Antike Grundlagen der neuzeitlichen Völkerrechtslehre. Auszüge aus Hugo Grotius, De Iure Belli ac Pacis (1625).

Auszüge aus dem ersten und zweiten Kapitel des ersten Buchs. Deutsche Übersetzung nach Walter Schätzel, Hugo Grotius, De Iure Belli ac Pacis. Übersetzung ins Deutsche, Tübingen 1950, S. 52 f. und 60 f.


Aus Buch 1, Kap. 1 - Was ist der Krieg und was ist das Recht?

XI., 1. Die Bücher des römischen Rechts teilen das unveränderliche Recht in das, was dem Menschen mit den Tieren gemein ist und was sie das Naturrecht im engeren Sinne nennen, und in das, was den Menschen eigentümlich ist und was sie Völkerrecht nennen. Allein diese Einteilung hat keinen Wert, denn nur ein Wesen, das allgemeine Vorschriften versteht, ist des Rechtes im eigentlichen Sinne fähig. Hesiod hat dies eingesehen, er sagt: "Dem Menschen nur hat Gott Gesetz und Recht gegeben, nicht Tieren wilder Art, nicht Fisch, nicht Vogelschar. Eins frißt das andre auf, pflegt ohne Recht zu leben. Dagegen Billigkeit und Recht des Menschen Bestes war." Cicero erklärt, "daß man bei Pferden und Löwen von Gerechtigkeit nicht spreche." Plutarch sagt: "Von Natur aus bedienen wir uns des Gesetzes und des Rechtes nur gegen die Menschen." Lactantius führt aus: "Bei allen vernunftlosen Tieren sieht man, daß sie von Natur für sich sorgen. Sie schaden anderen, um sich zu nützen; denn sie wissen nicht, daß das Schädigen Unrecht ist. Aber der Mensch, welcher die Kenntnis des Guten und Bösen besitzt, enthält sich der Schädigung, selbst wenn sie ihm Vorteil bringt." Polybios fügt der Erzählung, in welcher Weise sich die Menschen zuerst vereinigt hätten, hinzu: "Hätte jemand die Eltern oder Wohltäter beleidigt, so hätten das die übrigen nicht zulassen können, und zwar aus dem Grunde, weil das Menschengeschlecht sich von den anderen Geschöpfen durch den Gebrauch der Vernunft unterscheidet. Es ist deshalb nicht glaublich, daß eine so widernatürliche Handlung von ihm wie von Tieren verheimlicht würde, vielmehr würde eine solche Handlung gerügt und als eine Kränkung bezeichnet worden sein."

2. Wenn mitunter den vernunftlosen Tieren ein Rechtssinn beigelegt wird, so geschieht dies nur im uneigentlichen Sinne wegen des Schattens und der Spur von Vernunft, die sie haben. Dagegen ist es für das Wesen des Rechts gleichgültig, ob die Handlung, über welche das Naturrecht bestimmt, dem Menschen mit den Tieren gemeinsam ist, wie die Erziehung der Nachkommenschaft, oder ihm eigentümlich wie die Verehrung Gottes.

XII., 1. Daß es aber naturrechtliche Bestimmungen gibt, pflegt man teils direkt, teils indirekt zu beweisen; der direkte Beweis ist scharfsinniger, der indirekte allgemeinverständlicher. Der erste besteht darin, daß gezeigt wird, daß etwas notwendigerweise mit der vernünftigen Natur und Gesellschaft im Einklang steht oder nicht. Ein indirekter Beweis ist es, wenn man zwar nicht mit voller Gewißheit, aber doch mit großer Wahrscheinlichkeit das Naturrechliche einer Bestimmung daraus ableitet, daß es bel allen Völkern oder bei allen gesitteten Völkern dafür gehalten wird Denn eine allgemein beobachtete Wirkung setzt eine allgemeine Ursache voraus; der Grund einer solchen allgemeinen Meinung kann aber wohl nur in dem gefunden werden, was man den gesunden Menschenverstand nennt.

2. Viel gerühmt wird der Ausspruch von Hesiod: "Stimmt vieler Völker Sinn in eine Meinung ein, kann diese Meinung wohl nicht fehlgegangen sein." Heraklit sagt: "Was allgemein so erscheint, ist zuverlässig." Er nahm an, daß ein gemeinsam gebilligter Grund das beste Kennzeichen der Wahrheit sei. Aristoteles erklärt: "Der stärkste Beweis ist, wenn alle mit dem, was wir sagen, übereinstirnrnen." Und Cicero sagt: "Die Übereinstimmung aller Völker in einem Punkte ist das Zeichen des Naturrechtes"; Seneca führt aus : "Es ist ein Beweis der Wahrheit, wenn alle etwas billigen." Quintilian sagt: "Man hält das für gewiß, worin die allgemeine Ansicht übereinstimnt." Nicht unabsichtlich habe ich aber gesagt "die gesitteten Völker". Denn Porphyrius bemerkt richtig: "Einzelne Völker sind verwildert und unmenschlich geworden; ein billiger Richter darf daher deretwegen der menschlichen Natur keinen Vorwurf mache~" Andronikos von Rhodos sagt: "Bei Menschen von gesundem und rechtem Verstand ist das, was man Naturrecht nennt, unveränderlich. Wenn es Leuten von kränklichem und verschrobenem Urteil anders erscheint, so tut dies nichts zur Sache. Denn auch der lügt nicht, welcher den Honig süß nennt, obgleich er dem Kranken anders schmeckt." Ähnlich sagt Plutarch: "Von Natur ist und war kein Mensch ein wildes und ungeselliges Geschöpf; er verwildert nur, wenn er sich gewöhnt, über das natürliche Maß zu sündigen, und er kehrt zur Sanftmut zurück, wenn er sich durch eine Veränderung seines Lebens und seines Aufenthaltes anders gewöhnt." Aristoteles beschreibt den Menschen nach seiner Eigenart "als ein Geschöpf, das von Natur zahm ist", und er sagt anderwärts: "Was naturgemäß ist, muß man nach denen bestimmen, die sich natürlich verhalten, und nicht nach denen, die schlecht geworden sind."

XIII. Eine andere Art des Rechts haben wir das willkürliche (gewillkürt) genannt, weil es seinen Ursprung aus dem Willen nimmt; es ist entweder ein menschliches oder göttliches Recht. ...

Aus Buch 1, Kap, 2 - Kann ein Krieg überhaupt gerecht sein?

[I., 5.]... Cicero sagt: "So wie der ganze Körper notwendig geschwächt und zum Untergang verurteilt wäre, wenn jedes Glied seinen besonderen Sinn hätte und glaubte, am besten zu fahren, wenn es die Kraft des nächsten Gliedes an sich zöge, so mull notwendig die menschliche Gesellschaft und Gemeinschaft zugrundegehen, wenn jeder von uns die Güter der anderen an sich reißt und dem anderen soviel als möglich zu seinem Vorteil wegnimmt Denn es widerspricht nicht der Natur, daß jeder lieber für sich als für andere den Lebensbedarf zu erwerben strebt; aber das gestattet die Natur nicht, daß wir durch die Beraubung anderer unsere Mittel, Fähigkeieiten und Reichtümer vermehren."

6. Es ist also nicht gegen die Natur der Gemeinschaft, für sich zu sorgen und zu schaffen, solange das Recht anderer dadurch nicht verletzt wird. Daher ist selbst die Gewalt, solange Sie nicht das Recht eines anderen verletzt, nicht ungerecht, was Ciceros so ausdrückt: "Es gibt zwei Arten zu kämpfen: eine durGründe, eine andere durch Gewalt. Da die erste den Menschen, die zweite des wilden Tieren eigen ist, so darf man zu der zweiten erst dann seine Zuflucht nehmen, wenn man sich der ersten nicht mehr bedienen kann." An anderer Stelle sagt er: "Was kann man der Gewalt anderes entgegenstellen als Gewalt?" Und bei Ulpian findet sich der Ausspruch: "Cassius sagt, daß es erlaubt ist, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Daß dies ein Recht der Natur sei, folgt daraus, daß man die Waffen mit Waffen vertreiben darif" Ovid erklärt: "Die Waffen gegen die Bewaffneien zu gebrauchen, gestattet das Gesetz."

II., 1. Unser Satz, daß nicht jeder Krieg dem Naturrecht widerstreite, wird noch mehr durch die biblische Geschichte bewiesen. Denn nachdem Abraham mit seinen Dienern und Verbündeten durch die Waffen den Sieg über die vier Könige davongetragen hatte, welche Sodom zerstört hatten, billigte Gott seine Tat durch seinen Priester Melchisedek, welcher zu Abraham sprach: "Gott der Höchste sei gelobt, der Deine Feinde in Deine Hände gegeben hat." Dennoch hat Abraham, wie sich aus der Geschichte ergibt, die Waffen ohne Befehl Gottes ergriffen. Daher stützte sich dieser helligste und weiseste der Männer, wie selbst Berosus, und Orpheus bezeugen, hierbei auf das Naturrecht Die Geschichte der sieben Völker, welche Gott den Israaliten zur Vertilgung übergab, will ich nicht für mich anftühren; denn es war dies ein besonderer Befehl zur Vollstreckung eines Urteils, welches Gott gegen jene Völkerschaften gefällt hatte, die der schwersten Verbrochen schuldig waren. Daher heißen auch diese Kriege in der Heiligen Schrift "Gottes-Kriege"; denn sie wurden auf Befehl Gottes und nicht auf menschlichen Beschluß unternommen. Eher gehört hierher, daß die Juden unter Führung von Moses und Josua die Amalekiter, welche ihnen Gewalt antaten, mit den Waffen zurückschlugen, was Gott vorher nicht befohlen hatte, aber nachher billigte.

2. Gott hat aber auch seinem Volke allgemeine und immer gültige Regeln über die Art, den Krieg zu führen, vorgeschriebenn und damit gezeigt, daß auch ohne seinen besonderen Befehl ein Krieg gerecht sein kann. Denn er unterscheidet dort offenbar die Sachen der sieben Völkerschaften von denen anderer Völker, und da er sich dabei über die gerechten Gründe zur Kriegführung nicht ausspricht, zeigt er, daß davon offenbar von Natur genug vorhanden waren: so wegen Schutz der Grenzen in dem Krieg Jephthas gegen die Ammoniter; wegen Verletzung der Gesandten in dem Krieg Davids gegen dieselben. Auch ist zu berücksichtigen, daß Gideon, Baracus, Samson, Jephtha, David, Samuel und andere des Glaubens wegen Länder mit Krieg überzogen, durch Krieg besiegt und die Heere der Fremden in die Flucht geschlagen haben" , an welcher Stelle der Apostel Paulus, wie der Sinn seiner Darstellung ergibt, mit dem Wort "Glauben" auch seine Überzeugung ausspricht, daß diese Taten Gott gefallen haben. So meint auch die weise Frau Abigait, daß David die Schlachten Gottes schlage, d h. daß sie fromm und gerecht seien.

III., 1. Femer wird unser Satz durch die Übereinstimmung aller Völker und weisen Männer bestätigt. Über die Gewalt, durch die man sein Leben verteidigt, ist die Stelle von Cicero bekannt, der ein Zeugnis für die Natur selbst ablegt, indem er sagt: "Es ist dies kein geschriebenes, sondern ein angeborenes Gesetz; wir haben es nicht gelernt, empfangen oder gelesen, sondern aus der Natur selbst aufgenommen, geschöpft und ausgesprochen. Es ist nicht gelehrt, sondern geübt worden, es ist nicht eingerichtet, sondern nur eingeflößt worden. Wenn unser Leben durch Hinterhalt, durch Gewalt, durch Waffen von den Straßenräubern oder den Feinden bedroht wird, so ist alles erlaubt, um sich zu retten." Ferner sagt er: "Das lehrte die Vernunft die Klugen, die Notwendigkeit die Barbaren, die Sitte die Völker und die Natur die wilden Tiere, daß sie jedwede Gewalt auf jedwede Weise sich von ihrem Leibe, ihrem Kopfe und ihrem Leben fernhalten." Der Rechtagelehrte Florentinus sagt: "Was jemand zum Schutz seines Körpers tut, gilt als mit Recht geschehen." Iosephus sagt: "Darin besteht für alle das Naturgesetz, daß sie leben wollen, und eben deshalb halten wir diejenigen für Feinde, welche uns offenbar das Leben rauben wollen."

2. Dies ist so klares Recht, daß man selbst bei wilden Tieren, die, wie gesagt, nicht das Recht selbst, sondern nur einen Schatten davon besitzen, die Gewalt, welche Unrecht zufügt von der unterscheiden kann, welche nur Unrecht von sich abhält. Denn nachdem Ulpianus gesagt hat, daß ein Tier, weil es des Sinnes, d h. des Vernunftgebrauches entbehrt, kein Unrecht begehen könne, fügt er doch bei dem Falle, daß Widder und Stier sich gestoßen und eines das andere getötet hatte, hinzu: daß man nach dem Vorbild des M. Scaevola unterscheiden müsse: Sei der Angreifer umgekommen, so finde keine Klage statt, wohl aber, wenn das Tier, welches den Streit nicht hervorgerufen habe, umgekommen sei." Zur Erläuterung diene das, was Plinius sagt: "Die Wildheit des Löwen bekämpft sich nicht untereinander; die Schlangen beißen nicht die Schlangen; wenn aber Gewalt angetan wird, so ist keines, das sich nichterzürnt oder dessen Gemüt das Unrecht ertrüge und das nicht bereit und willig wäre, sich gegen Schaden zu verteidigen."


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski WS 2000/2001