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Muster einer öffentlich zu registrierenden und archivierenden Urkunde (Dotal-Schenkung) aus dem Frankenreich (Anjou) des 6. Jhts n. Chr.

Quelle: MGH. Formulare, Formulaae Andecavenses, Nr. 1. In Auswahl und Übersetzungnach: K. Kroeschell, Deutsche Rechtsgeschichte 1 (bis 1250), Hamburg 1972, S. 59 ff. Dort findet sich auch eine längere Kommentierung. Die Schreibung des lateinischen Textes ist nicht etwa fehlerhaft, sondern entspricht der Schreibweise der Zeit. Da es sich nicht um eine Urkunde, sondern um ein Urkundenmuster, offenkundig auch zu Lehrzwecken, handelt, enthält der Text einige Alternativen, Blanko-Stellen und ironisch-witzige Übertreibungen.


Deutsche Übersetzung.

Dies ist das Muster einer Urkunde.

Im vierten Jahr der Regierung unseres Herrn, des Königs Childebert, an dem und dem Tage des Monats Soundso, als der Stadtrat des Stadtgebiets Angers entsprechend dem Gewohnheitsrecht eine öffentliche Sitzung auf dem Markte abhielt, erklärte dort der hochzuachtende Herr Soundso als Rechtsanwalt folgendes: "Ich beantrage bei dir, ehrenwerter Herr Stadtvorsteher Soundso, Kurator Soundso, Militärbefehlshaber Soundso, und dem übrigen Stadtrat, anzuordnen, daß in das öffentliche Urkunden-Register eine Urkunde aufgenommen werde, deren rechtsgültige Niederlegung dort ich betreiben soll."... [scil.: Der Anwalt weist dann seine Vollmacht nach] ... Der Stadtvorsteher bzw. ein anderer Vorsitzender und der übrige Stadtrat ordneten darauf an: "In deiner Sache ist das Urkundenbuch eröffnet. Trage vor, was du registriert haben willst. Deine Vollmacht ist beim ehrenwerten Herrn Soundso, dem Diakon und Stadtschreiber, zu den Akten zu geben."... [scil.: die Vollmacht wird übergeben und überprüft] Der Rechtsanwalt Soundso erklärte nunmehr: "Ich bitte den Herrn Vorsitzenden und den ganzen Rat, nachdem Ihr meine Anwaltsvollmacht als den Gesetzen entsprechend festgestellt habt, zu gestatten, eine Schenkungsurkunde wegen einer Eheschließung, die ich vorzulegen habe, in Eurer Gegenwart auf dem Marktplatz zu verlesen." Der Stadtrat erklärte darauf: "Den Text der Schenkungsurkunde, den Du vorlegen willst, soll der Diakon und Stadtschreiber von Angers, Soundso, zur Verlesung in Empfang nehmen." Dieser verlas nunmehr das übergebene Schriftstück:

Es beginnt der Wortlaut der Rechtsübertragung: "Meine süßeste und van ganzem Herzen zu liebende Braut namens Soundso, ich genannt Soundso. Da ich mich mit Gottes Gnade dem Brauche gemäß mit dem Willen deiner Eltern mit dir verlobt habe, schenke ich dir im Hinblick darauf als Brautgeschenk etwas aus meinem bescheidenen Vermögen, nämlich ein Haus mit umzäuntem Hof, bewegliche und unbewegliche Habe, Weinberge, Wälder, Wiesen, Weiden, Gewässer und Wasserläufe, mit verbundenen oder zugehörigen Grundstücken. All die erwähnten Dingen, allerteuerste Braut, überlasse und übertrage ich dir durch diese Schenkung zum Tage unserer über die Maßen glücklichen Hochzeit, damit du es in Deinem rechtmäßigen Besitze behalten sollst. Ich schenke dir ein Arrmband, soundso viel Schillinge wert, sounsoviele Tuniken, eine Bettdecke für ein gemachtes Bett, soundso viel Schillinge wert, goldene Orringe, soundso viel Schillinge wert, Ringe, sounsoviel Schillinge wert. Ich schenke dir ein Pferd mit Sattel und allem Geschirr, soundsoviele Ochsen, sounsoviele Kühe mit ihren Kälbern, soundsoviele Schafe, soundsoviel Schweine. All diese hier erwähnten Dinge sollst du in deinen Besitz und dein Eigentum aufnehmen für dich und deine Nachkommen, wenn welche von uns beiden erzeugt werden, unbeschadet der Rechte des Heiligen, auf dessen Gebiet sie sich befinden. Und wenn es je einen gibt, sei es ich selbst oder einer meiner Erben oder Verwandten, sei essonst irgendjemand, ein Fremder oder ein Stellvertreter, der sich dieser Schenkung, die ich dir aus freiem Willen habe niederschreiben lassen, widersetzen sollte oder es etwa wagt, zu klagen und Schadensersatz zu beanspruchen, der bezahle dir vor Beginn des Prozesses einmal und ein anderes Mal das Doppelte dessen, was die Schenkung enthält, oder dessen, was sie zu jener Zeit mit dem Wertzuwachs ausmachen wird, seine Klage sei erfolglos, und diese Übereignung und unser Wille soll auf alle Zeit festen Bestand haben."

Darauf gab der Stadtrat den Hinweis: "Wenn Du in dieser Sache noch etwas zu erörtern oder zu beantragen hast, ist dies jetzt zu tun". Der Rechtsanwalt Soundso erklärte darauf: "Ich danke dem hohen Stadtrat, daß er die schriftliche Schenkungsurkunde meines Auftraggebers, die ich vorzulegen hatte, dem städtischen Urkundenregister beigefügt hat. Daß Ihr dies getan habt, habe ich dem Gewohnheitsrecht entsprechend auf der Urkunde vermerkt."

Lateinischer Text:

Hic est iesta.

Annum quarto regnum domni nostri Childeberto reges, quod fecit minsus ille, dies tantus, cum iuxta consuetudinem Andicavis civetate curia publica resedere in foro, ibique vir magnificus ille prosecutor dixit: "Rogo te, vor laudabilis illi defensor, illi curator, illi magister militum, vel reliquam curia publica, utique cotecis puplici patere iobeatis, qua habeo, quid apud acta prosequere debiam." Defensor, principalis simul et omnis curia publica dixerunt: "Patent tibi cotecis puplici; prosequere que optas." Curia vero dixerunt: "Mandatum, quem tibi habere dicis, accipiat vir venerabilis illi diaconus et amanuensis." Illi prosecutor dixit: "Rogo domno meis omnibus puplicis, ut sicut mandatum istum legebus cognovistis esse factum, ut dotem, quem per manebs tenio, vobis presentibus in foro puplico iobeatis recitare." Curia vero dixerunt: "Dotem, quem te dicis per manibus retenire, illi diaconus et amanuensis Andecavis civitate nobis presentibus accipiat relegendum". Quo accepto dixit:

Incipit cessio: "Dulcissima et cum interga anore dilgenda sponsa mea, filia illius, nomen illa, eog illi. Et qua, propicio Domeno, iuxta cinsuetudinem una cum volumtate parentum tuorum spunsavi, proinde cido tibi de rem paupertatis meae, tam pro pro ponsaliciae quam pro largitate tue, hoc est casa cum curte circumcincte, mobile et inmobile, vineas, silvas, pratas, pascuas, aquas aquarumque decursibus, iunctis et subiunctis, et in omnia superius nominata, dulcissima sponsa mea, ad diae felicissimo nupciarum tibi per hanc cessione dileco adque transfundo, ut in tuae iure hoc recepere debis. Cedo tibi bracile valente soledus tantis, annolus valentus soledus tantus. Cedo tibi caballus cum sanbuca et omnia stratura sua, boves zantus, vaccas cum sequentes tantas, ovis tantus, sodis tantus. Haec omnia subscripta rem in tuae iure et dominacione hoc recipere debias, vel posteris suis, [si] inter nos procreati fuerunt, dereliquentis, salvi iure sancti illius, cuius terre esse videtur. Et [si] fuerit ullumquam tempore, qui contra hanc cessione ista, quem ego in te bona volumtate conscribere rogavi, aut ego ipsi, aut ullus de heredibus meis vel propinquis meis, aut qualibet homo vel extranea aut emissa persona, venire voluerit, qut agere vel repetire presumpserit, ante lite ingressus duplet tibi tantum et alio tantum, quantum cessio ista contenit, aut eo tempore meliorata voluerit, et repeticione sua non opteniat effectum, et haec cessio ista adque volomtas nostra omni tempore firma permaneat."

Post haec curia ait: "Se adhuc aliquid abis ex hac causa aut agere debias, dicitu in presente". Illi prosecutor dixit: "Gracias agere magnitudine vestrae, quod dotem sua scripta quem prosequio gestis municipalibus, ut abuit karetas vestra, alegassetis. Ita fecisse vobis ex more conscripsi."


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski WS 2000/2001