Kirchenbezogene und andere Beschlüsse auf einer fränkischen Reichsversammlung d. J. 779 (Kapitular von Herstal).

Quelle: MGH, Cap. 1 Nr. 20. Textauswahl und Übersetzung nach Karl Kroeschell, Deutsche Rechtsgeschichte, Bd. 1 (bis 1250), Hamburg 1972, S. 77 - 80.


Deutsche Übersetzung:

Im glücklichen 11. Jahr der Herrschaft Unseres Herrn, des ruhmreichsten Königs Karl, wurde im Monat März ein Kapitular abgefaßt, dem Beschluß gemäß, dem die zu einem Hoftag versammelten Bischöfe, Äbte und erlauchten Grafen gemeinsam mit Unserem frommen Herrn dem göttlichen Willen gemäß aus gewichtigen Gründen zugestimmt haben.

1. Von den Erzbischöfen: daß ihnen die Suffraganbischöfe nach dem kanonischen Recht unterstellt sein sollen, und was sie in ihrem Amtsbezirk verbesserungsbedürftig finden, sollen sie bereitwillig verbessern und berichtigen.

2. Von den Bischöfen: wo gegenwärtig keine Bischöfe amtieren, sollen sie unverzüglich eingesetzt werden.

3. Von den Regularklöstern: daß sie nach der Ordensregel leben sollen; auch die Frauenklöster sollen die heiligen Regeln einhalten, und jede Äbtissin soll sich ständig in ihrem Kloster aufhalten.

4. Daß die Bischöfe über die Priester und Kleriker innerhalb ihrer Diözese gemäß dem kanonischen Recht die Gewalt haben sollen.

5. Daß die Bischöfe das Recht haben sollen, gegen Blutschänder Bußen zu verhängen, und auch die Befugnis, Witwen innerhalb ihrer Diözese zu maßregeln.

6. Daß keiner einen Kleriker eines anderen aufnehmen oder ihm irgendeine Weihe erteilen darf.

7. Von den Zehnten: daß jeder seinen Zehnten geben soll und daß er nach Anordnung des Bischofs verwaltet werden soll.

8. Daß Mördern oder anderen Verbrechern, die von Rechts wegen ihr Leben verwirkt haben, wenn sie zu einer Kirche flüchten, keine Straflosigkeit gewährt werden soll; auch soll ihnen dort keine Nahrung gereicht werden.

9. Daß Räuber von den Richtern in den Immunitäten zu den gerichtstragenden Grafen überstellt werden sollen. Wer das nicht tut, soll Lehen und Amt verlieren. Ebenso sollen auch Unsere Vasallen Lehen und Amt verlieren, wenn sie dem nicht nachkommen, und wer nicht im Besitz eines Lehens ist, soll die Bannbuße zahlen.

10. Von dem, der einen Meineid leistet: er soll sich nicht loskaufen konnen, wenn er nicht eine Hand verliert. Wenn ein Klager einen Meineid behaupten will, sollen sie die Kreuzprobe vornehmen und wenn der Schwörende obsiegt, entrichte der Kläger sein Wergeld. Dies soll bei leichteren Fällen beachtet werden, bei schwereren Sachen aber oder (bei Streitigkeiten) über den Stand der Freiheit soll man verfahren, wie Recht ist.

11. Von der Bestrafung und Verurteilung von Räubern: das Zeugnis der Bischöfe soll dafür genügen, ohne daß die Grafen eine Sünde begehen, wenn sie so verfahren, daß ohne Haß oder üblen Vorwand nichts anderes ins Gewicht fällt, als der wahren Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen. Wenn der Graf aber aus Haß oder in böser Absicht, und nicht um Gerechtigkeit zu üben, einen Menschen verstümmeln läßt, verliere er sein Amt, und wie Recht ist, soll er demjenigen, gegen den er ungerecht gehandelt, entsprechend der Strafe, die er ihm zugefügt hat, Buße zahlen.

12. Die Kapitel aber, die Unser Vater seligen Gedenkens auf seinen Reichsversammlungen und Synoden erlassen hat, wollen auch Wir bewahren.

13. Von den Kirchengütern aber, von denen nun Zins gezahlt wird, sollen der Zehnte und der Neunte zusammen mit dem Zins entrichtet werden. Soweit bisher kein Zins gezahlt wird, sollen ebenfalls der Neunte und der Zehnte entrichtet werden; von 50 Hofstätten soll ein Schilling, von 30 Hofstatten ein halber Schilling und von 20 eine Tremisse [als Zins gezahlt werden]. Und die Prekarienbriefe sollen, wo vorhanden, erneuert ,wo nicht vorhanden, geschrieben werden. Und es sei ein Unterschied zwischen den auf Unser Gebot hin ausgegebenen Prekarien und denen, die sie freiwillig vom Kirchengut ausgeben

14. Von Bandenzügen: daß niemand sich unterstehe, das zu tun.

15. Von den Wachszinsigen, den kirchlich und den weltlich Freigelassenen: wie es seit langer Zeit war, soll es gehalten werden.

16. Von denen, die sich gegenseitig in Gilden Eide leisten: daß niemand sich unterstehe, das zu tun. Anderes soll aber gelten für ihre Almosen oder bei Feuersbrunst oder bei Schiffbruch. Auch wenn sie Vereinbarungen schließen, soll niemand sich unterstehen, dabei einen Schwur abzulegen.

17. Von Reisenden, die zur Pfalz oder anderswohin unterwegs sind: daß niemand es wage, sie mit einer Schar zu überfallen. Auch darf keiner die Wiese eines anderen zu verbotener Zeit in Beschag nehmen, wenn er nicht gegen den Feind zieht oder Unser Sendbote ist. Wer dem zuwiderhandelt, soll Buße zahlen.

18. Von den Zöllen, die schon früher verboten waren: daß niemand sie erheben soll außer dort, wo sie seit alter Zeit waren.

19. Von den Sklaven, die verkauft werden: daß es in Gegenwart des Bischofs oder des Grafen geschehen soll, oder in Gegenwart des Archidiakons oder Zentenars oder in Gegenwart des Vizedominus oder des gräflichen Richters oder vor wohlangesehenen Zeugen. Auch soll niemand einen Sklaven über die Grenze verkaufen. Wer das tut, soll sovielmal den Bann zahlen, wie er Sklaven verkauft hat; und wenn er die [erforderlidie] Geldsumme nicht hat, soll er sich selbst als Pfand für den Sklaven dem Grafen übergeben, bis er den Bann bezahlt.

20. Von Brünnen: daß niemand sie außerhalb Unseres Königreichs verkaufen soll.

21. Wenn ein Graf in seinem Amtsbezirk nicht Gerechtigkeit übt, soll sich Unser Sendbote so lange in dessen Haus bewirten lassen, bis Gerechtigkeit geübt worden ist; und wenn einer Unserer Vasallen nicht Gereditigkeit übt, dann sollen der Graf und der Sendbote in seinem Haus weilen und so lange auf seine Kosten leben, bis er wieder Gereditigkeit übt.

22. Wenn jemand für die Fehde ein Sühnegeld nicht annehmen will, soll er Uns überstellt werden, und Wir werden ihn dorthin schicken, wo er keinen Schaden stiften kann. Ebenso wollen Wir den, der für die Fehde kein Sühnegeld zahlen und sich nicht vor Gericht stellen will, an einen solchen Ort schicken, daß durch ihn kein größerer Schaden entsteht.

23. Hinsichtlich der Räuber ordnen Wir an, daß einer beim erstenmal nicht sterben, sondern ein Auge verlieren soll; bei der zweiten Tat soll dem Räuber die Nase abgeschnitten werden; bei der dritten Tat aber soll er sterben, wenn er nicht die Buße bezahlt.

Lateinischer Text:

Anno feliciter undecimo regni domni nostri Karoli gloriosissimi regis in mense Martio factum capitulare, qualiter, congregatis in unum sinodali concilio episcopis, abbatibus virisque inlustribus comitibus, una cum piissimo domno nostro secundum Dei voluntatem pro causis oportunis consenserunt decretum.

1. De metropolitanis, ut suffraganii episcopi eis secundum canones subiecti sint, et ea quae erga ministerium illorum emendanda cognoscunt, iibenti animo emendent atque corrigant.

2. De episcopis, ubi praesens episcopi ordinati non sunt, sine tarditate ordinentur.

3. De monasteriis qui regulares fuerunt, ut secundu'rn regulam vivant; necnon et monasteria puellarum ordinem sanctum custodiant, et unaquaeque abbatissa in suo monasterio sine intermissione resedeat.

4. Ut episcopi de presbiteris et clericis, infra illorum parrochia potestatem habeant secundum canones

5. Ut episcopi de incestuo'is hominibus emendandi licentiam habeant, seu et de viduis infra sua parrochchia potestatem habeant ad corrigendum

6. Ut nulli liceat alterius recipere aut ordinare in aliquo gradu.

7. De decimis, ut unusquisque suam decimam donet, atque per iussionem pontificis dispensentur.

8. Ut homicidas aut caeteros reos qui legibus mon debent, si ad ecclesiam confugerint, non excusentur ne que eis ibidem victus detur.

9. Ut latrones de infra inmunitatem illi iudicis ad comitum placita praesentetur; et qui hoc non fecerit, benefidum et honorem perdat. Similiter et vassus noster, si hoc non adimpleverit, beneficium et honorem perdat; qui beneficium non habuerit, bannum solvat.

10. De eo qui periurium fecerit nullam redemptionem, nIsi manum perdat. Quod si accusator contendere voluerit de ipso periurio, stent ad crucern; et si iurator vicerit legem suam accusator emendet. Haec vero de minoribus causis observandum; de maioribus vero rebus aut de statu ingenuitatis secundum legem custodiant.

11. De vindicta et iudicio in latrones factum testimonium episcoporum absque peccata comitis esse dicunt, ita tarnen ut absque invidia aut occansione mala, et nihil aliud ibi interponatur nisi vera iustitia ad perficiendum. Et si per odium aut malo ingenio, nisi per justitiam faciendam, hominem diffecerit, honorem suum perdat, et legibus contra quem iniuste fecit, secundum penam quam intulit, emendetur.

12. Capitula vero quae bonae memoriae genitor noster in sua placita constituit et sinodus conservare volumus.

13. De rebus vero ecclesiarum, unde nunc census exeunt, decima et nona cum ipso censu sit soluta; et unde antea non exierunt, similiter nona et decima detur; atque de casatis quinquaginta solidum unum, et de casatis triginta dimidium solidum, et de viginti trimisse uno. Et de precariis, ubi moda sunt, renoventur, et ubi non sunt, scribantur. Et sit discretio inter precarias de verbo nostro factas et inter eas quae spontanea voluntate de ipsis rebus ecclesiarum faciunt.

14. De truste faciendo nemo praesumat.

15. De cerariis et tabularus atque cartolariis, sicut a lango tempore fuit, observetur.

16. De sacramentis per gildonia invicem coniurantibus, ut nemo facere praesumat. Alio vero modo de illorum elemosinis aut de incendia aut de naufragio, quamvis convenentias faciant, nema in hoc iurare praesumat.

17. De iterantibus,qui ad palatium aut aliubi pergunt, ut eas cum collecta nemo sit ausus adsalire. Et nemo alterius erbam defensionis tempore tollere praesumat, nisi in hoste pergendum aut missus noster sit; et qui aliter facere praesumit, emendet.

18. De toloneis qui iam antea forbanniti fuerunt, nemo tollat nisi ubi antiqua tempare fuerunt.

19. De mancipia quae vendunt, ut in praesentia episcopi vel comitis sit, aut in praesentia archidiaconi aut centenarii aut in praesentia vicedomni aut iudicis comitis aut ante bene nota testimonia; et foris marca nemo mancipium vendat. Et qui hoc fecerit, tantas vices bannos salvat quanta mancipias vendidit; et si non habet pretium, in wadio pro servo semetipsum comiti donet usque dum ipsum bannum solvat.

20. De brunias, ut nullus foris nastro regno vendere praesumat.

21. Si comis in suo ministerio iustitias non fecerit, misso nostra de sua casa soniare faciat usque dum iustitiae ibidem factae fuerint; et si vassus noster iustitiam non fecerit, tunc et comis et missus ad ipsius casa sedeant et de suo vivant quousque iustitiam faciat.

22. Si quis pro feida precium recipere non vult, tunc ad nos sit transmissus, et nos cum dirigamus ubi damnum minime facere possit. Simili modo et qui pro faida pretium salvere noluerit nec iustitiam exinde facere, in tali loco eum mittere volumus ut per eum maior damnum nan crescat.

23. De latronibus ita precipimus abservandum,ut pro prima vice non moriatur, sed oculum perdat, de secunda vera culpa nasus ipsius latronis abscidatur; de tertia vera culpa, si non emendaverit, moriatur.


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski WS 2000/2001