Ein Ideal römischer Verfassung. Cicero, De legibus 3, 5 - 13.

Lat. und dt. Textauszug nach: Marcus Tullius Cicero, De legibus. Paradoxa stoicorum - Über die Gesetze. Stoische Paradoxien. Lateinisch - deutsch. Herausgegenben, übersetzt und erläutert von Rainer Nickel, S. 152 - 161.


Deutsche Übersetzung:

(5) MARCUS...Da die Dinge nun einmal so sind, wollen wir jetzt zu den Gesetzen selbst kommen, wenn es recht ist.

ATTICUS: Mir ist dieses Vorgehen ehenso recht wie die vorgeschlagene Reihenfolge.

(6) MARCUS:

"Verordnungen sollen gerecht sein, und die Bürger sollen ihnen besonnen und widerspruchslos gehorchen. Ein Magistrat soll einen ungehorsamen und straffälligen Bürger mit einer Geldbuße, mit Gefangnis oder mit Schlägen bestrafen, wenn nicht eine gleichrangige oder eine höhere Gewalt oder das Volk Einspruch erhebt; bei diesen soll man Berufung einlegen können. Wenn ein Magistrat ein Urteil gefällt oder eine Strafe verhängt hat, soll durch das Volk eine Entscheidung üher die Geldstrafe oder die Strafe gefällt werden. Im Krieg soll es gegenüber dem Befehlshaber keine Berufung geben, und was derjenige, der den Krieg führt, befiehlt, soll gültiges Recht sein. Es soll mehrere untergeordnete Magistrate mit beschränkter rechtlicher Befugnis gehen, die für mehrere Aufgahen zuständig sind. Im Heer sollen sie denen Befehle erteilen, üher die sie Befehlsgewalt haben, und sie sollen deren Tribune sein. Zu Hause sollen sie die öffentlichen Gelder verwalten, die Gefängnisse für die Verbrecher beaufsichtigen, die Kapitalverbrechen bestrafen, Erz, Silber oder Gold im staatlichen Auftrag zu Münzen prägen, anhängige Streitigkeiten entscheiden und alles, was der Senat beschlossen hat, ausführen.

(7) Und die Ädilen sollen die Aufsicht üher die Stadtverwaltung, die Getreideversorgung und die feierlichen Spiele haben, und dieses Amt soll für sie die erste Stufe zu einem Amt höheren Ranges sein. Die Censoren sollen die Altersstufen, die Nachkommen, die Haushalte und die Vermögensklassen des Volkes registrieren, die Tempel in der Stadt, die Straßen, die Wasserleitungen, den Staatsschatz und die Steuern überwachen und die Bevölkerung den Bezirken (Tribus) zuweisen, darauf nach Einkommen, Altersstufen und Ständen unterscheiden, den Nachwuchs der Reiter und Fußsoldaten einteilen, Ehelosigkeit unterbinden, die Sitten des Volkes steuern, schändliches Verhalten im Senat nicht auf sich beruhen lassen. Es sollen jeweils zwei Censoren sein, sie sollen ihr Amt fünf Jahre lang verwalten; die übrigen Magistrate sollen ein Jahr im Amt sein; und diese Amtsgewalt soll immer bestehen bleihen.

(8) Ein Entscheider über die privatrechtlichen Rechtsfragen, der in Gerichtsverfahren entweder selbst entscheidet oder die Anweisung erteilt, daß sie entschieden werden, soll der Prator sein. Dieser soll der Hüter des Civilrechts sein. Ihm sollen so viele Prätoren mit gleicher Amtsgewalt zur Seite gestellt werden, wie der Senat entscheidet oder das Volk befiehlt. Zwei sollen es sein, die über königliche Befehlsgewalt verfügen, und diese sollen nach ihren Aufgaben benannt werden: Prätoren ['die an der Spitze Gehenden' = 'prae-itores'] nach dem 'an der Spitze Gehen' ['prae-ire'], Richter ['iudices'] nach dem 'Richten' ['iudicare' = 'ius dicere'], Consuln ['die Sorgenden'] nach dem 'Sorgen für den Staat' ['consulere']. Im Krieg sollen sie die höchste Gewalt haben, niemandem sollen sie gehorchen. Ihnen soll das Wohl des Volkes das oberste Gesetz sein.

(9) Dasselbe Amt soll niemand erhalten, wenn nicht zehn Jahre dazwischenliegen. Das Alter sollen sie nach dem Gesetz über das Mindestalter von Amtsbewerbern beachten. Aber wenn ein ernsthafter Krieg oder Kämpfe unter den Bürgern ausbrechen, dann soll ein einziger Mann nicht länger als sechs Monate auf Beschluß des Senats dieselbe Rechtsstellung wie die beiden Consuln haben, und dieser soll bei einem günstigen Vorzeichen zum Dictator ernannt werden. Und er soll jemanden bei sich haben, der die Reiterei befehligt, in der gleichen Rechtsstellung wie der, der jeweils Schiedsrichter in Rechtsfragen ist. Wenn es aber keine Consuln oder keinen Dictator gibt, sollen auch die übrigen Magistrate nicht mehr im Amt sein, vielmehr sollen die Senatoren Auspizien anstellen und aus ihren Reihen jemanden berufen, der in einer Volksversammlung nach altem Brauch die Consuln wählen lassen kann. Oberbefehlshaber, zivile Amtsträger und ofliziell Beauftragte sollen, wenn der Senat es beschließt oder das Volk es befiehlt, die Stadt verlassen, gerechte Kriege rechtmäßig führen, die Bundesgenossen schonen, sich selbst und ihre Untergebenen im Zaum halten, den Ruhm ihres Volkes vergrößern und mit ehrenvoll erbrachten Leistungen nach Hause zurückkehren. Zum eigenen Vorteil soll niemand einen offziellen Auftrag erhalten. Die zehn Männer, die sich das Volk zur Unterstützung gegen Willkur gewählt hat, sollen seine Tribune sein, und wogegen diese Einspruch erheben und was sie dem Volk zur Entscheidung vorgeschlagen haben, soll rechtsgültig sein; sie sollen unantastbar sein, und man soll das Volk nicht ohne Tribune lassen.

(10) Alle Magistrate sollen das Recht hahen, Auspizien durchzuführen, und über die Gerichtsbarkeit verfügen, und aus ihnen soll der Senat bestehen. Seine Beschlüsse sollen rechtsgültig sein. Aber eine gleichgestellte oder höhere Gewalt kann Einspruch dagegen erheben. In diesem Fall sollen die Beschlüsse in schriftlicher Form aufbewahrt werden. Dieser Stand soll ohne Fehl und Tadel und allen anderen ein Vorbild sein. Wenn die Wahl der Magistrate, die Entscheidungen des Volkes, die Verordnungen und Verbote durch Abstimmungen beschlossen werden, sollen die Abstimmungen den Optimaten bekannt sein, auf seiten des Volkes aber dürfen sie keiner Einschränkung unterliegen. Aber wenn es etwas gibt, das ohne die Magistrate besorgt werden sollte, dann soll das Volk jemanden wählen, der es besorgt, und ihm das Recht geben, es zu besorgen. Das Recht, mit dem Volk und dem Senat zu veshandeln, soll dem Consul, dem Prätor, dem Dictator und dem Befehlshaber der Reiter zustehen; außerdem dem Mann, den die Senatoren für die Wahl der Consuln ernennen. Ferner sollen die Tribunen, die sich das Volk gewählt hat, das Recht haben, mit den Senatoren zu verhandeln. Ebenso sollen die Tribunen alles, was nützlich ist, vor die Volksversammlung bringen. Was mit dem VoIk und im Senat verhandelt wird, soll angemessen sein.

(11) Ein Senator, der hei einer Sitzung fehlt, muß entweder einen triftigen Grund hahen, oder er macht sich eines Vergehens schuldig. Ein Senator soll an der richtigen Stelle und mit Zurückhaltung das Wort ergreifen; die Beweggründe des Volkes sollen ihn vertraut sein. Gewalt soll im Volk keinen Platz hahen. Eine gleichrangige oder höhere Gewalt soll das größere Gewicht hahen. Aber wenn es in einer Verhandlung zu einer Störung der Ordnung kommt, soll dies als ein Vergehen des Verhandlungsführers gelten. Wer gegen eine schlechte Entscheidung einschreitet, soll als ein Bürger gelten, der sich um das Wohl des Staates verdient gemacht hat. Diejenigen, die verhandeln, sollen die Auspizien beachten und dem staatlichen Vogelschauer gehorchen. Was in Aussicht gestellt und dann öffentlich bekannt gemacht wurde, soll im Staatsschatz aufhewahrt werden; man soll nicht mehr als einmal über jeweils ein Vorhahen Rat einholen, das Volk über die Angelegenheit informieren und gestatten, daß es von Magistraten und Privatleuten informiert wird. Ausnahmegesetze soll man nicht beantragen. Über lebensbedrohende Maßnahmen gegen einen Bürger soll man nur in der größten Volksversammlung und nur durch jene, die die Censoren in den einzelnen Ahteilungen des Volkes dafür eingesetzt hahen, Entscheidungen herheiführen. Man soll kein Geschenk annehmen oder geben, und zwar weder hei der Bewerbung noch hei der Führung noch nach der Niederlegung eines Amtes. Wenn sich jemand in diesem Zusammenhang eines Vergehens schuldig macht, soll die Strafe der Schuld entsprechen. Die Censoren sollen die Zuverlassigkeit der Gesetze üherwachen; als Privatpersonen sollen die ehemaligen Magistrate vor ihnen ihre Maßnahmen rechtfertigen, aber sie sollen deshalb nicht weniger dem Gesetz verantwortlich sein."

Das Gesetz ist vorgelesen: Ich werde dazu auffordern, daß man sich anstellt und das Stimmtäfelchen bekommt.

(12) QUINTUS: In welcher Kürze hast du, mein Bruder, die Aufgabenverteilung für alle Magistrate vor unseren Augen ausgebreitet, aber es handelt sich im großen und ganzen um die Aufgabenverteilung in unserer Bürgerschaft, auch wenn du Neues in geringem Umfang hinzugefügt hast.

MARCUS: Das stellst du, Quintus, mit vollem Recht fest. Es handelt sich hier nämlich um die Staatsordnung, die Scipio in den bereits erwähnten Büchern lobt und ganz besonders schätzt und die nicht ohne eine derartige Aufgabenverteilung für die Magistrate hätte entworfen werden können. Denn daran müßt ihr festhalten, daß ein Staat nur mit Hilfe der Magistrate und der führenden Männer bestehen kann und daß aus der Art und Weise ihrer Zusammenarbeit zu erkennen ist, mit welcher Staatsform man es jeweils zu tun hat. Da dieser Staat von unseren Vorfahren mit höchster Weisheit und größter Umsicht eingerichtet worden war, hatte ich wirklich nichts oder nicht viel, was meiner Meinung nach noch an den Gesetzen zu erneuern war.

(13) ATTICUS: Du wirst uns also die Freude machen, wie du es bei dem Gesetz über die religiösen Fragen auf meine Erinnerung und Bitte hin getan hast, auch im Falle der Magistrate darzulegen, aus welchen Gründen dir diese Aufgaben-verteilung am meisten gefällt.

MARCUS: Atticus, ich werde deinem Wunsch entsprechen und diesen ganzen Gedankengang in Übereinstimmung mit den Forschungsergebnissen der größten Gelehrten Griechenlands erläutern und, wie angekündigt, auf unsere eigenen Rechtsvorschriften eingehen.

ATTICUS: Auf diese Art der Darstellung warte ich ganz besonders gespannt.

MARCUS: Allerdings habe ich das meiste schon in den erwähnten Büchern gesagt, was ich tun mußte, weil es um die Frage nach dem besten Staat ging. Aber zu diesem Gedankengang über die Magistrate gehören einige Fragen, die zuerst von Theophrast, dann von dem Stoiker Diogenes ziemlich gründlich untersucht wurden. ...

Lateinischer Text:

(5) ... Quae cum ita sint, ad ipsas iam leges veniamus si placet.

ATTICUS: Mihi vero et istud et ordo iste rerum placet.

(6) MARCUS:

"lusta imperia sunto, isque cives modeste ac sine recusatione parento. Magistratus nec oboedientem et noxium civem multa vinculis verberibusve coherceto, ni par maiorve potestas populusve prohibessit, ad quos provocatlo esto. Cum magistratus iudicassit inrogassitve, per populum multae poenae certatio esto. Militiae ab eo, qui imperabit, provocatio nec esto, quodque is, qui bellum geret, imperassit, ius ratumque esto. Minoris magistratus partiti iuris ploeres in ploera sunto. Militiae, quibus iussi erunt, imperanto eorumque tribuni sunto. Domi pecuniam publicam custodiunto, vincula sontium servanto, capitalia vindicanto, aes argentum aurumve publice signanto, litis contractas iudicanto, quodcumque senatus creverit, agunto.

(7) Suntoque aediles curatores urbis annonae ludorumque sollemnium, ollisque ad honoris amplioris gradum is primus ascensus esto. Censoris populi aevitates suboles familias pecuniasque censento, urbis templa vias aquas aerarium vectigalia tuento, populique partis in tribus discribunto, exin pecunias aevitatis ordinis partiunto, equitum peditumque prolem discribunto, caelibes esse prohibento, mores populi regunto, probrum in senatu ne relinquonto. Bini sunto, magistratum quinquennium habento; reliqui magistratus annui sunto; eaque potestas semper esto.

(8) luris disceptator, qui privata iudicet iudicarive iubeat, praetor esto. Is iuris civilis custos esto. Huic potestate pari quotcumque senatus creverit populusve iusserit, tot sunto. Regio imperio duo sunto, iique a praeeundo iudicando consulendo praetores iudices consules appellamino. Miiitiae summum ius habento, nemini parento. Ollis salus populi suprema ex esto.

(9) Eumdem magistratum, ni interfuerint decem anni, ne quis capito. Aevitatem annali lege servanto. Ast quando duellum gravius aut discordiae civium escunt, oenus ne amplius sex menses, si senatus creverit, idem iuris, quod duo consules, teneto, isque ave sinistra dictus populi magister esto. Equitatumque qui regat, habeto pari iure cum eo, quicumque erit iuris disceptator. Ast quando consules magisterve popull nec erunt, reliqui magistratus ne sunto, auspicia patrum sunto, ollique ec se produnto, qui comitiatu creare consules rite possit. Imperia potestates legationes, cum senatus creverit populusve iusserit, ex urbe exeunto, duella iusta iuste gerunto, sociis parcunto, se et suos continento, populi sui glorlam augento, domum cum laude redeunto. Rei suae ergo ne quis legatus esto. Plebes quos pro se contra vIm auxilii ergo decem creassit, ei trlbunl eius sunto, quodque ei prohibessint quodque plebem rogasslnt, ratum esto; sanctlque sunto, neve plebem orbam tribunls relinquunto.

(10) Omnes maglstratus auspiclum iudlclumque habento, exque is senatus esto. Eius decreta rata sunto. Ast potestas par maiorve prohibesslt, perscrlpta servanto. Is ordo vitio vacato, ceterls specimen esto. Creatlo maglstratuurn, iudlcia populi, iussa vetita cum suffraglo cosclscentur, suffragla optumatibus nota, plebi llbera sunto. Ast quid erit, quod extra magistratus coerari oesus sit, qui coeret, populus creato eique ius coerandl dato. Cum populo patrlbusque agendl ius esto consuli praetorl maglstro populi equitumque, eique quem patres produnt consulum rogandorum ergo; tribunlsque quos sibi plebes creasslt, ius esto cum patribus agendi; idem ad plebem, quod oesus erit, ferunto. Quae cum populo quaeque in patribus agentur, modica sunto.

(11) Senatori, qui nec aderit, aut causa aut culpa esto. Loco senator et modo orato, causas populi teneto. Vis in populo abesto. Par maiorve postetas plus valeto. Ast quid turbassitur in agendo, fraus actoris esto. Intercessor rei malae salutaris civis esto. Qui agent, auspicia servanto, auguri publico parento, promulgata proposita in aerario condita sunto; nec plus quam de singulis rebus semel consulunto, rem populum docento, doceri a magistratibus privatisque patiunto. Privilegia ne inroganto. De capite civis nisi per maximum comitiatum ollosque quos censores in partibus populi locassint ne ferunto. Donum ne capiunto neve danto neve petenda neve gerenda neve gesta potestate. Quod quis earum rerum migrassit, noxiae poena par esto'. Cesoris fidem legum custodiunto. Privati ad eos acta referunto, nec eo magis lege liberi sunto.

Lex recitata est: discedere et tabellam iubebo dari.

(12) QUINTUS: Quam brevi frater in conspectu posita est a te omnium magistratuum discriptio, sed ea paene nostrae civitatis, etsi a te paulum adlatum est novi.

MARCUS: Rectissime Quinte animadvertis. Haec est enim, quam Scipio laudat in illis libris et quam maxime probat temperationem rei publicae, quae effici non potuisset, nisi tali discriptione magistratuum. Nam sic habetote, magistratibus iisque qui praeslnt contineri rem publicam, et ex eorum compositione, quod cuiusque rei publicae genus sit, intellegi. Quae res cum sapientissime moderatissimeque constituta esset a maioribus nostris, nihil habui sane aut non multum, quod putarem novandum in legibus.

ATTICUS. Reddes igitur nobis, ut in religionis lege fecisti admonitu et rogatu meo, sic de magistratibus, ut disputes, quibus de causis maxime placeat ista discriptio.

MARCUS. Faciam Attice ut vis, et locum istum totum, ut a doctissimis Graeciae quaesitum er disputatum est, explicabo, et ut institui nostra iura attingam.

ATTICUS. Istud maxime exspecto disserendi genus.

MARCUS. Atqui pleraque sunt dicta in illis libris, quod faciendum fuit, quom de optuma re publica quaereretur. Sed huius loci de magistratibus sunt propria quaedam, a Theophrasto primum, deinde a Diogene Stoico quaesita subtilius.


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski WS 2000/2001