Lösung zu Übung 4 c.

Die Aufgaben lauteten:

Der erste der von Cicero stammenden, hier auszugsweise wiedergegebenen Texte befaßt sich mit einem die Verfassungswirklichkeit Roms im 1. Jht. charakteristisertenden 'Ermächtigungsgesetz', der zweite mit einem in dieser Epoche vertretenen republikanischen Verfassungsideal.

1) Die verfassungs- und herkommenssprengende Bedeutung des großen Heerführers - Cicero, De imperio Gnaei Pompei 15 - 21.

Lateinischer Textauszug und deutsche Übersetzung nach: Cicero, De imperio Cn. Pompei oratio. Rede über den Oberbefehl des Cn. Pompeius, . Lasteinisch - deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Otto Schönberger, Stuttgart 1979, S. 44 - 63.

2) Ein Ideal römischer Verfassung. Cicero, De legibus 3, 5 - 13.

Lateinischer Textauszug und deutsche Übersetzung nach: Marcus Tullius Cicero, De legibus. Paradoxa stoicorum - Über die Gesetze. Stoische Paradoxien. Lateinisch - deutsch. Herausgegenben, übersetzt und erläutert von Rainer Nickel , Darmstadt 1994, S. 152 - 161.


Zu a)

Die Übung 4 c bezieht sich auf denselben Quellentext wie der erste Teil der Übung 4 b, nämlich auf Ciceros Rede 'De imperio Cn. Pompei', allerdings unter einer anderen Fragestellung. Hier geht es um die in dem genannten Quellentext hervortretenden Verfassungsvorstellungen Ciceros und seines Publikums. Eswird hier aber auf die frühere Erklärung der Umfeldbedingungen der Rede Ciceros Bezug genommen.

Die von Cicero vertretene Lösung für die Kriegsschauplätze in Kleinasien und im angrenzenden Orient (Kaukasusgebiet, Palästina, Syrien), nämlich Cn. Pompeius (genannt 'Magnus', 106 - 48 v. Chr.) mit einem umfassenden militärischen Kommando auszustatten, stieß im Rom des Jahres 66 v. Chr. auf verschiedene verfassungsrechtliche Bedenken. Pompeius hatte, damals 39- jährig, während seiner vorhergehenden, im Alter von 23 Jahren begonnenen politisch-militärischen Laufbahn, stets eine besondere Stellung für sich beansprucht. Im Alter von 23 Jahren hatte er i. J. 83 v. Chr. als Parteigänger des Sulla im Konflikt zwischen Popularen- und Senatspartei, ohne dazu einen legitimierenden politischen Auftrag erhalten zu haben, d. h. als Privatmann und eigentlich 'verfassungswidrig' bzw. 'hochverräterisch', in Ausübung einer von ihm angenommenen Nothilfebefugnis für den Staat, ein Herr von drei Legionen 'ausgehoben' (so wie es später der junge Octavian nach dem Tode Caesars tat). Im Rahmen der 'rekonstituierenden Dictatur' Sullas (82 - 79 v. Chr.) war er immer wieder entgegen dem Herkommen mit Kriegsführungsaufgaben (in Italien, Sizilien und Nordafrika) - und mit Ehrungen (Triumph) bedacht worden, die gesetzlich an sich ein höheres Alter und eine vorgängige, stufenweise zu erwerbende Amtserfahrung als Prätor und Konsul voraussetzten. Dies blieb auch nach der Beendigung der Dictatur Sullas so, weil Pompeius dem damals politisch dominierenden Lager der Optimatenpartei nahestand und als dessen politisch-militärischer Exekutor galt. Im Jahre 71 v. Chr. feierte er seinen zweiten, durch Dispens von den Verfassungsvorschriften ermöglichten Triumph. Im Jahre 70 v. Chr. wurde er, ohne zuvor die in Rom vorgesehen Ämterfolge hinter sich gebracht zu haben und im vorschriftswidrigen Alter von 36 Jahren (43 Jahre waren das damalige gesetzliche Mindestalter) zum Konsul gewählt. Die von ihm als Konsul eingeleitete Revision gewisser Härten der sullanischen Reform, vor allem die Wiedereinführung des von Sulla verbotenen Volkstribunats, brachte ihm auch bei der bis dahin politisch verdrängten Popularenpartei Sympathie und Ansehen ein, sodaß er auch weiterhin im ganzen unangefochten einen exzeptionellen Status im politischen Leben behaupten konnte. Das zeigte sich etwa bei der Übertragung eines 'außerordentlichen', d. h. an sich verfassungsunüblichen, 'umfassenden' Kommandos ('imperium proconsulare maius') für den Krieg gegen die Seeräuber i. J. 67 v. Chr., das ihm die oberste Befehlsgewalt für alle Küstenbereiche des Mittelmeers bis zur Tiefe von 50 römischen Meilen (ca. 75 km ) übertrug, d. h. ihn in dieser Hinsicht auch zum Vorgesetzten der dort jeweils amtierenden römischen Provinzverwaltungsmagistrate machte; ferner wurden ihm dabei 20 Legionen und 500 Kriegsschiffe unterstellt - eine gewaltige Kriegsmacht, über die in der imperalen Republik sonst niemand verfügte und die innenpolitisch leicht hätte mißbraucht werden können.

Im Jahre 66 hatte Pompeius daher eine in jeder Hinsicht politisch exzeptionelle, aber unter Aspekten ihrer Verfassungsmäßigkeit durchaus bedenkenerregende politische Karriere hinter sich gebracht. Allerdings auch in früheren Zeiten hatte es in Rom exzeptionelle Machtpositionen Einzelner gegeben, so u. a. des P. Cornelius Scipio Africanus, der im zweiten punischen Kriege als 25jähriger Privatmnann i. J. 208 v. Chr.anstelle seines verstorbenen Vaters zum militärischen Oberbefhelshaber in Spanien 'pro consule' ernannt wurde, oder des C. Marius, der in den Jahren 104 - 100 v. Chr. wegen des immer bedrohlicher gewordenen Krieges mit den Kimbern unter Dispens vom Annuitätsprinzip 5 Jahre nacheinander zum Konsul gewählt wurde.

Dennoch formierten sich nach dem i. J. 67 auf Pompeius übertragenen 'imperium maius' offenbar Bedenken gegen eine Fortsetzung dieser exzeptionellen Behandlung seiner Person, die sich im Jahre 66, als es um die Übertragung des 'Orient-Kommandos' an Pompeius ging, in einem Widerstand gegen eine allzu großzügige Bemessung seiner Zuständigkeiten äußerten. In der Verhandlungen vor der Volksversammlung traten mit entsprechend einschränkenden Anträgen die Politiker Q. Hotensius und Q. Catulus hervor, beide zugleich prominente Redner und als solche damals sogar noch bekannter als Cicero, der gerade seine politische Karriere begann. Sie bemängelten, daß Pompeius wieder eine Zuständigkeit für mehrere Kriegsschauplätze übertragen werden solle, statt das Kommando auf mehrere Feldherren aufzuteilen. Auch unterstrichen sie die Zuständigkeit der Volksversammlung bei der Bestimmung der Unterfeldherren des Pompeius, indem sie sich gegen den Wunschkandidaten des Pompeius und Antragsteller des Ermächtigungsgesetzes, den Volkstribunen Aulus Gabinius aussprachen.

Gegen ihre Argumente, die auf die Verfassungsordnung Roms und deren bindende Vorschriften für die politische Ämterordnung, muß Cicero in seiner Rede anargumentieren. Er tut dies, indem er unter betonter persönlicher Schonung seiner Kontrahenten, ihnen eine ausnahmsweise irrtümliche Lageeinschätzung und eine ungleiche Behandlung des Pompeius im Vergleich zu anderen Amtskandidaten für verantwortliche Kommanden entgegenhält. Der Kern seiner Argumentation ist jedoch sein Hinweis, "daß sich unsere Ahnen im Frieden stets an das Herkommen, im Kriege aber an den Vorteil hielten und immer neuen Lagen mit neuen Maßnahmen begegneten" und daß für die Person des Pompeius in Rom vielfältige Ausnahmen gemacht worden seien, weil er eben eine militärisch besonders fähige, aber auch eine politisch besonders vertrauneswürdige Persönlichkeit sei. Diese Argumentation, so richtig sie für die gegebene politische Lage auch sein mag, macht doch, was die Verfassungsordnung betrifft deutlich, daß etwas Exzeptionelles Raum gewinnt und sich zur Normalität hin verändert.

Diese Veränderung wird erst später ganz deutlich, als Casear und Octavian ebenfalls eine 'exzeptionelle', aber darüber hinaus dauerhaft dominierende Stellung im Verfassungsleben beanspruchen und - teilweise unter Kopie des pompejischen Lebenskaufs - durchsetzen, und zwar jeweils unter Behauptung einer andernfalls gefährdeten inneren Rechts- und Friedensordnung Roms, also gewissermaßen 'notstandshalber'. An der Rede Ciceros zeigt sich somit, warum und wie die 'großen Männer' in der letzten Phase der römischen imperialen Republik allmählich zur faktischen politischen Bestimmungsgröße der Politik werden. Bezieht man Marius, Sulla, Pompeius, Caesar und Octavianus, den späteren Augustus, gemeinsam in die Betrachtung ein, so steht das politische Leben im Rom des letzten vochristlichen Jahrunderts für etwa die Hälfte diese Zeitraums unter dem indirekten oder direkten maßgeblichen Einfluß eines 'großen Mannes'.

Zu b)

Der hier wiedergegeben Textauszug stammt aus Ciceros i. J. 52 v. Chr verfaßter Schrift 'De legibus'. Nach dem Ende seiner politischen Karriere wegen seiner rechtlich umstrittenen Entscheidungen gegen die Catlinarier und dem darauf folgenden Exil, hatte Cicero, nach Rom zurückgekehrt, einige Jahre lan keine Möglichkeit, ein öffentliches Amt auszuüben und deshalb eine gewisse Muße, systematisch angelegte Werke wie 'De oratore', 'De re publica' und auch 'De legineus' zu verfassen, in denen er seine Erfahrungen und Überzeigungungen als Politiker und öffentlicher Rhetor nicht primär praxisbezogen - wie in seinen Reden -, sondern eher historisch und philosophisch reflexiv verarbeitete. Ihm als weiterhin politisch angesehenem und agiierendem Privatmann, aber auch Mitglied des römischen Senats kam in der Öffentlichkeit mit seiner Stimme auch in solchen Fragen ein gewisses Gewicht zu. Die Schrift 'De legibus' fällt an das Ende dieser Zeit und bvlieb unvollende; denn im Jahre 52 v. Chr. wurde Cicero erneut in ein Amt gewäglt, nämlich als Prokonsul für die Provinz Kilikien. Wegen seiner Abreise dorthin konnte er seine Arbeit an 'De leibus' nicht abschließen, und er nahm sie auch später, nachdem er die einjährige Statthalterschaft beendet hatte, nicht wieder auf.

'De legibus' ist wie andere theoretische Schriften Ciceros ein fingierter Dialog nach der platonischen Dialog-Tradition,der sogar ein platonisches Thema (Nomoi') auf römische Weise aufgreift: in ihm es um die bestmögliche Rechts- und Verfassungsordnung für den römischen Staat. Entgegen der Gattunsgegwohnheit ist der Dialog in die Gegenwart verlegt, was seine Aktualität wird untrichen haben sollen, und findet fiktiv unter Ccero selbst, seinem Bruder Quintus und einem Freunde, Pomponius Atticus statt.

Charakteristisch an dem Werk ist einmal eine philosophische Grundlegung des Rechts (Buch 1), und zwar in Auseinandersetzung mit den in diesem Punkte etwas divergierendenden griechisch-philosophischen Tradiditon der Akademiker und der Stoiker; im Mittelpunkt steht das Konzept eines von der Natur in den Menschen (und auch anderen Lebewesen analog) verankerten Rechts- und Richtigkeitbewußtseins,d. h. des 'Naturrechts' ('ius naturae'), allerdings im antiken (und noch nicht in dem erst in späteren Epochen rezeptiv an die Antike anschließenden, neuzeitlich-rationalsitisch weiterentwickelten) Sinne. Dies philospophische Grundlegung des römischen Rechts, und sei es auch nur in der theortischen Reflexion Ciceros ist auch historisch bedeutsam, weil daran deutlich wird, daß es im römischen Bereich der damaligen Zeit keine andere gibt; denn sie wäre sonst in dem Dialog aufgetaucht. Weiterhin wird in Ciceros Darstellung der religionsrechtliche Grundzug des römischen Rechts hervorgehoben (Bd. 2) und so in seiner Bedeutung auch noch für die Spätzeit der Republik deutlicher erkennbar als in anderer literarischer Überlieferung zu diesem Thema. Und schließlich lassen Ciceros unvollendet gebliebenen Ausführungen zu einem idealen Recht der Magistrate und öffentlichen Institutionen (B. 3) erkennen, wo die politische Realität der Zeit Ciceros nach seiner Auffassung kritikwürdig war und wo er konstruktive Alternativen sah.

Im Jahre 52 v. Chr., in der Zeit der Entwicklung des Konlikts zwischen Pompeius und Caesar, wird Cicero, im Zusammenhang mit der Betonung der Vernünftigkeit vieler alter Verfassungsgrundsätze, gegenwartsbezogen - mit Blick etwa auf Caesar - besonders wichtig gewesen zu sein, zu postulieren, daß niemand dasselbe Amt mehrmals hintereinander führen solle - es sei denn mit einer Unterbrechung von 10 Jahren - und daß es keine Ausnahmegesetze geben solle. Auch die Hervorhebung einer Beschlußkompetenz des Senats mit bindender Wirkung für alle Magistrate ist wohl im Hinblick auf die allmählich aufbrechenden Konflikte erfolgt; denn hier macht Cicero sogar einen Vorschlag, der fein, aber doch merklich von den Verfassungsregeln seiner Zeit abweicht und auf frühere Epochen des römischen Staates Bezug nimmt. Auch Ciceris eigene bittere Erfahrung mit der Notstandskompetenz des Senates mag sich hier niedergeschlagen haben.

Literatur:

Cicero, De imperio Cn. Pompei oratio. Rede über den Oberbefehl des Cn. Pompeius, . Lasteinisch - deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Otto Schönberger, Stuttgart 1979, S. 80 ff. - Marcus Tullius Cicero, De legibus. Paradoxa stoicorum - Über die Gesetze. Stoische Paradoxien. Lateinisch - deutsch. Herausgegenben, übersetzt und erläutert von Rainer Nickel , Darmstadt 1994, S. 281 ff.


 

LV Gizewski WS 2000/2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)