Übung 1 b.

Rechtsgeschichtliche Analyse einer Bild- und einer Textquelle.


Zu 1: Abbildung einer Amtsperson.

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Zu 2: Übersetzung eines Rechtsquellentextes aus Ulpianus, De officio praefecti urbi = Dig. 1, 12, 1, 1 - 14

nach: Exempla Iuris Romani. Römische Rechtstexte. Herausgegeben, übersetzt und erläutert von Manfred Fuhrmann und Detlef Liebs, München 1988, S. 34 - 37, mit Ergänzung der dortigen Kürzungen. C. G.

Ulpian, Über die Aufgaben des Stadtpräfekten.

2 Die Stadtpräfektur hat überhaupt [im Laufe der Zeit] die gesamte Strafrechtspflege [im Stadtgebiet Roms] an sich herangezogen, und in einem an den Statpräfkten Fabius Cilo gerichteten Reskript des vergöttlichten Kaisers Severus ist festgelegt, daß das nicht nur für die Straftaten innerhalb der Stadtgrenzen, sondern auch außerhalb ihrer in Italien [bis zu einer Entfernung von 100 Meilen von Rom] gelten soll.

1 Sklaven, die zu kaiserlichen Standbildern Zuflucht genommen haben oder mit ihrem eigenen Geld zum Zwecke der Freilassung von jemandem gekauft worden sind, soll er anhören, wenn sie sich über ihren Herrn beschweren. Doch auch bedürftige Patrone, die sich über ihre Freigelassenen beschweren, soll er anhören, besonders wenn sie sagen, sie seien krank, und von ihren Freigelassenen Unterhalt bekommen wollen.

3 Der Stadtpräfekt hat auch die Zuständigkeit, strafweise die Ausweisung aus Rom oder die Deportation auf eine vom Kaiser bestimmte Insel anzuordnen.

4 Am Anfang des Schreibens des göttlichen Septimius Severus an den Stadtpräfekten Fabius Cilo heißt es wie folgt: «Da wir unsere Stadt deiner Gewissenhaftigkeit anvertraut haben»; somit steht fest, daß alle Vergehen, die innerhalb der Stadt begangen werden, in die Zuständigkeit des Stadtpräfekten fallen. Doch auch ein Vergehen, das innerhalb des hundertsten Meilensteins begangen wird, fällt in die Zuständigkeit des Stadtpräfekten; wenn hingegen jenseits dieser Grenze, dann entzieht es sich der Strafgewalt des Stadtptäfekten.

5 Wenn jemand behauptet, einer seiner Sklaven habe mit seiner Frau Ehebruch begangen, dann muß er beim Stadtpräfekten Gehör finden.

6 Ferner kann der Stadtpräfekt wegen einstweiliger Verfügungen gegen verbotene Eigenmacht oder unzureichende Besitzbehauptung angegangen werden.

7 Der Stadtpräfektur pflegen auch die Fälle zur Verhandlung überwiesen zuwerden, in denen gegen Vormünder oder Pfleger wegen Mißbrauchs ihrer Befugnisse eine strengere Strafe verhängt werden muß als ein öffentlich infamierender Tadel, etwa dann, wenn nachgewiesen ist, daß sie sich die Vormundschaft durch Hingabe von Geld zu ihrem eigenen Vorteil angeeignet haben oder daß sie nach Annahme von Geld darauf hingewirkt haben, daß jemandem kein geeigneter Pfleger zur Seite gestellt würde, oder daß sie wissentlich im Zusammenhang mit der Herausgabe eines [ihnen anvertrauten] Vermögens dessen Umfang kliner darstellen, als es ist, oder daß sie offenkundig betrügerisch Vermögen ihres Schutzbefohlenen beiseitegeschafft haben.

8 Wenn es aber heißt, der Präfekt solle Sklaven anhören, die sich über ihren Herrn beschweren, dann wollen wir annehmen, daß er dies nicht tun soll, wenn sie ihren Herrn anklagen (denn dies darf man einem Sklaven keinesfalls zugestehen, außer in den anerkannten Fällen), sondern nur, wenn sie ehrerbietig um Hilfe bitten und sich dem Stadtpräfekten gegenüber darauf berufen, daß ihr Herr ihnen mit Grausamkeit, mit Härte, mit Hunger zusetze, daß er sie zu unzüchtigen Handlungen gezwungen habe oder zwinge. Auch diese Aufgabe ist dem Stadtpräfekten vom göttlichen Septimius Severus zugewiesen worden, daß er die Sklavinnen vor Prostitution bewahre.

9 Außerdem muß der Stadtpräfekt dafür Sorge tragen, daß die Banken alle ihre Geschäfte korrekt tätigen und sich all dessen enthalten, was verboten ist.

10 Wenn ein Patron behauptet, er werde von seinem Freigelassenen geringschätzig behandelt, oder sich beschwert, daß sich der Freigelassene ihm gegenüber herabwürdigend verhalte, oder rügt, er und seine Kinder oder seine Frau seien mit Scheltworten bedacht worden, oder etwas Ähnliches vorbringt, dann pflegt man sich an den Stadtpräfekten zu wenden, und der Freigelassene empfängt eine dem Gewicht der Beschwerde entsprechende Züchtigung. Der Stadtpräfekt pflegt ihn zu verwarnen oder mit Stockschlägen zu züchtigen oder, wenn er ihn bestraft, noch darüber hinauszugehen; denn Freigelassene haben in der Regel auch Strafen verdient. Jedenfalls muß, wenn der Patron darlegt, er sei von seinem Freigelassenen denunziert worden oder dieser habe sich mit seinen Feinden gegen ihn zusammengetan, sogar auf Zwangsarbeit im Bergwerk gegen ihn erkannt werden.

11 Auch daß die gesamte Fleischversorgung gegen angemessene Preise erfolgt, ist Sache der Präfektur, und daher untersteht auch der Schweinemarkt der Obhut des Präfekten; doch auch der übrige Handel mit Vieh oder Haustieren, soweit er die Fleischversorgung betrifft, gehört zu seinem Amtsbereich.

12 Auch die Ruhe im Volke und der geordnete Verlauf der Spiele gehört offensichtlich zu seinen Obliegenheiten, und gewiß muß er auch an verschiedenen Orten Wachtposten einrichten, die die Ruhe im Volke aufrechterhalten und ihm melden, was sich überall abspielt.

13 Der Stadtpräfekt kann auch den Aufenthalt in der Stadt oder einem anderen Teil Italiens untersagen und darf Handelsgeschäfte, die Ausübung eines Berufs, die Tätigkeit als Anwalt und das Erscheinen auf dem Forum verbieten, und zwar sowohl auf Zeit als auch auf immer, ferner den Besuch von Schauspielen. Und wenn er jemanden aus Italien ausweist, kann er ihn auch aus seiner Provinz entfernen.

14 Der göttliche Septimius Serverus hat angeordnet, daß auch diejenigen, die eine unerlaubte Vereinigung gegründet haben sollen, beim Stadtpräfekten anzuklagen seien.


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski WS 2000/2001