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Zur Geschichte des römischen Rechts aus Sicht römischer Juristen: Pomponius libro primo ad legem duodecim tabularum (Dig. 1, 1, 2, 2).

Lat. Text aus: Corpis Iuris Civilis, Bd. 1: Institutionen (hg. von P. Krueger) und Digesten (Hgg. von Th. Mommsen), Berlin 1894, S. 2 - 5. Deutsche Übersetzung: Christian Gizewski


Deutsche Übersetzung:

Es erschien uns [scil. zum besseren Verständnis der hier dargestellten Rechtsmaterie] ... angebracht, Anfang und Entwicklung eben dieses Rechts darzulegen. 1 Was nun die ganz frühen Zeiten unseres Gemeinwesens betrifft, so traf das Volk seine Entscheidungen ohne das Mittel klar formulierter Rechtssatzung,d. h. ohne ein eindeutig geltendes Recht, und alle Angelegenheiten wurden aufgrund der obrigkeitlichen Gewalt der Könige der Könige verbindlich geregelt.

2 Als später das Gemeinwesen in größerem Umfang an Kraft zunahm, soll der Überlieferung nacch Romulus das Volk in dreißig Abteilungen gegliedert haben; diese nannte er 'Bürgerbezirke' ('curiae'), und zwar deshalb weil es damals nützlich war, die Verwaltung des Gemeinwesens auch bezirksweise zu organisieren ('per sententias partium curari'). Aus diesem Grunde brachte er selbst auch einige Gesetze zur Entscheidung vor die nach Kurien gegliederte Volksversammlung. So hielten es auch die folgenden Könige. All diese Gesetze sind zusammengefßt in einem noch erhaltenen Sammlung des Sextius Papirius, der zurselben Zeit lebte wie [König Tarquinius] Superbus, der Nachkomme des Demaratus aus Korinth, und zu den damals prominenten Personen gehörte. Diese Gesetzessammlung wird auch das 'Römerrecht des Papirius' genannt, aber nicht deswegen, weil Papirius selbst irgendetwas Wesentliches dazu beigetragen hättee, sondern weil er die unterschiedlichen Gesetz, die ohne Ordnung veröffentlicht worden waren,übersichtlich zusammenfaßte.

3 Nachdem später das Königtum abgeschafft worden war, wurden alle diese Gesetze aufgrund eines von einem Volkstribunen beantragten Volksgesetzes für ungültig erklärt, und das römische Volk begann wieder ohne klare gesetzliche Ordnung und nur aufgrund irgendwelcher Rechtsgewohnheiten zu leben; dieser Zustand dauerte fast zwanzig Jahr an.

4 Infolgedessen wurde schließlich beschlossen, damit dieser Zustand nicht anhalte, zehn Bevollmächtigte einzusetzen und mit der Amzszuständigkeit auszustatten, von griechischen Gemeinwesen Abschriften ihrer Rechtssatzungen als Muster für eine von ihnen vorzunehmende gesetzliche Neuordnung des eigenen Gemeinwesens zu erbitten. Die [aufgrund dessen schließlich erarbeitete] Neuordnung des römischen Gesetze machten sie auf elfenbeinernen Tafeln vor der Rednertribüne des Forums bekannt, um sie dem Rechtsverkehr besser zugänglich zu machen. Für das Jahr ihrer Amtsdauer wurde den 'Zehnmännern' (decimviri) die oberste Entscheidungsgewalt im Staate anvertraut, damit sie die Gesetze, soweit nötig, ohne Schwierigkeiten neufassen bzw. bei der Anwendung angemssen interpretieren könnten und nicht bei der wirksamen Erfüllung dieser Aufgabe durch [verzögernde, an die Volksversammling gerichtete] Berufungsprozesse etwaiger Betroffener behindert würden, wie sie gegen die Entscheidungen der anderen Magistrate prinzipiell möglich waren. Sie bemerkten [nach dem Abschluß ihrer Arbeit] selbst, daß die erste Fassung ihrer Gesetzesneuordnung in verschiedenen Punkten noch zu ergänzen sei, und fügten deshalb im folgenden Jahr den schon aufgestelten zwei weitere Tafeln hinzu. Im Hinblick auf das vorher Veröffentlichte wurde deshalb nun von den '12-Tafel-Gesetzes' ('leges duodecim tabularum') gesprochen. Eine maßgebliche Rolle bei der Gesetzesabfassung soll, wie berichtet wird, für die Arbeit der Zehnmänner ein gewisser Hermodoros aus Ephesus gespielt haben, der sich damals in Italien im Exil befunden habe.

5 Nachdem die Gesetze in Geltung gesetzt waren, begannen - ganz natürlich, weil Gesetze bei ihrer Anwendung stets einer überzeugenden Interpretation durch gesetzeskundige Fachleute bedürfen - die unvermeidlichen Rechtskontroversen auf dem Forum. Diese Rechtskontroversen und das daraus entstehende, nicht geschriebene, aber von sachkundigen Juristen entwickelte Recht haben keinen speziellen Namen wie die anderen Gebiete des Rechts, für die es besondere Bezeichnungen gibt. Eswird vielmehr mit den anderen Rechtsgebeiten einfach unter dem Oberbegriff des 'römischen Rechts' |'ius civile'] zusammengefaßt.

6 Danach und fast zeitgleich wurden - auf diesen Gesetzen aufbauend - die Klageansprüche rechtlich entwickelt, mit deren Hilfe sich die rechtssuchenden Parteien vor Gericht auseinandersetzen sollten. Damit solche Klageansprüche nun aber nicht vom Volk nach [juristisch unsystematischem] Belieben geschaffen werden könnten, wollten die Verantwortlichen [gemeint sind wahrscheinlich die jurisdiktionären Magistrate], daß es nur einen begrenzten Kreis in der Form besonders feierlicher auf dem Gesetz beruhender prozessulaer Handlungsmöglichkeiten gebe, und dieser Teil der Rechtseinrichtungen nennt sich deshalb 'Legisaktionen-Recht' oder auch 'System der legitimen Klagen'. Und so entstanden fast zurselben Zeit drei verschiedene Rechtsgebiete: auf der Grundlage des 12-Tafel-Gesetzes entwickelte sich das 'Römische Recht' ['ius civile'], aus seinen Normen ging das 'Legisaktionenrecht' hervor, und aus all dem entwickelte sich ein rechtliches Wissens- und Praxisgebiet, das dem Kollegium der Priester zur Verwaltung anvertrautr war. Aus dem Kollegium der Priester wurde jedes Jahr einer bestimmt, der für die rechtliche Beurteilung der Rechtsstreitigkeiten der Privatleute (privata) zuständig war. Das römische Volk hielt an dieser Ordnung der Dinge etwa hundert Jahre lang fest.

7 Als später Appius Claudius [Censor um 312 v. Chr.] die das erwähnte Legisaktionenrecht [im Zusammenhang] darlegte und exakt formulierte, entwendete sein Schreiber Gnaeus Flavius, der Sohn eines Freigelassenen, das Buch und übergab es der Öffentlichkeit (populo). Diese Tat war dem Volk so sympathisch, daß er daraufhin Volkstribun und Senator und kurulischer Ädil wurde. Dieses Buch wird das 'Flavianische Recht' genannt - mit derselben Berechtigung wie die Sammlung des Papirius 'Papirianisches Römerrecht'; denn Gnaeus Flavius trug nichts Eigenes zu diesem Buch bei. Als sich nun aber das öffentliche Leben weiterentwickelte (augescente civitate), stellte sich für bestimmte Fälle ein Mangel an geeigneten Klagemöglichkeiten ein, was dazu führte, daß nicht lange darauf Sextus Aelius eine Zusammenstellung weiterer Klageformen [entwickelte oder formulierte und] publizierte. Diese heißt 'Aelianisches Recht'.

8 Als es im Gemeinwesen schon sowohl das 12-Tafel-Gesetz als auch das juristisch entwickelte Recht für die Römer (ius civile) als auch das Legisaktionenrecht gab, ereignete es sich, daß das gemeine Volk (plebs) mit den höheren Schichten (patricii) in Konflikt geriet, aus der Stadt auszog und sich [an anderer Stelle] seine eigenen Gesetze gab, welche seither Volksgesetze (plebi scita) genannt werden. Als das Plebejer-Volk bald zurückgerufen worden war, entstanden wegen dieser Volksgesetze manche Streitigkeiten, und so wurde [schließlich] durch die Lex Hortsensia festgelegt, daß Plebiszite dieselbe Geltung haben sollten wie die traditionellen Volksgesetze (leges). So kam es, daß es zwischen Plebisziten und traditionellen Volksgesetzen einen Unterschied gibt, was das Gesetzgebungsverfahren betrifft, nicht aber im Hinblick auf den Rang ihrer rechtlichen Geltung.

9 Weil es im Laufe der Zeit wegen der zunehmenden Bevölkeungszahl schwierig wurde, das Plebejervolk zu Beschlüssen zusammenzurufen und noch schwieriger, eine Versammlung des ganzen Volkes zu veranstalten, führte die sachliche Notwendigkeit [ zunehmend] dazu, öffentliche Angelegenheiten im Senat verbindlich zu entscheiden. So begann der Senat zu einer gesetzgeberischen Zwischeninstanz zu werden, und alles, was er beschloß, fand rechtliche Beachtung; so entstand ein 'Recht der Senatsbeschlüsse' (ius ...senatus consultum appellatum).

10 In dieser Zeit waren auch die Magistrate rechtssetzend tätig. Um die Bürger darüber zu informieren, wie sie das Recht generell anwenden wollten, und sich gegen eventuelle Einwände [von Rechtssuchenden betreffend eine rechtliche Ungleichbehandlung] zu sichern, veröffentlichten sie allgemeine Regelungen betreffend ihren amtlichen Rechtsgebrauch (edicta). Aus solchen 'Edikten' entstand das sogennnate 'prätorische Amtsrecht' (ius praetorium honorarium); es wird deshallb so genannt, weil es [vorwiegend] aus der jurisdiktionären Amtstätigkeit der Prätoren hervorgeht.

11 Schließlich kam es, ebenso wie zuvoraus zwingenden Gründen eine faktischen Beschränkung wichtiger Teile der Gesetzgebung auf wenige [d. h. den Senat] stattgefunden hatte, notwendigerweise zu einer [prinzipiellen] Konzentration der Gesetzgebungsbefugnis bei einem einzigen legitimen Gewalthaber; denn es wurde irgendwann offenkundig, daß auch der Senat in keiner Weise mehr das ganze Reich mit seinen vielen Provinzen angemessen regieren konnte. So kam es zur Einrichtung des Prinzipates und zu dem Rechtsgrundsatz, daß alles, was der Kaiser in allgemeiner Weise verbindlich regele (constituisset), Gesetzeskraft habe (ratum esset).

12 So gibt es in unserem Gemeinwesen eine Bildung des Rechtes durch Setzung, d. h. durch Gesetz, oder es gibt eine eigentümliche Form des für die römischen Bürger geltenden Rechtes, das ohne schriftliche Gesetzesform allein durch die juristische Rechtsfortbildung im Rahmen der [systematischen] Deutung des Rechts klargestellt wird, oder es gibt das [aufgrund der Rechtstradition alteingeführte,] die prozessualen Klagen betreffende Recht oder das durch Plebiszite entstehende Recht , das ohne jeglichen Einfluß des Senats und der Patrizier zustandekommt, oder das Recht der edizierfähigen Magistrate, welches insgesamt als 'Verordnungsrecht' (ius honorarium) bezeichnet wird, oder das vom Senat [in gewissen Fällen] ohne [begleitende und bestätigende] Volksgesetzgebubung in Geltung gesetzte Senatsbeschlußrecht (senatus consultum), oder aber schließlich das kaiserliche Konstitutionenrecht, d. h. dasjenige, das, vom Kaiser selbst in Geltung gesetzt, wie ein Volksgesetz allgemeinverbindlich sein soll.

13 Nachdem der Leser nun etwas über die Anfänge und die Fortentwicklung des Rechts erfahren hat, ist es folgerichtig, nun auch etwas über die Bedeutung der Staatsämter und ihre Geschichte erfahren. Denn, wie wir darlegten, wir durch diejenigen, die über die Rechtsanwendung zu wachen und entscheiden haben, auch die Wirksamkeit des Rechts selbst garantiert. Denn was bedeutet es schon, daß es ein Recht in einem Gemeinwesen gibt, wenn nicht zugleich Leute da sind, die die Rechtsangelegenheiten verbindlich entscheiden können? Danach werden wir anhand der Reihe der berühmten Rechtsgelehrten darlegen, daß eine Rechtsordnung nicht bestehen kann, ohne daß es bestimmte Rechtskundige gibt, die es verstehen, das Recht bei der alltäglichen Anwendung ständig den Bedürfnissen des Rechtsverkehrs besser anzupassen. 14 Was nun die Staatsämter betrifft, so steht fest, daß es am Anfang des Gemeinwesens als höchste Inhaber der staatlichen Gewalt Könige gab. 15 Für diese Zeiten steht ferner fest, daß es einen 'Tribunen der schnellen Truppe' (tribunus celerum) gegeben hat. Der war ein Befehlshaber für die Reiterei und nahm gewissermaßen die zweite Stelle nach dem König ein. Ein solcher Beamter war auch Iunius Brutus, der die Vetrteibung des letzten Königs in die Wege leitete.

16 Nach Abschaffung der Königsherrschaft wurden dann zwei Konsuln gewählt. Durch ein bei der Volksversammlung eingebrachtes Gesetz wurde bestimmt, daß bei ihnen [während ihrer Amtszeit] die höchste staatliche Gewalt liegen sollte. Ihren Namen [consul = 'Berater' oder 'Vorsorger'] trugen sie deshalb, weil es ihre Aufgabe war, in größtmöglichem Maße für das Wohl des Staates Sorge zu tragen [consulere = 'beraten' und 'für etwas Sorge tragen'] . Damit sie aber nicht doch wieder über alles eine Art königlicher Machtvollkommenheit erlangten, wurde weiterhin gesetzlich bestimmt, daß es gegen ihre strafrechtlichen Entscheidungen eine Berufung an die Volksversammlung (provocatio) geben solle und daß sie in Kapitalangelegenheiten römischer Bürger ohne ausdrücklichen Auftrag der Volksversammlung niemanden einer Kapitalstrafe zuführen dürften. Es blieb ihnen [davon abgesehen] lediglich das Recht, [notfalls] jeden Bürger mit Zwang ihren amtlichen Anordnungen zu unterwerfen und in öffentliche Haft zu nehmen.

17 Als dann später die Bürgerschätzung nur mit immer größerem Zeitaufwand zu organisieren war und die Konsuln durch diese zusätzliche Aufgabe einfach überfordert waren, wurde das Amt der Censoren geschaffen.

18 Da es ferner wegen der Vergrößerung des Volkes häufig Kriege gab und die Nachbarvölker gewalttätig auf römisches Gebiet übergriffen, wurde es schließlich sachlich unabweislich, ein Magistratsamt mit außerordentlichen, hervorgehobenen Vollmachten [für den Notstandsfall] zu schaffen. So kam es zur gelegentlichen Ernennung von Dictatoren (dictatores). Gegen deren Entscheidungen gab es keine Berufung (provocatio) an die Volksversammlung, und sie hatten folglich auch das Recht, definitiv Kapitalstrafen zu verhängen. Da dieses Amt eine äußerste Machtfülle verlieh, war es seinem Inhaber in jeder Weise verboten, es länger als sechs Monate innezuhaben.

19 Den Dictatoren standen sogenannte 'Reitereiführer' ('magistri equitum') zur Seite - etwa in demselben Nachordnungsverhältnis wie die sogenannten 'Führer der schnellen Truppe' ('magistri celerum') den früheren Königen. Dieses Amt entsprach in etwa dem der heutigen 'Prätoriumspräfekten' ('praefecti praetorio'); es war jedoch eine ordentliche Magistratur [nicht wie die Pätoriumspräfektur eine zwar hohe, aber einem Imperiumsträger nachgeordnete Beamtenstellung].

20 Als zu dieser Zeit - etwa im 17. Jahre nach der Vertreibung des letzten Königs - das Plebejervolk die Gemeinschaft mit den Patriziern aufkündigte und auf den 'Heiligen Berg' ['Mons Sacer'; nordöstlich von Rom] zog, wählte es sich dort Tribunen als plebejische Magistrate. Sie wurden deshalb 'Tribunen' genannt, weil das Volk in alter Zeit in drei [lat. 'tres', im Dat. 'tribus', insoweit Lautähnlichkeit mit 'tribuere' und 'tribunus'] Abteilungen (tribus) gegliedert war und je ein Tribun aus je einer Tribus gewählt bzw. weil die Tribunen durch die mittels Tribus-Wahlkörpern abstimmende Volksversammlung [der Tribut-Comitien] gewählt wurden.

21 Damit es aber auch Beamte für die Aufsicht über die Gebäude (aedes) gebe, in welchen das Plebejervolk alle seine Beschlüsse zu beraten pflegte, bestimmte es dafür zwei Beauftragte aus seinen Reihen, die demgemäß 'Gebäude-Aufseher' ('aediles') genannt wurden.

22 Als später die Staatskasse (aerarium populi) größere Mittel zu verwahren begann, wurden Prüfbeamte (quaestores) gewählt, die diese staatlichen Mittel verwalten sollten. Sie trugen ihren Namen deshalb, weil sie zu dem Zweck eingesetzt waren, die Kasseneinkünfte unter Kontrolle zu halten und gegen unzulässsigen Abfluß zu sichern.

23 Weil es nun, wie wir erwähnten, den Konsuln nicht gestattet war, eine Kapitalstrafe über einen römischen Bürger ohne ausdrückliche Anordnung des Volkes auszusprechen, wurden für solche Fälle von der Volksversammlung besondere Untersuchungsrichter (quaestores) eingesetzt, welche in Kapital-Sachen die Aufklärung betreiben sollten. Diese wurden 'Mordaufklärer' (quaestores parricidii) genannt; schon das 12-Tafel-Gesetz erwähnt sie.

24 Als man schließlich beschloß, auch eine gesetzliche Ordnung zu schaffen, wurde bei der Volksversammlung beantragt, gesetzlich zu bestimmen, daß alle Magistratsbeamten ihr Amt niederlegen sollten [um den 'Zehnmännern' eine Zeitlang die oberste Entscheidungsgewalt im Staate zu überlassen]. Als die so gewählten 'Zehnmänner' (decemviri) nach einem Jahr ihre Amtsbefugnisse [eigenmächtig] verlängerten und rechtlich unzulässig zu handeln begannen und zu befürchten war, sie würden künftighin nicht mehr ihrer Amtsstellung gerecht werden, ja sie und ihr Anhang stünden im Begriffe, den Staat auf Dauer mit Beschlag zu belegen, da hatten sie schließlich mit ihrer überdehnten und unerträglichen Ausübung der höchsten Gewalt die Sache so weit getrieben, daß sogar das Heer dem Staat die Treue aufkündigte (a civitate secederet). Auslösemoment dieser Revolte soll der Fall eines gewissen Verginius gewesen sein: dieser wehrte sich dagegen, daß Appius Claudius entgegen den Normen, die er selbst aus der alten Rechtstradition in das Zwölftafel-Gesetz übernommen hatte, ihm (dem Verginius) die väterliche Gewalt über seine Tochter abgestritten und und behauptet habe, die persönliche Gewalt befinde sich bei jemand anderem, der sie jedoch nur als vorgeschobener Scheinberechtigter gerichtlich in Anspruch genommen habe - und zwar für ihn [Appius Claudius], der auf diese Weise seiner [des Verginius] Tochter nachtstellend, alles Recht und Unrecht völlig durcheinandergebracht habe. Er war aufgebracht darüber, daß [von Appius Claudius] die Gewohnheiten des altehrwürdigen Rechts bei seiner Tochter willkürlich mißachtet wurden - ähnlich wie von Brutus, der - während seiner Amzsterit als erster Konsul in Rom - [aus verwandtschaftlicher Rücksicht] behauptete, es gebe einen Eigentumsanspruch der Vitellii auf den Vindex, der eine Anzeige über deren Verschwörung zum Verrat erstattet hatte, als Sklaven. Ja, er [Verginius] war so empärt und verletzt, daß er glaubte, die Ehre seiner Tochter sei wichtiger als ihr Leben. So entwendete er aus dem Laden eines Metzgers ein Schachtermesser und tötete seine Tochter, und zwar in der Weise, daß er er mit Tod der Jungfrau auch einer Schändung seiner Tochter durch Notzucht zuvorkam. Sofort nach der vollzogenen Tötung und noch mit dem Blut der Getöteten an seinen Händen flüchtete er zu seinen Soldatenkameraden im Felde. Diese begaben sich daraufhin alsbald allesamt vom Algidus [-Fluß], wo sich die Legionen damals wegen eines Krieges aufhielten, unter Aufkündigung des Gehorsams gegenüber ihren bisherigen Befehlshabern nach Rom, wo sie auf dem Aventin ihr Lager aufschlugen. Bald darauf strömze auch das gesamte Plebejervolk dorthin. Das führte schließlich dazu, daß die 'Zehnmänner' teilweise in Haft genommen und dort hingerichtet wurden.

25 Als etliche Jahre später das 12-Tafel-Gesetz verabschiedet wurde und das Plebejervolk mit den Patriziern in Streit geriet, weil es wollte, daß beide Seiten jeweils einen Konsul aus ihren Reihenwählen sollten, und die Patrizier dies ablehnten, kam es schließlich darauf hinaus, daß [statt zweier Konsuln eine größere Zahl von] Militärtribunen mit konsularischer Gewalt teils aus den Reihen der Patrizier, teils der Plebejer gewählt wurden. Deren Zahl wechselte [solange es diese Einrichtung gab]: gelegentlich waren es nämlich zwanzig, manchmal mehr, manchmal auch weniger.

26 Als es schließlich akzeptiert war, daß man auch plebejische Konsuln wählen könne, bürgerte es sich ein, daß ein Konsul Patrizier, der andere Plebejer war. Damit jedoch ein wenig mehr Einfluß bei den Patriziern verblieb, beschloß man zwei besondere Beamte ausschließlich aus den Reihen der Patrizier zu wählen.

27 So wurde das Amt der kurulischen Aedilen geschaffen. Da aber die Konsuln [öfters] in ihren Geschäften außerhalb Roms tätig sein mußten und niemand in der Stadt war, der als obere Gerichtsbehörde fungierte, erwies es sich als nötig, daß zusätzlich ein Magistrat für die Rechtsprechung geschaffen wurde, die Prätur. Weil es sich um eine [ortsfeste] städtische Gerichtsbehörde handelte, wurde dieser Praetor [genauer] als 'städtischer Pätor' (praetor urbanus) bezeichnet

28 Als nach etlichen Jahrenein einziger Prätor nicht mehr ausreichte, weil auch eine zunehmende Zahl [teilweise auch rechtsuchender] Ausländer in die Stadt kam, wurde ein weitereres Prätorenamt geschaffen. Dessen Inhaber wurde 'Prätor für Ausländersachen' ('praetor peregrinus') genannt, weil er zumeist in Rechtsstreitigkeiten zwischen [oder mit] Nicht-Bürgern entschied.

29 Als es ferner nötig wurde, eine Gerichtsbehörde für Streitigkeiten über römischrechtliche Personen- und Sacherrschaftsrechte (magistratus qui hastae praeesset) einzurichten, wurde ein Zehnmänner-Kollegium für die gerichtliche Entscheidung dieser Rechtsstreitigkeiten (decemvir litibus iudicandis) ins Leben gerufen.

30 Zu derselben Zeit wurde auch ein ein Viermänner-Kollegium geschaffen, dem die Sorge über Sraßenbau und -erhaltung anvertraut war (quattuorviri viabus curandis) , ferner ein Dreimänner-Kollegium der Münzmeister für Gold-, Silber- und Kupfergeld (tresviri monetales aeris argenti auri flatores) sowie ein Dreimänner-Kollegium der Vollstreckungsbeamten für Kapitalstrafen (tresviri capitales), welche die den staatlichen Kerker beaufsichtigen und für den Vollzug [gerichtlich verhängter] Kapitalstrafen verantwortlich sein sollten.

31 Weil es ferner unpassend erschien, daß die Magistratspersonen nach Anbruch der Dunkelheit öffentlich Amtsgeschäfte ausübten, wurde ein Fünfmänner-Ausschuß jeweils für den Bereich diesseits des Tiber und und den jenseits des Tiber eingesetzt, der in der Nachtzeit anstelle der Magistrate zu fungieren hatte.

32 Als später Sardinien, dann Sizilien, dann Hispanienund und weiterhin die narbonensische Provinz in Besitz genommen waren, wurden ebensoviele Prätoren, wie es Provinzen unter römischer Herrschaft gab, zusätzlich gewählt, teils um städtische, teils um provinziale Angelegenheiten zu erledigen. Späterhin richtete Sulla [für bestimmte, die öffentliche Ordnung zentral berührende und sachlich schwierig zu beurteilende Deliktsarten] besondere Untersuchungsgerichtshöfe (quaestiones) ein, so etwa einen solchen für Urkundenunterdrückungs- und Fälschungsdelikte, einen solchen für Morddelikte oder einen solchen für die [in der Stadt Rom und Umgebung begangenen oder versuchten schweren] Tötungs-, Raub- und sonstigen Gewaltdelikte und schuf für deren Bedarf vier weitere Prätoren-Ämter. Im weiteren schuf Gaius Iulius Caesar noch zwei zusätzliche Prätoren- und zwei zusätzliche Ädilen-Ämter für die Administration der Getreideversorgung, die im Hinblick auf [die Göttin u. a. des Getreidewachstums] Ceres mit dem Titel-Zusatz 'für Ceres-Angelegenheiten' ('cereales') gekennzeichnet wurden. So wurden zu dieser Zeit jährlich zwölf Prätoren und sechs Ädilen gewählt. Augustus seinerseits bestimmte, daß es sechszehn Prätoren geben solle. Danach schuf der vergöttlichte Claudius zwei weitere Prätoren-Ämter zur Erledigung der [erbrechtlichen] Fideikommiß-Angelegenheiten, von denen Titus eine Amtsstelle wieder strich. Nerva fügte jedoch wieder eine solche hinzu, und zwar für die Rechtsstreitigkeiten zwischen Fiskus und Privatpersonen. So gibt es heute [im 2. Jht. n. Chr.] in unserem Gemeinwesen achtzehn Prätoren als obere Gerichtsbeamte.

33 All diese Regelungen gelten, solange die kollegialen Magistratsbeamten an ihrem hauptsädtischen Amtssitz anwesend sind. Wenn sie aber auf Reisen sind, wird wenigstens eine Amtsperson am Amtssitz zurückgelassen, um Recht zu sprechen. Dieser Beamte wird 'Hauptstadtpräfekt' (praefectus urbi) genannt.Er wurde in früher Zeit gewählt [d. h. heute nicht mehr]. Später kam wegen des Latinerfestes (feriae Latinae ) ein anderes Präfektenamt hinzu und wird bis heute jährlich besetzt. Was den 'Präfekten für öffentliche Lebensmittelsicherstellung' (praefectus annonae) und den Präfekten für die städtischen Wachen (praefectus vigilum) betrifft, so sind sie keine Magistratsbeamten, sondern werden aus reinen Organisationsgründen als außerordentliche Beamte mit eigenem Kompetenzbereich eingesetzt. Wiederum wurden diejenigen Beamten die, wir als 'stadtgebundene'(cistiberes]) bezeichnet haben, später als 'Aedilen' durch Senatsbeschluß bestellt.

34 Zusammengefaßt: von allen Erwähnten erfüllen zehn Volkstribunen, zwei Konsuln, achtzehn Prätoren und sechs Ädilen an ihrem hauptstdätischen Amtssitz [auf irgendeine Weise] justizielle Aufgaben.

35 Rechtswissenschaft und -lehre haben zahreiche und sehr bedeutende Männer ausgeübt. An dieser Stelle können allerdings nur diejenigen von ihnen erwähnt werden, die beim römischen Volk ein besonders hohes Ansehen gewannen. Es geht hier nur darum klarzumachen , von welchen wichtigen Persönlichkeiten und von welchen fachlichen Kapazitäten die verschiedenen Gebiete des Rechts juristisch bearbeitet und fortenwickelt wurden. Um nun damit zu beginnen : Tiberius Coruncanius [erster plebejischer Pontifex maximus zwischen 254 und 246 v. Chr.] ist der frühesterwähnte von allen Rechtsgelehrten, die die Jurisprudenz öffentlich als Beruf ausübten. Andere aber, die es neben ihm gegeben hat, waren noch zu seiner Zeit nur darauf bedacht, das für die römischen Bürger geltende Recht für die Öffentlichkeit unzugänglich zu halten und selbst lieber für Ratsuchende nicht zugänglich zu sein, als ihr Wissen Lernwilligen zur Verfügung zu stellen.

36 Einer der ersten [scil. nicht öffentlich praktizierenden] Rechtsgelehrten war PUBLIUS PAPIRIUS, der die Gesetzgebung der Könige in einer Sammlung zusammenfaßte. Als nächster ist APPIUS CLAUDIUS zu erwähnen, einer von den 'Zehnmännern' [die für die Erstellung des 12-Tafel-Gesetzes verantwortlich waren]. Nach ihm hatte der andere APPIUS CLAUDIUS [censor um 312 v. Chr.] aus demselben Geschlecht, der 'Centemmanus' genannt wurde, eine außerordentlich große Rechtskenntnis. Er baute die 'Appische Landstraße' ('via Appia'), legte die 'Claudische Wasserleitung' '(aqua Claudia') nach Rom hinein und erreichte es durch einen von ihm beantragten Senatsbeschluß, daß [der das römische Volk zu einem Konflikt nötigende König von Epiros] Pyrrhos nicht in Rom empfangen wurde. Er soll der Überlieferung nach auch das Recht der Klagen wegen unwirksamen Eigentumserwerbs schriftlich bearbeitet haben; doch ist das Buch nicht mehr erhalten. Ein weiterer Appius Claudius, der wohl von dem hier zweiterwähnten abstammte, hat den Buchstaben R erfunden, sodaß man fortan statt 'Valesii' 'Valerii' oder statt 'Fusii' 'Furii' schreiben konnte.

37 Nach diesen wirkte ein Mann größten Wissens, SEMPRONIUS, den das römische Volk [auf griechisch] 'den Weisen' nannte; niemand vor und nach ihm wurde mit diesem Namen geehrt.[Zu erwähnen ist ferner] GAIUS SCIPIO NASICA, welcher vom Senat den ehrenden Beinamen ' der Beste' ('optimus') erhielt. Ihm wurde vom Staat ein Haus an der 'Heiligen Straße' ('via sacra') geschenkt, damit man ihn dort leichter um Rechtsrat angehen könne. Dazu kommt QUINTUS MUCIUS, jener Mann, der als römischer Gesandter in Karthago [unmittelbar vo dem dritten punischen Kriege], als man ihm dort zwei Stimmsteine vorlegte - einen für 'Fieden ', den anderen für 'Krieg' - und ihm anheimstellte, den Stein, den er sich aussuche, auf die Heimfahrt nach Rom mitzunehmen, beide nahm und erwiderte, die Karthager müßten nun ihrerseits ihm gegenüber erklären, welchen Stimmstein sie wählen wollten, den für Krieg oder den für Frieden.

38 Danach kam der schon erwähnte TIBERIUS CORUNCANIUS [erster plebejischer Pontifex maximus zwischen 254 und 246 v. Chr.], der als erster die juristische Lehre in aller Öffentlichkeit auszuüben (pofiteri) pflegte. An Schriften gibt es von ihm nichts mehr, jedoch waren seine Rechtsgutachten zahlreich und berühmt . Weiterhin zeigten als öffentliche Lehrer des Rechts größte Rechtskenntnis SEXTUS AELIUS, sein Bruder PUBLIUS AELIUS und PUBLIUS ATILIUS, sodaß die beiden Aelii auch Konsuln wurden. Atilius wurde aber als erster vom Senat [auf leteinisch] ehrend als 'der Kenntnisreiche' ('sapiens') bezeichnet. Den Sextus Aelius hat sogar der Dichter Ennius lobend beschrieben. Es gibt noch ein Buch von ihm mit dem Titel 'Drei Beiträge' ('tripertita') [zum 'Zwölftafelgesetz'], das so heißt, weil es die Wiedergabe des 'Zwölftafelgesetzes' mit einer vorangestellten Interpretation dieses Rechts und einer Erörterung der aus ihm hervorgehenden römischrechtlichen Klagemöglichkeiten (legisactiones) am Schluß verbindet. Von ihm gibt es auch noch drei andere Bücher; einige bestreiten allerdings, daß sie von ihm stammen. Dieser Frage ist Cato [der Ältere] in gewissem Umfang nachgegangen. Als nächster ist MARCUS [Porcius] CATO [Cato d. Ä., genannt 'Censorius'] zu erwähnen, der prominenteste Vertreter der Porcier-Familie (familia Porcia). Von ihm gibt es noch einige [juristische] Bücher. Doch hat sein Sohn [der Jurist Marcus Porcius Cato Licininanus] die meisten [juristischen Werke] geschrieben, und auf deren Inhalt bauen die Bücher anderer [heute noch] auf.

39 Nach diesen wirkten PUBLIUS MUCIUS, BRUTUS und MANILIUS, welche die Grundlagen des römischen Recht (ius civile) erarbeiteten. Von ihnen ließ Publius Mucius auch zehn Schriften zurück, Brutus sieben und Manilius drei, und es gibt noch Bände mit schriftlich abgefaßten Urkunden aus der Hand des Manilius. Publius Mucius und Manilius hatten den Rang gewesener Konsuln (consulares), Brutus den eines ehemaligen Prätors (praetorius) , Publius Mucius war außerdem Oberster Priester (pontifex maximus).

40 Nach diesen sind zu erwähnen: PUBLIUS RUTILIUS RUFUS, der in Rom Konsul und in Asien Prokonsul war, PAULUS VERGINIUS und QUINTUS TUBERO, jener stoische Hörer des Pansa und ebenfalls Konsul. Auch SEXTUS POMPEIUS, Oheim des [berühmten] Gnaeus Pompeius, wirkte zu dieser Zeit. [Zu erwähnen ist] auch COELIUS ANTIPATER, der [berühmte] Verfasser der römischen Annalen , der sich aber mehr der [Literatur und] Rhetorik als den Themen des Rechts widmete. [Zu erwähnen ist] ferner LUCIUS CRASSUS, der Bruder des Publius Mucius, der auch Munianus genannt wurde. Von ihm sagt Cicero, daß er einer der kenntnisreichsten Juristen gewesen sei.

41 Nach diesen kam QUINTUS MUCIUS, Sohn des Publius [Mucius] und Oberster Priester (pontifex maximus). Er stellte als erster das gesamte römische Recht (ius civile) nach systematischen Aspekten gegliedert in achtzehn Büchern dar.

42 Mucius hatte sehr viele Hörer. Die berühmtesten von ihnen waren AQUILIUS GALLUS, BALBUS LUCILIUS, SEXTUS PAPIRIUS und GAIUS IUVENTIUS. Von diesen soll Gallus nach Angaben des Servius das größte Ansehen beim Volke gehabt haben. Alle hier genannten werden werden nur bei Servius Sulpicius lobend erwähnt. Andererseits existieren ihre Schriften heute nicht mehr in allgemein zugänglicher Form, ja es sind überhaupt keine Originalschriften von ihnen mehr im Umlauf. Vielmehr hat Servius ihre Werke vervollständigt, und nur über seine schriftstellerische Arbeit ist die Erinnerung an sie gewahrt worden.

43 SERVIUS SULPICIUS aber, der zu seiner Zeit als öffentlicher Redner der fähigste oder wenigstens nach Cicero der zweitfähigste war, soll der Überlieferung nach eines Tages als Ratsuchender in der Sache eines Freundes zu Quintus Mucius gekommen sein und, als er gemeint habe, daß dieser ihm wenig Auskunft über die Rechtslage gebe, [den Rechtsgelehtren] nochmals befragt, die Antwort des Quintus Mucius aber dennoch nicht verstanden haben. Daraufhin sei er von Quintus Mucius heftig getadelt worden; denn dieser habe gesagt, es sei schändklich für einen Patrizier und Senatoren und öffentlichen Redner, das Recht, mit dem er es ständig zu tun habe, nicht zu kennen. Dadurch gewissermaßen beschämt und ein wenig getroffen, strengte er sich nunmehr an, die Kenntnis des römischen Rechts (ius civile) zu erwerben und hörte zumeist diejenigen, von denen oben die Rede war, wobei er von Balbus Lucilius eingeführt, von Gallus Aquilius aber, der sich auf Cercina [Insel an der Küste der Provinz Africa, südlich der Stadt Thapsus] aufzuhalten pflegte, zum größten Teil ausgebildet wurde. So gibt es eine Anzahl Bücher von ihm, die auf Cercina fertiggestellt wurden. Als er bei einer Gesandtschaftsmission ums Leben kam, stellte das römische Volk ihm zu Ehren eine Statue vor der Rednertribüne des Forums auf, und diese steht heute noch auf dem Augustus-Forum. Von ihm existieren noch zahlreiche Werke; er hinterließ aber ursprünglich ungefähr 180 Bücher.

44 Von ihm stammten die meisten schulmäßig ab, und von ihnen haben etwa die folgenden juristische Werke verfaßt: ALFENUS VARUS GAIUS, AULUS OFILIUS, TITUS CAESIUS, AUFIDIUS TUCCA, AUFIDIUS NAMUSA, FULVIUS PRISCUS, GAIUS ATEIUS, PACUVIUS LABEO ANTISTIUS, der Vater des [berühmteren] Labeo Antistius, CINNA und PUBLICIUS GELLIUS. Aus ihrem Kreis stammen achtzehn Bücher, von denen alle, die es gab, von Aufidius Namusa in hundert und vierzig Büchern kommentiert wurden. Von diesen Schülern [des Quintus Mucius] hatten das größte Ansehen Alfenus Varus und Aulus Ofilius; Paulus war auch Konsul, Ofilius verblieb im Ritterstande. Dieser letztere war ein enger Vertrauter des Kaisers und hat zum römischen Recht (de iure civili) eine sehr große Zahl von Büchern hinterlassen, die alle Gebiete der Rechtswissenschaft betrafen. So hat er etwa als erster die Materiei der Erbschaftsteuergesetze [des Augustus; leges vicensimae] behandelt. Im Zusammenhang mit den Thema 'Jurisdiction' hat er als erster ferner das Prätorischen Edikt sorgfältig zusammenfassend erörtert; denn vor ihm gab es dazu zwar schon aus der Hand des Servius zwei Bücher "an Brutus", die allerdings nur in kürzester Form Anmerkungen zum Edikt enthielten.

45 Zu dieser Zeit wirkten auch TREBATIUS, der gleichermaßen Hörer des Cornelius Maximus war, und AULUS CASCELLIUS, ein Hörer des Quintus Mucius Volusius. Letzterer hat schließlich den Enkel des Trebatius zu dessen Ehren testamentarisch als seinen Erben eingesetzt. Er [gemeint ist Trebatius] wurde lediglich Quästor und wollte keine darüber hinausführende Karriere, selbst als ihm Augustus das Konsulatsamt anbot. Von den beiden Erwähnten soll Trebatius kenntnisreicher als Cascellius, dieser aber rhetorisch besser als jener gewesen sein. Ofilius, war gelehrter als dei beiden. Von Cescellius ist nichts erhalten bis auf ein Buch mit dem Titel 'Wohlformulierte Aussagen' ('bene dicta'). Von Trebatius gibt es noch mehrere, aber sie werden nicht häufig benutzt.

46 Nach den Genannten wirkte auch TUBERO, der sich intensiv mit dem Werk des Ofilius befaßte. Er war von Herkunft Patrizier und wechselte von der öffentlichen Tätigkeit als Sachwalter und Prozeßvertreter (a causis agendis) in die rechtswissenschaftliche Profession über, nachdem er den Quintus Ligarius [i. J. 46] wegen Hochverrats angeklagt, aber damit vor dem Gericht des Gaius Iulius Caesar nicht obsiegt hatte. Bei diesem Ligarius handelt es sich um denjenigen, der, als er [als Gegener Caesars] für die Küste Africas militärisch zuständig war, nicht zuließ, daß der [als Teilnehmer an der Bürgerkriegsexpedition Caesars gegen Africa i. J. 47/46] krankgewordene Tubero an der Küste landen und Wasser aufnehmen konnte; aus diesem Grunde klagte er ihn bei Caesar an, und Cicero übernahm die Verteidigung. Tubero galt jedenfalls als außerordentlich beschlagen im öffentlichen und im Privatrecht (doctissimus iuris publici et privati) und hinterließ auf beiden Rechtsgebieten mehrere Werke. Allerdings schrieb er in einer etwas altertümlich-affektierten Ausdrucksweise, und aus diesem Grunde werden seine Bücher recht wenig geschätzt.

47 Nach diesem erlangten höchstes Ansehen ATEIUS CAPITO, der Nachfolger des Ofilius wurde, und ANTISTIUS LABEO, der bei allen eben Genannten Hörer war, aber von Trebatius in die Rechtswissenschaft eingeführt wurde. Ateius war Konsul , Labeo wollte, als ihm das von Augustus angeboten wurde, nicht Ersatz-Konsul ehrenhalber (consul suffectus) werden. Vielmehr konzentrierte er sich auf seine rechtswissenschaftlichen Untersuchungen. Dabei hatte er das Jahr so eingeteilt, daß er sechs Monate in Rom bei seinen Studenten verbrachte und die anderen sechs Monate auf dem Lande weilte, um Bücher zu verfassen. Daher hat er ein Werk von vierzig Bänden hinterlassen, von denen die meisten noch heute im alltäglichen Gebrauch sind. Capito und Labeo bildeten beide als erste so etwas wie juristische Schulen [die sich in folgendem unterschieden]: Ateius Capito pflegte strikt auf die Wahrung der Rechtstradition zu achten, Labeo dagegen erreichte es im Vertrauen auf den erfinderischen juristischen Geist und die systematischen Aspekte der juristischen Lehre als jemand, der sich auf den anderen [üblichen] Gebieten des Rechts aufgrund seiner intensiven Arbeit wohl auskannte, zahlreiche Neuerungen zu entwickeln.

48 Und so folgte auf Ateius Capito MASSURIUS SABINUS, auf Labeo NERVA, welche beide dazu beitrugen, die bis heute entstandenen juristischen Kontroversen erheblich zu vermehren. Nerva war sehr vertraut mit dem Kaiser. Massurius Sabinus gehörte dem Ritterstand an und erstattete in dieser [nicht-senatorischen] Stellung als erster öffentlich Rechtsgutachten. Später wurde ihm sogar das kaiserliche Privileg [der Gutachtenerstattung mit kaiserlicher Autorität] verliehen. Zur Zeit des Tiberius war das allerdings nur in seinem Falle so.

49 Um übrigens dies dem Leser beiläufig zu zur Kenntnis zu bringen: vor der Zeit des Augustus wurde ein Recht zur Abgabe öffentlicher Rechtsgutachten nicht von den Kaisern verliehen, sondern wer immer ein hinreichendes Vertrauen in die Qualität seiner rechtswissenschaftlichen Árbeit genoß, gab Rechtsgutachten gegenüber Ratsuchenden ab. Aber solche Gutachten händigten sie keinesfalls als Schriftstücke an Klienten aus, sondern zumeist schrieben sie persönlich direkt an das Gericht oder sie traten im Prozeß als sachverständige Zeugen aufseiten derer auf, die sie konsultiert hatten. Erst der vergöttlichte Augustus legte fest, daß es eine mit besonderer Autorität ausgestattete Form des öffentlichen Rechtsgutachtens geben solle, und daß die dazu Berechtigten mit seiner kaiserlicher Autorität ausgestattet sein sollten. Und erst von da an pflegten sich Juristen um die entsprechende Konzession als ein besonderes Ehrenrecht zu bemühen. Aus diesem Grunde gab der besonders verehrungswürdige Kaiser Hadrian später auch einmal anläßlich einer Petition einiger gewesener Prätoren an ihn, er möge ihnen die Konzession zu öffentlichen, autoritativen Rechtsgutachten verleihen, die rechtlich verbindliche Auskunft, dieses [mit besonderer kaiserlicher Autorität ausgestattete] Recht könne nicht erbeten oder beantragt, sondern lediglich als kaiserliche Gunst verliehen werden und man möge deswegen bei entsprechendem juristischen Ansehen damit zufrieden sein, öffentlich als [normaler] Rechtsgutachter aufzutreten zu können.

50 Also wurde dem Sabinus von Tiberius die Konzession erteilt, mit kaiserlicher Autorität öffentliche Rechtsgutachten abzugeben. Er gehörte von Geburt an dem Ritterstande an und befand sich bereits im fortgeschrittenen Alter von fünfzig Jahren, als er zu dieser Funktion zugelassen wurde. Er hatte kein großes Vermögen, sondern bestritt seinen Unterhalt überwiegend durch die Hörergelder.

51 An dessen Stelle trat GAIUS CASSIUS LONGINUS, Sohn einer Tochter des Tubero, die ihrerseits eine Nichte des Servius Sulpicius war; und so nannte er Servius Sulpicius seinen Urgroßvater. Dieser war zur Zeit des Tiberius zusammen mit Quartinus Konsul. Aber den größten Einfluß im Gemeinwesen hatte er bis zu dieser Zeit; denn Tiberius schickte ihn in die Verbannung.

52 Von ihm nach Sardinien verbannt, wurde er von Vespansian zurückgerufen und starb bald darauf. An seine Stelle trat PROCULUS. Zur selben Zeit wirkte auch NERVA DER JÜNGERE. Es gab außerdem noch einen anderen Longinus aus dem Ritterstande, dessen Karriere ihn später bis zum Prätorenamt führte. Aber die Autorität des Proculus war die den anderen gegenüber gewichtigere; denn er hatte die größten Fähigkeiten. Sie alle wurden aber teilweise als Cassianer, teilweise als Proculianer bezeichnet - eine Gewohnheit, die die mit Capito und Labeo begonnen hatte. Nachfolger des Cassius wurde CAELIUS SABINUS, der zur Zeit Vespasians die größte Wirksamkeit entfaltete, Nachfolger des Proculus PEGASUS, der zur Zeit Vespasians Hauptsadtpräfekt (praefextus urbi) wurde. An die Stelle des Caelius Sabinus trat dann PRISCUS IAVOLENUS, an die Stelle des Pegasus CELSUS. Diesem - älteren - Celsus folgten DER JÜNGERE CELSUS und PRISCUS NERATIUS, welche beide Konsuln waren, Celsus sogar mehrmals. Auf Iavolenus Priscus folgten ABURNIUS VALENS und TUSCIANUS und ebenso SALVIUS IULIANUS.

Lateinischer Text:

Necessarium itaque nobis videtur ipsius iuris originem atque processum demonstrare. 1 Et quidem initio civitatis nostrae populus sine lege certa, sine iure certo primum agere instituit omniaque manu a regibus gubernabantur. 2 Postea aucta ad aliquem modum civitate ipsum Pomulum traditur populum in triginta partes divisisse, quas partes curias appellavit propterea, quod tunc rei publicae curari per sententias partium earum expediebat. et ita leges quasdam et ipse curiatas ad populum tulit: tulerunt et sequentes reges. quae omnes conscriptae exstant in libro Sexti Papirii, qui fuit illis temporibus, quibus Superbus Demarati Corinthii filius, ex principalibus viris. is liber, ut diximus, appellatur ius civile Papirianum, non quia Papirius de suo quicquam ibi adiecit, sed quod leges sine ordine latas in unum composuit. 3 Exactis deinde regibus lege tribunicia omnes leges hae exoleverunt iterumque coepit populus Romanus incerto magis iure et consuetudine aliqua uti quam per latam legem, idque prope viginti annis passus est. 4 Postea ne diutius hoc fieret, placuit publica auctoritate decem constitui viros, per quos peterentur leges a Graecis civitatibus et civitas fundaretur legibus: quas in tabulas eboreas perscriptas pro rostris composuerunt, ut possint leges apertius percipi: datumque est eis ius eo anno in civitate summum, uti leges et corrigerent, si opus esset, et interpretarentur neque provocatio ab eis sicut a reliquis magistratibus fieret. qui ipsi animadverterunt aliquid deesse istis primis legibus ideoque sequenti anno alias duas ad easdem tabulas adiecerunt: et ita ex accedenti appellatae sunt leges duodecm tabularum. quarum ferendarum auctorem fuisse decemviris Hermodorum quendam Ephesium exulantem in Italia quidam rettulerunt. 5 His legibus latis coepit (ut naturaliter evenire solet, ut interpretatio desideraret prudentium auctoritatem) necessariam esse disputationem fori. haec disputatio et hoc ius, quod sine scripto venit compositum a prudentibus, propria parte aliqua non appellatur, ut ceterae partes iuris suis nominibus designantur. datis propriis nominibus ceteris partibus, sed communi nomine appellatur ius civile. 6 Deinde ex his legibus eodem tempore fere actiones compositae sunt, quibus inter se homines disceptarent: quas actiones ne populus prout vellet institueret, certas sollemnesque esse voluerunt et appellatur haec pars iuris legis actiones, id est legitimae actiones. et ita eodem paene tempore tria haec iura nata sunt: lege duodecim tabularum ex his fluere coepit ius civile, ex isdem legis actiones compositae sunt. omnium tamen harum et interpretandi scientia et actiones apud collegium pontificum erant, ex quibus constituebatur quis quoquo anno praeesset privatis. et fere populus annis prope centum hac consuetudine usus est. 7 Postea cum Appius Claudius proposuisset et ad formam redegisset has actiones, Gnaeus Flavius scriba eius libertini filius subreptum librum populo tradidit, et adeo gratum fuit id munus populo, ut tribunus plebis fieret et senator et aedilis curulis. hic liber qui actiones continet, appellatur ius civile Flavianum, sicut ille ius civile Papirianum: nam nec Gnaeus Flavius de suo quicquam adiecit libro. augescente civitate quia deerant quaedam genera agendi, non post multum temporis spatium Sextus Aelius alias actiones composuit et librum populo dedit, qui appellatur ius Aelianum. 8 Deinde cum esset in civitate lex duodecim tabularum et ius civile, essent et legis actiones, evenit, ut plebs in discordiam cum patribus perveniret et secederet sibique iura constitueret, quae iura plebi scita vocantur. mox cum revocata est plebs, quia multae discordiae nascebantur de his plebis scitis, pro legibus placuit et ea observari lege Hortensia: et ita factum est, ut inter plebis scita et legem species constituendi interesset, potestas autem eadem esset. 9 Deinde quia difficile plebs convenire coepit, populus certe multo difficilius in tanta turba hominum, necessitas ipsa curam rei publicae ad senatum deduxit: ita coepit senatus se interponere et quidquid constituisset observabatur, idque ius appellabatur senatus consultum. 10 Eodem tempore et magistratus iura reddebant et ut scirent cives, quod ius de quaque re quisque dicturus esset, seque praemunirent, edicta proponebant. quae edicta praetorum ius honorarium constituerunt: honorarium dicitur, quod ab honore praetoris venerat. 11 Novissime sicut ad pauciores iuris constituendi vias transisse ipsis rebus dictantibus videbatur per partes, evenit, ut necesse esset rei publicae per unum consuli (nam senatus non perinde omnes provincias probe gerere poterat): igitur constituto principe datum est ei ius, ut quod constituisset, ratum esset. 12 Ita in civitate nostra aut iure, id est lege, constituitur, aut est proprium ius civile, quod sine scripto in sola prudentium interpretatione consistit, aut sunt Iegis actiones, quae formam agendi continent, aut plebi scitum, quod sine auctoritate patrum est constitutum, aut est magistratuum edictum, unde ius honorarium nascitur, aut senatus consultum, quod solum senatu constituente inducitur sine lege, aut est principalìs constitutio, id est ut quod ipse princeps constituit, pro lege servetur.

13 Post originem iuris et processum cognitum consequens est, ut de magistratuum nominibus et origine cognoscamus, quia, ut exposuimus, per eos qui iuri dicundo praesunt effectus rei accipitur: quantum est enim ius in civitate esse, nisi sint, qui iura regere possint? post hoc deinde de auctorum successione dicemus, quod constare non potest ius, nisi sit aliquis iuris peritus, per quem possit cottidie in melius produci. 14 Quod ad magistratus attinet, initio civitatis huius constat reges omnem potestatem habuisse. 15 Isdem temporibus et tribunum celerum fuisse constat: is autem erat qui equitibus praeerat et veluti secundum locum a regibus optinebat: quo in numero fuit Iunius Brutus, qui auctor fuit regis eiciendi. 16 Exactis deinde regibus consules constituti sunt duo: penes quos summum ius uti esset, lege rogatum est: dicti sunt ab eo, quod plurimum rei publicae consulerent. qui tamen ne per omnia regiam potestatem sibi vindicarent, lege lata factum est, ut ab eis provocatio esset neve possent in caput civis Romani animadvertere iniussu populi: solum relictum est illis, ut coercere possent et in vincula publica duci iuberent. 17 Post deinde cum census iam maiori tempore agendus esset et consules non sufficerent huic quoque officio, censores constituti sunt. 18 Populo deinde aucto cum crebra orerentur bella et quaedam acriora a finitimis inferrentur, interdum re exigente placuit maioris potestatis magistratum constitui: itaque dictatores proditi sunt, a quibus nec provocandi ius fuit et quibus etiam capitis animadversio data est. hunc magistratum, quoniam summam potestatem habebat, non erat fas ultra sextum mensem retineri. 19 Et his dictatoribus magistri equitum iniungebantur sic, quo modo regibus tribuni celerum: quod officium fere tale erat, quale hodie praefectorum praetorio, magistratus tamen habebantur legitimi. 20 Isdem temporibus cum plebs a patribris secessisset anno fere septimo decimo post reges exactos, tribunos sibi in monte sacro creavit, qui essent plebeii magistratus. dicti tribuni, quod olim in tres partes populus divisus erat et ex singulis singuli creabantur: vel quia tribuum suffragio creabantur. 21 Itemque ut essent qui aedibus praeessent, in quibus omnia scita sua plebs deferebat, duos ex plebe constituerunt, qui etiam aediles appellati sunt. 22 Deinde cum aerarium populi auctius esse coepisset, ut essent qui illi praeessent, constituti sunt quaestores, qui pecuniae praeessent, dicti ab eo quod inquirendae et conservandae pecuniae causa creati erant. 23 Et quia, ut diximus, de capite civis Romani iniussu populi non erat lege permissum consulibus ius dicere, propterea quaestores constituebantur a populo, qui capitalibus rebus praeessent: hi appellabantur quaestores parricidii, quorum etiam meminit lex duodecim tabularum. 24 Et cum placuisset leges quoque ferri, latum est ad populum, uti omnes magistratu se abdicarent, quo decemviri constituti anno uno cum magistratum prorogarent sibi et cum iniuriose tractarent neque vellent deinceps sufficere magistratibus, ut ipsi et factio sua perpetuo rem publicam occupatam retineret: nimia atque aspera dominatione eo rem perduxerant, ut exercitus a re publica secederet. initium fuisse secessionis dicitur Verginius quidam, qui cum animadvertisset Appium Claudium contra ius, quod ipse ex vetere iure in duodecim tabulas transtulerat, vindicias filiae suae a se abdixisse et secundum eum, qui in servitutem ab eo suppositus petierat, dixisse captumque amore virginis omne fas ac nefas miscuisse: indignatus, quod vetustissima iuris observantia in persona filiae suae defecisset (utpote cum Brutus, qui primus Romae consul fuit, vindicias secundum libertatem dixisset in persona Vindicis Vitelliorum servi, qui proditionis cuniurationem indicio suo detexerat) et castitatem flliae vitae quoque eius praeferendam putaret, arrepto cultro de taberna lanionis filiam interfecit in hoc scilicet, ut morte virginis contumeliam stupri arceret, ac protinus recensa caede madenteque adhuc filiae cruore ad commilitones confugit. qui universi de Algido, ubi tunc belli gerendi causa legiones erant, relictis ducibus pristinis signa in Aventinum transtulerunt, omnisque plebs urbana mox eodem se contulit, populique consensu partim in carcere necati. ita rursus res publica suum statum recepit. 25 Deinde cum post aliquot annos duodecim tabulae latae sunt et plebs contenderet cum patribus et vellet ex suo quoque corpore consules creare et patres recusarent: factum est, ut tribuni militum crearentur partim ex plebe, partim ex patribus consulari potestate. hique constituti sunt vario numero: interdum enim viginti fuerunt, interdum plures, nonnumquam pauciores. 26 Deinde cum placuisset creari etiam ex plebe consules, coeperunt ex utroque corpore constitui. tunc, ut aliquo pluris patres haberent, placuit duos ex numero patrum constitui 27 ita facti sunt aediles curules. Cumque consules avocarentur bellis finitimis neque esset qui in civitate ius reddere posset, factum est, ut praetor quoque crearetur, qui urbanus appellatus est, quod in urbe ius redderet. 28 Post aloquot deinde annos non sufficiente eo praetore, quod multa turba etiam peregrinorum in civitatem veniret, creatus est et alius praetor, qui peregrinus appellatus est ab eo, quod plerumque inter peregrinos ius dicebat. 29 Deinde cum esset necessarius magistratus qui hastae praeessent, decemviri in litibus iudicandis sunt constituti. 30 Constituti sunt eodem tempore et quattuorviri qui curam viarum agerent , et triumviri monetales aeris argenti auri flatores, et triumviri capitales qui carceris custodiam haberent, ut cum animadverti oporteret interventu eorum fieret. 31 Et quia magistratibus vespertinis temporibus in publicum esse inconveniens erat, quinqueviri constituti sunt cis Tiberim et ultis Tiberim, qui possint pro magistratibus fungi. 32 Capta deinde Sardinia, mox Sicilia, item Hispania, deinde Narbonensi provincia totidem praetores, quot provinciae in dicionem venerant, creati sunt, partim qui urbanis rebus, partim qui provincialibus praeessent. deinde Cornelius Sulla quaestiones publicas constituit, ueluti de falso, de parricidio, de sicariis, et praetores quattuor adiecit. deinde Gaius Iulius Caesar duos praetores et duos aediles qui frumento praeessent a Cerere cereales constituit. ita duodecim praetores, sex aediles sunt creati. divus deinde Augustus sedecim praetores constituit. post deinde divus Claudius duos praetores adiecit qui de fideicommisso ius dicerent, ex quibus unum divus Titus detraxit: et adiecit divus Nerva qui inter fiscum et privatos ius diceret. ita decem et octo praetores in civitate ius dicunt. 33 Et haec omnia, quotiens in re publica sunt magistratus, observantur: quotiens autem proficiscuntur , unus relinquitur, qui ius dicat: is vocatur praefectus urbi. qui praefectus olim constituebatur: postea fere Latinarum feriarum causa introductus est et quotannis observatur. nam praefectus annonae et vigilum non sunt magistratus, sed extra ordinem utilitatis causa constituti sunt. et tamen hi, quos Cistiberes diximus, postea aediles senatus consulto creabantur. 34 Ergo ex his omnibus decem tribuni plebis, consules duo, decem et octo praetores, sex aediles in civitate iura reddebant.

35 Iuris civilis scientiam plurimi et maximi viri professi sunt: sed qui eorum maximae dignationis apud populum Romanum fuerunt, eorum in praesentia mentio habenda est, ut appareat, a quibus et qualibus haec iura orta et tradita sunt. et quidem ex omnibus, qui scientiam nancti sunt, ante Tiberium Coruncanium publice professum neminem traditur: ceteri autem ad hunc uel in latenti ius civile retinere cogitabant solumque consultatoribus vacare potius quam discere volentibus se praestabant. 36 Fuit autem in primis peritus PUBLIUS PAPIRIUS, qui leges regias in unum contulit. ab hoc APPIUS CLAUDIUS unus ex decemviris, cuius maximum consilium in duodecim tabulis scribendis fuit. post hunc APPPIUS CLAUDIUS eiusdem generis maximam scientiam habuit: hic Centemmanus appellatus est, Appiam viam stravit et aquamClaudiam induxit et de Pyrrho in urbe non recipiendo sententiam tulit: hunc etiam actiones scripsisse traditum est primum de usurpationibus, qui liber non exstat: idem Appius Claudius, qui videtur ab hoc processisse, R litteram invenit, ut pro Valesiis Valerii essent et pro Fusiis Furii. 37 Fuit post eos maximae scientiae SEMPRONIUS, quem populus Romanus sófon appellavit nec quisquam ante hunc aut posthunc hoc nomine cognominatus est. GAIUS SCIPIO NASICA, qui optimus a senatu appellatus est: cui etiam publice domus in sacra via data est, quo facilius consuli posset. deinde QUINTUS MUCIUS, qui ad Carthaginienses missus legatus, cum essent duae tesserae positae una pacis altera belli, arbitrio sibi dato, utram vellet referret Romam, utramque sustulit et ait Carthaginienses petere debere, utram mallent accipere. 38 Post hos fuit TIBERIUS CORUNCANIUS, ut dixi, qui primus profiteri coepit: cuius tamen scriptum nullum exstat, sed responsa complura et memorabilia eius fuerunt, deinde SEXTUS AELIUS et frater eius PUBLIUS AELIUS et PUBLIUS ATILIUS maximam scientiam in profitendo habuerunt, ut duo Aelii etiam consules fuerint, Atilius autem primus a populo Sapiens appellatus est. Sextum Aelium etiam Ennius laudavit et exstat illius liber qui inscribitur 'tripertita', qui liber veluti cunabula iuris continet: tripertita autem dicitur, quoniam lege duodecim tabularum praeposita iungitur interpretatio, deinde subtexitur legis actio. eiusdem esse tres alii libri referuntur, quos tamen quidam negant eiusdem esse: hos sectatus ad aliquid est Cato. deinde MARCUS CATO princeps Porciae famlliae, cuius et libri exstant: sed plurimi filii eius, ex quibus ceteri oriuntur. 39 Post hos fuerunt PUBLIUS MUCIUS et BRUTUS et MANILIUS, qui fundaverunt ius civile. ex his Publius Mucius etiam decem libellos reliquit, Brutus septem, Manilius tres et extant volumina scripta Manilii monumenta. illi duo consulares fuerunt, Brutus praetorius, Publius autem Mucius etiam pontifex maximus. 40 Ab his profecti sunt PUBLIUS RUTILIUS RUFUS, qui Romae consul et Asiae proconsul fuit, PAULUS VERGINIUS et QUINTUS TUBERO ille stoicus Pansae auditor, qui et ipse consul. etiam SEXTUS POMPEIUS Gnaei Pompeii patruus fuit eodem tempore; et COELIUS ANTIPATER, qui historias conscripsit, sed plus eloquentiae quam scientiae iuris operam dedit: etiam LUCIUS CRASSUS frater Publii Mucii, qui Munianus dictus est: hunc Cicero ait iurisconsultorum disertissimum. 41 Post hos QUINTUS MUCIUS Publii filius pontifex maximus ius civile primus constituit generatim in libros decem et octo redigendo. 42 Mucii auditores fuerunt complures, sed praecipuae auctoritatis AQUILIUS GALLUS, BALBUS LUCILIUS , SEXTUS PAPIRIUS, GAIUS IUVENTIUS: ex quibus Gallum maximae auctoritatis apud populum fuisse Servius dicit. omnes tamen hi a Servio Sulpicio nominantur: alioquin per se eorum scripta non talia exstant, ut ea omnes appetant: denique nec versantur omnino scripta eorum inter manus hominum, sed Servius libros suos complevit, pro cuius scriptura ipsorum quoque memoria habetur. 43 SERVIUS autem SULPICIUS cum in causis orandis primum locum aut pro certo post Marcum Tullium optineret, traditur ad consulendum Quintum Mucium de re amici sui pervenisse cumque eum sibi respondisse de iure Servius parum intellexisset, iterum Quintum interrogasse et a Quinto Mucio responsum esse nec tamen percepisse, et ita obiurgatum esse a Quinto Mucio: namque eum dixisse turpe esse patricio et nobili et causas oranti ius in quo versaretur ignorare. ea velut contumelia Servius tactus operam dedit iuri civili et plurimum eos, de quibus locuti sumus, audiit, institutus a Balbo Lucilio, instructus autem maxime a Gallo Aquilio, qui fuit Cercinae: itaque libri complures eius extant Cercinae confecti. hic cum in legatione perisset, statuam ei populus Romanus pro rostris posuit, et hodieque exstat pro rostris Augusti. huius volumina complura exstant: reliquit autem prope centum et octaginta libros. 44 Ab hoc plurimi profecerunt, fere tamen hi libros conscripserunt: ALFENUS VARUS GAIUS, AULUS OFILIUS, TITUS CAESIUS, AUFIDIUS TUCCA, AUFIDIUS NAMUSA, FLAVIUS PRISCUS, GAIUS ATEIUS, PACUVIVS LABEO ANTISTIUS Labeonis Antistii pater, CINNA, PUBLICIUS GELLIUS. ex his decem libros octo conscripserunt, quorum omnes qui fuerunt libri digesti sunt ab Aufidio Namusa in centum quadraginta libros. ex his auditoribus plurimum auctoritatis habuit Alfenus Varus et Aulus Ofilius, ex quibus Varus et consul fuit, Ofilius in equestri ordine perseveravit. is fuit Caesari familiarissimus et libros de iure civili plurimos et qui omnem partem operis fundarent reliquit. nam de legibus vicensimae primus conscribit: de iurisdictione idem edictum praetoris primus diligenter composuit, nam ante eum Servius duos libros ad Brutum perquam brevissimos ad edictum subscriptos reliquit. 45 Fuit eodem tempore et TREBATIUS, qui idem Corneli Maximi auditor fuit: AULUS CASCELLIUS, Quintus Mucius Volusii auditor, denique in illius honorem testamento Publium Mucium nepotem eius reliquit beredem. fuit autem quaestorius nec ultra proficere voluit, cum etiam Augustus consulatum offerret. ex his Trebatius peritior Cascellio, Cascellius Trebatio eloquentior fuisse dicitur, Ofilius utroque doctior. Cascellii scripta non exstant nisi unus liber bene dictorum, Trebatii complures, sed minus frequentantur. 46 Post hos quoque TUBERO fuit, qui Ofilio operam dedit: fuit autem patricius et transiit a causis agendis ad ius civile maxime postquam Quintum Ligarium accusavit nec optinuit apud Gaium Caesarem. is est Quintius Ligarius, qui cum Africae oram teneret, infirmum Tuberonem applicare non permisit nec aquam haurire, quo nomine eum accusavit et Cicero defendit: exstat eius oratio satis pulcherrima, quae inscribitur pro Quinto Ligario. Tubero doctissimus quidem habitus est iuris publici et privati et complures utriusque operis libros reliquit: sermone etiam antiquo usus affectavit scribere et ideo parum libri eius grati habentur. 47 Post hunc maximae auctoritatis fuerunt ATEIUS CAPITO, qui Ofilium secutus est, et ANTISTIUS LABEO, qui omnes hos audivit, institutus est autem a Trebatio. ex his Ateius consul fuit: Labeo noluit, cum offerretur ei ab Augusto consulatus, quo suffectus fieret , honorem suscipere, sed plurimum studiis operam dedit: et totum annum ita diviserat, ut Romae sex mensibus cum studiosis esset, sex mensibus secederet et conscribendis libris operam daret. itaque reliquit quadringenta volumina, ex quibus plurima inter manus versantur. hi duo primum veluti diversas sectas fecerunt: nam Ateius Capito in his, quae ei tradita fuerant, perseverabat; Labeo ingenii qualitate et fiducia doctrinae, qui et ceteris operis sapientiae operam dederat, plurima innovare instituit. 48 Et ita Ateio Capitoni MASSURIUS SABINUS successit, Labeoni NERVA, qui adhuc eas dissensiones auxerunt. hic etiam Nerva Caesari familiarissimus fuit. Massurius Sabinus in equestri ordine fuit et publice primus respondit: posteaque hoc coepit beneficium dari, Tiberio Caesare hoc tamen illi concessum erat. 49 Et, ut obiter sciamus, ante tempora Augusti publice respondendi ius non a principibus dabatur, sed qui fiduciam studiorum suorum habebant, consulentibus respondebant: neque responsa utique signata dabant, sed plerumque iudicibus ipsi scribebant, aut testabantur qui illos consulebant. primus divus Augustus, ut maior iuris auctoritas haberetur, constituit, ut ex auctoritate eius responderent : et ex illo tempore peti hoc pro beneficio coepit. et ideo optimus princeps Hadrianus, cum ab eo viri praetorii peterent, ut sibi liceret respondere, rescripsit eis hoc non peti, sed praestari solere et ideo, si quis fiduciam sui haberet, delectari se [si] populo ad respondendum se praepararet . 50 Ergo Sabino concessum est a Tiberio Caesare, ut populo responderet: qui in equestri ordine iam grandis natu et fere annorum quinquaginta receptus est. huic nec amplae facultates fuerunt, sed plurimum a suis auditoribus sustentatus est. 51 Huic successit GAIUS CASSIUS LONGINUS natus ex filia Tuberonis, quae fuit neptis Servii Sulpicii: et ideo proavum suum Servium Sulpicium appellat. hic consul fuit cum Quartino temporibus Tiberii, sed plurimum in civitate auctoritatis habuit eo usque, donec eum Caesar civitate pelleret. 52 Expulsus ab eo in Sardiniam, revocatus a Vespasiano diem suum obit. Nervae successit PROCULUS. fuit eodem tempore et NERVA FILIUS: fuit et alius Longinus ex equestri quidem ordine, qui postea ad praeturam usque pervenit. sed Proculi auctoritas maior fuit, nam etiam plurimum potuit: appellatique sunt partim Cassiani, partim Proculiani, quae origo a Capitone et Labeone coeperat. Cassio CAELIUS SABINUS successit, qui plurimum temporibus Vespasiani potuit: Proculo PEGASUS, qui temporibus Vespasiani praefectus urbi fuit: Caelio Sabino PRISCUS IAVOLENUS: Pegaso CELSUS: patri Celso CELSUS FILIUS et PRISCUS NERATIUS, qui utrique consules fuerunt, Celsus quidem et iterum: Iavoleno Prisco ABURNIUS VALENS et TUSCIANUS item SALVIUS IULIANUS.


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski WS 2000/2001