Die Verteidigung römischer Interessen in der Provinz Asien - Cicero, De imperio Gnaei Pompei 5 - 7.

Lateinischer Textauszug und deutsche Übersetzung nach: Cicero, De imperio Cn. Pompei oratio. Rede über den Oberbefehl des Cn. Pompeius, . Lateinisch - deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Otto Schönberger, Stuttgart 1979, S. 12 - 21 und 44 - 53.


Deutsche Übersetzung:

... 5 Unsere Vorfahren führten oft ganze Kriege, nur weil römische Kaufleute oder Schiffseigner beleidigt wurden; und ihr, da man soviel tausend römische Bürger auf einen Wink und in einer Stunde ermordet hat, wie müßt ihr dazu stehen? Weil man Gesandte etwas hochmütig angeredet hatte, wollten eure Väter Korinth, die Zierde von ganz Griechenland, vernichtet sehen, und ihr wollt einen König ungestraft lassen, der einen Gesandten des romischen Volkes im consularischen Rang durch Ketten, Schläge und jede Art von Martern zu Tode foltern ließ? Jene nahmen eine Schmälerung der Freiheit römischer Bürger nicht hin, und ihr solltet es gleichgültig mit ansehen, daß man ihnen das Leben nahm? Jene rächten das mit nur einem Wort verletzte Gesandtenrecht, und ihr wollt es hingehen lassen, daß ein Gesandter unter allen erdenklichen Martern getötet wurde? (12) Seht zu, daß es nicht für euch ebenso die größte Schande wird, das Überkommene nicht behaupten oder erhalten zu können, wie es für jene höchst ehrenvoll war, euch das Reich in solchem Glanze zu vererben.

Wenn nun weiter Sicherheit und Leben unserer Verbündeten in höchste Not und Gefahr geraten, wie müßt ihr denn dazu stehen? Aus seinem Reiche vertrieben ist der König Ariobarzanes, ein Bündner und Freund des römischen Volkes; zwei Tyrannen bedrohen ganz Asien, die nicht nur eure Todfeinde sind, sondern auch die eurer Bundesgenossen und Freunde; ferner sind alle Städte in ganz Asien und Hellas gezwungen, wegen der großen Gefahr sehnsüchtig nach eurer Hilfe auszuschauen; einen bestimmten Feldherrn aber von euch zu verlangen, zumal ihr ja einen anderen geschickt habt, wagen sie weder, noch meinen sie, es ohne die größte Gefahr tun zu können. (13) Sie sehen und glauben das gleiche wie auch ihr, daß nur ein Mann es sei, der alle nötigen Eigenschaften in höchstem Grade besitzt, und daß dieser nahe sei, weshalb sie ihn desto schmerzlicher vermissen; sie wissen nämlich, daß durch die bloße Nachricht von seiner Ankunft, obschon er nur zu einem Seekrieg kam, die feindlichen Angriffe zurückgedrängt und abgeschlagen wurden. Weil diese Menschen nicht frei sprechen dürfen, ist ihre stumme Bitte, ihr möchtet auch sie, wie die Bündner in anderen Provinzen, für würdig achten, ihre Rettung einem solchen Manne anzuvertrauen, und zwar um so mehr, als wir sonst in die Provinzen Leute als Träger der Amtsgewalt schicken, deren Ankunft in den Städten der Bündner sich kaum von feindlicher Eroberung unterscheidet, mögen sie auch den Feind abwehren. Von Pompeius aber hörten sie schon früher und sehen es jetzt mit eigenen Augen an ihm, daß er so maßvoll, mild und menschlich ist, daß die als die glücklichsten gelten, bei denen er recht lange bleibt.

6 (14) Wenn also unsere Vorfahren nur wegen der Bundesgenossen, selbst durch kein Unrecht gereizt, mit Antiochus und Philipp, mit den Aetolern und Puniern Kriege führten, mit welchem Eifer müßt ihr, durch Beleidigungen herausgefordert, das Wohl der Bündner zugleich mit der Würde eures Reiches schützen, zumal es um eure wichtigsten Einkünfte geht? Denn, ihr Bürger von Rom, das Steueraufkommen aus allen anderen Provinzen bringt nur so viel ein, daß man es zum Schutz dieser Gebiete selbst kaum als hinreichend ansehen kann, Asien aber ist so reich und fruchtbar, daß es durch den hohen Ertrag seiner Felder, die Vielfalt der Erzeugnisse, die Größe seiner Weidegründe, die Masse der Exportgüter mühelos alle Länder übertrifft. Daher müßt ihr, Quiriten, wenn ihr die Mittel zum Kriege und zu angemessenem Leben in Frieden behalten wollt, diese Provinz nicht nur vor dem Unheil, sondern schon gegen die Furcht davor schützen. (15) Im sonstigen Leben nämlich erleidet man den Schaden erst, wenn das Unglück da ist, im Steuerwesen aber stiftet nicht erst der Eintritt des Unheils Schaden, sondern schon die Furcht davor. Steht nämlich ein feindliches Heer in der Nähe, läßt man die Herden im Stich, versäumt den Feldbau, und die Handelsschiffahrt kommt zum Erliegen, selbst wenn ein wirklicher Einfall noch nicht erfolgt ist. So kann man weder vom Hafenzoll noch vom Erntezehnten, noch vom Weideland die Abgaben sicher einbringen, weshalb nicht selten der Ertrag eines ganzen Jahres schon durch ein Gerücht von der Gefahr und die bloße Angst vor dem Krieg verlorengeht. (16) Wie aber muß erst denen zumute sein, die Steuern an uns entrichten oder sie verwalten und eintreiben, wenn zwei Könige mit riesigen Heeren in der Nähe lauern? Wenn ein einziger Reiterüberfall in einem Augenblick das Steueraufkommen eines Jahres wegraffen kann?

Wenn die Steuerpächter meinen, die Sklavenmassen, die sie in den Salinen, auf den Feldern, in den Häfen und auf Zollposten stehen haben, nur unter großer Gefahr haIten zu können? Glaubt ihr, selber jene Güter nützen zu können, wenn ihr nicht die Leute, die euch nützlich sind, nicht nur gegen Unheil bewahrt, wie eben gesagt, sondern auch frei von Angst vor Unheil?

7 (17) Ihr dürft aber auch nicht übersehen, was ich mir für zuletzt aufsparte, als ich von der Art des Krieges zu sprechen begann. Dieser Krieg berührt das Vermögen vieler römischer Bürger, und ihr, Quiriten, müßt, wie es eurer Weisheit entspricht, sorgsam auf diese Rücksicht nehmen. Erstens nämlich haben die Steuerpächter, höchst achtbare und angesehene Leute, ihre Interessen und ihr Kapital in jener Provinz angelegt, und für deren Geld und Gut müßt ihr an sich schon sorgen; denn wenn wir seit jeher das Steueraufkommen als den Kraftquell des Staates ansahen, wird man sicher den Stand, der es eintreibt, mit Recht eine Stütze der übrigen Stände nennen. (18) Zweitens treiben aus den übrigen Ständen tüchtige und strebsame Leute teils persönlich Geschäfte in Asien, und ihr müßt für sie auch in der Ferne sorgen, teils haben sie große Geldsummen in dieser Provinz angelegt. Es ist also eure Menschenpflicht, eine große Zahl von Mitbürgern vor Schaden zu bewahren, und eure Klugheit muß zur Einsicht führen, daß man das Unglück vieler Bürger nicht vom Staatsinteresse getrennt sehen darf. Erstens nämlich besagt der Einwand wenig, daß wir auch nach Verlust der Steuerpächter unsere Steuern später durch den Sieg wiederbekommen; denn weder werden die nämlichen Leute durch ihr Unglück noch so viel Geld besitzen, sie zu pachten, noch werden andere aus Furcht dazu bereit sein. (19) Zweitens müssen wir jedenfalls die Lehre, die uns gerade Asien und besonders Mithridates zu Beginn des Krieges in Asien erteilten, durch Schaden klug geworden, im Gedächtnis behalten. Wir wissen ja, daß damals, als in Asien sehr viele Leute große Summen verloren, der Kredit in Rom wegen der geminderten Zahlungsfähigkeit rar wurde. Es ist nämlich unmöglich, daß in einem Staat viele Menschen Hab und Gut einbüßen, ohne noch mehr mit sich ins gleiche Unglück zu reißen. Vor dieser Gefahr bewahret den Staat und glaubt mir, was ihr ja selbst einseht, daß unser Kreditwesen und Kapitalmarkt hier in Rom und auf dem Forum mit dem Geldwesen in Asien eng verflochten sind. Dieses kann nicht ruiniert werden, ohne daß die hiesige Finanzwirtschaft von derselben Erschütterung erfaßt wird und zusammenbricht. Überlegt daher, ob ihr zögern dürft, allen Eifer auf diesen Krieg zu verwenden, durch den die Ehre eures Namens, die Existenz der Bundesgenossen, ein riesiges Steueraufkommen und das Vermögen zahlreicher Mitbürger zusammen mit dem Staatsinteresse verteidigt werden soll. ...


Lateinischer Text:

5 Maiores nostri saepe mercatoribus aut naviculariis nostris iniuriosius tractatis bella gesserunt; vos tot milibus civium Romanorum uno nuntio atque uno tempore necatis quo tandem animo esse debetis? Legati quod erant appellati superbius, Corinthum patres vestri, totius Graeciae lumen, extinctum esse voluerunt; vos eum regem inultum esse patiemini, qui legatum populi Romani consularem vinculis ac verberibus atque omni supplicio excruciatum necavit? llli libertatem imminutam civium Romanorum non tulerunt; vos ereptam vitam neglegetis? lus legationis verbo violatum illi persecuti sunt; vos legatum omni supplicio interfectum relinquetis? (12) Videte, ne, ut illis puicherrimum fuit tantam nobis imperii gloriam tradere, sic vobis turpissimum sit id, quod accepimus, tueri et conservare non posse. Quid? Quod salus sociorum summum in periculum ac discrimen vocatur, quo tandem animo ferre debetis? Regno est expulsus Ariobarzanes rex, socius populi Romani atque amicus; imminent duo reges toti Asiae non solum vobis inimicissimi, sed etlam vestris sociis atque amicis; civitates autem omnes cuncta Asia atque Graecia vestrum auxilium exspectare propter periculi magnitudinem coguntur; imperatorem a vobis certum deposcere, cum praesertim vos alium miseritis, neque audent neque se id facere sine summo periculo posse arbitrantur. (13) Vident et sentiunt hoc idem, quod vos, unum virum esse, in quo summa sint omnia, et eum propter esse, quo etiam carent aegrius; cuius adventu ipso atque nomine, tametsi ille ad maritimum bellum venerit, tamen impetus hostium repressos esse intellegunt ac retardatos. Hi vos, quoniam libere loqui non licet, tacite rogant, ut se quoque sicut ceterarum provinciarum socios dignos existlmetis, quorum salutem tali viro commendetis, atque hoc etiam magis, quod ceteras in provincias eius modi homines cum imperio mittimus, ut, etiamsi ab hoste defendant, tamen ipsorum adventus in urbes sociorum non multum ab hostili expugnatione differant. Hunc audiebant antea, nunc praesentem vident tanta temperantia, tanta mansuetudine, tanta humanitate, ut ii beatissimi esse videantur, apud quos ille diutissime commoratur.

6 (14) Quare, si propter socios nulla ipsi iniuria lacessiti maiores nostri cum Antiocho, cum Philippo, cum Aetolis, cum Poenis bella gesserunt, quanto vos studio convenit iniuriis provocatos sociorum salutem una cum imperii vestri dignitate defendere, praesertim cum de maximis vestris vectigalibus agatur? Nam ceterarum provinciarum vectigalia, Quirites, tanta sunt, ut iis ad ipsas provincias tutandas vix contenti esse possimus, Asia vero tam opima est ac fertilis, ut et ubertate agrorum et varietate fructuum et magnitudine pastionis et multitudine earum rerum, quae exportentur, facile omnibus terris antecellat. Itaque haec vobis provincia, Quirites, si et belli utilitatem et pacis dignitatem retinere vultis, non modo a calamitate, sed etiam a metu calamitatis est defendenda. (15) Nam in ceteris rebus cum venit calamitas, tum detrimentum accipitur; at in vectigalibus non solum adventus mali, sed etiam metus ipse affert calamitatem. Nam cum hostium copiae non longe absunt, etiamsi irruptio nulla facta est, tamen pascua relinquuntur, agri cultura deseritur, mercatorum navigatio conquiescit. Ita neque ex portu neque ex decumis neque ex scriptura vectigal conservari potest; quare saepe totius anni fructus uno rumore periculi atque uno belli terrore amittitur. (16) Quo tandem igitur animo esse existimatis aut eos, qui vectigalia nobis pensitant, aut eos, qui exercent atque exigunt, cum duo reges cum maximis copiis propter adsint, cum una excurslo equitatus perbrevi tempore totius anni vectigal auferre possit, cum publicani familias maximas, quas in salinis habent, quas in agris, quas in portubus atque custodiis, magno periculo se habere arbitrentur? Putatisne vos illis rebus frui posse, nisi eos, qui vobis fructui sunt, conservaritis non solum, ut ante dixi, calamitate, sed etiam calamitatis formidine liberatos?

7 (17) Ac ne illud quidem vobis neglegendum est, quod mihi ego extremum proposueram, cum essem de belli genere dicturus; quod ad multorum bona civium Romanorum pertinet; quorum vobis pro vestra sapientia, Quirites, habenda est ratio diligenter. Nam et publicani, homines honestissimi atque ornatissimi, suas ratlones et copias in illam provinciam contulerunt, quorum ipsorum per se res et fortunae vobis curae esse debent. Etenim, si vectigalia nervos esse rei publicae semper duximus, eum certe ordinem, qui exercet illa, firmamentum ceterorum ordinum recte esse dicemus. (18) Deinde ex ceteris ordinibus homines gnavi atque industrii partim ipsi in Asia negotiantur, quibus vos absentibus consulere debetis, partim eorum in ea provincia pecunias magnas collocatas habent. Est igitur humanitatis vestrae magnum numerum eorum civium calamitate prohibere, sapientiae videre multorum civium calamitatem a re publica seiunctam esse non posse. Etenim primum illud parvi refert nos publicanis omissis vectigalia postea victoria posse recuperare; neque enim isdem redimendi facultas erit propter calamitatem neque aliis voluntas propter timorem. (19) Deinde, quod nos eadem Asia atque idem iste Mithridates initio belli Asiatici docuit, id quidem certe calamitate docti memoria retinere debemus. Nam tum, cum in Asia res magnas permulti amiserant, scimus Romae solutione impedita fidem concidisse. Non enim possunt una in civitate multi rem ac fortunas amittere, ut non plures secum in eandem trahant calamitatem. A quo periculo prohibete rem publicam et mihi credite, id quod ipsi videtis: haec fides atque haec ratio pecuniarum, quae Romae, quae in foro versatur, implicata est cum illis pecuniis Asiaticis et cohaeret; ruere illa non possunt, ut haec non eodem labefacta motu concidant. Quare videte, ne non dubitandum vobis sit omni studio ad id bellum incumbere, in quo gloria nominis vestri, salus sociorum, vectigalia maxima, fortunae plurimorum civium coniunctae cum re publica defendantur.


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski WS 2000/2001