerii esse neque ea res restituetur, quanti ea res erit, tantam pecuniam Numerium Negidium Aulo Agerio c. s. n.p. a." (vgl. Gaius, 4, 34).

IV. Actio furti: "Titus iudex esto. Si paret Ao Ao a No No opeve consilio Ni N furtum factum esse [rei; e. g.: cochlearium argenteorum], quam ob rem Num Num pro fure damnum decidere oportet, quanti ea res fuit, cum furtum factum est, tantae pecuniae duplum iusdex Num Num Ao Ao c.s.n.p.a (Gaius 4, 37)

Beispiele entnommen aus: M. Kaser, Römisches Privatrecht. Ein Studienbuch 199216, § 83 (Die Prozeßformel).

c) Unterrichter, Untergerichte, Schiedrichter (iudices [pedanei]; iudicia; arbitri).

Gerichtseinsetzung, Verfahren 'in iudicio' (Öffentliche Verhandlung, Parteienmitwirkung, Sachverhaltsklärung, Beweismittel und - würdigung), Form und Rechtswirkung des Urteils ( 'sententia', iudicatum'), Vollstreckung und Hilfsmittel gegen sie.

d) Besondere Untersuchungs- und Geschworenengerichte (quaestiones).

Magistratische Voruntersuchungen, Anklageerhebung vor einer ständigen 'quaestio', Anklageerhebung vor dem Volksgericht und ihre Überweisung der Klage an einen Untersuchungsausschuß des Volksgerichts (ebenfalls 'quaestio genannt).

e) Ordnungstrafgerichte (Koerzitionsmagistrate) und von ihnen beeuftragte nachgeordnete Gerichtsbehörden.

f) Möglichkeiten der Anfechtung gerichtlicher Entscheidungen.

g) Komptetente Verwaltung und öffentlich-gutachliche Mitteilung von Rechtswissen.

Priesterliche Rechtsverwaltung und -mitteilung. Entstehung, Entwicklung und Betätigungsformen eines profanen Juristenstandes im Rahmen der römischen Patronatstraditionen. Juristische Rechtsfortbildung.

5. Literatur, Medien, Quellen.

LITERATUR

A. Heuss, Römische Geschichte, eingeleitet und mit einem neuen Forschungsteil versehen von Jochen Bleicken, Werner Dahlheim u. Hans-Joachim Gehrke. Braunschweig 2000 7 .
Th.Mommsen, Römisches Staatsrecht, 3 Bde., Bd. 1 und 2, Leipzig 1887 3, Bd. 3, Leipzig 1888 3.
L. Wenger, Die Quellen des römischen Rechts, Wien 1953.
J. Bleicken, Lex publica. Gesetz und Recht in der römischen Republik, Berlin 1975.

QUELLEN

Pomponius libro primo ad legem duodecim tabularum (Dig. 1, 1, 2, 2).Lat. Text aus: Corpus Iuris Civilis, Bd. 1: Institutionen (hg. von P. Krueger) und Digesten (Hg. von Th. Mommsen), Berlin 1894, S. 2 - 5.
Lateinischer Textauszug der mutmaßlichen lex Acilia repetundarum aus der wissenschaftlichen Edition von S. Riccobono (Ed.), FIRA (Fontes Iuris Romanis Anteiustiniani), Bd. 1: Leges, Florenz 1968, S. 84 - 102 (84 - 87).
L. Huchthausen (Hg.), Römisches Recht in einem Band, Berlin und Weimar 1991.
G. Rotondi, Leges publicae populi romani. Elenco cronologico con una introduzione sull'attivitá legislativa dei comizi romani. Estratto dalla Enciclopedia Giuriduca Italiana, Hildesheim 1966.

LV Gizewski im WS 2000/2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)