Lösung zu Übung 2 b.

Die Aufgaben lauteten:

Lesen die Texte sorgfältig durch und vergleichen Sie ggf. Übersetzung und Urtext.

a) Würden Sie, auch wenn Sie nur begrenzte altsprachliche Kenntnisse haben, irgendwelche Textstellen vielleicht anders übersetzt haben?

b) Welche Rechtsmaterien der frühen römischen Rechtsepoche erscheinen den Römern sehr viel späterer Jahrhunderte berichtenswert? Welchen systematischen Gebieten des Römischen Rechts gehören sie zu?

c) Welche Überlieferungsgeschichte ist für einzelne Textquellen erkennbar? Was an den Mitteilungen der verschiedenen Autoren erscheint im nachhinein historisch eher etwas konstruiert, was als eher aus alten oder älteren Texten stammend?

Aus der literarische Überlieferung archaischen römischen Rechts.


Zu a)

Bei der Übersetzung antiker Quellentexte stellt sich immer wieder das Problem, an sich erläuterungsbedürftige Tatbestände und Einrichtungen eines fremden Vokes einer vergangenen Zeit mit Begriffen und Worten zu erfassen, die der heutigen Zeit zugehören. Das kann zu Bedeutungsverlusten oder -verschiebungen im übersetzten Text und schlimmstenfalles auch zu falschen Schlußfolgerungen und Verallgemeinerungen für die Epoche und den Kulturkreis führen, der der Quellentext entstammt. Die in der vorliegenden Übung zusammengefaßten Quellentexte lassen je nach Deutung ihrer Grundintention gewisse, evtl. auch stärker Unterschiede in der Übersetzung zu. es seien nur zwei (von mehreren) Beispielen gegeben:

Wenn bei der Übersetzung der ersten Textstelle (Dionysios von Halikarnassos, Antiquitates Romanae, 2, 9) eine angemessene Übertragung von griech. 'kreittones' und 'hettones' zu finden ist, so kann man bedenken, daß Dionysios von Halikarnossas mit seiner Darstellung eigentlich eine historische Begründung für Prinzipien geben will, denen er als solchen einer 'guten alten', ja uralten Tradition positive Bedeutung für die römische Gegenwart seiner Zeit zuerkennt. Während die Übersetzung 'Höherstehende' - 'Niedrigerstehende' relativ zurückhaltend wirkt, könnte man die Intention des antiken Autors auch stärker akzentuieren, etwa mit der Übersetzung 'Elite' - 'gemeines Volk'. Man könnt die Abstracta auch mit 'Patrizier' - 'Plebejer' konkret übersetzen, was ihnen aber im heutigen verständnis ihren begründenden Charakter nehmen würde.

Wenn dasWort 'paelex' der letzten Textstelle (Festus (F. 222) s. v. 'paelices') als 'Nebenfau' übersetzt wird, so legt das die Annahme nahe, hier handele es sich um eine residuale Form der Polygamie; Polygamie gab es im Mittelmeerraum des Altertums ja an einigen Stellen, und zwischen der im Mittelmeerraum ebenfalls vertretenen, in der vorliegenden Rechtsnorm hervortretenden Monogamie einerseits und der Polygamie andererseits sind ja durchaus Übergansformen denkbar. Das lateinische Wort 'paelex' ist dem Griechsichen entlehnt und bedeutet dort im allgemeinen zwar nichts weiter als 'Beischläferin', d. h. eigentlich eine Frau ohne Status im Verhältnis zum Manne, mit dem sie verkehrt. Im vorliegenden Falle gibtjedoch die Sanktion für ein religiös ungebührliches Verhalten einer 'Beischläferin' Anlaß zu der Frage, wieso sie sich denn überjaupt an den Altar der Juno begeben sollte. Es ist dafür nur die Erklärung sinnvoll, daß eine solche,'paelex' genannte Frau eben doch, zumindest in älterer archaischer Zeit, im allgemeinen als so etwas wie eine Nebenfrau galt, die dann ggf. auch einmal den Schutz der für die Ehefrauen zuständigen Göttin Juno erbat, daß aber gerade dieser möglicherweise ursprünglich weitverbreiteten Auffassung im Zuge der Verbreitung anderer Rechtsanschauungen über die gesetzliche Ehe durch die hier wiedergegeben Rechtsnorm entschieden entgegengewirkt sollte.

An diesen Beispielen wird anschaulich deutlich, in welche Richtungen und in welchem Umfang eine Übersetzung auch der römischen Rechtsquellen ggf. intertpretatorische Voabselektionen vornimmt und vornehmen muß. Im Hinblick darauf ist es aber auch einleuchtend, daß die Überprüfung einer Übesetzung zu den methodisch grundsätzlich nötigen Schritten bei der Analyse einer solchen antiken Textquelle gehört.

Zu b)

Für Dionysios von Halikarnassos, den Autor einer griechisch geschriebenen Geschichte der römischen Frühzeit (lat.: 'Antiquitates romanae'), der etwa seit d. J. 30 v. Chr. in Rom lebte und dort als Rhetoriklehrer wirkte, ist die in eine weit zurückliegend Zeit reichende Darstellung 'der irsprünglichen römischen Tugenden' und 'der von Anfang an tragenden Prinzipien des römischen Gemeinwesens' ein zeitgemäßes, sowohl dem ideologischen Selbstverständnis der augusteischen Retaurationspolitik als auch den Interessen einer interessierten und bildungswilligen, griechischen und römischen Leserschaft entsprechendes Thema. Bei seiner Darstellung steht im Hintergrund der Gedanke, daß die politiisch erfolgreichen Eigentümlichkeiten des römischen Staates von Anfang in ihm angelegt gewesen und im wesentlichen das ordnende und schöpferische Werk verantwortungsbewußter großer Könige der Frühzeit - Vorgängern gewissermaßen des 'Augustus' der Gegenwart des Dionysios - gewesen seien. Zu diesen 'Grundlagen' römischer Staatlichkeit gehören:

I. Die Einrichtung eines Königtums mit konstitutiver Gewalt für das Gemeinwesen, dessen notwendige Legitimation durch die Bevölkerung und die politischen Kräfte desselben in einer Wahl allerdings ein wenig unklar bleibt.

II. Die ständische Gliederung der römischen Gesellschaft in einfaches Volk und politische 'Elite' mit einer entsprechenden Aufgabenverteilung, welche Ehre, religiöse-kultische und politische Amtsmacht und sozialen Einfluß bei den Patriziern konzentriert und dem Volk die alltäglichen bäuerlichen und städtischen Erwerbsgeschäfte zuweist. Zu dieser dem Dionysios und seiner Zeit als beispielhaft vernünftig geltenden prinzipiellen Gliederung des sozialen Aufbaus gehört einmal der Patronat, und zwar als überwiegend der Privatverkehrssphäre angehörendes, moralisch standardisierters Führungs- und Fürsorgeverhältnis der Vornehmen und Einflußreichen gegenüber einer gesellschaftlich zu Recht nachgeordneten breiten Bevölkerung, zum anderen der Senat als 'Beratergremium' des Königs und politische Basis der 'Atostokratie'.

III. Die auf gewisse, nicht aktive, sondern eher kontrollierende Grundfunktionen reduzierte politische Beteiligung des Volkes bei der Beamtenwahl, bei der Sanktionierung der Gesetze und bei Entscheidungen über Krieg und Frieden. Die eigentliche Politik ist damit nicht eigentlich seine Sache.

IV. Die gelegentlich harte, aber als gerecht und sittenfördernd angelegte väterliche Gewalt gegenüber Kindern und Ehefrauen.

Daß nicht nur Dionysios von Halikarnassos solche Auffassungen von den auf große Könige zutückzuführenden vernünftigen undn gewissermaßen zeitlosen Grundlagen des römischen Staates haben, zeigt sich an den Belegstellen des Übzngstextes aus Cicero und Livius. Alle suchen in der Vergangenheit Begründungen für die Gegenwart. Es kommt ihnen nicht darauf an und es ist ihnen vermutlich auch augrund der ihnen vorliegenden Quellen gar nicht möglich, wirkliche Vorgänge der Rechtsentwicklung im frühen , etwa die Entsehung sakralrechtlicher Bräuche bei Kriegserklärungen oder die allmähliche Entwicklung des Census- und Comitialsystems, historisch exakt nachzuzeichnen. Vielemhr gegeben sie ein - ihrer Zeit offenbar relativ klar vor Augen stehendes Geschichtsbild mit gegenwartsbezogenen applikativen Funktionen weiter

Die aus Festus Werk 'De significatione verborum' entnommenen Zitate machen ihrerseits ein am Detail der politischen und kulturellen Überlieferung Roms orientiertes 'antiquarisches' und zugleich ein der lateinischen Sprache als Überlieferungsträger zugewandtes historisch-grammatisches (etymologisches) Bildungsinteresse deutlich. Festus ist ein der Person nach nicht näher bekannter, an der Sprachwissenschaft seiner Zeit interessierter Epitomator des 2. Jhts. n. Chr., der ein ihm vorliegendes, offenbar umfänglicheres etymologische Werk eines Verrius Flaccus vermutlich in eine für ein bildungswilliges Publikum besser rezipierbare und attraktivere Kurzform hat bringen wollen. Es ist ihm daher , was die aus einer Frühzeit überlieferten Rechtsssätze betrifft, mehr an deren 'eigentümlicher', wegen der Fremdartigkeit des Denkens faszinierender Form, als an ihrer gegenwartsbezogenen Beispielhaftigkeit gelegen.

Zu c)

Srellt man die Frage, welche Zuverlässigkeit die rechtsbezogene Überlieferung in den hier beispielhaft präsentierten Quellen für die römische Frühzeit hat, so kann man in Kürze folgendes festellen:

Bei der ersten Gruppe von Überliefereren (Dionysios, Cicero, Livius) dürfte die Bezugsliteratur für ihre Angaben und Zusammenfassungen eher in historischen Gesamtdarstellungen römischer Autoren ihrer oder etwas älterer Zeit gelegen haben als in einer tatsächlichen, direkten Quellenvorlagen aus archaischer Zeit. Das wird erkennbar an dem Charakter der Königsbereichte als Gründerlegenden und an der Unklarheit der frühzeitlichen Königslegitimation. Es ist davon auszugehen, daß im frühen Rom wie in den benachbarten Etruskerstädten die Stadtkönige in ihr Amt gewählt wurden, wenn auch ohne zeitliche Begrenzung und mit weitreichenden religiösen und politischen Herrschaftskompetenzen. Eine solche Wahl - und zwar durch das Volk - setzt ein politisch und rechtlich eingerichtetes städtisches Gemeinwesen und dessen regelhafte, gesicherte Ordnung voraus. M. a. W.: nicht die Könige schaffen das Gemeinwesen, sondern das Gemeinwesen wählt die Könige. Allein aus dieser Feststellung ergeben sich eine Menge weiterer kritischer Fragen an diese Überlieferung: Welche Ordnung(en) war(en) für die Königswahl rahmengebend? Gab es königliche Ausnahmeherrschaftsformen - etwa nach Art einer Tyrannis - wie in einigen anderen Gemeinwesen des Mittelmeerraums dieser Epoche? Wenn die Könige nicht in dem Maße rechts- und institutionenschöpferisch waren, wie es spätere Zeiten annahmen, woher kam dann das geltende Recht? Alle diese Fragen müssen vermutlich eher in die Richtung beantwortet werden, daß Rechtstraditon einerseits und von Senat und 'Volk' oder anderen Institutionen vorgenommene städtische Gesetzgebung andererseits in der Königszeit eine viel größere Bedeutung hatten als die angenommenen Rechtsschöpfungsakte der Könige.

Bei der zweiten, nur durch Festus repräsentierten Gruppe von Überlieferern spielt dagagen das - wenn auch mehr oder weniger zufällige- Bekanntwerden alter Quellen eine tendenziell größere Rolle. Das ergibt sich teilweise aus der Sprachform. Andererseits muß man auch hier eine gewisse Vorsicht bei der Annahme eines zuverlässigen Quellenzugangs walten lassen; denn zumindest das Interesse und Verständnis späterer Zeiten mag den fremdartigen Denk- und Rechtsgewohnheiten einer Jahrhunderte entfernten Frühzeit gegenüber zu manchen Fehldeutungen und - im Hinblick auf das Publikumsinteresse - faszinierenden Übertreibungen geführt haben. Dies ist insbesondere denkbar bei solchen Rechtsformen, die als archaisch streng und 'irrational' erscheinen.

Literatur:

Arthur Rosenberg, Der Staat der alten Italiker. Untersuchungen über die ursprünglichen Verfassungen der Latiner, Osker und Etrusker, Berlin 1913. - Andreas Alföldi, Die Struktur des voretruskischen Römerstaates, Heidelberg 1974. - R. M. Ogilvie, Das frühe Rom und die Etrusker, dt. Übersetzung von Irmingard Götz und Kai Brodersen, München 1988 3. - Karl-Wilhelm Welwei, Die griechische Polis. Verfassung und Gesellschaft in archaischer und klassischer Zeit, Stuttgart u. a. O 1983.


 

LV Gizewski WS 2000/2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)