Begriffe und Einteilungen des römischen Rechts.

Lateinischer Text und deutscheÜbersetzung aus: Corpus Iuris Civilis. Die Institutionen. Hg. von Okko Behrend, Rolf Knütel, Berthold Kupisch, Hans Hermann Seiler. Text und Übersetzung, Heidelberg 1993, S. 1 -. 5.


Deutsche Übersetzung:

Unseres kaiserlichen Herrn Justinian, des allzeit Erhabenen,

Institutionen oder Anfangsgründe,

verfaßt von dem unvergleichlichen

Tribonian, dem Kanzler, früheren Justizminister und hochgelehrten Kenner des Rechts, sowie von dem großwürdigen Theophilus, dem Rechtsgelehrten und Rechtslehrer in dieser segensreichen Stadt, und von dem großwürdigen Dorotheus, dem früheren Quästor, Rechtsgelehrten und Rechtslehrer in der berühmten Stadt der Bürger von Beryt

ERSTES BUCH

Erster Titel

Über Gerechtigkeit und Recht

Gerechtigkeit ist der unwandelbare und dauerhafte Wille, jedem sein Recht zu gewähren.

1. Rechtswissenschaft ist die Kenntnis von den göttlichen und menschlichen Dingen, das Wissen vom Rechten und Unrechten.

2. Nach dieser allgemeinen Unterrichtung beginnen wir, das Recht des römischen Volkes darzulegen, das sich, wie uns scheint, am zweckmäßigsten vor allem in der Weise vermitteln läßt, daß die einzelnen Materien zuerst in leichter und einfacher Fassung vorgetragen werden und danach in sehr sorgfältiger und genauer. Andernfalls tritt, wenn wir den noch unkundigen und unsicheren Studenten gleich von Anfang an mit der Masse und Vielfalt des Stoffes belasten, eine von beiden folgenden Möglichkeiten ein: Entweder bewirken wir, daß er das Studium abbricht, oder wir bringen ihn unter großen Anstrengungen seinerseits, oft auch unter Selbsteweifeln, die junge Menschen so häufig entmutigen, allzu spät dahin, wohin er auf einem bequemeren Weg ohne große Anstrengungen und ohne Selbstzweifel rascher hätte gebracht werden können.

3. Die Gebote des Rechts sind folgende: Ehrenhaft leben, niemanden verletzen, jedem das Seine gewähren.

4. Für das Studium des Rechts gibt es zwei Ansatzpunkte: das öffentliche Recht und das Privatrecht. Öffentliches Recht ist das, was sich auf die Ordnung des römischen Staatswesens bezieht, Privatrecht das, was das Interesse der einzelnen betrifft. Zu handeln ist nunmehr vom Privatrecht, das aus drei Teilen besteht. Denn es setzt sich aus Vorschriften des Naturrechts, des Völkergemeinrechts und des Zivilrechts zusammen.

Zweiter Titel

Über Naturrecht, Völkergemeinrecht und Zivilrecht

Naturrecht ist das, was die Natur alle Lebewesen gelehrt hat. Denn dieses Recht ist nicht allein dem Menschengeschlecht eigen, sondern allen Lebewesen, die es in der Luft, auf dem Lande und im Wasser gibt. Hieraus leitet sich die Verbindung des männlichen Geschlechts mit dem weiblichen ab, die wir Menschen Ehe nennen, ebenso die Erzeugung und Erziehung der Kinder; wir sehen ja, daß auch die übrigen Lebewesen nach der Kenntnis dieses Rechts eingestuft werden.

1. Zivilrecht aber und Völkergemeinrecht (ius gentium) werden wie folgt unterschieden: Alle Völker, die durch Gesetz und Gewohnheit regiert werden, leben teils nach ihrem eigenen, teils nach dem allen Menschen gemeinsamen Recht. Denn was jedes Volk sich selbst als Recht gesetzt hat, das ist das seiner Bürgerschaft (civitas) eigentümliche Recht und wird Bürgerliches Recht (Zivilrecht) genannt, weil es das nur dieser Bürgerschaft eigene Recht ist. Was dagegen die natürliche Vernunft für alle Menschen bestimmt hat, das wird bei allen Völkern gleichermaßen beachtet und Völkergemeinrecht genannt, weil alle Völkerschaften dieses Recht befolgen. Das römische Volk lebt mithin teils nach seinem eigenen, teils nach dem allen Menschen gemeinsamen Recht. Welcher Art die einzelnen Bestimmungen sind, werden wir jeweils an passender Stelle darlegen.

2. Das Zivilrecht wird nun nach der jeweiligen Bürgerschaft benannt, zum Beispiel nach der Bürgerschaft der Athener. Denn wenn jemand die Gesetze des Solon oder des Drakon das Zivilrecht der Athener nennen will, macht er nichts falsch. So bezeichnen wir auch das Recht, nach welchem das römische Volk lebt, als das Zivilrecht der Römer oder als Recht der Quiriten, weil die Quiriten es anwenden. Die Römer werden nämlich nach Quirinus auch Quiriten genannt. Aber wenn wir nicht angeben, um das Recht welcher Bürgerschaft es sich handelt, meinen wir immer das unsere so wie wenn man nur 'der Dichter' sagt, ohne den Namen hinzuzufügen; dann wird darunter der herausragende verstanden, bei den Griechen Homer, bei uns Vergil. Das Völkergemeinrecht hingegen ist dem ganzen Menschengeschlecht gemeinsam. Denn aufgrund der Bedürfnisse des Verkehrs und der Notwendigkeiten des menschlichen Lebens haben sich die menschlichen Völkerschaften gewisse Einrichtungen geschaffen: Kriege brachen aus und zogen Gefangenschaft und Sklaverei nach sich, die dem Naturrecht widersprechen. Nach Naturrecht wurden nämlich am Anfang alle Menschen frei geboren. Kraft dieses Völkergemeinrechis sind auch nahezu alle Verträge eingeführt worden, wie Kauf, Miete, Pacht, Dienst- und Werkvertrag, Gesellschaft, Verwahrung, Darlehen und zahllose andere.

3. Unser Recht besteht aus geschriebenem und ungeschriebenem Recht, wie auch die Griechen unterscheiden: Die einen Rechtssätze sind geschrieben, die anderen ungeschrieben. Geschriebenes Recht sind das Gesetz, Plebiszite, Senatsbeschlüsse, Kaisererlasse, Edikte der Magistrate und Gutachten der Rechtsgelehrten.

4. Ein Gesetz ist, was vom römischen Volk auf Antrag eines senatorischen Magistrats, zum Beispiel eines Konsuls, beschlossen wurde. Ein Plebiszit ist. was von der Plebs auf Antrag eines plebejischen Magistrats, zum Beispiel eines Volkstribunen, beschlossen wurde. Dabei unterscheidet sich die Plebs vom Volk so wie die Art von der Gattung. Denn die Bezeichnung ,Volk' umfaßt die Gesamtheit aller Bürger einschließlich der Patrizier und Senatoren. Dagegen werden mit der Bezeichnung 'Plebs' die übrigen Bürger unter Ausschluß der Patrizier und Senatoren bezeichnet. Doch haben auch die Plebiszite seit Erlaß der 'lex Hortensia' nicht weniger Geltungskraft als die Gesetze.

5. Ein Senatsbeschluß ist, was der Senat verordnet und beschließt. Denn als das römische Volk so groß geworden war, daß es schwierig wurde, es zur Verabschiedung von Gesetzen an einen Ort zusammenzurufen, da erschien es angemessen, den Senat anstelle des Volkes damit zu befassen.

6. Aber auch das, was der Kaiser bestimmt, hat Gesetzeskraft, weil das Volk durch das 'königliche' Gesetz, das über die Herrschaft des Kaisers ergangen ist, diesem und auf diesen seine gesamte Herrschaftsgewalt übertragen hat. Alles, was der Kaiser durch Brief bestimmt, aufgrund richterlicher Untersuchung entscheidet oder durch Edikt verordnet, ist daher anerkanntermaßen Gesetz. All dies bezeichnet man als Konstitutionen. Von ihnen sind einige allerdings persönliche, und sie werden nicht auf ähnliche Fälle erstreckt, weil das vom Kaiser nicht gewollt ist. Denn wenn er jemandem wegen seiner Verdienste etwas gewährt hat oder wenn er jemandem eine Strafe auferlegt hat oder jemandem, ohne damit einen Präzedenzfall zu schaffen, zu Hilfe gekommen ist, dann wirkt dies über die jeweilige Person nicht hinaus. Doch sind die übrigen Konstitutionen, da sie genereller Art sind, zweifellos für alle bindend.

7. Auch die Edikte der Prätoren sind Recht von nicht geringem Rang. Man pflegt sie auch als Amtsrecht (Honorarrecht) zu bezeichnen, weil diejenigen, die Ehrenämter (honores) bekleiden, das heißt die Magistrate, diesem Recht Geltung verliehen haben. Auch die kurulischen Ädilen verkündeten für gewisse Fälle ein Edikt, das Teil des Amtsrechts ist.

8. Gutachten der Rechtsgelehrten sind die Auffassungen und Meinungen der Juristen, denen gestattet war, das Recht fortzubilden. Von alters her war es nämlich so eingerichtet, daß es Männer gab, die das Recht öffentlich auslegen sollten; ihnen wurde vom Kaiser das Recht, Gutachten zu erteilen, verliehen, und sie wurden Rechtsgutachter ( uris consulti) genannt. Ihrer aller Auffassungen und Meinungen haben einen solchen Rang, daß der Richter, wie durch eine Konstitution bestimmt ist, von ihrem Gutachten nicht abweichen darf.

9. Ungeschrieben kommt Recht zustande, wenn es durch Übung gebilligt worden ist. Denn langwährende Gewohnheit, die von denen, die sie üben, übereinstimmend gebilligt wird, kommt einem Gesetz gleich.

10. In sehr treffender Weise unterscheidet man also diese beiden Erscheinungsformen des Zivilrechts. Denn man sieht seinen Ursprung in den Einrichtungen zweier Bürgerschaften, nämlich der Athener und der Spartaner. Von diesen beiden Bürgerschaften pflegten die Spartaner so zu verfahren, daß sie das, was sie als Gesetz beachteten, lieber dem Gedächtnis anvertrauten, während die Athener das befolgten, was sie in Gesetzen schriftlich festgehalten hatten.

11. Die naturrechtlichen Rechtssätze aber, die bei allen Völkerschaften gleichermaßen befolgt werden, sind von wahrhaft göttlicher Vorsehung geschaffen worden und bleiben immer gültig und unwandelbar. Dagegen pflegen die Rechtssätze, die einejede Bürgerschaft sich gibt, oft geändert zu werden, sei es durch stillschweigende Übereinstimmung des Volkes, sei es durch ein später erlassenes anderes Gesetz.

12. Alles Recht aber, das wir anwenden, bezieht sich auf Personen, auf Sachen oder auf Klagen. An erster Stelle wollen wir im folgenden die Personen betrachten. Denn man hat wenig vom Recht erfaßt, solange man nicht über die Personen unterrichtet ist, für die es geschaffen ist. ...


Lateinischer Text:

Domini nostri lustiniani perpetuo Augusti

Institutionum sive Elementorum

compositorum per Tribonianum virum excelsum magistrum et ex quaestore sacri palatii iurisque doctissimum et Theophilum virum magnificum iuris peritum et antecessorem huius almae urbis et Dorotheum virum magnificum quaestorium iuris peritum et antecessorem Berytensium inclitae civitatis

LIBER PRIMUS

I. De iustitia et iure.

Iustitia es constans et perpetua voluntas ius suum cuique tribuens.

1. Iuris prudentia est divinarum atque humanarum rerum notitia, iusti atque iniusti scientia.

2. His generaliter cognitis et incipientibus nobis exponere iura populi Romani ita maxime videntur posse tradi conmodissime, si primo levi ac simplici, post deinde diligentissima atque exactisslma interpretatione singula tradantur. alioquin si statim ab initio rudern adhuc et infirmum animum studiosi multitudine ac varitatw rerum oneraverimus, duorum alterum aut desertorem studiorum eficiemus aut vom magno labore eius, saepe etiam cum diffidentia, quae plerumque iuvenes avertit, serios ad id perducamus, ad quod leniore via ductus sine magno labore ei sine ulla diffidentia maturius perduci potuisset.

3. luris praecepta sunt haec: honeste vivere, alterum non laedere, suum cuique tribuere.

4. Huius studii duae sunt positiones, publicum et privatum. pubicuum ius est, quod ad statum rel Romanae spectat, privatum, qund ad singulorum utilitatem pertinet. dicendum est igitur de iure privato, quod est tripertitum. collectum est enim ex naturalibus praeceptis aut gentium aut civilibus.

II. De iure naturall et gentium et civili

lus naturale est, quod natura omnia animalia docuit. nam ius istud non humani generis proprium est, sed omniurn animalium, quae in caelo, quae in terra, quae in mari naseuntur. hinc deseendit maris atque feminae coniugatio, quam nos matrimonium appellamus, hinc liberorum procreatio et educatio: videmus etenim cetera quoque animalia istius iuris peritia censeri.

1. Ius autem civile vel gentium ita dividitur: omnes popull, qui legibus et moribus reguntur. partim suo proprio, partim communi omnium hominum iure utuntur: nam quod quisque populus ipse sibi ius constituit, id ipsius proprium civitatis est vocaturque ius civile, quasi ius proprium ipsius civitatis: quod vero naturalis ratio inter omnes homines constituit, id apud omnes populos peraeque custoditur vocaturque ius gentium, quasi quo iure omnes gentes utuntur. ei populus itaque Romanus partim suo proprio, partim communi omnium hominum iure utitur. quae singula qualia sunt, suis locis proponemus.

2. Sed ius quidem civile ex unaquaque civitate appellatur, veluti Atheniensium: nam si quis velit Solonis vel Draconis leges appellare ius civile Atheniensium, non erraverit. sic enim et ius, quo populus Romanus utitur, ius civile Romanorum appellamus: vel ius Quirtium, quo Quirites utuntur: Romani enim a Quirino Quirites appellantur. sed quotiens non addimus, cuius sit civitatis, nostrum ius significamus: sicuti cum poetam dicimus nec addimus nomen, subauditur apud Graecos egregius Homerus, apud nos Vergilius. ius autem gentium omni humano generi commune est. nam usu exigente et humanis necessitatibus gentes humanae quaedam sibi constituerunt: bella etenim orta sunt et captivitates secutae et servitutes, quae sunt iure naturali contrariae. iure enim naturall ab initio omnes homines liberi nascebantur. ex hoc jure gentium et omnes paene contractus introducti sunt, ut emptio venditio, locatio conductio, societas, depositum, mutuum et alii innumerabiles.

3. Constat autem ius nostrum aut ex scripto aut ex non scripto, ut apud Graecos tøn nómwn oiç mèn e¢ggrafoi oiç dè a¢grafoi. scriptum ius est lex, plebi scita, senatus consulta, principum placita, magistratuum edicta, responsa prudentium.

4. Lex est, quod populus Romanus senatore magistratu interrogante, veluti consule, constituebat. plebi scitum est, quod plebs plebeio magistratu interrogante, veluti tribuno, constituebat. plebs autem a populo eo differt, qua species a genere: nam appellatione populi universi cives significantur connumeratis etiam patriciis et senatoribus: plebis autem appellatione sine patriciis et senatoribus ceteri cives significantur. sed et plebi scita lege Hortensia lata non minus valere quam leges coeperunt.

5. Senatus consultum est, quod senatus iubet atque constituit. nam cum auctus est populus Romanus in eum modum, ut difficile sit in unum eum convocare legis sanciendae causa, aequum visum est senatum vice populi consuli.

6. Sed et quod principi placuit, legis habet vigorem, cum lege regia, quae de imperio eius lata est, populus ei et in eum omne suum imperium et potestatem concessit. quodcumque igitur imperator per epistulam constituit vel cognoscens decrevit vel edicto praecepit, legem esse constat: haec sunt, quae constitutiones appellantur. plane ex his quaedam sunt personales, quae nec ad exemplum trahuntur, quoniam non hoc princeps vult: nam quod alicui ob merita indulsit, vel si cui poenam irrogavit, velsi1 cui sine exemplo subvenit, personam non egreditur. aliae autem, cum generales sunt, omnes procul dubio tenent.

7. Praetorum quoque edicta non modicam iuris optinent auctoritatem. haec etiam ius honorarium solemus appellare, quod qui honores gerunt, id est magistratus, auctoritatem huic iuri dederunt. proponebant et aediles curules edictum de quibusdam casibus, quod edictum iuris honorarii portio est.

8. Responsa prudentium sunt sententiae et opiniones eorum, quibus permissum erat iura condere. nam antiquitus institutum erat, ut essent qui iura publice interpretarentur, quibus a Caesare ius respondendi datum est, qui iuris consulti appellabantur. quorum omnium sententiae et opiniones eam auctoritatem tenent, ut iudici recedere a responso eorum non liceat, ut est constitutum.

9. Ex non scripto ius venit, quod usus comprbavit. nam diuturni mores consensu utentium comprobati legem imitantur.

10. Et non ineleganter in duas species ius civile distributum videtur. nam origo eius ab institutis duarum civitatium, Athenarum et Lacedaemonis, fluxisse videtur: in his enim civitatibus ita agi solitum erat, ut Lacedaemonii quidem magis ea, quae pro legibus observarent, memoriae mandarent, Athenienses vero ea, quae in scripta reprehendissent, custodirent.

11. Sed naturalia quidem iura, quae apud omnes gentes peraeque servantur, divina quadam providentia constituta semper firma atque immutabilia permanent ea quae ipsa sibi quaeque civitas constituit, saepe mutari solent vel tacito consensu popuIi vel alia postea lege lata.

l2. Omne autem ius quo utimur, vel ad personas pertinet vel ad res vel ad actiones. ac prius de personis videamus. nam parum est ius nosse, si personae, quarum causa statutum est, ignorentur.


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski WS 2000/2001