Lösung zu Übung 7 a.

Die Aufgaben lauteten:

Die nachfolgend wiedergegebenen lateinischsprachigen Quellentexte sind in mittelalterlicher Zeit allesamt von großer historischer Bedeutung gewesen.

a) Machen Sie sich aufgrund Ihrer jetzigen sprachlichen Kenntnisse ein Bild vom Inhalt dieser Quellentexte und ordnen Sie sie historisch ein.

b) Inwiefern spielt in ihnen die römisch-rechtliche und weitergehend die politisch-religiöse Tradition aus der Antike eine tragende Rolle?

Rechtliche Grundlagen weltlicher und päpstlicher Macht. Drei wichtige mittalalterliche Quellentexte.

Lat. Texte aus: H. Fuhrmann (Hg.), Das 'Constitutum Constantini, 1968, S. 86 ff.; Monumenta Germaniae Historia, Epistolae selectae separatim editae, Das Register Gregors VII., 1. Teil, 1920, S. 201 - 208; Monumenta Germaniae Historica, Leges, Sectio IV, Bd. 1, 1893, S. 110 f. - Dokument im pdf-Format; zum Empfang siehe ggf.: Versuche.htm , unter II, Experiment 6. Leseverbesserung durch Einstellung des Großformats auf der Darstellungsfläche möglich.


Zu a)

Text 1 ist nach seiner Aussage ein von dem römischen Kaiser Konstantin d. Gr.(308/312/325 - 337) persönlich stammender Bericht über seine Bekehrung zum Christentum und seine Rettung aus Todesgefahr durch geistliche Fürbitte des Papstes Sylvestrius und eine darauf basierende kaiserliche Anordnung, mit der Konstantin dem Papst als Bischogf von Rom nicht nur die geistliche Oberaufsicht über alle Patriarchen und einfachen Bischöfe des Reiches und eine Letztentscheidung in allen die christliche Kirche betreffenden geistlichen Angelegenheiten überträgt, sondern auch das Eigentum am Lateranspalast in Rom, ja - unter Verlegung der kaiserlichen Hauptsatdt nach Konstantinopel - die politische Herrschaftsgewalt über die ganze Stadt Rom und ihr Umland und ferner eine Aufsichts-, Kontroll- und Absetzungskompetenz gegenüber aller weltlicher Herrschaftsmacht im west-römischenReichsteil, die ihre christliche Verantwortung nicht ausreichend wahrnimmt, sowie schließlich eine Recht auf zeremonialen Respekt aller weltlichen Gewalt vor dieser hervorgehobenen Stellung des römischen Papstes. Der Text gibt als Erlaß-Datum den 10. April des Jahres an, in dem Konstantin als Kaiser zum virten Mal den Konsulat ausübt, und zwar mit einem >Konsulskollegen namens Gallicanus.

Dieser Text, das sog. 'Constitum Constantini' ('Rechtsgültige Anordnung des Kaisers Konstantin'), spielte im hochmittealterlichen 'Invetiturtreit' seit dessen Beginn mit dem Konflikt zwischen dem deutschen König Heinrich IV. und dem Papst Gregor VII. i. J. 1076 eine besondere Rolle, weil der Papst darauf seinen Anspruch nicht nur auf Freiheit von kaiserlicher Bestimmung in Angelegenheiten der Bischofswahl im deutschen Reiche, sondern auch auf eine eigene Suprematie gegenüber über dem Kaiser stützte.Naturgemäß wurde nicht nur die Rechtlichkeit an sich eines solchen päpstlichen Suprematie-Anspruch auf kaiserlicher Seite für das deutsche Reich bestritten. Auch die Echteit der Urkunde, auf der er fußte, d. h. des 'Constitutum Constantini', die irgendwann im 8. Jht. in die päpstliche Sammlung kirchenrechtlicher Urkunden Eingang gefunden hatte und später, i. J. 1139, wohl auch in der Kirchenrechtssammlung Gratians ('Decretum Gratiani', Dekretalen) Aufnahme fand, war von Anfang an umstritten. Allerdings wurde deren Unechtheit erst im 15. Jht. durch einen humanistischen Gelehrten, der zugleich als hoher Kleriker im Umfel des damaligen Papstes tätig war, Lorenzo Valla, im Wege einer historisch-philologischen Textkritik der Schrift 'De falso credita et ementita Constantini donatione declamatio' (1440) nachgewiesen und auch danach nur ganz allmählich wissenschaftlich allgemein akzeptiert. Der Nachweis der Unechtheit stellte in dieser Epoche, ín der sich die 'Reformation' vorbereitete, und natürlich in der 'Reformationszeit' slbst nicht nur das weltliche Handeln des Papstens in den vorherigen Jahrhunderten in ein äußerst problematisches Licht, sondern schloß weltliche päpstliche Herrschafts- und Eigentumsansprüche, jedenfalls auf der Basis des 'Constitutum Constantini', für alle Zukunft aus. Die Unechtheit dieser Urkunde ergibt sich - außer aus Stilbrüchen und Fakten-Fehlern (z. B. in der sachlich unmöglichen Datumsangabe) - vor allem daraus, daß sie mit der historischen und rechtlichen Überlieferung über die allgemeine Gesetzgebung und die Kirchenpolitik des Kaisers Konstantin, die die 'Rezeption des römischen Rechts' und die 'humanistische Renaissance' in so großem Umfang wiederentdeckt hatten, durchweg nicht zusammenpaßte. Sie gehörte einer anderen, späteren Zeit zu, in der es einem kirchlichen, dem Papsttum nahestehenden Autor und wohl Kanzleibeamten sinnvoll und möglich erschien, gravierend falsche historische Behauptungen unwidersprochen zu verbreiten und zugleich zur Begründung einer politisch außerordentlich bedeutungsvollen souveränen geistlichen und weltlichen päpstlichen Herrschaftsstellung einzusetzen. Als entsprechende Zeit wird heute, obschon kontrovers, das 8. Jht. angenommen, in dem die Päpste Stephan II. und Paul I. (50er und 60er Jahre des Jhts.) eine relativ unabhängige Rolle zwischen dem damals geschwächetn byzantinischen Reich und dem erst allmählich erstarkenden, nach Italien ausgreifenden Karolingerreich spielten und diese behaupten wollten; eine andere Epoche kommt kaum in Frage.

Der Text 2 zeigt ein päpstliches Selbstverständnis, das den Grundgedanken des 'Constitutum Constantini' entspricht, aber in seinen detaillierten Ansprüchen doch darüber hinaus geht. Das erlaubt seine Zuordnung zur Epoche des 'Inversiturstreits'. Die kirchenpolitischen Programmtik des 'Reformpapsttums' des 12. Jhts., dessen Exponent Gregor VII. ist, findet in ihm seinen Niederschlag. Die Bezeichnung 'dictatus Papae', vermutlich später der Urkunde beigelegt, zeigt zumindest die Wirkung an, die sie auf die Imwelt hatte: die eines machtvollen und selbstbewußen 'Diktats' gegenüber einer Gegenseite, die ungenannt bleibt, aber gewißvor allem die kaiserlich-deutsche ist. Der Text ist noch vor dem Ausbruch des Konflikts zwischen Gregor VII. und Heinrich IV., nämlich im Jahre 1076, entstanden und läßt die Schärfe der von päpstlicher Seite in diesem offenbar vorhergesehenen und eingeplanten Konflikt vertretenen Positionen erkennen. Außer einer uneingeschränkten geistlich-kirchlichen Rntscheidungsletztzuständigkeit werden für den Papst vor allem beansprucht: die 'imperialia insignia' ('die Insignien kaiserlich-herrscherlicher Gewalt'; VIII), eine 'deosculatio' (kniefällige, 'fußküssende' Verehrung), die alleweltlichen Herrscher ('omnes principes') dem Papst schuldeten (IX), das Recht zur Kaiserabsetzung (XII), das ausschließliche Recht zur Einsetzung aller Bischöfe (auch solcher, die im deutschen Reich weltliche Herrschaftsaufgaben erfüllen; XIII, XIV), das Recht, in allen (auch weltlichen) Rechtsangelegeneheiten (aus allen Ländern und Reichen) als gerichtliche Appellationsinstanz angerufen zu werden und niemandes weltlicher Jurusdiktion zu unterstehen (XIX, XX).

Der Text 3 zeigt die Reaktion des deutschen Kaisers Heinrich IV. auf den päpstlichen Versuch, diese Positionen bei der Einsetzung von Bischöfen mit weltlichen Herrschaftsämtern im deutschen Reichsgebiet durchzusetzen und den in dieser Hinsicht unwilligen Kaiser seines Amtes zu entheben. Auf die im Febr. d. J. 1077 von päpstlicher Seite an den König gerichete Absetzungserklärung antwortete dieser mit einer königlichen Absetzung des Papstes. Im sachlichen Kern seines Schreibens weist der Kaiser auf seine legitime, päpstlicher Bestätigung nicht bedürftige Herrschaftsmacht, sein Ordnunsgrecht gegenüber untolerablen Zuständen auch an der Spitze der Kirche und den usurpatorischen, das kirchliche und weltliche Leben erheblich und ungerechtfertigt störenden Charakter der neuen päpstlichen Herrschaftsansprüche hin: "De sede pacis pacem turbasti" ("Vom päpstlichen Stuhl des Friedens aus hast du alles in Unfrieden gebracht") und: "Dominus noster Iesus Christus nos ad regnum, te autem non vocavit ad sacerdotium" ("Unser Herr Jesus Christus hat mich zur Herrschaft, dich aber nicht zum Priestertum berufen"). Der Schluß "Descende, descende, per saecula damnande" ("Steige herab, steige herab, du auf alle Zeiten zu Verdammender") enthält die Absetzungserklärung selbst.

Zu b)

In Text 1 ('Constitutum Constantini') ist eine Auseinandersetzung mit der römisch-staatsrechtlichen Tradition des Kirchenrechts erkennbar. Die Position des Bischofs von Rom wird ausschließlich aus einer Rechtskonzession hergeleitet, die ihm angeblich der zum Christentum bekehrte Kaiser Konstantin in großzügiger Weise gemacht hat.

Nach der römisch-staatsrechtlichen Tradition macht die Stellung des römischen Kaisers diesen zwar nicht zu einer Autorität in Glaubensfragen, wohl aber hat er ein eigenes weltliches Ordnungsrecht in Religionsfragen, d. h. auch der christlichen Kirche gegenüber, und kann dieses auch zur Beseitigung innerkirchlicher Störungen und von ihnen ausgehender Gefahren für das allgemeine Wohl einsetzen. Es gilt zwar seit der Spätantike die 'Zwei-Schewrter-Lehre' des Papstes Galasius (492 - 496), wonach weltliche und geistliche Gewalt legitim nebeneinander stehen und unterschiedliche Aufgaben erfüllen: Herrscher einerseits und Papst andererseits haben dabei prinzipiell gleichermaßen eine Legitimation für ihr jeweiliges Amt von Gott, in welchem sie ihre unterschiedlichen Aufgaben wahrnehmen, nämlich solche weltlicher Herrschaft einerseits und solche geistlicher Führung andererseits. Dies Lehre ändert aber nichts an der alten, aus vorchristlichen Zeiten stammenden Kompetenz des Staates, in Fragen der religiösen Ordnunng die weltliche Gewalt angemessen einzusetzen und dafür auch Religionsrecht zu schaffen. Das Kodifikationswerk des Kaisers Justinian mit seinem ausgepägten und deutlich hervorgehobenen kirchen- und religionsrechtlichen Teil und seiner Betonung einer Schutzherrschaft des Kaisers für die Kirche (Cod. Iust. 1, 1 - 13) stellt dies unter Beweis.

Der unbekannte Autor des Textes 1 versucht, mit seiner Fälschung dem Argument zuvorzukommen, ein nicht-römischer oder ein byzantinischer Nachfolger der alten römischen Kaiser könne im Westen des vormaligen römischen Reiches, d. h. dem Papst gegenüber, dieselben herrschaftsbegründeten Ordnungs- und Schutzherrenrechte gegenüber der Kirche in Anspruch nehmen, wie der antike römische Kaiser. Eine andere argumentative Basis für die behauptete starke Stellung des Papstes außer dem fälschlichen Hinweise auf einen kaiserlichen Herrschaftsverzicht zu seinen Gunsten, d. h. eine andere als eine im Ansatz historisch-rechtliche Argumentation ist hier nicht zu erkennen.

Im Text 2 ('Dictatus Papae') ist das anders. Gleich an seinem Eingang (I., II.) wird hervorgehoben, daß die römische Kirche allein auf ihre Gründung durch den göttlichen Herrn zurückgehe und daß allein das Papstamt einen rechtlichen ökumenischen Auftrag und Leitungsanspruch habe. Diese beiden rechtlichen Grundqualitäten der römischen Kirche können - unter dieser Denkvoraussetzung - nicht durch irgendeine kaiserliche Konzession an die Kirche entstanden sein. Wenn eine solche irgendwann erfolgt ist, wie durch das als echt angesehene 'Constitutum Constantini', so kann - für ein solches Denken - darin lediglich zum Ausdruck kommen, daß der bekehrte christliche Kaiser einem von Anfang an von Gott gewollten Wesen der christlichen Kirche in Gestalt der römischen habe entsprechen wollen. Die kaiserliche Konzession Konstantins hat - in dieser Vorstellung - daher keine konstituierende, sondern lediglich eine affirmarive oder besser eine konkret vollziehende Bedeutung für etwas, was sowieso schon gilt, wenn auch nur prinzipiell. Hinter den Rechtsbehauptungen, die das 'Constitutum Constantini' ermöglicht, seht also ein sie übersteigendes und damit verschärfendes kirchentheologisches Konzept, das sich nicht nur als defensiv, sondernsogar als offensiv versteht. Es ist dies die Idee einer durch die Kirche unter päpstlich-monarchischer Leitung kompromißlos gegen die weltlichen Gewalten durchgesetzten Gotteshherrschaft auf Erden.

Im Text 3 (Brief Heinrichs IV. an Gregor VII. v. 27. März 1076) nimmt der deutsche König - sieht man von der Polemik ab und expliziert die nur ansatzweise formulierten rechtlichen Argumente - eine Rechtsposition ein, die an die alten römisch-kaiserlichen Rechtstraditionen anknüpft. Er betont als Grundsatz die 'Zwei-Schwerter'-Lehre des Gelasius. Das traditionelle Verhältnis von imperialer Reichsordnung zur Kirchenordnungläßt eine monarchenähnliche Stellung des Papstes in weltlichen Angelegenheiten nicht zu. Vielmehr hat der Kaiser im Bedarfsfall (auf den er sich hier beruft), insbesondere zur Abwehr von Unruhe und Schäden vom Gemeinwesen und von der Kirche, ein Ordnungs- und Schutzherrenrecht gegenüber der Kirche. Außerdem bestreitet der deutsche König dem Papst eine Art monarchischer Herrschaftsstellung in der Kircheselbst mit Hinweis auf das kirchliche Herkommen, das - in der antik-konziliaren Tradition stehend - den Bischöfen des Reiches eine konziliare Letztentscheidungsbefugnis in Kirchenangelegenheiten zuspreche und insoweit ihre Unterordnung unter die päpstliche Entscheidungsgewalt ausschließe. Konkret meint er damirt die Versammlung der Reichsbischöfe, die seinen Brief an Gregor VII. unterstützen.

Zwar ist die Rechtsstellung des mittelalterlichen deutschen Königs, selbst wenn er zusätzlich die Kaiserwürde innehat, in seinem Reiche in vielerlei Hinsicht eine andere als die des antiken römischen Kaisers im antiken Imperium Romanum (vgl. 'Königliche Regalien', im Skript Antike Wirtschaft, Kap. 7, zu P. 2). Das zeigt sich vor allem an seiner auch formell begrenzten Gesetzgebungsbefugnis aus eigener Macht, d. h. an seiner Abhängigkeit von der Reichsversammlung der hohen Amts- und Würdenträger. Im Verhältnis zur Kirche allerdings übernehmen die germanischen Könige vom Beginn des Mittelalters an die Stellung des römischen Kaisers, und dies gilt auch für den deutschen König späterer Zeiten.

Die im 'Investiturstreit' zusammenstoßenden rechtlichen Argumente beider Seiten gehen damit allesamt aus antiken Denkformen hervor. Auf päpstlicher Seite ist es einerseits die (allerdings faktisch unzutreffende) Argumentation mit einer kaiserlichen Konstitution, die eine besondere Herrschaftsstellung der römischen Kirche begründet habe, zum anderen der biblisch-katholische Begriff der 'petrusgegründeten Gemeinschaft der Heiligen' (Matth. 16,18 f.), welcher allerdings - bedingt durch das spätantike-römische Erbe der Kirche - mit dem der römischen Amtskirche gleichgesetzt wird.

Auffseiten des deutschen Königs wird auf die Zwei-Schwerter-Lehre des Gelasius und zugleich auf die traditionelle religionsrechtliche und -politische Zuständigkeit des römischen Kaisers als weltlich ordnenden Gewalthabers und Schutzherrn der Kirche Bezug genommen. Der deutsche Königbeansprucht damit ungefähr dieselbe Stellung wie der byzantinische Kaiser seiner Zeit.

Literatur:

Hermann Jakobs, Kirchenreform und Hochmittelalter (1046 - 1215), Oldenbourg-Grundisse Bd. 7, München 1992 3, S.16 ff. (Kirchenreform und Investitustreit). - Friedrich Ebel, Georg Thielmann, Rechtsgeschichte. Ein Lehrbuch, 2 Bde., Bd. 1: Antike und Mittelalter, Heidelberg 1998 2, Bd. 2 (nur F. Ebel): Neuzeit, Heidelberg 1993; S. 178 ff. (Die mittelalterliche Kirche und ihr Recht). - Herbert Hunger u. a., Die Textüberlieferung der antiken Literatur und der Bibel, München 1975, S. 546 ff. (Textkritik in der Renaissance; S. 554 zu Lorenzo Valla).


 

LV Gizewski WS 2000/2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)