Lösung zu Übung 2 a.

Die Aufgaben lauteten:

Inschrift des 'Cippus Avellanus' (oskisch, etwa 3. Jht. v. Chr.).


Zu a)

Es ist von zwei Gemeinwesen, Nola und Abellanum, die Rede, welche miteiander eine Vereinbarung über die gemeinsame Unterhaltung und Benutzung eines an der gemeinsamen Grenze gelegenen Herakles-Tempels schließen. Die beiden Orte (heutige Namen: Nola und Avellino) befinden sich im südlichen Mittelitalien, ca. 30 bzw. 50 km östlich von Neapel. Bei der Feststellung der Enstehungszeit des dem Inhalt nach nicht eindeutig zu datierenden Textes hilft zunächst seine Schrift- und Sprachtform etwas weiter. Es handelt sich um eine rechtsläufige Schrift, die weder mit der griechischen noch mit der lateinischen übereinstimmt, aber ähnliche Buchstaben aufweist. Damit läßt sich eine schriftkulturelle Sondertradition auf der Basis des westgriechischen Alphabetschrift-Typus feststellen. Die Sprache ist ihren Worten und Flexionsformen nach ebenfalls weder griechisch noch lateinisch, steht aber in nicht wenigen Worten oft schon auf den ersten Blick erkennbar dem Lateinischen sprachlich nahe (z. B: , pro pukid [pro pacto], kvaisturei [quaestori], ligatuis [legatis], senateis [senatus], saraclum [sacrum], anter terminiss ehtruis [inter termina exteriora], terum [terra], muinikum [commune], liimitum [limitum], viam [viam], pustist [positum est], staiet [stant]). Für Philologen der altitalischen Sprachen, die mit divergierenden Laut-, Form- und Bedeutungsentwicklungen in den dortigen, entwicklungsgeschichtlich zusammengehörenden Sprachen vertraut sind, ergeben sich bei fast allen Worten Zuordnungsmöglichkeiten zum Lateinischen (z. B. p statt q in 'pud' [quod], f statt d in 'mefios' [medius] , t statt s in 'uittiuf' [usus], verschiedene Wortgeschlechter für einige ursprünglich gemeinsame Worte, unterschiedlicher Gebrauch der Kasus und Präposotionen in ähnlichen syntaktischen Zusammenhängen usw.). Es handelt sich danach um eine indogermanische, altiatlische Sprache. Sie ist aufgrund der geographischen Lage der im Text erwähnten Stadtgemeinden als 'Oskisch' zu erschließen. Was die Sprach- und Schriftverwendung in einer Vertragsurkunde zwischen zwei Gemeinden in nicht allzu großer Entfernung von Rom betrifft, so ist ein römischer Einfluß also nicht festzustellen. Auch inhaltlich tritt ein römischer Einfluß nicht hervor, etwa in Formulierungen, die auf eine Genehmigung oder Anordnung römischer Staatsorgane hinwiesen. Eine religiös-kulturelle Nähe zum griechischen Raum kommt in der Bezeichnung des Gottes als 'Herakles' (nicht in der lateinischen Form 'Hercules' zum Ausdruck. Offenbar ist die Vereinbarung also von den Stadtgemeinden autonom abgeschlossen worden. Darauf weist ja auch die Erwähnung der 'Gemeinderäte' ('senatus') , der 'Verhandlungsbeauftragten' ('legati') und der oberen Verhandlungsführer und Amtsinhaber (mit verschiedenen Amtstiteln: 'suerrun' [ = suasor, arbiter] und quaistur [ = quaestor] einerseits, 'meddix' [= iudex] andereseits) hin. Dies Hinweise ermöglichen zwar keine ganz genaue, aber doch eine annähernde Festlegung der Entstehungszeit. Sie liegt nach Einführung des Alphabetchriftgebrauchs in Italien (ca. 8. Jht. v. Chr.) und setzt eine städtische Verfassungsstruktur der beiden an der Vereinbarung beteiligten Gemeinden voraus, welche die Kompetenz zum Abschluß bindender Verträge mit Nachbargemeinden voraussetzt. Das ist für Nola und Avella etwa seit dem 5. Jht. v. Chr., und zwar vor und auch nach dem Ende der Samnitenkriege (290 v. Chr.) der Fall; denn beide Stadtgemeinden gehören nicht zu dem eroberten römischen Gebiet des Samnitenbundes, sondern sind seit 290 v. Chr.Bundesgenossen der Römer. Als solche wahren sie ihr institutionelles und kulturell-sprachliches Herkommen. Erst seit dem 1. Jht. verbreitet sich die lateinische Amtssprache auch auf ihren Bereich, weil das römische Bürgerrecht nach dem 'Bundesgenossenkrieg' d. J. 91 - 88 v. Chr. auf ganz Italien erstreckt wird. Danach kommt für die Abfassungszeit theoretisch ein Rahmen zwischen 500 v. Chr. und 100 v. Chr. in Betracht. Im allgemeinen wird wissenschaftlich aber - etwa aufgrund der handwerklich ausgeprägten, eleganten Form der Schriftbearbeitung - die Zeit um 200 v. Chr. oder danach angenommen.

Lit.: Alessando Morandi, Epigraphia Italica, Rom 1982, S. 130 ff. mit weiteren Literaturhinweisen; Leopold Wenger, Zum Cippus Abellanus, Sitzungsberichte der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Philolog.-philosoph. und historische Klasse, Jg. 1915, 10. Abh., München 1915, und: Alessando Morandi, Epigraphia Italica, Rom 1982, S. 130 - 134.

Zu b)

Beide Stadtgemeinden sind jedenfalls formell autonom, d. h. nicht Bestandteil des römischen oder eines anderen Staatsgebietes. Sie haben einen 'Senat'; das Wort läßt sich als 'Stadtrat' oder 'Stadtparlament übersetzen und entsricht dem Namen nach, wenn auch institutionell sicherlich nur näherungsweise dem römischen Senat, da es sich ja nur um kleinere, nicht besonders bevölkerungsreiche Gemeindegebiete von jeweils ca. 20 - 30 km Durchmesser, d. h. um solche ohne größeres politisches Gewicht in Italien, handelt. An der Spitze beider Stadtgemeinden stehen Oberbeamte, wobei von mehreren auszugehen ist, aber in der Vereinbarung jeweils nur ein Oberbeamter als Repräsentatnt seiner Gemeinde namentlich in Erscheinung tritt. Bei dem einen handelt es sich dem Titel nach um einen "pro puikid suerrun" (zu übersetzen etwa als "bestallter Ratgeber") und zugleich 'quaestor', bei dem anderen um einen "meddix". Ihre Kompetenzen im städtischen Gemeindeleben ergeben sich aus dem Vertragstext nicht genau; sie treten im vorliegenden Falle aber als Reprässentanten ihrer Gemeinwesen auf, sodaß sich daraus auch auf ihre sonstige Bedeutung schließen läßt: der Etymologie der Amtsbezeichnung nach (meddix, quaestor, suerron) kommen Rechtsprechungs-, Verwaltungs- und Senatsberatungsaufgaben in Betracht. Neben diesen Oberbeamten treten auf beiden Seiten 'legatei' - nicht benannt - als Mitverantwortliche für den Vertragsschluß auf. Die Amts- oder Funktionsbezeichnungen 'quaestor' und 'legatus' treten auch in Rom auf, auch wenn sie dort nicht Oberbeamte bezeichnen; 'suerron' und 'meddix' sind dagegen dort unbekannt.

In der rechtlichen Analyse des Vertrages ist - etwa von L. Wenger - darauf hinewiesen worden, daß die Vereinbarung Elemente eines 'unrömischen' Teileigentums enthalte, nämlich was die bei Begründung eines gemeinsamen Tempelteritoriums fortbestehenden Nutzungsrecht beider Seiten an der jeweils von ihnen eingebrachten Grundfläche außerhalb der Temeplmauern betrifft; in derrömischen Rechtstradition gebe es nur ein Gemeieigentum an Sachen oder aber die Auseinandersetzung. Auch wenn uns die römische Rechtstradition für ihre früheren Epochen vielleicht nicht ausreichend bekannt ist, so ist es auch hier durchaus denkbar, daß sich andere Völker und Gemeinwesen Italiens traditionell deutlich anderer Rechtsformen als die Römer bedienten.

Lit.: Arthur Rosenberg, Der Staat der alten Italiker. Untersuchungen über die ursprünglichen Verfassungen der Latiner, Osker und Etrusker, Berlin 1913.


 

LV Gizewski WS 2000/2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)