Aus der literarische Überlieferung archaischen römischen Rechts.

Die Rechtsinstitute der älteren römischen Geschichte vor dem XII-Tafel-Gesetz des 5. Jhts. ergeben sich - wie das XII-Tafel-Gesetz d. J. 451/450 - im allgemeinen weder aus allgemeinen Rechtsanordnungen in überlieferten Inschriften noch aus erhaltenen rechtsgeschäftlichen Urkunden, sondern ganz überwiegend aus Zitaten in der juristischen, politisch-rhetorischen oder antiquarisch-historischen Literatur der Römer, wobei Autoren sehr viel späterer Jahrhunderte aus schriftlichen Quellen oder aus einer mündlichen Überlieferung zitieren, die uns nicht mehr faßbar ist. Zu diesen Autoren gehröen vor allem: Polyios (2. Jht. v. Chr.) in seinen 'Historien', Dionysios von Halikarnassus (Zeitgenosse des Kaisers Augustus; Lebensdaten unbestimmt) in seinen 'Antiquitates Romanae' , M. Tullius Cicero (106 - 43 v. Chr.) in verschiedenen seiner Reden und Schriften, z. B. in 'De re publica', T. Livius (um 60 v. Vhr. bis 19 n. Chr.) in seinem Werk 'Ab urbe condita', Plutarch (45 - 125 n. Chr.) in seinen 'Biographien' römischer Könige oder Sex. Pomponius Festus (2. Hälfte des 2. Jhts. n. Chr.; Lebensdaten unsicher) in 'De verborum significatione'.

Die folgenden Zitate aus Werken der genannten Autoren lassen in unterschiedlichem Maße Schlußfolgerungen auf die rechtlichen Verhältnisse der frühen römischen Rechtsgeschichte ('Königszeit') zu. Teilweise geben sie einen Bestand jeweils zeitgemäß angepaßten oder verformten Traditionswissens, teilweise aber wohl auch direkt entnommene Zitatenfragmente aus früheren Quellen wieder. Es handelt sich lediglich um eine kleine Zusammenstellung aus einer größeren Menge in Betracht kommenden Materials. Griech. und lat. Textauszüge entnommen aus: Fontes Iuris Romani Anteiustiniani (Abk. FIRA), 3 Bde, Bd. 1: Leges, Hg. S. Riccobono u. a., Florenz 1968, S. 3 - 18. Dt. Übersetzung: C. Gizewski.


Dionysios von Halikarnassos, Antiquitates Romanae, 2, 9 - 27 (Auszüge).

Nachdem Romulus die Höherstehenden (die Patrizier) von den Niedrigerstehenden (den Plebejern) unterschieden hatte, gab er bald Gesetze und legte fest, was beide Seiten zu tun hätten. Die Patrizier sollten die Priesterämter und die Magistratsämter wahrnehmen und Recht sprechen. Die Plebejer andererseits sollten die Äcker bestellen, das Vieh halten und die verschiedenen Arten der Gelderwerbsgeschäfte ausüben. Der Fürsorge der Patrizier überwies und empfahl er die Plebejer, indem er jedem Plebejer gestattete, sich einen Patrizier als Patron seiner Wahl auszusuchen. Das nannte er Patronat.

Bei dieser Gelegenheit wurde von ihm das Patronatsrecht folgendermaßen geregelt: Die Patrizier hatten die Aufgabe, ihre Klienten rechtlich zu vertreten, für sie, wenn ihnen Unrecht getan wurde, Prozesse anzustrengen und ihnen bei der Prozeßführung beizustehen. Die Klienten hatten dagegen ihren Patronen bei der Verheiratung ihrer Töchter beiuzustehen, wenn den Eltern dafür angemessene Mittel fehlten, sie hatten im Kriegsfalle die Verpflichtung, die Patrone oder deren Kinder aus der Gefangenschaft bei Feinden freizukaufen, und schließlich hatten sie im Verurteilungsfalle Strafen für Privatdelikte und öffentliche Delikte an ihrer Statt zu bezahlen . Beiden Seiten war weder nach göttlichem noch nach menschlichem Recht gestattet, Anklage gegeneinander zu erheben, bei Gericht Zeugnis gegen die jeweils andere Seite abzulegen oder irgendjemand anders in treuwidriger Weise zu begünstigen. Wenn sich aber jemand in einer solchen Weise vergangen haben und dessen überführt sein sollte, war es jedermann gestattet, ihn als einen nach dem Gesetz über den Verrat, das Romulus erlassen hatte, Verurteilten und dem Gott der Unterwelt Geweihten zu töten.

Nachdem Romulus dies alles geregelt hatte, beschloß er, für sich ein Ratgebergremium einzurichten, mit welchem gemeinsam er die öffentlichen Angelegenheiten verwalten könne, und wählte zu diesem Zweck aus dem Patrizierstande hundert Männer aus. Nachdem dieses Gremium eingesetzt war, regelte er, wie die Kompetenzen der hoheitlichen Gewalt unter allen an ihr Beteiligten zu teilen seien.

Dem König wies er folgende Rechte zu: erstens in Angelegenheiten des religiösen Kults und des Priesterwesens in höchster Instanz zu bestimmen, zweitens über die Einhaltung der Gesetze und der von den Vorfahren überlieferten Rechtsbräuche wachsam Ausicht zu führen, wobei er über die ernsthafteren Rechtsverstöße selbst zu Gericht sitzen, andere dagegen den Senatoren zur Aburteilung überlassen wollte, ferner die Senats- ebenso wie die Volksversammlungen einzuberufen und schließlich im Kriege den Oberbefehl zu haben.

Dem Senat übertrug er das Beratungsrecht in allen Angelegenheiten, die der König ihm vorlegte, mit der Maßgabe, daß darüber diskutiert und abgestimmt werden könne.

Für das Volk sah er folgende drei Kompetenzen vor: einmal alle Magistrate zu wählen, sodann alle Gesetze zu bestätigen und in Geltung zu setzen und schließlich über Krieg und Frieden zu entscheiden, wenn der König [in all diesen Angelegenheiten pflichtgemäß] um eine Entscheidung ersucht hatte. Eine Abstimmung erfolgte dabei aber nicht in einem einzigen Wahlkörper [des gesamten Volkes], sondern in den einzelnen zur Abstimmung aufgerufenen Kurien.

Romulus übertrug die gesamte Gewalt gegenüber dem Sohn [generell am Kinde] an dessen Vater, und dies auf Lebenszeit [des Vaters]. Diese Gewalt schloß [im äußersten Falle und bei gerechtfertigtem Anlaß auch] das Recht zur Inhaftierung, zur körperlichen Züchtigung, zum erzwungenen Arbeitseinsatz auf dem Lande und sogar zur Tötung ein. Auch das Recht, den Sohn als Dienstkraft gegen Geld zu verdingen, vertraute er dem Vater an; dies allerdings mit der Einschränkung, daß der Vater eine solche Verdingung seines Kindes nur dreimal zum Gelderwerb einsetzen könne; danach wurde der Sohn von der väterlichen Gewalt frei.

Cicero, De republica 2. 17, 3.

[Tullus] constituit ius, quo bella indicerentur, quod ... sanxit fetiali religione, ut omne bellum, quod denuntiatum indictumque non esset, id iniustum esse atque impium iudicaretur. [König Tullus] begründete das Recht, nach dem Kriegserklärungen abzugeben sind, dadurch ... , daß er anordnete, jeder Krieg, der [der feindlichen Seite] nicht ordentlich mitgeteilt und offiziell verkündet sei, müsse als ungerecht und gegen das göttliche Gesetz verstoßend betrachtet werden.

Livius, Ab urbe condita 1, 42, 5.

Censum [Servius Tullius] ... instituit, ... classesque centuriasque et ... ordinem ex censu descripsit. [König Servius Tullius] führte die [steuer-, wahl- und militärrechtliche] Erhebung des Bestandes der Bürgerschaft und ihrer Vermögen (Census) ein, ... er bildete in diesem Zusammenhang Bürgerklassen und Wahlkörper für die Zenturiatkomitien, und ... er legte auch die Ordnung der Stände nach den Ergebnissen der allgemeinen Bürgerschätzung fest.

Plutarch, Romulus 22.

[Der König] Romulus gab auch einige problematische Gesetze, unter denen jenes auffallend hart ist, das es einer Ehefrau grundsätzlich nicht erlaubt, sich von ihrem Ehemanne zu scheiden, dem Ehemanne jedoch das Recht gibt, seine Ehefrau aus folgenden Gründen nicht mehr anzuerkennen: wegen Giftanwendung gegenüber der Nachkommenschaft [einschließlich der Leibesfrucht], wegen mißbräuchlicher Verwendung der Hausschlüssel[gewalt] oder wegen Ehebruchs. Wenn andereseits der Ehemann seine Ehefrau aus anderen Gründe wegschickte, sollte diese nach dem Gesetz einen Teil des ehemännlichen Vermögens erhalten, ein anderer sollte an die Göttin Ceres [d. h. an das Heiligtum der Göttin] fallen. Wenn ein Mann seine Frau verkaufte, war seine Opferung an die Götter der Unterwelt vorgesehen.

Festus (F. 230) s. v. 'plorare'.

Plorare ... significat ... apud antiquos plane inclamare. In regis Romuli et Tatii legibus 'si ... estod' in Servii Tulli haec est: 'SI PARENTEM PUER VERBERIT AST OLLE PLORASSIT PAR[ENS], PUER DIVIS PARENTUM SACER ESTOD. Id est camarit. Adicitur; ‘SI NURUS, SACRA DIVIS PARENTUM ESTOD' 'Klagen' ('plorare') bedeutet bei den Alten genau dasselbe wie 'zu [oder um] Hilfe rufen' ('inclamare'). In den Gesetzen des Romulus und Tatius steht unter der Gruppe der 'wenn - dann soll'-Normen bei den von Servius Tullius stammenden Rechtsregeln das folgende: 'Wenn ein Sohn Vater oder Mutter geschlagen hat und jene um Hilfe rufen, dann soll er den Totenggeistern der Ahnen verfallen sein.'

Festus (F 189) s. v. 'opima'.

M. Varro ait ... esse Pompili regis legem opimorum spoliorum talem: CUIUS AUSPICIO CLASSE PROCINCTA OPIMA SPOLIA CAPIUNTUR, IOVI FERETRIO BOVEM CAEDITO; QUI CEPIT, AERIS CCC DARIER OPORTEAT. SECUNDA SPOLIA, IN MARTIS ARAM IN CAMPO SOLITAURILIA, UTRA VOLUERIT, CAEDITO; [QUI CEPIT, AERIS CC DATO.] TERTIA SPOLIA, IANUI QUIRINO AGNUM MAREM CAEDITO; C QUI CEPERIT EX AERE DATO. CUIUS AUSPICIO CAPTA, DIS PIACULUM DATO. Marcus Varro teilt mit, ... es gebe ein Gesetz des [Königs Numa] Pompilius betreffend die Weihung von Gegenständen der Kriegsbeute für die Götter (opima spolia) mit folgendem Wortlaut: 'Derjenige [Magistrat] , unter dessen amtlicher Auspizien-Verantwortlichkeit während eines römischen Kriegsfeldzugs die Weihung von Gegenständen des erlangten Beutegutes für die Götter vorgenommen werden soll, soll dem Iupiter Feretrius [dem Gott der Beuteweihung] einen Stier opfern. Demjenigen, der die zu weihende Beute bereitgestellt hat, sollen dreihundert Geldstücke [Asse] zum Ersatz gegeben werden. Bei einer zweiten Beuteweihung soll er am Altar des Mars auf dem Mars-Felde nach seinem Ermessen ein komplettes Stieropfer darbringen. In diesem Falle soll der Bereitsteller der Weihebeute zweihundert Geldstücke erhalten. Bei einer dritten Beuteweihung soll er dem Ianus Quirinus einen Schafsbock opfern. Dafür soll der Bereitsteller des Beutestücks hundert Asse bekommen. Derjenige, unter dessen Auspizien die Weihung stattfindet, soll ferner den Göttern ein Sühneopfer darbringen.'

Festus (P 221) s. v. ‘parrici[dii]‘.

Parrici[dii] quaestores appellabantur, qui solebant creari causa rerum capitalium quaerendarum. Nam parricida non utique is, qui parentem occidisset, dicebatur, sed qualemcumque hominem indemnatum. Ita fuisse indicat lex Numae Pompilii regis his composita verbis: SI QUIS HOMINEM LIBERUM DOLO SCIENS MORTUI DUIT, PARICIDAS ESTO. Als 'Zuständige für die Verfolgung des Mordes an Nahestehenden' ('parricidii') wurden solche Untersuchungsbeamten bezeichnet, welche zur Aufklärung aller Kapitaldelikte (d. h. Mordsachen) gewählt waren. Denn als 'Mörder an Nahestehenden' (parricida) wurde nicht nur derjenige bezeichnet, der seinen Vater [oder sonst einen nahen Verwandten] umgebracht hatte, sondern jeder, der für die Tötung irgendeines Menschen verantwortlich war, es sei denn der Getötete war durch Urteil zur Tötung bestimmt. Daß dies so gewesen ist, bestätigt der folgende Wortlaut eines Gesetzes des [Königs] Numa Pompilius: ' Wenn jemand einen freien Menschen willentlich und wissentlich getötet hat, dann soll er als Mörder an einem Nahestehenden behandelt werden.'

Festus (F. 222) s. v. 'paelices'.


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski WS 2000/2001

Antiqui proprie eam paelicem nominabant, quae uxorem habenti nubebat. Cui generi mulierum etiam poena constituta est a Numa Pompilio hac lege: PAELEX ARAM IUNONIS NE TANGITO; SI TANGIT IUNONI CRINIBUS DEMISSIS AGNUM FEMINEAM CAEDITO. Die Alten pflegten 'Nebenfrau' ('paelex') eine solche Frau zu nennen, die sich geschlechtlich dauerhaft mit einem Manne verband, der eine legitime Ehefrau hatte. Von König Numa Pompilius wurde für diese Art Frauen eine [religionsrechtliche] Strafe festgesetzt mit folgender Gesetzesregelung: 'Eine Nebenfrau soll den Altar der Juno nicht berühren. Wenn sie ihn berührt, soll sie mit abgeschorenen Haaren der Juno eine weibliches Schaf opfern.'