Lösung zu Übung 6.

Die Aufgaben lauteten:

Zwei Gesetzessammlungen aus dem Frühmittelalter.

Dokument im pdf-Format; zum Empfang siehe ggf.: Versuche.htm , unter II, Experiment 6. Leseverbesserung durch Einstellung des Großformats auf der Darstellungsfläche möglich.


Zu a)

In der Präambel des ersten Textauszugs, erklärt ein 'Königs Alarich' am 2. Febr. des 22. Jahres seiner Regierung, zu Toulouse, daß er ein ihm ausgefertigt vorgelegtes Gesetz, welches in konzentrierter und übersichtlicher Form das bisherige römische Gesetzesrecht und die mit ihm verbundenen Rechtstraditionen zusammenfasse, in Kraft setze. Der Zeitpunkt seiner Entstehung muß dieses Gesetzeszweckes wegen ziemlich bald nach dem Ende des wertrömischen Kaisertums (476 n. Chr.) liegen. Er macht das Gesetz als sog. 'lex Romana' eines germanischen Herrschers, d. h. als ein Gesetz für die romanische (also nicht-germanische) Bevölkerung seines Herrschaftsbereichs kenntlich, die er nach Fortfall der römisch-kaiserlichenen Oberherrschaft als unabhängiger Monarch regiert.

Es handelt sich um die sog. 'Lex romana Visigothorum' des Westgotenkönigs Alarich II. (484 - 507), auch 'Breviarium Alarici' genannt, das dieser König i. J. 506 für die romanischen Untertanen im Westgotenreich, das damals noch einen großen Teil des heutigen Süwestfrankrecih umfaßte, erließ. Im folgenden Jahr wurde Alaraich in der Schlacht von Vouillé von dem Frankenherrscher Chlodwig (458 - 511) geschlagen und fiel. Der nördlich der Pyrenäen gelegene Teil des Westgotenreichs wurde zum größeren Teil (Aquitanien) dem fränkischen Reich einverleibt.

Aus der wissenschaftlichen Edition dieses Gesetzes, Lex Romana Visigothorum, ed. G. Hänel, 1849, ND 1962, gibt der vorliegende Auszug die beiden Eingansseiten des Gesetzestextes wieder.

Der zweite Textauszug ist bereits an der Überschrift als 'Pactus legis Salicae' zu erkennen. Es handelt sich dem Text nach ferner um ein von vier Rechtskundigen entworfenes Gesetzeswerk, das nach eingehender Beratung in drei verschiedenen Volksversammlungen (malli) des Frankenreichs und nach entsprechender Billigung durch seine 'Vornehmen' (proceres) mit Geltungskraft für die Franken und - jedenfalls prinzipiell (soweit nicht die Geltung anderer ethnischer Rechtstraditionen der Untertanen toleriert wird) - auch für die ihnen unterstellten Völker gelten soll. Hier handelt es sich dem Typus nach um eine sog. 'Lex barbarorum', d. h. um ein Gesetz, das primär germanisch-ethnische Rechtstraditionen aufgreift und fortentwickelt, zugleich aber auch eine gewisse Anpassung Rechtssprache und Rechtsgewohnheiten, vor allem römischer Herkunft, vornimmt, die in den nach dem Ende des weströmischen Kaisertums eroberten Teilen des Herrschaftsbereichs vorgefunden werden. Dieses Gesetzeswerk läßt sich seiner Entstehungszeit nach nicht ganz genau festlegen; aufgrund seiner stilistisch-sprachlichen Übereinstimmung mit datierbaren fränkischen Urkunden wird es aber auf die zweite Hälfte des 6. Jhts. angesetzt. In der weiteren Entwicklung unter merowingischer und später karolingischer Herrschaft, d. h. vom 6. - 9. Jht. hat es in verschiedenen, politisch und ethnsich teilweise divergierenden Bereichen des fränkischen Herrschaftsgebiets unterschiedliche Formen angenommen und wurde außerdem späterhin in unterschiedlichen Handschrrifteversionen verbreitet, sodaß sich philologisch insgesamt 10 Klassen von Textversionen für mehrere hunderterhaltene Handschriften haben bilden lassen.

Der vorliegende Textauszug stammt, wie der Ausdruck 'pactus l .s' - d. h. soviel wie 'Gesetzesvereinbarung' - erkennen läßt, aus früheren, der merowingischen, noch stark stammesrechtlich geprägten Epoche angehörenden Inschriftsexepmplaren und ist, wie der Apparat der wissenschaftlichen Edition des Textes erkennen läßt, auf der Basis fünf verschiedener, aber überlieferungsgeschichtlich benachbarter Handschriften erstellt. Er gibt die beiden ersten Seiten des edierten Gesetzestexts nach der Edition 'Pactus Legis Salicae' , hrsg. v. K. A. Eckhardt in: MGH.LL. I 4 1, 1962, wieder.

Zu b)

Im ersten Textausschnitt ('Lex romana Visigothorum') ist kaum etwas Germanisches zu entdecken. Die Präambel des Gesetzeswerks ähnelt denen römisch-kaiserlicher Gesetze, und der Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis weist an keiner Stelle Rechtsbegriffe unnd -institutionen nicht-römischer Tradition aus. - Den gotisch-herrscherlichen Ursprung weist lediglich die mehrfache Namensnennung des 'rex Alaricus' als Gesetzgebungsinstanz und eines für die Ausarbeitung des Codex zuständigen Hofbeamten, des 'comes Goiaricus' aus. Allerdings ist dies auch besonders wichtig; denn ein Westgotenkönig tritt nun - anders als als während des noch bestehenden west-römischen Kaisretums - als Oberherr auch der romanischen (nicht mehr i. e. S. 'römischen') Bevölkerung auf und gibt ihr Gesetze.

Im zweiten Textausschnitt (Pactus legis Salicae) isr dagegen das germanische Moment weitaus häufiger und deutlicher spürbar. Die Präambel weist auf eine 'conventio' zwischen dem Frankenvolk und seinen Oberen betreffend eine Gesetzgebung hin, die primär das Strafrecht regeln soll (§ 1). Die für die Erstellung des Gesetzes ausgwählten Rechtskundigen tragen allesamt fränkische Namen. Die Inhalte des Gesetzesentwurfs werden auf drei 'malli' - das ist der fränkische Ausdruck für die Rechtsfeststellung in einer Volksversammlung - an verschiedenen Orten östlich des Rhein (Bothem, Salehem, Widehom) mit wiederum fränkischen Namen - ausführlich erörtert und beschlossen. Germanisch ist die Beschränkung des Gesetzeswerks auf das Strafrecht; die römische Codex-Tradition, die wir noch in der Lex Romana Visigothorum vorfinden. ist verlassen; ja es bedarf ihrer im fränkischen Rechtssystem dieser Zeit offenkundig nicht. Die 'Vereinbarung' eines Gesetzes und seine Verbaschiednung nach Beratung durch malli-Versammlungen ist ebenfalls völlig unrömisch. Dort ist (zumindest) in der Spätantike der Kaiser die Quelle des Rechts, nicht eine Serie von Volksversammlungen und eine darauf beruhende Übereinkunft zwischen Adel und Volk. - Römisch-traditionellen Ursprungs ist lediglich - aber dies ist sicherlich sehr wichtig - die lateinische Rechtssprache, in die die nicht der römischen Rechtstradition entstammenden Rechtsbegriffe der Franken - mehr schlecht als recht latinisiert - eingefügt werden.

Zu c)

Im ersten Textausschnitt (Lex romana Visigothorum) handelt es sich dem Typus nach um das in der römischen Spätantike übliche Verfahren kaiserlicher Konstitutionengesetzgebeung. Bei einem solchen Verfahren beauftragt der Kaiser geeignete Hofbeamte und Juristen, einen Entwurf zu erstellen. Dieser wird in mehreren Hofversammlungen von allen Hofbeamten und Senatsmitgliedern eingehend beraten, verbessert, schriftlich abgefaßt und schließlich im kaiserlichen 'consistorium' vom Kaiser feierlich in Geltung gesetzt (sanktioniert). Danach werden Ausfertigungen des neuen Gesetzestextes allen für die Gesetzesausführung zuständigen Oberbeamten des Reiches amtlich zugestellt (vgl. Cod. Iust. 1, 14, 8). - Das Verfahren der Konstitutionengesetzgebung wir auch für die 'Lex romana Visigothorum' verwandt, nur daß an die Stelle des Kaisers der politisch souverän gewordene westgotische König tritt.

Dieses Gesetz wird aber nicht nur von dem wetsgotischen Herrscher Alarich II. sanktioniert, sondern auch im Jahre 768 - "im 20. Jahre seiner Herrschaft", wie der Text sagt, von dem Frankenkönig Karl d. Gr. Diese spätere Sanktionierung zeigt eine Veränderung im Verfassungsaufbau des Frankenreichs an. Karl war offenkundig in der Lage, alte Gesetze zu sanktionieren, d . h. in ihre Fortgeltung kraft seines Königsamtes klarzustellen. Von Interesse ist an diesem Vorgang ferner, daß er eine direkte und herrscherlich gebilligte Fortgeltung der römischen Rechtstradition im ehemalig westgotischen Teil des Frankenreichs, d. h. in Südfrankreich, im Mittelalter beweist und damit einen interessanten Aufschluß über einen römisch-rechtlichen Anteil an der fränkischen Rechtskultur gibt, der sich in den in den südlichen Teilen Frankreichs bis zum Beginn 'Rezeption' des römischen Rechts im Hochmittelalter fortsetzte und von dieser daher eigentlich nur erneuert wurde.

Das bereits besprochene Beratungs- und Sanktionierungsverfahren für den 'Pactus legis Salicae' des 6. Jhts. folgt demgegenüber deutlich fränkisch-germanischem Rechtsverständnis, nach dem der König nicht eigentlich Rechtssetzungsinstanz, sondern allenfalls höchster Richter und Wahrer eines ihm vom Volke und dem Adel vorgegebenen Rechts ist. Wenn später Karl d. Gr. die Volksrechte der in seinem Reich vereinigten Stämme (Franken, Ripuarier = Hessen, Laangobarden, Alemannen, Bayern und Romanen aufzeichnen und seit dem Jahre 802 n. Chr auch 'vervolltändigen' ließ, so war dies ein Vorgang behutsamer Erweiterun königlicher Komptenzen, der jedoch an der prinzipiellen Zuständigkeit der Reichsversammlung für jede Art gesetzgender Neuerung nichts änderte. - Ein Beispiel für das umfängliche rechtliche Beschlußprogramm einer Reichsversammlung dieser Zeit bietet der Lesetext 'Kirchenbezogene und andere Beschlüsse auf einer fränkischen Reichsversammlung d. J. 779 (Kapitular von Herstal)'.

Literatur:

A.. Angenendt, Das Frühmittelalter. Die abendländische Christenheit von 400 bis 900, Stuttgart, Berlin, Köln 1995 2, S. 162 ff. , 169 ff. - Reinhard Schneider, Das Frankenreich, Oldenbourg-Grundrisse Bd. 5, München 1990 2, S. 40 ff., 112 ff. - F. Ebel, G. Thielmann, Rechtsgeschichte. Ein Lehrbuch, Bd. 1: Antike und Mittelalter, Heidelberg 1998 2, S. 121 ff. (Das Recht der Gemanen in früher und fränkischer Zeit). - Karl Kroeschel, Deutsche Rechtsgeschichte, 3 Bde., Bd 1: (Von den 'Barbarengesetzen' des Frühmittelalters bis 1215), Darmstadt 1989 7, S. 29 ff., 72 ff.


 

LV Gizewski WS 2000/2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)