Lösung zu Übung 4 b.

Die Aufgaben lauteten:

In der folgenden Rede Ciceros geht es u. a. darum, zu verdeutlichen, welche wichtigen römischen Interessen bei einem im Orient zu führenden Kriege auf dem Spiele stehen.

Die Verteidigung römischer Interessen in der Provinz Asien - Cicero, De imperio Gnaei Pompei 5 - 7.

Lateinische Textauszüge und deutsche Übersetzung nach: Cicero, De imperio Cn. Pompei oratio. Rede über den Oberbefehl des Cn. Pompeius. Lasteinisch - deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Otto Schönberger, Stuttgart 1979, S. 12 - 21.


Zu a)

Die Übungen 4 b und 4 c beziehen sich teilweise auf denselben Quellentext, nämlich Ciceros Rede 'De imperio Cn. Pompei', allerdings unter unterschiedlichen Fragestellungen. In dieser Übung ist zunächst danach gefragt, auf welche außenpolitische Lage Roms sie sich bezieht.

Die Rede stammt aus dem Jahre 66 v. Chr., als es in Rom um die Frage ging, was man zur Lösung des 'Orient-Konflikts' dieser Zeit tun könne. Als im Jahre 74 v. Chr. Bithynien von dessen letztem Herrscher an Rom vererbet wurde und sich infolgedessen der römische Territorialeinfluß in Kleinasien, der mit der testamentarischen Verfügung des Attalos von Pergameon zugunsten Roms i. J. 133 v. Chr. begonnen hatte, erneut erheblich vermehrt e, begann der Herrscher Mithratadets von Pontos, später unterstützt von seinem Schwiegersohn, dem Herrscher Tigranes von Armenien, erneut einen bewaffneten Konflikt mit Rom (dritter mithradatischer Krieg, 74 - 64 v. Chr.). Schon zuvor war der Herrschaftsanspruch Roms in Kleinasien im ersten mithradatischen Kriege (89 - 85) und im zweiten mithradatischen Kriege (83 - 81) von den Herrschern Pontos und Armeniens mit Waffengewalt in Frage gestellt worden. Dies führte im ersten dieser Kriege u. a. zum zeitweiligen Verlust ganz Kleinasiens und zu einer Massentötung von - nach der Überlieferung - 80.000 dort ansässigen Römern sowie zu erneuten Angriffen im zweiten und dritten mithiridatischen Kriege mit gelegentlichen empfindlichen Niederlagen und Gebietsverlusten der Römer, so auch im Jahre 67, als Mithradates sein Reich, aus dem er zuvor nach Armenien vertrieben worden war, wieder ganz zurückerobern konnte. Auch wenn in früheren Zeiten mit Sulla und Lucullus der pontisch-armenischen Gegenseite immer wieder letztlich siegreiche römische Feldherren gegenübertreten waren , so war dies im Jahre 67 doch für die Zukunft keineswegs ausgemacht. Zwei Friedensverträge waren von Mithradates nicht eingehalten worden, und seine hartnäckige Selbstbehauptung gegenüber der römischen Seite - in einer Zeit vielfältiger militärischer Kraftanstrengungen Roms (Krieg gegen den mit Mithradates paktierenden Sertorius in Spanien, 80 - 72 v. Chr., ständige Beunruhigung durch das Seeräuberunwesen im Mittelmeer, beendet erst 67 v. Chr., Niederwerfung des Spartakus-Aufstandes, 72/71 v. Chr.) zeigte deutlich, wie gefährdet die römischen Interessen in Kleinasien und generell im Orient sein würden, wenn es hier nicht zu einer Generalbereinigung der Lage zugunsten Roms und aufkosten der von Rom unanhängig bleiben wollenden Herrscher von Pontos und Aramenien käme. Ähnlich wie die Piraterie im gesamten Mittelmeerraum handelte es sich um eine potentiell großräumiges Problem, das nur durch eine Zusammenfassung der militärischen Kräfte unter dem Kommando eines mit politischem Weitblick agierenden und militärisch fähigen Oberbefehlshaber gelöst werden konnte. I. J. 66 stand für eine solche Aufgabe der gerade in Rom weilende Pompeius zur Verfügung, der kurz zuvor, ausgestattet mit erheblichen Vollmachten für den gesamten Mittelmeerraum, das Seeräuberunwesen erfolgreich bekämpft und sich in den Jahren davor sowohl im 'Sertorischen Kriege' als auch bei der Niederwerfung des 'Spartakus-Aufstandes' in Rom einen Namen als Heerführer und Politiker gemacht hatte.

In Rom bestand nun die Notwendigkeit, die innenpolitischen Voraussetzungen für die Übertragung eines Oberkommandos für den Orient-Krieg herzustellen, d. h. politische Einwände gegen Pompeius vonseiten seiner persönlichen Gegner oder Konkurrenten und rechtlich-sachliche, aus der Verfassungstradition Roms argumentierende Einwände gegen die nötige Form eines umfassenden militärischen Kommandos auszuräumen oder zu überstimmen. In diesem Zusammenhang übernahm Cicero die Aufgabe, für die Übertragung des Kommandos an Pompeius ('pro imperio Cn. Pompei'), die der Volkstribun C. Manilius vor der Volksversammlung (comitia trinbuta) beantragt hatte, zu sprechen. Diese Rede richtete sich aber nicht nur an die Volksversammlung, die später darüber abstimmen sollte, sondern indirekt auch an die Fraktion derjenigen Poliker im Senat, die aus Verfasaungsgründen gegen eine so große Machtkumulation in den Händen eines Einzigen einfestellt waren. Cicero wollte diese Fraktion nach Möglichkeit argumentativ gewinnen, weil er sich ihr an sich zuzählte, aber im vorliegenden Fall die Notwendigkeit für ein exzeptionelles Amt meinte erkennen zu können, die es auch nach der römischen Verfassungstradition in früheren Zeiten gelegentlich akzeptiert worden war.

Zu b)

Cicero ist ein Rhetor, der seine studierte und durch praktische Erfahrung vervollkommnete Redekunst vor allem in den Dienst politischer und juristischer Anliegen stellt, d. h. als Redner in politischen Versammlungen (wie dem Senat oder der Volksversammlung) und vor den Gerichten (vor allem vor den Strafgerichten in politisch relevanten Fällen) auftritt. Seine schriftlich veröffentlichten und deshalb teilweise überlieferten Reden lassen eine sorgfältige Bearbeitung erkennen, die teilweise gewiß vor, teilweise aber auch nach dem öffentlichen Vortrag erfolgte; manchmal hat Cicero Reden, die er schriftlich veröffentlichte, gar nicht gehalten (so einen Teil der Reden gegen Verres). Die schriftliche Veröffentlichung steigerte die Wirkung der von Cicero propagierten Gedanken, wirkte über den Tag hinaus und erhöhte zugleich sein Prestige als Redner. Die Gattungen der von Cicero kunstgerecht verfaßten Reden nannte man in der antiken Rhetorik-Lehre 'politische Rede' (griech.'genos symbouleutikon', lat. 'genus deliberativum') und 'Gerichtsrede' (griech. 'genos dikanikon', lat.'genus iudiciale' ). Es gab in der Rhetoriktheorie und -tradition viel aufgespreichertes Wissen, das der Redner in der Praxis lageangemessen anwenden konnte. Cicero lag diese Art sprachlicher Tätigkeit in besonderem Maße, sodaß er selbst dort, wo er nicht eigentlich rhetorische Ausarbeitungen publizierte, etwa in seinen 'philosophischen Schriften', zumeist eine rhetorische Grundsituation, nämlich die des fingierten Gesprächs unter mehr als zwei gedachten Gesprächsteilnehmern, herstellte - insoweit anknüpfend an die sokratisch-platonische Tradition des 'Dialoges'. Die Kunst der politischen Rgetorik besteht - wie im Falle der vorliegenden Rede - generell nicht primär in der Kumulation der Kunstgriffe der sprachlichen Wirkungssteigerung (in Satzbau, Wortwahl und -gestaltung ), sondern zu allererst in der geeigneten Anordnung, gewissermaßen der 'Taktik' der sachlich oder emotional tragenden Mitteilungen und Beweise, gegenüber einem bestimmten zu gewinnenden Publikum.

In dem hier wiedergegeben Redeauszug ist diese Taktik gut zu erkennen. Cicero spricht das Traditionsbewußtsein und den Nationalstolz seines römischen Publikums an. Er verlangt ihm im Hinblick darauf politischen Realismus und Entscheidungsstärke ab, indem er ihm für den anderen Fall stillschweigend Dekadenz unterstellt. Er appelliert aber auch an die stadtrömische Solidarität mit den durch den fremden Angriff geschädigten oder bedrohten provinzialen Römern und ferner an die Interessen der römischen Durchschnittsbevölkerung, indem er auf die schädlichen Folgen einer Nichtlösung des Orientkonflikts für die öffentlichen Finanzen und den allgemeinen Wohlstand in Rom selbst ('enge Verfelchtung des Geldwesens in Rom mit den asiatischen Wirtschaftsinteressen Roms und seiner dortigen Bürger') hinweist. Schließlich verwebt er mit dieser Darstellung der generellen Notwendigkeit einer Kriegführung die Behauptung, daß Pompeieus die einzige zur Zeit der Rede einsetzbare, für eine Lösung dieses Problems zuverlässig geeignete Persönlichkeit des öffentlichen Lebens sei.

Aber auch die sprachliche Gestaltung der politischen Rede hat Gewicht.Unter den hier verwendeten rhetorischen Ausdrucksmitteln (griech.' synthesis', lat. 'compositio') tritt vor allem. die Verwendung der Antithese (griech. 'antithesis', lat. 'oppositio') in provokativen Fragestellungen (griech. 'erotema'. lat. 'interrogatio') nach dem Muster ["unsere Vorfahren haben schon bei geringsten Anlässen..., und ihr wollt nicht einmal aus dem der jetzigen Zwangslage heraus ... ?"] hervor. Der verwendete Stil ist eine Verbindung rhetorisch fesselnder und gebildeter Argumentation (griech. 'asteia', lat. 'urbanitas') mit scheinbar schmuckloser und alltäglicher, in Wirklichkeit aber sowohl in der nüchternen Wortwahl wohlbedachter als auch in der Placieruung jedes Wortes zielgerichteter Redeweise (griech. 'genos ischnos', lat. 'genus subtile').- Cicero hat im Laufe seines Lebens mehrere Schriften über die Rhetorik verfaßt, in denen er seine Kenntnisse und Erfahrungen auf diesem Gebiet - teilweise ausführlich - darlegt (De inventione; Partitiones oratoriae; Topica, De oratore; Rhetorica ad Herennium [Autorenschaft Ciceros teilweise umstritten]; Brutus). Man darf daher davon ausgehen, daß er in der Redepraxis dieses Wissen einzusetzen wußte.

Aus der Art und den Argumenten, mit denen Cicero sein Publikum anspricht, ergibt sich indirekt, aber gerade deswegen historisch aufschlußreich und schlüssig die enge Bindung, die zwischen der stadtrömischen und der kleinasiatisch-römischen Sphäre des Reiches bestand, und damit auch eine Muster für dem generellen Charakter der Bindungen zwischen dem Kernland Italien und den provinzialen Bereichen in dieser Epoche der imperialen römischen Republik.

Literatur:

Cicero, De imperio Cn. Pompei oratio. Rede über den Oberbefehl des Cn. Pompeius. Lasteinisch - deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Otto Schönberger, Stuttgart 1979, S. 12 - 21. - Josef Martin, Antike Rhetorik, Technik und Methode, München 1974.


 

LV Gizewski WS 2000/2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)