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Lösung zu Übung 1 a.

Die Aufgaben lauteten:

Beispiel einer römischen Rechtsquelle.


Zu 1 a)

Der Sprache nach handelt es sich um einen lateinischen Text, der äußeren Form nach sich um die wissenschaftliche Edition dieses lateinischen Textes; letzteres ergibt sich aus dem Fußnotenbereich der Seite, welcher Quellen-Belege, Hinweise auf Textversionen (z. B. 'F', 'F1', 'F2', 'S') und wissenschaftliche Bearbeiter (z. B.einen mit dem latinisierten Namen 'Glandorpius' und einen anderen mit dem neuzeitlichen Namen 'Borghesi) enthält. Die erkennbaren Autoren- und Werkangaben (z. B. 'Pap.' = Papinianus (röm.-kaiserzeitlich), 'Ed'. = Edictum perpetuum (röm.-kaiserzeitlich), 'Bas. = 'Basiliken' (byzantinisch), 'Cod' = Codex Iustinianus (spätantik-frühmittelalterlich) weisen schwerpunktmäßig auf einen antiken römischen Text über Rechtsfragen hin. Die Aufschlüsselung der Abkürzungen und Siglen läßt sich sich zum großen Teil in Verzeichnissen wissenschaftlicher Lexika der römischen Antike (wie z. B. in 'Paulys Relaenzyklopädie der classicchen Altertumswissenschaft' oder in 'Thesaurus Linguae Latinae') , im übrigen aber in den zur wissenschaftlichen Edition, aus der der vorliegende Text stammt, gehörigen einleitenden Ausführungen und Übersichten betreffend den wissenschaftlichen Apparat entnehmen. Dabei ist im vorliegenden Falle erkennbar, daß die Wissenschaftssprache lateininisch ist. Die lateinische Wissenschaftssprache wird bis heute, wenn auch heute weniger als früher, für die wissenschaftliche Edition vor allem für den innerfachlichen Gebrauch bestimmter lateinischer Quellentexte verwendet.

Über den Inhalt und damit über die Epochen- und Werkzugehöröigkeit des hier in seiner wissenschaftlichen Bearbeitung präsentierten Textauszuges läßt sich anhand der Zusammenstellung der Überschriften und der wegen entsprechender deutscher Fremdworte ungefähr deutbaren lateinischen Wörter ungefähr folgendes erschließen: Es geht um Ausführungen über die Pflichten und Kompetenzen ('officium') verschiedenartiger Amtsträger, und zwar in einer Reihung, die annehmen läßt, daß in anderen - in dem Auszug nicht wiedergegebenen - Teilen des Werkes die Zuständigkeiten und Pflichten weiterer Arten von Amtsträgern behandelt werden. Das erlaubt den Schluß, daß es sich um eine systematische Zusammenstellung handelt. Die drei im Textauszug stehenden Amtsbezeichnungen betreffen mindestens zwei Ämter, die im allgemeinen aus der römischen Republik bekannt sind ('quaestor', 'praetor'). Auch die dritte erwähnte Amtsbezeichnung ('praefectus urbi') gibt es bereits in der römischen Republikls, allerdings für eine wichtige Amtsstellung (Vertretung der abwesenden Konsuln in Rom) nur den frühen Jahrhunderten (bis zur Einführung der Stadtprätur) und später nur für eine interimistische Amtsstellung zur Zeit des jährlichen Latinerfestes; das Amt des 'praefectus urbi' erhält aber in der Kaiserzeit in gewandelter Form einen erheblichen Bedeutungszuwachs und wird in römischen Rechtstexten zumeist in seiner kaiserzeitlichen Form gemeint. Daß sie im vorliegenden Textauszug vor der 'Quaestur' und der 'Prätur' erwähnt wird, deutet deshalb darauf hin, daß dieser nicht in der Zeit der Republik entstanden ist, sondern der Kaiserzeit zugehört.

In der Textstelle 'XII De officio praefecti urbi' gibt zunächst - außer dem erwähnten Autorennamen 'Ulpianus', der auf den gleichnamigen berühmten Juristen des 3. Jhts. n. Chr. hinweist - die am Anfang stehende Erwähnung einer 'epistula divi Severi' einen Hinweis für die genauere zeitliche Einordnung in die Zeit der Severer-Dynastie. Allerdings sagt diese Datierung nicht notwendigerweise etwas über die antike Endredaktion des Textes aus, die, wie sich aus anderen Momenten erschließen läßt (s. 1 b), in der Tat sehr viel später liegt.

Worte wie 'crimina', 'relegandi deportandique licentia', 'patronus' - 'servus', 'cura' - 'tutela', 'iustum pretium' - 'forum', 'spectacula' - 'et negotiatione et professione et advocatione et foro interdicere' lassen zumindest erahnen, auf welche Gegenstände sich die Amtsbefugnisse und -aufgaben eines 'praefectus urbi' beziehen: Strafrecht, Sklavenrecht, Familienrecht, Marktrecht, Theateraufischt, Berufs- und Gewerbeaufsicht, Polizei im allgemeinen Sinne .

Zu 1 b)

Wer keine Vorkenntnisse der römischen Rechtsgeschichte besitzt, findet im Text keine Hinweise für ein genauere Datierung der antiken Endreaktion. Wenn man jedoch weiß, daß erst von Kaiser Justinian das zu seinner Zeit etwa schon acht Jahrhunderte alte römische Juristenrecht in einer Auswahl und Neubarbeitung, den 'Digesten', zusammengefaßt wurde, der wird den hier präsentierten Textauszug wahrscheinlich den 'Digesten' zuordnen. Denn es sind zu Beginn der größeren Sinnabschnitte ('leges') stets Autoren- und Werke zitiert, die zumindest in der späteren römischen Rechtsgeschichte eine besondere Prominenzrolle annahmen: Ulpian, Paulus: sie hatten in der kaisrelichen Konstitutionengesetzgebung und in der Rechtspraxis die Rolle und den Rang sog. 'Zitierjuristen'.

Zu 2.

Auch wenn man des Lateinischen nicht ausreichend mächtig ist, um eine lateinischsprachige Rechtsquelle aus der Antike angemessen zu verstehen, so muß man sich doch hier - wie auch in ähnlichen Fällen eingeschränkten Verständnisses - daran erinnern, daß einerseits das Textverständnis bei unbekannten Sprachen und Umgebungsbedingungen zunächst prinzipiell nur partiell ist und dann graduell fortentwickelt wird, daß esaber andererseits immer irgendwelche schlußfolgerungsfähigen Textelemente gibt, die dem Leser aufgrund eines Vorwisseens eine Grundlage für eine allmählich zunehmende Aufschließung des Textes bieten. Wie die obigen Ausführungen zeigen, sind das im vorliegenden Falle bei einer gewissen allgemeinen historischen und sprachlichen Vorbildung sogar recht viele. Steht ein Text wie der vorliegende zur Beurteilung an, so sollte man sich daher nicht scheuen, neben der Suche nach Übersetzungen und Kommentaren zunächst einmal zu sehen, was man selbst über den Text ausmachen kann. Das dient öfters nicht nur richtigen Fragestellungen und Suchvorgängen, was die heranzuziehende Literatur betrifft, sondern in gewissem Umfang auch einer Überprüfung später beigezogener Übersetzungen auf ihre Richtigkeit oder Angemessenheit hin. Auch ein Historiker ist in gewissem Umfang zur selbständigen Beurteilung einer Textquelle verpflichtet; denn andernfalls verließe er sich prinzipiell auf die Richtigkeit der Arbeit und die Autorität anderer, und das widerspäche dem fundamentalen Prinzip einer eigenständigen, kritischen Urteilsbildung bei wissenschaftlicher Arbeit..

Ein notwendiger zweiter Schritt ist die Identifikation des Textes, ein dritter die Einsichtnahme in eine wissenschaftliche Edition, in der er bearbeitet ist, und ein vierter die Beiziehung von Übersetzungen, Kommentaren und anderen wissenschaftlichen Hilfsmitteln, wenn sie greifbar sind. Dabei sind auch wissenschaftliche (d. h. vor allem: mit ausführlichen Quellentextbelegen versehene) Wörterbücher der lateinischen Sprache wichtig Im vorliegenden Fall müssen sie den römisch-juristischen Wortschatz miteinschließen oder ihn sogar vorrangig berücksichtigen (wie z. B. das große lateinisch-deutsche Handwörterbücher von Georges oder das Handlexikon zu den Quellen des römischen Rechts von H. Heumann und E.Seckel. Siehe dazu die Angaben des Allgemeinen Literatur- und Quellenverzeichnisses, zu Kap. 1.

Eine Suche nach deutschsprachigen Übersetzungen eines Textes wie des hier präsentierten wird selbst in römisch-rechtsgeschichtlichen Fachbibliotheken allerdings oft nicht auf Anhieb zum vollen Erfolg führen; denn die gegenwärtig vorhandenen neueren und vollständigen Übersetzungen der justinianischen 'Digesten' sind entweder fremdsprachig (z. B. englisch oder französisch) - und also für den deutschen Benutzer mit den Verformungsisiken einer Übersetzungsübersetzung verbunden - oder zwar deutschsprachig, aber nicht neueren Datums oder aber nur partiell oder noch unvollständig: die einzige 'neuere' vollständige Übersetzung ins Deutsche gehört dem frühen 19. Jht. - einige noch ältere dem 16. - 18. Jht. - an und ist wegen ihrer altertümlichen Sprache nicht selten wenig verständlich. Manchmal findet sich ein Rechtstext aus den 'Digesten' in einer heutigen oder jüngeren Sammlung ausgewählter Quellentexte des römischen Rechts: so etwa der vorliegende Text - allerdings in geküzter Form -in: Exempla Iuris Romani. Römische Rechtstexte. Herausgegeben, übersetzt und erläutert von Manfred Fuhrmann und Detlef Liebs, München 1988, S. 34 - 37; wiedergegeben in Übung 1b). U. U.- wie ebenfalls im vorliegenden Falle - gehört ferner eine Textstelle aus dem Bereich des 'Corpus Iuris' zu dessen im Rahmen eines derzeitigen, umfassenden, wissenschaftlichen, deutschen Übersetzungsprojekts bereits übersetzten Teilen. Siehe dazu ebenfalls die Angaben des Allgemeinen Literatur- und Quellenverzeichnisses, zu Kap. 1.

Der angehende Historiker, der es im Studium und bei seiner späteren Arbeit, selbst wenn diese schwerpunktmäßig in der Neuzeit liegt, immer wieder einmal mehr als beiläufig mit wichtigen lateinischsprachigen rechtsbezogenen Quellen der Antike oder späterer Epochen zu tun haben wird, sollte es sich angelegen sein lassen, einige dafür nützliche und nötige Lateinkenntnisse zu erwerben und auch selbsttätig einzusetzen. Die Quellen des römischen Rechts sind für den Historiker ein besonders wichtiger Bestandteil des über die römische Antike vorliegenden Quellenmaterials. Dasselbe gilt für den Quellenbestand des Mittelalters, der - in Fortführung des römischen Kulturerbes - zu einem großen Teil in der lateinischen Rechts- und Urkunden-, Kirchen- und Bildungssprache entstanden ist.


 

LV Gizewski WS 2000/2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)