Lösung zu Übung 1 b.

Die Aufgaben lauteten:

Rechtsgeschichtliche Analyse einer Bild- und einer Textquelle.


Zu 1.

Die Abbildungen zeigen den Bildüberschriften nach (RUFIUS PROBIANUS VC und VICARIUS URBIS ROMAE) in zwei Szenen einen Römer, der, wenn man 'VC' als Abkürzung für 'vir clarissmus' liest, den Rang eines Senators und zugleich das Amt eines 'vicarius Romae' innehat. Ausweislich der Amtsinsignie (tragbare kleine Standsäule mit Herrscherporträts zu seiner Linken) und des Richterstuhles (cathedra), auf dem er sitzt, ist er als hoher Richter in einem Rechtsstreit tätig. Er vereidigt - mit erhobener Schwurhand - gerade zwei Streitparteien; denn diese sind auf beiden Tafeln vor ihm und in Opposition zueinander stehend, mit der Toga bekleidet, mit prozeßbezogene Schrifttollen der einen Hand und mit der anderen Hand schwörend dargestellt. Zu beiden Seiten des Richters, aber ihm ebenfalls räumlich untergordnet abgebildet sind zwei Gerichts-Protokollanten, was sichauch aus den von ihnen gehaltenen Schreibwerkzeugen '(stylus' und Protokolltafeln) ergibt. Zwischen den Parteien des Rechtsstreits (oder ihren Rechtsvertretern) steht ein rundes Tischchen ('discus'), auf dem in einer - möglicherweise auch mit Tinte anfüllbaren - Schale ein Schreibwerkzeug(stylus) zum eventuellen Gebrauch durch die Parteien bei Unterschriftleistungen liegt. Die ganze Abbildung ist durch ein ornamentales Fries mit Rankenmuster eingerahmt und erhält dadurch einen in der politisch-religiösen Kunst üblichen, repräsentativen Charakter, der sowohl die Amtsfunktion als auch die Persönlichkeit des Amtsinhabers in ihrer Bedeutung hervorheben soll. Dies ergibt sich auch aus der Banderole, die dem dargestellten Amtsinhaber auf einer Tafel in den Schoß gelegt ist: 'PROBIANE FLOREAS'. Danach handelt es sich bei dem ganzen Werk wohl um ein Präsent an den Dargestellten, das mit einem Glückwunsch (etwa zur Amtseinsetzung oder zu einem Amtsjubiläum) verbunden ist.

Die reliefartige - aus Elfenbein gefertigte - Abbildung steht in einer Kunsttradition der Elfenbein- oder Buchsbaumschnitzerei, die, hellenistischen Ursprungs, lange Zeit vornehmlich der Darstellung von Göttern, Heroen und Kaisern diente, seit dem 4. Jht. n. Chr. aber zunehmend auch für die repräsentative Darstellung hoher Amtsträger und anderer prominenter Persönlickeiten, im christlichen Milieu auch für die Darstellung biblischer Inhalte, Heiliger, Märtyrer und Bischöfe verwendet wurde.

Amts- und Rangbezeichnung der dargestellten Amtsperson ebenso wie die küntlerisch-stilistische Eigenart der Darstellung lassen folgende zeitliche Eingrenzung zu. Da der Inhaber des Amtes als 'vicarius Romae' dargestellt ist, gehört er in die Zeit nach den sog. 'diokletianischen Verwaltungsreformen' Anfang des 4. Jhts. n. Chr.) , durch welche die Ämter des 'praefectus praetorio' und des 'praefectus urbi' erheblich umgestaltet wurden, u. a. auch insoweit als sie dauernde Vertreter (vicarii) mit festumgrenzten territorialen und sachlichen Amtsbereichen zugeordnet erhielten. Waren diese 'vicarii' ursprünglich Angehörige des 'ordo equester' (in der Titulatur der Spätantike: 'viri perfectissmi'), so wurden sie im Laufe des 4. Jhts. in ihrem Rang zu Senatoren ('viri clarissimis') und an dessen Ende, wie die Notitia dignitatum siehe (oc. IV und XIX) ausweist, zu Senatoren einer höheren Rangklasse ('viri spectabiles') erhoben, blieben allerdings trotz ihres großen, auf Italien außerhalb Roms ausgedehnten Amtsbereichs zumeist dem römischen 'praefectus urbi', der auch der höchsten senatorischen Rangklasse ('viri illustrissimi') zugehörte, untergeordnet; längere Zeit unterstanden sie auch dem 'praefectus praetorio'. Wenn der 'vicarius Romae' im vorliegenden Falle als 'vir clarissimus' dargestellt ist, so liegt seine Amtszeit vor dem Ende des 4. Jhts. Darauf deutet auch die künstlerische Form der Darstellung und das Fehlen offiziös-christlicher Symbole in ihr hin. Aufgrund der aus anderen Quellen bekannten Daten über den vicarius Rufus Probianus ist die Arbeit auf 380 n. Chr. datiert worden.

Beiläufig sei darauf hingewiesen, daß die Abbildung auch kulturgeschichtlich interessante Hinweise auf die antike Tradition der heutigen Eidesgeste (vorsichtiges Berühren eines präsenten oder gedachten heiligen Gegenstandes mit zwei Fingern) sowie auf die antike Bedeutung des Parteien-Eides im romischen Gerichtsprozeß gibt, welche in der späteren, antik geprägten Rechtsgeschichte weitgehend verloren gegangen ist.

Lit.: A. H. M. Jones, The Later Roman Empire (284 - 602). A Social, Economic and Administrative Survey, 3 Bde. und App., Oxford 1964. - Friedrich Gehrke, Spätantike und frühes Chistentum, Reihe 'Kunst der Welt. Die Kulturen des Abendlandes. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen, Baden-Badeb 1967, S. 180 ff. - Das als 'Consular-Diptychon des Rufus Probianus' bekannte Werk befindet sich heute in der Staatsbibliothek Berlin.

Zu 2.

Im einzelnen sind im Ulpian-Zitat - in etwas ungeordnet erscheinender, weil fallrechtlich bedingter Reihenfolge - folgende Kompetenzen des 'praefectus urbi' angesprochen:

a) Die gesamte Strafrechtspflege innerhalb der Stadtgrenzen und 100 Meilen im Umland.
b) Entscheidung und Strafverhängung in bestimmten Beschwerdeangelegenheiten aus dem Verhältnis zwischen Slaven und Herren bzw. Freigelassenen und Patronen.
c) Anordnung der Verweisung aus der Stadt, aus Italien oder aus einer Provinz und der Verbringung an einen Deportationsort.
d) Erlaß einstweiliger Anordnungen zum Schutz gegen unerlaubte Besitzbeeinträchtigung.
e) Verfolgung schwerer Amtspflichtverletzungen von Vormündern und Pflegern.
f) Aufsicht über die Geschäftsführung der gewerbsmäßigen Geldhändler, -verleiher und -anleger (eine Art 'Bankenaufsicht').
g) Aufsicht über den gesamten Fleisch- und Tierhandel.
h) Sicherung der öffentlichen Ruhe und Ordnung, insbesondere auch bei öffentlichen Spielen.
i) Erteilung und verübergehende oder dauernde Verweigerung einer Aufenthaltserlaubnis, einer Gewerbeerlaubnis, einer Zulassung als Anwalt oder Sachwalter auf dem Forum,
j) Verfolgung unzulässiger Vereinsbildungen.

Zusammengenommen ist das eine erhebliche Kompetenzenfülle. Der Amtsinhaber ist letztlich mit einer umfassenden Zuständigkeit für die öffentliche Sicherheit und Ordnung eines großen städtischen Reichszentrums ausgestattet. Sie ist dabei zusammengesetzt aus Elementen der vormals dem Konsuln zustehenden magistratische Koerzitionsgewalt, aus gewissen Elementen der prätorischen Jurisdiktion, aus dem Aufgabenkreis der früheren Aedilen und aus den Kompetenzen derin republikanischer Zeit bestehenden, von der Volksversammlung eingesetzten verschiedenen Arten der Strafgerichte (quaestiones).

Diese Verschiebung und Kumulierung der Kompetenzen gegenüber der Zeit der Republik geht darauf zurück, daß gleich mit Beginn des Prinzipats (Tac., ann. 6, 11) der Kaiser eine Vielzahl öffentlicher Aufgaben in der Stadt Rom an sich heranzieht und später, auch wenn er sie nicht persönlich ausübt, durch von ihm eingesetzte Unterbeamte wahrnehmen läßt. Ein solcher ist auch der 'praefectus praetorio'. In Erinnerung daran, daß dieser in größerem Umfang Aufgaben ausübt, die ursprünglich republikanischen Magistraten vorbehalten waren, wird vom Kaiser als Amtsinhaber zwar stets ein Mann senatorischen Ranges bestellt. Aber die Konstruktion des Amtes macht deutlich, daß der Kaiser nicht etwa beabsichtigt, seine Teilbefugnisse auf mehrere Magistrate zurückzuübertragen, sondern Wert darauf legt, an deren Stelle dauerhaft einen einzigen, zumindest für die öffentliche Sicherheit und Ordnung in der Stadt gesamtverantwortlichen, ihm direkt unterstellten Oberbeamten zu haben. Der Name des Amtsinhabers ist von einem in der Republik in ihren Amfangsjahrhunderten bedeutungsvollen, später durch die Prätur weitgehend überflüssig gewordenen Amte eines 'Konsulstellvertreters' entlehnt; der Sache nach ist das Amt in der Kaiserzeit aber etwas ganz Neues und Unrepublikanisches.

Die traditionelle Ordnung der Rechtsprechung in der Stadt Rom wird davon bis zur Zeit Ulpians allerdings nur inwoweit berührt, als es um die Verfolgung der von Amts wegen zu verfolgenden Straftaten (crimina publica) geht. Aus der Zivilgerichtsbarkeit , die den traditionell Prätoren obliegt, werden nur bestimmte Teile dem 'praefectus urbi' zur - vermutlich - konkurrierenden Erledigung neben dem Praetor übertragen. Ediktale Kompetenzen hat der 'praefectus urbi' in der Darstellung Ulpians nicht.

Allerdings ist hier die schon in der Untersuchung des lateinischsprachigen Quellentextes der Übung 1, dessen deutsche Übersetzung der hier wiedergegebene Text ist, gewonnen Erkenntnis hervorzuheben, daß es sich um einen zu Beginn des 3. nachchristlichen Jahrhunderts von dem Juristen Ulpian verfaßten Text aus dessen Schrift 'De officio praefecti urbi' handelt, welcher lange Zeit später, in den 30er Jahren des 6. Jhts. n. Chr, .in die 'Digesten' des Kaisers Justinian Aufnahme findet.

Das bedeutet einerseits, daß die hier behandelten Amtskompetenzen sich in frühbyzantinischer Zeit nicht nur und nicht vorrangig auf den 'praefectus urbi' in Rom, sondern primär auf den in Konstantinopel beziehen. Auch handelt es sich bei den von Ulpian im 3. Jht. n. Chr. über die Kompetenzen des 'praefectus urbi' gemachten Ausführungen offenbar auch nach vier Jahrhunderten prinzipiell immer noch um solche, die in der Hauptstadt des späteren ost-römischen Reiches in rechtlicher Geltung bleiben können. Das erweist das Amt des 'praefectus urbi' nicht nur als ein traditionsreiches, sondern auch als ein offenbar in seinem Zuschnitt funktionsgerechtes.

Daraus darf man andererseits aber keine falschen Schlüsse für die Zeit Justinians und überhaupt für die Epochen nach Ulpian herleiten. Die spätere Weiterntwicklung des Amtes kann das Zitat aus Ulpian naturgemäß nicht beleuchten; sie ergibt sich vielmehr aus späteren Quellen, so etwa den kaiserrechtlichen Vorschriften der späteren römischen Kaiserzeit, die in Cod. Iust. 1, 28 (De officio praefecti urbis) zusammengefaßt sind. Sie belegen, daß mit dem Amt des 'praefectus urbi' seit Beginn des 4. Jhts. n. Chr. infolge der diokletianischen Reformen auch die Kompetenz der oberen Gerichtsbehörde verbunden wird, die in der früheren Kaiserzeit für den Bereich Roms traditionell noch bei der Prätur und - auf einigen Sondergebieten des Rechts - bei den Konsuln liegt.

In der Folge dieser Reform wird der Konsulat im wesentlichen reines Ehrenamt für verdiente Angehörige der Reichsaristokratie; seine Inhaber geben wie traditionell üblich den Amtsjahren ihre Namen und haben andere Ehrenrechte, aber kaum wirkliche Geschäftsbereiche. Die Aedilität ist als Amt bereits zur Zeit Ulpians in Rom nicht mehr feststellbar, auch wenn sie als munizipales Amt anderwärts auch in der Spätantike fortbesteht. Die Quaestur wandelt sich von einem traditionsreichen republikanisch-magistratischen zu einem Hofamt und bekommt als solches in der Spätantike eine ganz neue, politisch hervorragende Bedeutung in der Funktion des 'quaestor sacri palatii' (vgl. Cod. Iust 30 - De officio quaestoris). Die Praetur wird zu einem römisch-munizipalen Amt der freiwilligen Gerichtsbarkeit (z. B. für Emanzipationsangelegenheiten; siehe Dig. 1, 14, 1 f. im Vorlagetext der Übung 1 a) Ihm ist die frühere Bedeutung einer obersten Gerichtsbehörde für Rom ausdrücklich genommen (Dig. 1, 14, 4).Der Prätor setzt in der Spätantike nicht mehr die Gerichte ein wie in der Republik- und der frühen Kaiserzeit; diese Aufgabe obliegt in späterer Zeit eben dem 'praefectus urbi'.

Die Analsyse des Textes macht einerseits die mögliche Vielseitigkeit der rechtlichen Inhalte und allgemeingeschichtlichen Bezüge einer Textquelle des römischen Rechts deutlich und läßt andererseits erkennen, in welchem Umfang die sorgfältige Untersuchung einer solchen Quelle gewisser notwendiger Wissensvoraussetzungen bedarf, die sich der Interpret aber ohne übermäßige Schwierigkeiten erwerben kann.

Lit.: A. H. M. Jones, The Later Roman Empire (284 - 602). A Social, Economic and Administrative Survey, 3 Bde. und App., Oxford 1964. - T. Mommsen, Römisches Staatsrecht, 3 Bde., Bd. 1 und 2, Leipzig 1887 3, Bd. 3, Leipzig 1888 3. - M. Kaser, Das römische Zivilprozeßrecht, München 1996 2.


LV Gizewski im WS 2000/2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)