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Lösung zu Übung 4 a.

Die Aufgaben lauteten:

Bei den folgenden drei Textauszügen aus erhaltenen römischen Gesetzesinschriften handelt es sich jeweils um Probleme der römischen Provinzialverwaltung.

1) LEX COLONIAE GENETIVAE IULIAE SIVE URSONENSIS.

2) LEX AGRARIA.

3) LEX DE GALLIA CISALPINA.

Textauszüge entnommen aus: S. Riccobono (Ed.), FIRA (Fontes Iuris Romanis Anteiustiniani), Bd. 1: Leges, Florenz 1968, S. 179 - 181 [zu 1)], S. 103 - 105 [zu 2)] und S. 171 - 173 [zu 3)].


Zu 1) Zur 'Lex Coloniae Genetivae Ursonensis'.

Der Titel besagt bereits, daß es sich um eine gesetzliche Regelung handelt, die eine 'colonia', also eine römische Stadtgründung betrifft. in den verschiedenen Abschnitten des Textes lassen sich auch ohne größere Lateinkenntznisse sind eine Anzahl Ausdrücke für öffentliche Ämter (magistratus, IIviri, lictores, scribae, aediles, decuriones etc.), kultische Funktionen (pontifices, augues, haruspices) und öffentliche Aktionen und Regelungsobjekte (ius potestasque, merces, sacramentum, poena, vectigal, munus, militia, ludi, spectacula) erkennen. Das läßt darauf schließen, daß es in dem Gesetz um die innerere Ordnung der Stadt geht .

Der hier auszugsweise wiedergegebene Text gehört zu einer Inschrift, die auf vier fragmentierten Bronzetafeln zwischen 1871 und 1873 bei Ossuna (Süd-Spanien; in römischer Zeit 'colonia Ursonensis' in der 'provinia Baetica') entdeckt. Er enthalt ca. 70 Kapitel einer gesetzlich von Rom aus in Kraft gesetzten Verfassung für die römische Kolonie, die an diesem Orte in der Antike bestand.. Die vorhergehenden 60 Kapitel wurden bisher nicht gefunden. Die letzten etwa 30 Kapitel sind als spätere Zusätze anzusehen, worauf inhaltliche und schriftformale Eigentümlichkeiten der letzten entdeckten Tafel hinweisen.

Das Gesetz, ein typisches römisches Stadtsatzungsgesetz (lex municipalis), in diesem Fall für eine 'colonia', wurde noch von C. Iulius Caesar in seiner Eigenschaft als dicator perpetuus kurz vor seinem Tode der römischen Volksversammlung zur Bestätigung vorgelegt, von dieser aber erst i. J. 43 v. Chr., also nach Caesars Tode verabschiedet. Der hier wiedergegebene Ausschnitt von nur fünf Kapiteln enthält Regelungen über die Mitarbeiterstäbe der IIviri, der höchsten Stadtbeamten, und der aediles der colonia Uronensis, einschließlich der Funktionen und Besoldung der Bediensteten, ferner über die Festlegung des städtischen Kalenders ('Fest- und Feiertage'; Termine für öffentlich-sakarale Handlungen) durch den Stadtrat (decuriones) und die Finanzierung des öffentlichen Sakralwesens aus strafweise erhobenen Zollgebühren sowie über die Einsetzung von Priestern und Auguren, zunächst durch Bestimmung von Rom aus, später durch Kooptation des Priester- und Augurenkollegiums. Weitere, in diesem Ausschnitt nicht erfaßte Regelungen des Gesetzes betreffen etwa die Vernstaltung öffentlicher Spiele durch die Aedilen, das Bestattungswesen, die Bauaufsicht, das öffentliche Straßenwesen, die Veräußerung und Verpachtung von Kolonial-Grundstücken durch Behörden und assignationsbegünstigte Bürger, die Vereidigung städtischer Bediensteter, die städtische Rechtsprechungsaufsicht ausschließlich durch dei IIviri, die aediles und die von ihnen bevollmächtigten praefecti, die Tätigkeit der Recuperatorengerichte, die Veranstaltung von Bürgerversammlungen zur Magistratswahl u. a. wichtige Aspekte des städtischen öffentlichen Lebens.

An dem Gesetz wird u. a. exemplarisch faßbar, welches Gefüge verschiedenartiger privater Interesse und welche inneren Konfikte auf römischer Seite die Verteilung von Landflächen auslöst und dann dauerhaft berührt, die die römische Republikim Laufe ihrer frühen Kriegsokkupationen in Italien und später in den vielen in das Imperium eingegliederten Provinzen des Mittelmeerraums als Staatseigentum beschlagnahmt oder sonst gewinnt. Dies sagt etwas über die Interessenstruktur aus, die in der Provinzialpolitik wirksam wird: es geht nicht nur um militätisch-strategische Selbstbehauptungs- und Sicherungsinteressen, sondern stets auch um unterschiedliche Arten der wirschaftlichen Nutzung kriegsokkupierter Territorien durch 'römische Bürger' der verschiedenen Sozial- und Einkommensstufen.

Zu 2) Zur 'Lex agraria'.

Dieser Text wurde bereits im Kap. 3 zur Analyse vorgelegt und in der Lösung für Übung 3 a unter Punkt b) besprochen. Im Hinblick auf die allgemeine Bedeutung des 'Provinzialverwaltungsrechts' für die Geschichte der imperialen Republik wird er im Zusammenhang dieses Kapitels noch einmal aufgegriffen.

Seine exemplarische Bedeutung im Hinblick auf die römische Provinzialverwaltung ist offenkundig, aber deshalb näherer Betrachtung wert, weil es hier nicht etwa um eine 'zum Gesetz gewordene Ausbeutungsregelung', sondern gerade im Gegenteil um ein fast musterhaft um Gerechtigkeit im öffentlichen Handeln und um die Herstellung provinzialer Loyalität bemühte Gesetzgebung zur Verhütung von Mißbrächen in der der römischen Provinzialverwaltung geht.

Zu 3) Zur 'Lex de Gallia cisalpina'.

Hier fällt auf den ersten Blick die Wortfolge 'qui in Gallia Cisalpina' am Anfang auf. Danach sind hier Angelegenheiten geregeltm, welche Bewohner der Provinz 'Gallia Cisalpina' (nördliches Italien) betreffen. In dem Text lassen sich viele Worte ausmachen, die der Rechtssprache zugehören und Gerichtsangelegeheiten betreffen, z. B:: magistratus, IIvir, IIIIvir, praefectus, damnum, formula, restipulari, kalumnia, postulare, satis dare, iudex, iudicia, condemnare, absovere. Daraus läßt sich ungefähr darauf schließen, daß es sich um die Regelung von Gerichtsangelegenheiten in der Provinz 'Gallia Cisalpina' geht.

Der hier wiedergegebene Textauszug stammt von einer Bonzetafel, die im Jahre 1760 in den Ruinen der antiken Stadt Veleia, unweit des heutigen Piacenza, gefunden wurden. Er enthält Klageformulare, die der für die Verwaltung der Provinz zuständige römische römische Magistrat für seinen Amtsbereich veröffentlicht hatte - vergleichbar dem prätorisches Edikt für Rom und Italien. Da im Text von 'Gallia Cisalpina' die Rede ist, ist darauf zu schließen, daß diese Regelung vor dem Jahre 43 v. Chr. erfolgte, als Ovtavianus, der spätere Augustus, aufgrund der ihm gemeinsam mit Antonius und Lepidus übertragenen Kompetenz 'rei publicae constituendae' u. a. die bisherige provincia Gallia cisalpina administrativ mit südlicheren Italien, dem Kernland des Imperium romanum, vereinigte; nach diesem Zeitpunkt bedurfte es keiner besonderen Regelung für eine 'Gallia cisalpina' mehr. Aus diesem Grunde handelt es sich wahrscheinlich um ein von Caesar i. J. 48 v. Chr. im Zusammenhang mit seiner Verleihung des römischen Bürgerrechts an die Bewohner der Gallia cisalpina' durch die 'lex Roscia' getroffene Regelung, welche aber den Provinzialstatus dieses Gebiets nicht aufhob.

Inhaltlich geht es in dem Auszug um die Klageformel für einen Rechtsanspruch auf Sicherheitsleistung an den Kläger wegen einer nachweislich konkret drohenden (d. h. noch nicht eingetretenen) Verletzung seiner rechtlichen Interessen das Tun eines Beklagten (damnum infectum). Die hier nicht wiedergegebenen Klageformeln betreffen Ansprücher aus dem Kreditvertrag und wegen Auflösung einer Erbengemeinschaft.

Im Hinblick auf das allgemeingeschichtliche Thema 'Provinzialverwaltung' macht der Text eher nebenher deutlich, daß es im Rahmen der Bürgerkriegskonflte der späten Republik für deren politische Hauptakteure wichtig wird, auch die Provinzialbevölkerung für sich zu gewinnen, etwa indem, wie durch Caesar in der o. e..'lex Roscia', mit der das vorliegende Edikt zusammenhängt, das römische Bürgerrecht verliehen oder indem, wie später durch Augustus, der Provinzialstatus eines Territoriums generell aufgehoben wird.

Alle drei durch ihre epigraphische Überlieferung besonders anschaulich übermittelten Rechtsquellen, lassen über ihre konkrete Thematik hinaus erkennen, in welch großem Maße in der imperialen Republik provinziale Rechtsangelegenheiten für die Entwicklung der römischen Rechtsordnung dauernde Bedeutung gewinnen.

Literatur:

S. Riccobono (Ed.), FIRA (Fontes Iuris Romanis Anteiustiniani), Bd. 1: Leges, Florenz 1968, S. 177 - 179 [zu 1)], S. 102 f. [zu 2)] und S. 169 f. [zu 3)] mit weiteren Literaturhinweisen. - J. Bleicken, Die Verfassung der römischen Republik, Paderborn 1995 7.


 

LV Gizewski WS 2000/2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)